Derzeit nicht im Brustring: Die verliehenen Spieler des VfB

Auch in diesem Winter blicken wir auf die Hinrunde der verliehenen VfB-Spieler – wegen der früheren Pause etwas früher als sonst. Neun Spieler streiften für dieses Saison ein fremdes Trikot über – so viele wie lange nicht mehr, vielleicht noch nie. Sie hatten aber auch so wenig Spielzeit wie wenige ihrer Vorgänger. Mit Experten und Fans ihrer Leihvereine haben wir über die Gründe gesprochen.

Es gab Zeiten, da war dieser Artikel von überschaubarer Länge und man brachte sogar alle Spieler in die Überschrift und aufs Titelbild. Nicht so dieses Jahr, in dem neben dem für zwei Spielzeiten verliehenen Momo Cissé acht weitere Spieler temporär in die Fremde geschickt wurden. Anders als in der Vergangenheit, als Leihen auch ein Mittel waren, um das Gehalt perspektivloser älterer Spieler zumindest für eine Saison zu sparen, sind es größtenteils Talente, die entweder in der vergangenen Spielzeit in Bad Cannstatt auch angesichts der schwierigen Saison nicht zum Zug kamen: Ömer Beyaz, Wahid Faghir, teilweise Clinton Mola und Mo Sankoh, die lange verletzt waren oder Alexis Tibidi, der sich durch Undiszipliniertheiten in die zweite Mannschaft degradierte. Hinzu kommen Spieler wie Teto Klimowicz und Roberto Massimo, deren Entwicklung bereits länger stagniert und die trotzdem aufgrund ihres Alters noch vor einer Schwelle stehen. Und eben Momo Cissé, der sowieso für zwei Jahre verliehen wurde sowie Leo Münst, dessen Leihe nach einer schweren Verletzung im Januar um eine weitere Saison verlängert wurde. Von beiden hat man im Herrenbereich beim VfB noch nichts gesehen. Zusammen kommen sie auf 3.229 Einsatzminuten, das sind pro Spieler im Schnitt 358,7 Minuten und damit nur ungefähr ein Viertel von dem, was ein Wataru Endo in der Hinrunde beim VfB an Spielzeit gesehen hat. Spielpraxis sieht anders aus, wobei die Minuten zum Einen ungleich verteilt sind und zum anderen die Gründe bei jedem Spieler unterschiedlich sind – genauso wie die Bewertung der Leihe. Aber dazu später mehr.

Beginnen wir mit

Ömer Beyaz

© Christian Kaspar-Bartke/Getty Images
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Beyaz kam zu Beginn der vergangenen Saison mit großen Vorschusslorbeeren von Fenerbahce zum VfB, in der Bundesliga reichte es jedoch nur zu vier Kurzeinsätzen, in der zweiten Mannschaft in der Regionalliga durfte er aufgrund seiner türkischen Staatsbürgerschaft nicht eingesetzt werden. Ein verlorenes Jahr also für ihn, da erschien die Leihe zu Zweitliga-Aufsteiger Magdeburg und dessen Trainer Christian Titz zunächst sinnvoll. Alex Schnarr vom Podcast Nur der FCM, mit dem ich über Beyaz sprach, war jedoch zunächst überrascht über die Leihe, weil der Club auf dieser Position eigentlich keinen Bedarf mehr hatte. Ein junger Spieler mit Potenzial und Talent, “das klang schon nach einem für Titz”, so Alex, deswegen sei er durchaus auf Beyaz Entwicklung gespannt gewesen.

Diese war, nun ja, überschaubar. Neun Minuten gegen Kiel, 26 gegen St. Pauli und 14 gegen Hannover, dazu 20 Minuten beim Pokalaus in der ersten Runde gegen Frankfurt. Viele Erkenntnisse lassen sich aus diesen 69 Einsatzminuten nicht ziehen. Alex sagt, er habe zwar bei den Einwechslungen besonders auf ihn geachtet, wirklich aufgefallen sei er aber nicht, sondern habe “verloren und bindungslos” gewirkt – was angesichts der fehlenden Vorbereitung mit der Mannschaft kein Wunder sei. Zumal Magdeburg mit Krempicki, Müller und damals Condé bereits über ein eingespieltes zentrales Mittelfeld verfügte und Beyaz als junger Spieler vor einer großen Herausforderung stand, um in der Mannschaft Fuß zu fassen.

