Wir haben die Wahl — und das ist auch gut so!

Am Sonn­tag geschieht beim VfB His­to­ri­sches: Zum ers­ten Mal in der Ver­eins­ge­schich­te haben wir die Wahl zwi­schen zwei Prä­si­dent­schafts­kan­di­da­ten. Ein Rück­blick und ein Aus­blick.

Fünf Mona­te wird es am Sonn­tag her sein, dass Wolf­gang Diet­rich in einem von wir­ren Anschul­di­gun­gen durch­zo­ge­nen Face­book-Post sei­nen Rück­tritt als Prä­si­dent des VfB Stutt­gart 1893 e.V. und Auf­sichts­rats­vor­sit­zen­der der VfB Stutt­gart 1893 AG bekannt gab und uns Hoff­nung mach­te, dass beim VfB ohne ihn alles ein biss­chen bes­ser wür­de. Ist es das gewor­den? Das kön­nen wir abschlie­ßend jetzt sicher­lich noch nicht beur­tei­len, aber die letz­ten Mona­te haben mir deut­lich gemacht, dass der Weg zu einem neu­en VfB noch ein wei­ter ist. Bevor ich auf die außer­or­dent­li­che Mit­glie­der­ver­samm­lung und die dort anste­hen­den Ent­schei­dun­gen zu spre­chen kom­me, noch ein paar Wor­te zum Aus­wahl­pro­zess und zum Wahl­kampf der bei­den Prä­si­dent­schafts­kan­di­da­ten.

Der Weg zur Kandidatur

Der Ursprung des Wahlkamps: Die abgebrochene Mitgliederversammlung im Sommer.
Der Ursprung des Wahl­kampfs: Die abge­bro­che­ne Mit­glie­der­ver­samm­lung im Som­mer.

Ich hat­te ja damals ange­merkt, dass nach den Lügen — Ver­zei­hung, Wahr­heits­beu­gun­gen — der Diet­rich-Zeit der VfB das ver­lo­ren gegan­ge­ne Ver­trau­en in die Ver­eins­gre­mi­en nur mit abso­lu­ter Trans­pa­renz wie­der­her­stel­len kann. Die­se Trans­pa­renz blieb bereits in den Kin­der­schu­hen ste­cken, als man nicht ein­mal erfuhr, wer alles sei­ne Bewer­bung beim Ver­eins­bei­rat abge­ge­ben hat­te — es sei denn, die Bewer­ber mach­ten Ihre Kan­di­da­tur öffent­lich. Viel­leicht hat sich der Ver­eins­bei­rat, zum ers­ten Mal mit die­ser wich­ti­gen Auf­ga­be betraut, da ein biss­chen sel­ber die Hän­de gebun­den, denn er hät­te es ja durch­aus als Bewer­bungs­kri­te­ri­um fest­le­gen kön­nen, dass der Bewer­ber mit einer Ver­öf­fent­li­chung der Kan­di­da­tur ein­ver­stan­den sein muss. Mir fehlt auch wei­ter­hin jeg­li­ches Ver­ständ­nis für die Geheim­nis­krä­me­rei jener Kan­di­da­ten, die sich nicht öffent­lich äußer­ten. Wer ernst­haft VfB-Prä­si­dent wer­den will, muss in sei­nem beruf­li­chen Umfeld ohne­hin die zeit­li­chen Rah­men­be­din­gun­gen schaf­fen so wie das ja die letzt­end­li­chen Kan­di­da­ten Vogt und Rieth­mül­ler auch getan haben. Wel­che beruf­li­chen Nach­tei­le soll­ten die­sen Per­so­nen, die im Zwei­fels­fall auch bis­her schon Füh­rungs­po­si­tio­nen beklei­det haben, also dar­aus ent­ste­hen? Wer trotz­dem der Mei­nung ist, sei­ne Kan­di­da­tur müs­se aus die­sen Grün­den geheim blei­ben, der ist als Kan­di­dat mei­ner Mei­nung nach unge­eig­net.

