Es gibt viel zu tun — packen wir es an!

Am ver­gan­ge­nen Sonn­tag­abend gegen 19 Uhr erreich­te der VfB Stutt­gart den Tief­punkt sei­ner jün­ge­ren Ver­eins­ge­schich­te. Jetzt kann es nur noch bes­ser wer­den. Aber wir müs­sen etwas dafür tun.

Bes­ser kann man es nicht aus­drü­cken. Nach­dem der VfB Stutt­gart sich am Sonn­tag­abend nach der sport­li­chen Pein­lich­keit des zwei­ten Abstiegs in drei Jah­ren auch orga­ni­sa­to­risch bis auf die Kno­chen bla­miert hat, ist es an der Zeit, dass es wie­der auf­wärts geht. Was zunächst ein­mal nicht schwer ist, denn viel schlim­mer als nach der abge­bro­che­nen Mit­glie­der­ver­samm­lung kann es eigent­lich nicht mehr kom­men. Der Rück­tritt von Wolf­gang Diet­rich war der ers­te wich­ti­ge Schritt in die rich­ti­ge Rich­tung, auch wenn es mir per­sön­lich lie­ber gewe­sen wäre, er wäre durch eine Abwahl aus dem Amt geschie­den. Sei es drum. Die nächs­ten Schrit­te müs­sen wir als Ver­ein jetzt unter­neh­men. Und zwar alle. Denn wir haben viel Arbeit vor uns.

Das Ende der Amts­zeit von Wolf­gang Diet­rich ist eine Chan­ce für uns alle. Für jene, die gegen eine Abwahl waren oder gegen sie gestimmt hät­ten, weil ihnen Kon­ti­nui­tät wich­tig ist und sie dafür waren, dass Diet­rich nächs­tes Jahr in einer regu­lä­ren Wahl durch eine Alter­na­ti­ve ersetzt wird. Aber auch für jene, die, wie ich bei­spiels­wei­se, für eine Abwahl waren, weil sie Wolf­gang Diet­rich aus diver­sen, bereits mehr­fach auf­ge­führ­ten Grün­den nicht einen Tag län­ger als bis zum 14. Juli an der Spit­ze von Ver­ein und AG sehen woll­ten.

Die Verantwortung des Vereinsbeirats

Denn am Rück­tritt lässt sich nichts mehr ändern und die Suche nach Alter­na­ti­ven beginnt jetzt. Lasst uns also jetzt schau­en, dass wir eine Alter­na­ti­ve fin­den, die unse­ren Erwar­tun­gen ent­spricht. Denn die dürf­ten sich, egal wie man zu Wolf­gang Diet­rich stand, nicht so groß unter­schei­den: Wer auch immer jetzt Prä­si­dent — oder Prä­si­den­tin, übri­gens — wird, soll­te bestimm­te Vor­aus­set­zun­gen erfül­len: Ehr­lich­keit und Trans­pa­renz gegen­über den Mit­glie­dern soll­ten selbst­ver­ständ­lich sein, eben­so wie eine dem Ver­ein und der Situa­ti­on in der er sich befin­det ange­mes­se­ne Reprä­sen­ta­ti­on nach außen. Das heißt: Der VfB Stutt­gart muss sich nicht klei­ner machen als er ist, aber er muss die kom­men­den Auf­ga­ben mit der not­wen­di­gen Demut ange­hen, die sich aus dem Abstieg und dem Cha­os der letz­ten Jah­re ergibt. Am wich­tigs­ten ist aber: Die­se Per­son muss die Inter­es­sen der Mit­glie­der des VfB Stutt­gart ver­tre­tenm nicht die eines Spon­sors oder Inves­to­ren und sie muss das ohne jeg­li­chen exter­nen Abhän­gig­kei­ten tun.

Dem Ver­eins­bei­rat, aus des­sen Mit­te jetzt Hans H. Pfei­fer inte­rims­wei­se ins Prä­si­di­um beru­fen wur­de, hat in den nächs­ten Mona­ten eine gro­ße Ver­ant­wor­tung. Denn anders als 2016, als Wolf­gang Diet­rich auf Vor­schlag des Auf­sichts­rats-Tri­os Schä­fer-Porth-Jen­ner zur Wahl stand, ist es jetzt eben jener Ver­eins­bei­rat, der die Kan­di­da­ten aus­wählt. Dass am Ende zwei zur Wahl ste­hen soll­ten, ver­steht sich mitt­ler­wei­le von selbst, ich möch­te es aber hier noch ein­mal beto­nen. Auch hier ist Trans­pa­renz und Offen­heit wich­tig, denn die Gre­mi­en des VfB Stutt­gart müs­sen bei einem Groß­teil ihrer Mit­glie­der ver­lo­re­nes Ver­trau­en erst­mal wie­der zurück holen. Eine Wahl zwi­schen zwei Kan­di­da­ten soll­te auch dafür sor­gen, dass vor der Wahl im Dezem­ber kei­ne Droh­sze­na­ri­en auf­ge­baut wer­den müs­sen, wie es 2016 der Fall war.