Nach den ersten drei Kurzeinsätzen rutschte Beyaz für die nächsten sieben Spiele auf die Bank und dann für den Rest der Hinrunde aus dem Kader. Alex zufolge sei zu hören gewesen, dass dies auch mit seinen Trainingsleistungen zu tun gehabt habe. Offiziell gibt es zu seiner Degradierung keine Informationen, das sei in Magdeburg auch nicht üblich. Seit dieser Woche trainiert Beyaz nun in Absprache mit dem FCM unter Bruno Labbadia (kann immer noch nicht glauben, dass ich das schreibe) beim VfB mit, eine Rückkehr nach Magdeburg scheint unwahrscheinlich. Falls doch, müsse Beyaz wohl auch im Training stark zulegen: “Bei Christian Titz ist es wirklich schwierig, in eine etablierte Formation zu kommen und jemanden zu verdrängen, weil Titz sehr wenig rotiert und Beyaz nunmal einige Spieler vor sich hat, die schon länger da sind und sehr regelmäßig spielen. Da müsste es im Training schon eine ordentliche Leistungsexplosion geben, die Titz beeindruckt, oder er überzeugt bei Kurzeinsätzen derart, dass der Trainer im nächsten Spiel keine andere Wahl hat, als ihn aufzustellen”, erklärt Alex. Über einen Abschied aus Magdeburg sei angesichts der bisher gezeigten Leistungen aber auch niemand unbedingt traurig.

Beyaz müsse seine Chance nutzen, ist Alex’ Fazit. Das gilt auch für einen möglichen Einsatz beim VfB oder bei einem anderen Leihverein. Nachdem Alou Kuol letzte Saison bis auf einen unglücklichen Auftritt im Trikot des SV Sandhausen den Rasen kaum aus der Nähe sah, hat mit Ömer Beyaz ein weiterer Spieler, der unbedingt Einsatzzeiten braucht, viel Zeit verloren. Ich traue Beyaz mehr zu als Kuol, bei dem es, nach allem, was man so hört, auch mittelfristig nicht für die Bundesliga reichen wird. Der Plan, junge Spieler zu Mannschaften zu schicken, die vielleicht ihrem aktuellen Leistungsniveau entsprechen, aber eben deswegen auch in sportlichen Schwierigkeiten stecken, ist jedenfalls erneut nicht aufgegangen, weil ebenjene Mannschaften lieber auf erfahrene Spieler setzen als auf Leihspieler, die zu ihrer Entwicklung meist ein ruhiges sportliches Umfeld und Zeit brauchen – beides im Abstiegskampf eher Mangelware, egal in welcher Liga. Hoffen wir mal, dass man in der Rückrunde eine bessere Lösung für Beyaz findet, eine weitere verlorene Saison dürfte weder ihm, noch dem VfB gut tun.

Ob die zweite polnische Liga, die optimale Lösung für

Momo Cissé

ist, darf auch bezweifelt werden. 2020 für vier Jahre aus Le Havre gekommen, sollte Cissé nach mehreren schwierigen Verletzungen und dadurch bedingt nur fünf Kurzeinsätzen für den VfB ab Januar 2022 bis Ende dieser Saison in der polnischen Ekstraklasa bei Wisla Krakau wieder auf die Beine kommen. Schon die Rückrunde im Frühjahr lief für ihn nicht gut, am Ende stieg er mit Wisla zum ersten Mal seit Mitte der 90er wieder in die zweitklassige 1. Liga ab. Kein leichtes Pflaster für einen jungen Spieler, wie auch unser Wisla-Experte und -Fan Jacek Staszak betont: “Er hatte schon in der Ektraklase Probleme mit der Körperlichkeit im polnischen Fußball, in der zweiten Liga geht es noch härter zur Sache.” Cissé sei als Flügelspieler einfach nicht verlässlich genug.