Wün­schens­wert wäre übri­gens auch gewe­sen, wenn man erfah­ren hät­te, war­um Bewer­ber nicht für eine Kan­di­da­tur berück­sich­tigt wur­den. Das muss natür­lich nicht so weit ins Detail gehen, dass es Rück­schlüs­se auf die pri­va­ten Ange­le­gen­hei­ten zulässt, aber so hät­te man viel­leicht Gui­do Buch­wald ein wenig den Wind aus den Segeln neh­men kön­nen. Denn der hat­te sich natür­lich auch bewor­ben und sah als Grund für sei­ne Nicht-Berück­sich­ti­gung vor allem einen Mann: Win­fried Porth. Nun möch­te ich es nicht nur nicht aus­schlie­ßen, son­dern hal­te es sogar für wahr­schein­lich, dass der Inves­to­ren-Ver­tre­ter im Auf­sichts­rat auch wei­ter­hin ver­sucht, auf die Ver­eins­po­li­tik Ein­fluss zu neh­men. Dass er damit im Fal­le Gui­do Buch­walds auch Erfolg hat­te, kann ich mir jedoch nicht vor­stel­len. Der Ver­eins­bei­rat hat­te schließ­lich auch ohne äuße­re Ein­flüs­se genü­gend Grün­de, um den Meis­ter­tor­schüt­zen von 1992 nicht zu berück­sich­ti­gen und damit mei­ne ich nicht die unter­schied­li­chen Vor­stel­lun­gen über das dem Prä­si­den­ten zuste­hen­de Gehalt.

Aber Italien! Neapel! Leverkusen!

Denn mal abge­se­hen davon, dass Buch­wald als Auf­sichts­rat mehr­mals Inter­na aus eben jenem Gre­mi­um nach außen wei­ter gab — ein­mal ganz offen im Inter­view mit Sport1, ein­mal an Tho­mas Bert­hold, was der auch noch offen zugab — ver­such­te er, par­al­lel zu sei­ner Bewer­bung als Prä­si­dent auch noch sei­nen alten Kum­pel Jür­gen Klins­mann in das Amt des Vor­stands­vor­sit­zen­den der AG zu hie­ven. Der wie­der­um mach­te sich im Ver­bund mit Dau­ern­örg­ler Tho­mas Bert­hold, der für sich wohl einen Auf­sichts­rats­pos­ten im Blick hat­te, für einen Prä­si­den­ten Buch­wald stark und alle drei ver­trau­ten dar­auf, mit ihrer Popu­la­ri­tät schon ans Ziel zu kom­men. Ich fand die­ses Pöst­chen-Gescha­cher damals schon befremd­lich, voll­ends absurd wur­de es aber, als Klins­mann von Her­tha-Inves­tor Lars Wind­horst als Auf­sichts­rat und Trai­ner in spe ver­pflich­tet wur­de und bei sei­ner wenig über­ra­schen­den Vor­stel­lung als Trai­ner sei­ne tie­fe Ver­bun­den­heit zur Her­tha damit beleg­te, dass bereits sein Vater dem Ver­ein ver­bun­den gewe­sen sei und die Her­tha der ein­zi­ge Ver­ein sei, in dem er eine Mit­glied­schaft besit­ze. So viel zu der Dis­kus­si­on, man müs­se am Bes­ten alle Ex-Spie­ler im Ver­ein ein­bin­den und vor allem jene mit her­aus­ra­gen­den sport­li­chen Kar­rie­ren. Wie Gui­do Buch­wald geht es Jür­gen Klins­mann augen­schein­lich in ers­ter Linie um sich selbst.