Wachsam bleiben!

Wir Mit­glie­der müs­sen also wei­ter wach­sam sein, was in unse­rem Ver­ein pas­siert. Wir müs­sen aber auch offen sein. Offen für ein­an­der und offen für die Ver­eins­füh­rung, in die­sem Fal­le den Ver­eins­bei­rat. Das bedeu­tet nicht, dass jeg­li­che Ent­schei­dung kri­tik­los hin­ge­nom­men wird oder alle einer Mei­nung sein müs­sen. Aber wir müs­sen wie­der ler­nen, auf­ein­an­der zuzu­ge­hen und in der Sache zu strei­ten, nicht um das Ver­hal­ten und die Amts­füh­rung einer Per­son. Das bedeu­tet mit­un­ter auch, Grä­ben, die in den zwei­ein­halb Jah­ren ent­stan­den sind, nicht wie­der auf­zu­rei­ßen, son­dern nach vor­ne zu schau­en. Es bedeu­tet übri­gens auch, sich auf Mit­glie­der­ver­samm­lun­gen aus­re­den zu las­sen.

Aber noch­mal: Alte Feh­ler dür­fen sich nicht wie­der­ho­len! Das gilt zum Bei­spiel für den Umgang mit dem Anker­in­ves­tor Daim­ler. Die Aus­glie­de­rung ist durch und kann nicht mehr rück­gän­gig gemacht wer­den und auch den Daim­ler haben wir jetzt im Boot. Es lässt sich nicht mehr ändern, also machen wir das Bes­te dar­aus. Dazu gehört, dass man sich von einem Inves­tor, der ledig­lich 11,75 Pro­zent an der VfB AG hält und im VfB e.V. über­haupt nichts zu sagen hat, eben auch nichts sagen lässt. Weder bei der Aus­wahl der Spon­so­ren, noch bei der Aus­wahl des Per­so­nals. Wenn der Ver­ein bei­spiels­wei­se in Per­son von Dr. Bernd Gai­ser als inte­rims­mä­ßi­gen Auf­sichts­rats­vor­sit­zen­den beschließt, er wol­le eine Per­son als Vor­stands­vor­sit­zen­den der VfB AG ein­stel­len, dann muss der Min­der­heits-Anteils­eig­ner das akzep­tie­ren, egal wie die Mei­nung des­sen Auf­sichts­rats­ver­tre­ters zu die­ser Per­son ist.

Wetterfest für die Zukunft

Wir müs­sen unse­ren Ver­ein wie­der wet­ter­fest für die Zukunft machen. Dazu gehört zunächst ein­mal eine Sat­zung, die nicht zu einem sol­chen Deba­kel füh­ren kann, wie es bei der Mit­glie­der­ver­samm­lung geschah. Denn über die Durch­füh­rung einer nicht-elek­tro­ni­schen Abstim­mung hät­te, wie bereits mehr­fach erläu­tert, elek­tro­nisch abge­stimmt wer­den müs­sen.  Wie im Pod­cast Log­buch Netz­po­li­tik ab Minu­te 1:28:51 erklärt wird, ist das mit den elek­tro­ni­schen Abstim­mun­gen sowie­so nicht so die aller­bes­te Idee. Außer­dem könn­te man sich sat­zungs­tech­nisch an Düs­sel­dorf ein Bei­spiel neh­men:

Kurz: Mit­glie­der und Ver­ein und ja, auch die AG, müs­sen sich wie­der auf Augen­hö­he begeg­nen, müs­sen ein­an­der ernst neh­men, sich zuhö­ren und dür­fen sich nicht mehr gegen­sei­tig als Intri­gan­ten einer­seits oder als leicht zu ködern­des Stimm­vieh ande­rer­seits betrach­ten. Wet­ter­fest heißt aber auch: Wer wie­der ver­sucht, die Mit­glie­der durch unpas­sen­de Ver­glei­che oder unzu­läs­si­ge Gleich­set­zun­gen zu spal­ten, dem muss wider­spro­chen wer­den. 

Denn klar ist auch: Nur weil Wolf­gang Diet­rich nicht mehr im Amt ist, sind die Struk­tu­ren, die ihn getra­gen und gestützt haben, nicht weg. Man­che Struk­tu­ren mögen aus Oppor­tu­nis­mus ent­stan­den sein, ande­re aus Über­zeu­gung. In einem neu­en VfB darf für Struk­tu­ren, die eine Amts­füh­rung wie die von Wolf­gang Diet­rich erleich­tert haben, kein Platz mehr sein. 