Immerhin kam er auf elf Ligaeinsätze und ein Pokalspiel und schaffte es fünf Mal in die Startelf, auch wenn er kein Spiel über 90 Minuten absolvierte. Im Pokal gelang ihm im Zweitrundenduell mit Ligakonkurrent Puszcza Niepolomice sogar der Treffer zum 1:0.

Ansonsten, so Jacek, sei Cissé bisher vor allem deshalb aufgefallen, weil im Spiel gegen Resovia Rzeszów einen Zahn verloren habe. Cissés Einsätze führt er vor allem darauf zurück, dass der Club einen anderen Flügelspieler loswerden wollte und deshalb statt ihm Cissé spielen ließ. Gegen langsame Abwehrspieler sei Cissé gut, seine Pässe und Schüsse ließen jedoch zu wünschen übrig. Der frühere Wisla Trainer Jerzy Brzęczek – dessen Neffe Jakub Błaszczykowski dem Vernehmen nach die Leihe eingefädelt hatte – habe Cissé vor allem deshalb gelobt, weil er vorm gegnerischen Strafraum Fouls ziehe.

© THOMAS KIENZLE/AFP via Getty Images
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Wer jetzt denkt, dass Wisla in der 1. Liga oben mitspiele und Cissé immerhin Spielpraxis in einem sportlich erfolgreichen Team sammelt, irrt sich. Nach 18 Spielen steht das Team auf Platz 10 – trotz eines guten Saisonstarts. Jacek führt das zum einen auf hohe Erwartungen an den Club zurück, der zu den erfolgreichsten des Landes gehört, aber seit Jahren finanzielle Probleme hat und gleichzeitig nicht nur erfolgreich, sondern auch schön spielen soll. Zum anderen verpflichte der Club viele Spieler, die schon in der Vergangenheit Verletzungsprobleme hatten und auch die medizinische Abteilung sei nicht die Beste. Fast jeder Spieler, der zu Wisla komme, werde schlechter und könne die in ihn gesetzten Erwartungen nicht erfüllen. Klingt für VfB-Fans vertraut, genauso wie diverse Scharmützel abseits des Platzes, vor allem bei den Klubeignern. Jacek: “Wisla ist die Drama Queen des polnischen Fußballs”. Nunja.

Polnischer Kleppelersverein hin oder her, Jacek sieht auch nach der WM-Pause nicht mehr Einsatzzeiten für Cissé, zumal sich der Club derzeit nach einem Flügelspieler umsieht, der dem Verein direkt helfen soll. Eine Eintwicklung habe er bei Cissé nicht wahrgenommen und die Bundesliga traut er ihm aktuell auch nicht zu – auch wegen der Probleme in beiden polnischen Ligen. Natürlich waren vor allem die vielen Verletzungen bislang alles andere als förderlich für Cissés Karriere. Ihm täte sicherlich auch ein anderes Umfeld besser für die Entwicklung, es scheint mir aber so, als sei die Perspektive beim VfB nicht unbedingt besser. Vielleicht wurde die Leihe auch deshalb so langfristig abgeschlossen, damit man ihn im nächsten Sommer, ein Jahr vor Vertragsende, immerhin noch für eine Summe verkaufen kann, die höher wäre als wenn er die 18 Monate in Stuttgart verbracht hätte. Unterm Strich jedoch für alle Beteiligten eine unbefriedigende Situation, denn Wisla kann er nicht wirklich weiterhelfen und für den VfB qualifiziert er sich auch nicht wirklich, so dass eine Karriere in der Bundesliga aktuell unwahrscheinlicher denn je erscheint.

Noch nicht ganz so schlimm steht es um

Wahid Faghir

, der im Sommer 2021 mit hohen Erwartungen und nicht ohne Stolz bei den Beteiligten aus Dänemark geholt wurde, beim VfB jedoch nur durch den Last-Minute-Treffer gegen Union auf sich aufmerksam machte und sonst nur auf Kurzeinsätze in der Bundesliga und immerhin vier Treffer in der Regionalliga kam.