Was aber vie­le Fans und Mit­glie­der wei­ter­hin nicht davon abhält, eine erfolg­rei­che Spie­ler­kar­rie­re mit Sport- oder gar Lei­tungs­kom­pe­tenz gleich­zu­set­zen. Die Empö­rung über die Absa­ge Klins­manns und die Absa­ge an Buch­wald kann­te kaum Gren­zen und führ­te dazu, dass die vier ver­blie­be­nen Kan­di­da­ten in den Augen man­cher im Ver­dacht stan­den, von Porth per­sön­lich auf die Short­list gesetzt wor­den zu sein. Über­haupt die­se Short­list: In einem ver­zwei­fel­ten Ver­such, in Zei­ten von Social Media die Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ho­heit zu behal­ten, reagier­te der Ver­eins­bei­rat auf die Rück­zugs­mel­dun­gen von Buch­wald, Mat­thi­as Klop­fer und Mar­kus Rei­ners mit der Ver­öf­fent­li­chung eben jener Lis­te an einem für Pres­se- und Öffent­lich­keits­ar­beit unge­wöhn­lich wie ungüns­ti­gen Frei­tag­abend. Und stieß damit unge­wollt gleich die nächs­ten Spe­ku­la­tio­nen an, denn zwei der Kan­di­da­ten, Mar­tin Bizer und Susan­ne Schos­ser, waren bis dato nicht in Erschei­nung getre­ten und stan­den somit gleich im Ver­dacht, vom Daim­ler auf die Lis­te geschleust wor­den zu sein. Min­des­tens einer, so die ein­hel­li­ge Mei­nung, wer­de zu den zwei fina­len Kan­di­da­ten gehö­ren. Es kam, wie wir wis­sen anders, denn am Sonn­tag ste­hen Claus Vogt und Chris­ti­an Rieth­mül­ler zur Wahl.

Guidos Bärendienst

Guido und die Hertha-Legende. © Getty/Bongarts
Gui­do und die Her­tha-Legen­de. © Getty/Bongarts

Aber auch jetzt rei­ßen die Dis­kus­sio­nen nicht ab und es zeigt sich, wel­chen Bären­dienst Gui­do Buch­wald dem VfB mit sei­ner sogar im Sky-Inter­view vorm Der­by wie­der­hol­ten Erzäh­lung von der durch gehei­me Mäch­te ver­hin­der­ten Kan­di­da­tur des Deut­schen und Welt­meis­ters erwie­sen hat. Denn Vogt und Rieth­mül­ler wird in den sozia­len Medi­en, vor­nehm­lich Face­book, vor allem eins vor­ge­wor­fen: Dass sie nicht Gui­do Buch­wald sind. Denn Gui­do Buch­wald hat nicht nur durch einen Kopf­ball in Lever­ku­sen nach­ge­wie­se­ne Sport­kom­pe­tenz, nein, er ist vor allem der gro­ße und vor allem bekann­te Gegen­spie­ler von Wil­fried Porth. Ergo müs­sen die in der Öffent­lich­keit unbe­kann­ten und nicht durch meis­ter­li­che Kopf­bäl­le in Erschei­nung getre­te­nen Rieth­mül­ler und Vogt Mario­net­ten des Daim­lers sein — und zwar alle bei­de. Es ist schon eini­ger­ma­ßen amü­sant, dass nach Jah­ren des Ver­har­rens und Klein­re­dens unter Wolf­gang Diet­rich jetzt alles in Zwei­fel gezo­gen wird, mit den absur­des­ten Schluss­fol­ge­run­gen.