Richtiger Dialog

Wir müs­sen wie­der mehr mit- statt über­ein­an­der reden. Eine Ver­an­stal­tung wie “VfB im Dia­log”, bei der Fra­gen und Anmer­kun­gen “von unten” auf vor­be­rei­te­te State­ments “von oben” tref­fen, ist dabei nicht wirk­lich ziel­füh­rend. So etwas hin­ge­gen eher:

So ein Dia­log setzt auch vor­aus, dass man sich nicht gegen­sei­tig in Ste­reo­ty­pen betrach­tet. Das bes­te Argu­ment dage­gen war die Mit­glie­der­ver­samm­lung, als der Ver­tre­ter der Ultras auf der Büh­ne genau­so sach­lich argu­men­tier­te, wie der 18jährige Fan aus der Kur­ve oder ande­re, die man eher auf der Haupt­tri­bü­ne oder unter jenen ver­mu­tet hät­te, die Diet­rich-Kri­ti­ker dif­fa­mie­ren wür­den. Das Com­man­do Cannstatt hat bei­spiels­wei­se bereits klar gemacht, dass es für einen Neu­an­fang zur Ver­fü­gung steht. 

Das insze­nier­te Gegen­ein­an­der von ver­nünf­ti­gen Mit­glie­dern gegen die Kra­kee­ler aus der Kur­ve ist eine Belei­di­gung. Intel­lekt und Ver­nunft sind kei­ne Fra­ge des Stand­orts im Sta­di­on. 

Eine kul­tu­rel­le Rund­um­er­neue­rung des VfB Stutt­gart ist unum­gäng­lich. Wir, das Com­man­do Cannstatt ste­hen für die­sen Neu­an­fang bereit und appel­lie­ren in die­sem Zuge an die Füh­rungs­eta­gen von Ver­ein und AG, sämt­li­che Aus­schüs­se, Bei­rä­te, Freun­des­krei­se und Mit­ma­cher, end­lich eine offe­ne, trans­pa­ren­te und inte­gra­ti­ve Kul­tur beim VfB zu schaf­fen, die gewillt ist, alle Mit­glie­der mit- und ernst zu neh­men.

Ich fin­de einen sol­chen Ansatz gut. Der VfB muss auch im Mil­lio­nen­ge­schäft Pro­fi­fuß­ball wie­der nah­ba­rer, anfass­ba­rer wer­den. Ein Ver­ein, mit dem man sich iden­ti­fi­zie­ren kann. Nicht nur, weil es einem in die Wie­ge gelegt wur­de oder weil man es schon seit 40 Jah­ren tut. Son­dern weil man sich mit ihm iden­ti­fi­zie­ren will. 

Die Mannschaft muss ihren Beitrag leisten

Ein gro­ßer Teil der Iden­ti­fi­ka­ti­on fin­det, machen wir uns nichts vor, über den sport­li­chen Erfolg statt. Objek­tiv gese­hen wird das nach dem Abstieg schwie­rig und es ist ange­sichts des voll­zo­ge­nen Kader­um­bruchs und des Wan­dels in der Spiel­kul­tur auch nicht aus­ge­schlos­sen, dass sich der sport­li­che Erfolg eher mit­tel- als kurz­fris­tig ein­stellt. 

Dass die Mann­schaft wei­ter­hin so sen­sa­tio­nell unter­stützt wird wie wäh­rend und trotz der erbärm­li­chen Spie­le in der ver­gan­ge­nen Sai­son, ist selbst­ver­ständ­lich. Auch wenn der Sai­son­auf­takt holp­rig wird. Aber die Mann­schaft muss auch zei­gen, dass sie wil­lens ist, die Vor­ga­ben des Trai­ners umzu­set­zen und den VfB wie­der in die ers­te Liga zu füh­ren. Auch sie steht in der Ver­ant­wor­tung, die­sen Ver­ein wie­der zu repa­rie­ren und in ruhi­ge­res Fahr­was­ser zu brin­gen. Beson­ders wird es auf die Spie­ler ankom­men, die nach dem Abstieg geblie­ben sind und jene, die schon erfah­re­ner sind. Jedem muss die Situa­ti­on in der wir uns befin­den, zu jedem Zeit­punkt bewusst sein, genau­so wie der Weg, den wir beschrei­ten müs­sen. Es gilt das glei­che Cre­do, was auch für die Ver­eins­füh­rung gilt: Selbst­be­wusst, aber mit der Demut vor der Auf­ga­be und der Situa­ti­on. 

Die Verantwortung der Medien

Ein letz­tes Wort noch an die­je­ni­gen Medi­en und Jour­na­lis­ten, die das bis­her noch nicht getan haben: Berich­tet anstän­dig über den VfB. Ver­sucht nicht, durch unsau­be­ren Jour­na­lis­mus die Ver­eins­po­li­tik zu beein­flus­sen. Nehmt Fans und Mit­glie­der und ihre Anlie­gen ernst, lasst bei­de Sei­ten mit der glei­chen Wert­schät­zung zu Wort kom­men und hört auf, in Schub­la­den und Ste­reo­ty­pen zu den­ken. Auch wenn Ihr nicht Teil des Ver­eins seid, so habt Ihr doch eine gro­ße Ver­ant­wor­tung.

Wir haben alle eine Men­ge Arbeit vor uns. Packen wir es an! 

Bild: Bon­garts / Get­ty

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