So zog es ihn im Sommer zeitweise wieder zurück nach Dänemark, jedoch nicht zu seinem Stammverein Vejle BK, sondern zum FC Nordsjælland, ebenfalls in der dänischen Superliga. Den FCN-Fans sei Faghir wegen seiner Leistungen in Vejle natürlich ein Begriff gewesen, so Casper de Linde vom Podcast Nordsjælland Dreamin’. Die Vorfreude war also groß, auch weil der Verein damit endlich wieder einen offensiven Zielspieler im Kader hatte, der die Jahre davor gefehlt habe. Gleichzeitig hatte die Saison in Dänemark aber schon begonnen als Faghir kam und man habe ihm die mangelnde Spielpraxis durchaus angemerkt. Hinzu kam, dass der FC Nordsjælland, 1991 aus der Fusion kleinerer Vereine entstanden und seit 2016 Kooperationspartner der ghanaischen Right to Dream-Academy (ein paar Hintergründe zum Verein liefert dieser Kicker-Artikel), einen sehr guten Saisonstart hatte und auch aktuell die Tabelle der Superliga anführt. So war Faghir zunächst vor allem Ersatzspieler und verletzte sich dann Mitte September bei einem Spiel der zweiten Mannschaft bereits nach sechs Minuten am Oberschenkel und fiel bis Anfang Oktober aus, was seine Fitness natürlich wieder zurückwarf. Ein Lichtblick war ds 5:1 gegen Aalborg BK direkt vor der WM-Pause, als er sehr sehenswert zum Endstand traf.

© THOMAS KIENZLE/AFP via Getty Images
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Abgesehen davon habe Faghir seinen Wert fürs Team aber noch nicht zeigen können, so Casper, was er aber für die zweite Saisonhälfte erwarte. Im November spielte Faghir noch 30 Minuten in einem Testspiel für die dänische U21-Nationalmannschaft, er scheint also auf dem richtigen Weg zu sein. Die gemeinsame Wintervorbereitung mit dem Rest des Teams biete Faghir eine neue Chance und Casper kann sich Faghir gut als Stammspieler auf der Neunerposition vorstellen, wenn es in der Liga im Februar weitergeht. Von daher kann er sich auch gut vorstellen, dass der FCN die Kaufoption von angeblich 2,5 Millionen Euro zieht.

Das hoffe ich ehrlich gesagt nicht, denn auch wenn Faghir, entgegen meiner bisherigen These, auch bei einem erfolgreichen Team in einer kleineren Liga Probleme hat, so hat das vermutlich vor allem mit Verletzungen zu tun und weniger mit seiner Qualität. Wie auch Beyaz, der ja mit ähnlich hohen Erwartungen verpflichtet wurde, muss Faghir seine Chance ergreifen und nutzen, wenn er sich in der Bundesliga durchsetzen will. Bei ihm sehe ich aber eigentlich ganz gute Voraussetzungen, es wird jetzt darauf ankommen, wie seine Rückrunde verläuft und ob er sich am Ende vorstellen kann, den Sprung in die Bundesliga erneut zu wagen. Finanziell wäre die Nordsjælland vorliegende Kaufoption zudem wohl auch ein Verlustgeschäft für den VfB. Hoffen wir also, dass es für den FCN und Faghir weiter bergauf geht.