Die Sache ist halt, ich habe das schon an ande­rer Stel­le ange­spro­chen: Der VfB ist selbst schuld dar­an. Natür­lich nicht an den wil­den Ver­schwö­rungs­theo­rien jener, die wahr­schein­lich 2017 mit dem Gra­ti­stri­kot am Kör­per freu­dig auf “Ja” drück­ten und heu­te Ver­eins­bei­rat und Auf­sichts­rat nicht aus­ein­an­der hal­ten kön­nen. Aber an der all­ge­mei­nen Skep­sis und dem weit ver­brei­te­ten Miss­trau­en. Hät­ten sich bei der Mit­glie­der­ver­samm­lung im Som­mer nicht rei­hen­wei­se Gre­mi­en­ver­tre­ter für Wolf­gang Diet­rich in Bre­sche gewor­fen, vom Vor­stand (Gai­ser) über den Ver­eins­bei­rat (Erhard, Main­tok) hin zum Mit­glie­der­aus­schuss Ver­eins­ent­wick­lung, dann hät­te man ihnen im Herbst den Wil­len zur Ver­än­de­rung viel­leicht eher abge­nom­men. Aber noch ein­mal kurz zurück zur Mit­glie­der­ver­samm­lung 2017. Wer sich heu­te über das Pro­ce­de­re für die Wahl am Sonn­tag beschwert und die­se der Vor­auswahl wegen als unde­mo­kra­tisch abstem­pelt, hät­te viel­leicht damals weni­ger von der Cham­pi­ons League träu­men sol­len und dafür genau­er die vor­ge­schla­ge­nen Sat­zungs­än­de­run­gen lesen sol­len. Denn dass der Ver­eins­bei­rat zwei Kan­di­da­ten vor­schlägt, steht dort genau­so geschrie­ben wie die Zusam­men­set­zung des Bei­rats. Nun hal­te ich es wei­ter­hin für gro­ßen Käse, so zu tun, als sei die Mit­be­stim­mung der Mit­glie­der durch die­ses Gre­mi­um gewach­sen — schließ­lich ist der e.V.-Präsident jetzt die ein­zi­ge Per­son im Ver­ein, die in Kon­takt zum Pro­fi­fuß­ball steht und von den Mit­glie­dern zur Rechen­schaft gezo­gen wer­den kann. Einem in einer von den Mit­glie­dern beschlos­se­nen Sat­zung fest­ge­schrie­be­nen Aus­wahl­pro­zess, durch­ge­führt von einem in jener Sat­zung ver­an­ker­ten und demo­kra­tisch gewähl­ten Gre­mi­um ein Demo­kra­tie­de­fi­zit zu attes­tie­ren, ist jedoch ein star­kes Stück.

Zwei wählbare Kandidaten

Nun aber genug des Vor­ge­plän­kels, wid­men wir uns den bei­den Kan­di­da­ten. Die hat­ten seit der Bekannt­ga­be der offi­zi­el­len Kan­di­da­tur Anfang Novem­ber genü­gend Mög­lich­kei­ten, sich den Mit­glie­dern vor­zu­stel­len. Nicht zuletzt auch bei der VfBVIE­RER­KET­TE, dem gemein­sa­men Pod­cast von Brust­ring­Talk, Nach­spiel­zeit, VfB STR und Rund um den Brust­ring. Auf die ein­zel­nen Posi­tio­nen möch­te ich hier gar nicht detail­liert ein­ge­hen, das hat Max schon im Rück­blick auf die VIERERKETTE gut getan. Statt­des­sen möch­te ich mich mit dem Wahl­kampf beschäf­ti­gen. Zunächst ein­mal ist es gut, dass wir einen sol­chen über­haupt haben und es nicht wie in der Ver­gan­gen­heit heißt: Friss oder stirb. Anders kann man näm­lich die Hal­tung der ehe­ma­li­gen Auf­sichts­rats­vor­sit­zen­den Hundt und Schä­fer nicht nen­nen, die für den Fall der Nicht-Wahl des ein­zi­gen Kan­di­da­ten den Unter­gang des VfB, wenn nicht sogar des Abend­lan­des oder der Welt, wie wir sie ken­nen, vor­aus­sag­ten. Statt­des­sen müs­sen bei­de Kan­di­da­ten mit ihren Vor­stel­lun­gen wer­ben, was sie in den letz­ten Wochen auch aus­gie­big gemacht haben.

Häu­fig wur­de dabei die Kri­tik laut, die bei­den wür­den sich zu sehr bei den Mit­glie­dern anbie­dern und sei­en auch inhalt­lich nur wenig zu unter­schei­den. Ich sage: Es ist gut, dass ein Prä­si­dent­schafts­kan­di­dat des VfB Stutt­gart sich dar­über Gedan­ken machen muss, was den OFCs, den nicht-orga­ni­sier­ten Fans und der Netz­ge­mein­de wich­tig ist, anstatt sich nur dar­um zu küm­mern, wie er den Auf­trag der ihn ein­set­zen­den Gre­mi­en am Bes­ten aus­führt. Von weni­gen Aus­nah­men, auf die ich gleich zu spre­chen kom­me, ist die­ser Wahl­kampf etwas posi­ti­ves für den VfB, auch wenn die bei­den nicht die gro­ßen Anti­po­den sind. Zumal: Ist es nicht auch posi­tiv, dass wir eine Wahl zwi­schen zwei Per­so­nen haben, die bei­de, zumin­dest mei­ner Mei­nung nach, wähl­bar sind und denen man durch­aus zutrau­en kann, dass es ihnen gelingt, die Spal­tung des Ver­eins zu über­win­den?

Ja, bei­de sind für mich wähl­bar, auch ein Chris­ti­an Rieth­mül­ler trotz sei­ner Aus­sa­ge zu Ascací­bar, um mal auf die weni­ger appe­tit­li­chen Aspek­te des Wahl­kamp­fes zu kom­men. Der frag­li­che Face­book-Post an sich ist natür­lich ziem­lich unter­ir­disch und auch ich habe mich damals über die Leu­te auf­ge­regt, die Ascací­bar direkt zurück in die argen­ti­ni­sche Pam­pa schi­cken woll­ten. Klar ist aber auch, dass Rieth­mül­ler die Aus­sa­ge tätig­te, als noch nicht mal klar war, dass der VfB in die­sem Jahr einen neu­en Prä­si­den­ten wür­den wäh­len müs­sen. Hat er die­se Mei­nung zu Ascací­bar (gehabt)? Das ist zwei­fels­frei doku­men­tiert. Wür­de er sie als Prä­si­dent­schafts­kan­di­dat oder gar als Prä­si­dent so nach außen tra­gen oder wür­de er sie für sich behal­ten? Wohl eher Letz­te­res. Und auch all die ande­ren Dis­kus­sio­nen um Rieth­mül­ler machen ihn für mich nicht unwähl­bar.

Es geht nicht ohne Drama

Uner­träg­lich fin­de ich hin­ge­gen, dass es schein­bar wei­ter­hin Kräf­te im und um den Ver­ein gibt, die aus wel­chen Grün­den auch immer ver­su­chen, den ers­ten Prä­si­dent­schafts­wahl­kampf des VfB in erheb­li­chem Maße zu stö­ren. Dazu gehört eben jene Per­son, die nur neun Minu­ten, nach­dem Rieth­mül­ler über San­ti able­der­te, einen Screen­shot anfer­tig­te. Die im fol­gen­den Face­book-Post auf­ge­stell­te The­se, dass der im Screen­shot sicht­ba­re Zeit­stem­pel “9 Minu­ten” dar­auf hin­weist, dass der Screen­shot von einem Sei­ten­be­trei­ber, also einem VfB-Mit­ar­bei­ter ange­fer­tigt wur­de, hal­te ich zwar für ziem­lich unrea­lis­tisch und ziem­lich steil, klar ist aber: Das hat sich jemand auf­ge­ho­ben, um Rieth­mül­ler irgend­wann ein mal zu scha­den.