Zurück in den Abstiegskampf der zweiten Liga, zu

Mateo Klimowicz

Der konnte sich beim VfB seit seinem Wechsel im Sommer 2019 nie so richtig durchsetzen. Weder in der zweiten Liga, noch in der guten ersten oder der katastrophal schlechten zweiten Bundesligasaison nach dem Aufstieg. Auch wenn er weiterhin erst 22 Jahre alt ist, steht Tetos junge Karriere bereits jetzt an einem Scheideweg. Würde er es schaffen, sich bei Bundesliga-Absteiger neues Selbstvertrauen und Spielpraxis zu holen? Nun, bislang nicht wirklich. Die Arminia legte einen kompletten Fehlstart in der zweiten Liga hin und steht zur Winterpause wie der VfB auf dem Relegationsplatz 16. DSC-Fan Maike sieht dafür verschiedene Gründe. Da sei zum einen die andere Spielweise in der zweiten Liga, mit Uli Forte “der komplett falsche Trainer”, zudem Spieler, die noch lange mit einem Wechsel kokettiert hätten und Neuzugänge, die die Erwartungen nicht erfüllten. Klimowicz wechselte am Deadline Day nach Ostwestfalen, spielte in Darmstadt 20 Minuten und stand die Woche darauf gegen Nürnberg sogar in der Startelf und 58 Minuten auf dem Platz. Es kamen jedoch nur noch 49 Zweitliga-Minuten und eine ziemlich verkorkste erste Halbzeit bei der 0:6-Pokalklatsche in Stuttgart dazu.

© Christian Kaspar-Bartke/Getty Images
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In den Spielen sei Klimowicz recht unauffällig gewesen, so Maike, trotz guter Ansätze habe sie ihn in den Spielen, die er auf der Bank verbrachte, nicht vermisst. Es sei natürlich auch nicht einfach, in eine verunsicherte Mannschaft zu kommen und dann jedes Mal unterschiedliche Positionen bekleiden zu müssen – er spielte mal als Links- oder Rechtsaußen, mal als Mittelstürmer. Mittlerweile scheine sich die Mannschaft ohne ihn eingespielt zu haben, weswegen die Leihe aus ihrer Sicht aktuell wenig Sinn ergebe, so unsere Arminia-Expertin. Sie sehe auch in der Rückrunde nicht mehr Spielzeit für ihn als zuletzt. In der Tat überlegt man ja auch beim VfB, die Leihe abzubrechen. Für Klimowicz, dessen Vertrag beim VfB noch bis 2025 läuft, kann es dann nur zu einem weiteren Leihverein gehen, dass er im Abstiegskampf in der ersten Liga mehr Minuten sammelt als in der zweiten Liga, kann ich mir schwer vorstellen. Sollte es auch da nicht zu einer Leistungsexplosion kommen, wird man versuchen müssen, für ihn einen Abnehmer zu finden – zur Not mit einer erneuten Leihe und einer Kaufoption oder Kaufpflicht.

In einer ähnlichen Situation befindet sich

Roberto Massimo

den Michael Reschke im Sommer 2018 eben aus Bielefeld verpflichtete, um ihn sofort wieder an die Arminia zu verleihen. Nach dem Abstieg 2019 wurde Massimos zweijährige Leihe vorzeitig beendet, er sollte sich fortan beim VfB weiterentwickeln. Aber auch das funktionierte ähnlich wie bei Klimowicz nicht so, wie sich Verein und Spieler das vorstellten, so dass im vergangenen Sommer ein Wechsel in die zweite Liga zur durchaus interessierten Fortuna aus Düsseldorf im Raum stand. Am Ende landete Massimo aber nicht am Rhein, sondern in der zweiten portugiesischen Liga, bei Académico de Viseu – jenem Verein, an dem Dietmar Hopp über eine Firma mit 51 Prozent entscheidend beteiligt ist und bei dem überraschend viele deutsche Spieler unter Vertrag stehen, die von Roger Wittmann und seiner Agentur Rogon beraten werden. Wie Benni Hofmann und George Moissidis im kicker schreiben: “Der Agentur-Mitgründer Roger Wittmann und Hopp sind befreundet.” Dass der Wechsel Massimos nach Viseu durch die Verbindungen seines Beraters zustande kam, das sieht auch Diogo Matos von der portugiesischen Sportzeitung Record so. Demensprechend groß sei die Vorfreude bei den Fans auf Massimo gewesen, denn dass ein Bundesligaspieler ins portugiesische Unterhaus wechselt, kommt in der Tat eher selten vor – oder eben unter besonderen Umständen.