Natür­lich ist Rieth­mül­ler für den dama­li­gen Post sel­ber ver­ant­wort­lich, Rele­vanz gewinnt er aber erst dadurch, dass der Screen­shot der Bild-Zei­tung und den Stutt­gar­ter Nach­rich­ten ange­bo­ten wird und ers­te­re, ihrem jour­na­lis­ti­schen Niveau ent­spre­chend, die­se Steil­vor­la­ge dan­kend annimmt. Genau­so ver­hält es sich mit einer Aus­sa­ge Rieth­mül­lers im Mit­glie­der­aus­schuss Ver­eins­ent­wick­lung die an den Jour­na­lis­ten Pit Gott­schalk wei­ter­ge­tra­gen wur­de. Der ver­wurs­tet die Aus­sa­ge in sei­nem News­let­ter (den ich hier nicht ver­lin­ken wer­de) und rückt den VfB damit in die Nähe von Schal­ke 04 und des­sen Auf­sichts­rats­vor­sit­zen­den Tön­nies. Nur: Die Aus­sa­ge an sich, näm­lich dass Aldi frü­her das Image gehabt habe, dass dort “nur Tür­ken” ein­kau­fen, ist mei­ner Mei­nung nach nicht ras­sis­tisch, son­dern viel­mehr eine Zustands­be­schrei­bung über Ras­sis­mus. Ich fän­de viel inter­es­san­ter, was Rieth­mül­ler, der frü­her bei Aldi in ver­ant­wort­li­cher Posi­ti­on war, davor und danach gesagt hat. Das wis­sen wir aber lei­der nicht, denn an den dank­ba­ren Jour­na­lis­ten Gott­schalk wur­de eben nur jene bekann­te Aus­sa­ge wei­ter­ge­ge­ben — offen­sicht­lich von einem Mit­glied des Aus­schus­ses. Es ist übri­gens der glei­che Aus­schuss, aus des­sen Rei­hen, wie oben schon ange­ris­sen, bei der abge­bro­che­nen Mit­glie­der­ver­samm­lung im Som­mer eini­ge Rede­bei­trä­ge kamen, die Wolf­gang Diet­rich schütz­ten und ver­tei­dig­ten. Man sieht also: Es geht beim VfB schein­bar nicht ohne Dra­ma, weder auf, noch neben dem Platz. Dass die Bild-Zei­tung es dann noch schafft, die geschätz­ten Kol­le­gen vom VfB STR-Pod­cast, die die Gerüch­te um Rieth­mül­ler dis­ku­tier­ten, als sol­che kenn­zei­che­ten und ein­ord­ne­ten, falsch zu zitie­ren, indem sie schreibt, Rieth­mül­ler sei eine zu gro­ße Nähe zu Wil­fried Porth nach­ge­sagt wor­den, setzt dem gan­zen noch die Kro­ne auf.

Kom­men wir also zur Mit­glie­der­ver­samm­lung am Sonn­tag und ein paar Ein­schät­zun­gen zu den anste­hen­den Ent­schei­dun­gen. Schließ­lich geht es ja nicht nur um die Wahl eines Prä­si­den­ten, nein, wir müs­sen schließ­lich die hal­be Ver­an­stal­tung des Som­mers nach­ho­len. Zunächst ein­mal soll es aber um eine Sat­zung­än­de­rung gehen, die sich natür­lich mit dem Abstim­mungs­ver­fah­ren beschäf­tigt. Denn das gro­ße Pro­blem war ja, dass die Sat­zung, genau­er die Geschäfts­ord­nung für Mit­glie­der­ver­samm­lun­gen, bis jetzt kei­ne Alter­na­ti­ve zur elek­tro­ni­schen Abstim­mung vor­sah und man­gels Abstim­mungs­mög­lich­kei­ten auch nicht über eine alter­na­ti­ve Mög­lich­keit der Abstim­mung, z.B. per Hand­zet­tel, abge­stimmt wer­den konn­te. Die wich­ti­ge Ände­rung: In der neu­en Fas­sung kann der Ver­samm­lungs­lei­ter in die­sem Fall reagie­ren und eine ande­re Abstim­mungs­form fest­le­gen. Grund­sätz­lich eine sinn­vol­le Sat­zung­än­de­rung, der man zustim­men kann.

Einzeln entlasten!

Über seine Entlastung sollte einzeln abgestimmt werden. © Getty/Bongarts
Über sei­ne Ent­las­tung soll­te ein­zeln abge­stimmt wer­den. © Getty/Bongarts

Neben diver­sen Berich­ten von e.V.-Präsidium, Ver­eins­bei­rat und AG-Vor­stand, die auch nicht ganz unin­ter­es­sant wer­den dürf­ten, steht auch noch die all­ge­mei­ne Aus­spra­che an. Im Anschluss geht es dann um einen wei­te­ren wich­ti­gen Punkt: Die Ent­las­tung des Prä­si­di­ums für das Jahr 2018. Wie wir aus der Ver­gan­gen­heit wis­sen, hat das Ver­wei­gern der Ent­las­tung vor allem sym­bo­li­schen Cha­rak­ter, hat aberand­e­rer­seits durch­aus schon den einen oder ande­ren zum Rück­tritt bewegt. Vor­ab, noch­mal zur Erinn­ne­rung: Hier geht nur um die Ent­las­tung der e.V.-Gremien. Weder der Auf­sichts­rat der AG, noch deren Vor­stand müs­sen sich der Ent­las­tungs­ab­stim­mung der e.V.-Mitglieder stel­len. In der Ver­gan­gen­heit wur­de hier über die Ent­las­tung des gesam­ten Vor­stands abge­stimmt, was Wolf­gang Diet­rich zu der Argu­men­ta­ti­on ver­lei­te­te, er kön­nen nicht so viel falsch gemacht haben, wenn der Vor­stand von über 90 Pro­zent der anwe­sen­den Mit­glie­der ent­las­tet wor­den sei. Wahr­schein­lich aus genau die­sem Grund gibt es dies­mal den Antrag auf eine Ein­zel­ent­las­tung, so dass über Wolf­gang Diet­rich, Dr. Bernd Gai­ser und Tho­mas Hitzl­sper­ger sepa­rat abge­stimmt wür­de. Ein Antrag, dem ich, gleich­wohl mir die rein sym­bo­li­sche Bedeu­tung der Ent­las­tung bewusst ist, an Eurer Stel­le zustim­men wür­de. Denn selbst wenn Diet­rich nicht mehr im Amt ist, soll­te er sich nicht noch ein­mal hin­ter der Beliebt­heit Tho­mas Hitzl­sper­gers ver­ste­cken kön­nen. Wie man sich, soll­te der Antrag durch­ge­hen, dann ent­schei­det, dafür möch­te ich kei­ne Emp­feh­lung abge­ben. Gera­de die Rol­le von Gai­ser sehe ich durch­aus ambi­va­lent.

Nach der Ent­las­tung des Ver­eins­bei­rats, des­sen Wir­ken im Jahr 2018 auch ger­ne — wie alles — kri­tisch hin­ter­fragt wer­den soll­te, geht es dann um die Nach­wahl des Prä­si­den­ten. Ich hof­fe, dass dem Antrag auf eine offe­ne Abstim­mung, der zunächst auf der Tages­ord­nung steht, eine kla­re Absa­ge erteilt wird. Per­so­nen­wah­len soll­ten im Gegen­satz zu Sach­ab­stim­mun­gen grund­sätz­lich immer geheim sein. Und jetzt die gro­ße Fra­ge: Vogt oder Rieth­mül­ler?

Wie ich abstimmen würde

Ich wer­de es aus bekann­ten Grün­den am Sonn­tag nicht in die Schley­er-Hal­le schaf­fen. Wäre ich da, wür­de ich aber für Claus Vogt stim­men, auch wenn ich, wie bereits erwähnt, mit einem Prä­si­den­ten Chris­ti­an Rieth­mül­ler auch gut leben könn­te. Aber Vogt wirkt für mich im gan­zen Auf­tre­ten etwas pro­fes­sio­nel­ler, wäh­rend Rieth­mül­ler für mich zwar unbe­que­mer, aber auch unge­stü­mer daher­kommt. Das sind wie gesagt nur sub­jek­ti­ve Ein­drü­cke, ich habe mit kei­nem von bei­den per­sön­lich gespro­chen. Auch wenn ich die fabri­zier­ten Skan­da­le rund um Aldi und Ascací­bar nicht als Bewer­tungs­grund­la­ge neh­me, habe ich das Gefühl, dass Rieth­mül­ler sich ähn­lich wie Micha­el Resch­ke — ohne die bei­den gleich­set­zen zu wol­len — häu­fi­ger in das ein oder ande­re Fett­näpf­chen set­zen könn­te. Er scheint auf jeden Fall, das wird aus den Aus­sa­gen über Bad­s­tu­ber und auch Ascací­bar grund­sätz­lich deut­lich, ein eher kon­ser­va­ti­ves Wer­te­sys­tem zu haben, dass ihm sehr wich­tig ist. Das ist auch völ­lig legi­tim und ein Wer­te­sys­tem möch­te ich auch Vogt nicht abspre­chen, ich glau­be aber, dass die­ser es bes­ser rüber­brin­gen könn­te.