Massimo absolvierte in der Liga Portugal 2 bisher neun von 13 Spielen für Académico, sechs Mal in der Startelf und traf dabei sogar drei Mal-Häufig spielte er sogar mindestens 45 Minuten. Massimo habe ein wenig gebraucht, um in die Startelf zu kommen, so Diogo, wurde dann aber ein wichtiger Teil der Mannschaft. Nach einem schweren Saisonstart traf Massimo beim ersten Sieg der laufenden Spielzeit zum 1:0 gegen CD Mafra. Trotz der aktuellen Verletzung, wegen der er auch am Donnerstag im Ligapokal gegen Tondela nicht zum Einsatz kam, sei Massimo auf einem guten Weg. Diogo lobt vor allem seine Schnelligkeit, seine Tororientierung und sein Selbstbewusstsein – trotz seines jungen Alters. Massimo ist wie Klimowicz Jahrgang 2000 und Diogo erwartet von ihm auch in der zweiten Saisonhälfte gute Leistungen, wenn Viseu die Aufstiegsplätze angreift.

© Christian Kaspar-Bartke/Getty Images
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Ob Massimo mit angreift, wird sich zeigen, angeblich hat Düsseldorf erneut ein Auge auf ihn geworfen. Für Massimo läuft die Leihe eigentlich grundsätzlich gut und auch der VfB profitiert natürlich von einem Leihspieler mit Einsatzzeiten und Erfolgserlebnissen. Gleichzeitig läuft Massimos Vertrag ebenso wie Cissés 2024 aus, ein neuer Vertrag beim VfB erscheint unwahrscheinlich, sollte er auch die Rückrunde in Portugals zweiter Liga verbringen, die mit Sicherheit vom Niveau nicht mit den ersten beiden deutschen Ligen zu vergleichen ist. Schön für Massimo, wenn er sich trotz der obskuren Begleitumstände in Viseu für einen neuen Verein empfehlen kann, seine Zeit in Stuttgart wird aber vermutlich in absehbarer Zeit enden.

Von der zweiten portugiesischen Liga in die zweite englische Liga, die Championship, in der

Clinton Mola

für die Blackburn Rovers aufläuft. Auch Mola wurde beim VfB immer wieder durch Verletzungen zurückgeworfen. In der Rückrunde der vergangenen Saison soll er auch starkes Heimweh nach England gehabt haben, so dass die Leihe nach Blackburn für Spieler aus dem Chelsea-Nachwuchs fast logisch war. Dass Mola sich in England schon auskannte und in Deutschland trotzdem anders als andere junge englische Spieler schon Auslandserfahrung hatte, wurde als Vorteil angesehen, so Scott vom Rovers-Fanzine 4000 Holes, den ich als alter Beatles-Fan schon allein wegen des Namens des Fanzines interviewen wollte. Zudem hat Mola alle U-Nationalmannschaften Englands durchlaufen und sei somit für einen Zweitligisten “an excellent loan signing”.

Nachdem er im Pokal in Dresden noch fünf Minuten für den VfB auflief, absolvierte er bis zur WM-Pause genau 101 Minuten für die Rovers – eine gegen Watford, zehn gegen Rotherham und 90 gegen Burnley. Gegen Preston stand er am vergangenen Wochenende – die Championship hat den Betrieb noch während der WM wieder aufgenommen – 82 Minuten auf dem Platz. Die wenige Spielzeit führt Scott darauf zurück, dass Mola zu Saisonbeginn Hüftprobleme plagten und er es deshalb schwer hatte, in eine Mannschaft, die aktuell auf Platz 3 um den Aufstieg in die Premier League kämpft, hinein zu kommen. Manager und Ex-VfB-Stürmer Jon Dahl Tomasson habe wenig Anlass gehabt, die Abwehrkette umzustellen.