Die Idee einer Fan­ab­tei­lung von Claus Vogt fin­de ich sehr char­mant und gleich­zei­tig glau­be ich, dass jemand wie er den Spa­gat bewäl­ti­gen kann, gleich­zei­tig mit Fans und Mit­glie­dern auf Augen­hö­he zu kom­mu­ni­ze­ren und gleich­zei­tig sei­nen Ein­fluss in Gre­mi­en, die er teil­wei­se schon kennt, gel­tend zu machen. Durch sei­ne Tätig­keit beim FC Play­Fair! erwar­te ich mir nicht nur ein Bekennt­nis zu 50+1, son­dern auch einen akti­ven Ein­satz für des­sen Erhalt, auch bei der DFL und ande­ren Ver­ei­nen. Bleibt noch die Fra­ge, wie der zukünf­ti­ge Prä­si­dent mit dem Nach­bar von der ande­ren Sei­te der Mer­ce­des­stra­ße umzu­ge­hen weiß. Hier haben bei­de schon ange­deu­tet, dass sie im Auf­sichts­rat durch­aus Poten­zi­al für Ver­än­de­run­gen sehen, auch wenn sich da natür­lich kei­ner, auch auf Nach­fra­ge nicht, allein an der Per­son von Wil­fried Porth abar­bei­tet. Das Span­nungs­ver­hält­nis zwi­schen Inves­tor und Ver­ein wird sowie­so eines der wich­ti­ge­ren The­men der Prä­si­dent­schaft sein. Das nur als klei­nen Ein­blick in mei­ne Gedan­ken zu den Prä­si­dent­schafts­kan­di­da­ten, der kei­nen Anspruch auf Voll­stän­dig­keit erhebt.

Noch zwei wei­te­re Wah­len ste­hen übri­gens an. Zum ers­ten tre­ten erneut Wer­ner Gass und Rai­ner Mutsch­ler an, um den drit­ten Platz im e.V.-Präsidium zu beset­zen, zum zwei­ten wird auch ein Platz im Ver­eins­bei­rat neu besetzt, denn Hans Pfei­fer wur­de nach der abge­bro­che­nen Mit­glie­der­ver­samm­lung ins aus dem Bei­rat ins Prä­si­di­um beru­fen, um Dr. Gai­ser zur Sei­te zu ste­hen. Nun will Pfei­fer zurück in  den Ver­eins­bei­rat, hat jedoch in Marc Nico­lai Schlecht einen Gegen­kan­di­da­ten. Zum drit­ten Prä­si­di­ums­mit­glied: Ich fand weder Gass, noch Mutsch­ler so wirk­lich über­zeu­gend, vor allem die Aus­sa­ge von Gass aus dem Som­mer, Diet­rich wer­de “ans Kreuz gena­gelt” fand ich sehr befremd­lich. Was den Ver­eins­bei­rat angeht: Auch Pfei­fer ergriff im Som­mer offen­siv Par­tei für Diet­rich, über sein Wir­ken als Inte­rims-Prä­si­di­ums­mit­glied kann ich nichts sagen. Dem­entspre­chend kann ich zu die­sen bei­den Pos­ten auch nicht wirk­lich eine Emp­feh­lung abge­ben.

Ein erster Schritt?

Ihr seht also, es gibt zur Ver­eins­po­li­tik des VfB viel zu sagen und die The­men für sol­che Arti­kel wer­den mir mit Sicher­heit nicht aus­ge­hen. Ich hof­fe aber, das zumin­dest im nicht-sport­li­chen Bereich nach die­ser Mit­glie­der­ver­samm­lung wie­der Ruhe ein­kehrt im Ver­ein. Kei­ne Gra­bes­ru­he natür­lich, wir müs­sen die Vor­gän­ge in den Füh­rungs­gre­mi­en von Ver­ein und AG auch wei­ter­hin mit Argus­au­gen unter die Lupe neh­men. Es wäre aber schon etwas gewon­nen, wenn dem noch vor­han­de­nen Miss­trau­en nach und nach die Grund­la­ge ent­zo­gen wür­de, weil man sich für sei­nen Prä­si­den­ten nicht mehr schä­men und über sei­nen Ver­ein nicht mehr ärgern muss. Die Wahl am Sonn­tag ist der ers­te Schritt in die­se Rich­tung.

Titel­bild: pixabay.com / mohamed_hassan 

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