© Christian Kaspar-Bartke/Getty Images
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In den kurzen Einsätzen habe Mola als linker Wingback sehr athletisch gewirkt und einen guten linken Fuß offenbart, so Scott. Anfang November habe er im Ligapokal gegen West Ham in der Innenverteidigung eine gute Leistung gezeigt, Blackburn setzte sich im Elfmeterschießen durch. Ein Rückschlag sei jedoch das Spitzenspiel gegen Lokalkonkurrent Burnley gewesen, das nach einer gute ersten Halbzeit mit 0:3 verloren ging und bei dem Mola im Aufbauspiel den Ball in gefährlicher Position an seinen Gegenspieler verlor. Tomasson hatte ihn vor allem wegen seiner Geschwindigkeit aufgestellt. Gegen Preston wurde Mola relativ früh wegen einer Verletzung eingewechselt, ob er auch in den kommenden Spielen in der Startelf steht, wird sich zeigen. Wenn, so Scott, dann wahrscheinlich eher aus Verletzungsgründen. Mola sieht er dennoch als Verstärkung an, auch für die kommende Spielzeit, wenn er denn in Blackburn bleiben wollte.

Auch bei Mola wäre mir lieber er käme nach Stuttgart zurück, denn ein Spieler, der das Potenzial hat, sich bei einem möglichen Premier League-Aufsteiger zu etablieren, kann uns grundsätzlich auch weiterhelfen, zumal auf einer Position, auf der wir chronisch unterbesetzt sind. In den wenigen Spielen im Brustring machte Mola auch keinen schlechten Eindruck. Er muss natürlich hoffen, dass er verletzungsfrei bleibt, sonst wird es schwer, egal wo er spielt. Ich würde mir jedenfalls wünschen, dass auch Bruno Labbadia ihm im Sommer eine Perspektive aufzeigen kann und dass Mola nach einer guten Rückrunde in der Championship dann dafür bereit ist.

Wesentlich weniger Einsatzzeit hatte

Leonhard Münst

Der Junioren-Pokalsieger von 2019 ist aktuell bereits das zweite Jahr an den Schweizer Erstligisten FC St. Gallen ausgeliehen. Nachdem er sich im Frühjahr kurz vor Erscheinen unseres Leihspieler-Artikels für den Rest der Saison verletzte, blieb er trotzdem  bei den Grün-Weißen, sah aber in der bisherigen Runde in der Schweizer Super League nicht mal den Innenraum aus der Nähe. Keine einzige Spielminute steht für die erste Mannschaft zu Buche, was ich im wöchentlichen Update im Podcast aus Unwissenheit aber unterschlug: Münst spielte regelmäßig für die U21 des FCSG in der drittklassigen Promotion League. 18 Partien absolvierte er für den aktuell Tabellen-16. Marco vom St. Gallener Fanzine SENF erklärt, dass verletzte Spieler häufig über die U21 wieder aufgebaut würden, anhand der Daten schien er in der zweiten Mannschaft eine Stammkraft zu sein, er habe aber selber zu wenig Spiele gesehen, um das zu bewerten. Angesichts dessen seien aber Einsätze in der Super League in der Rückrunde nicht unwahrscheinlich. Zu Münst Bundesligatauglichkeit könne er aber angesichts der fehlenden Einsätze auf Erstliga-Niveau ebensowenig etwas sagen wie zu seiner Perspektive in St. Gallen.

Ja, mehr lässt sich aktuell zu Leonhard Münst wirklich nicht sagen. Die Ansätze vor seiner Verletzung schienen positiv, ob er sich diese behalten konnte oder woanders mehr daraus machen kann steht in den Sternen. Beim VfB läuft sein Vertrag noch bis 2025 auch hier wird man sich im Sommer hinsetzen und genau überlegen müssen, wie es weitergeht.

Die überraschendste Leihe im vergangenen Sommer war sicherlich die von

Mo Sankoh

© Christian Kaspar-Bartke/Getty Images
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, der sich nach guten Auftritten in der Regionalliga zu Beginn der vergangenen Saison in den Bundesliga-Kader spielte und direkt im ersten Spiel gegen Fürth so böse verletzte, dass er für den Rest der Spielzeit ausfiel. Viele erwarteten in Stuttgart, dass er im zweiten Jahr im Profikader durchstarten würde, scheinbar sahen Sven Mislintat und Pellegrino Matarazzo das aber anders und verliehen ihn für mehr Spielpraxis zu Vitesse Arnhem. Vitesse-Fan Wilko vom Podcast Studio Langs de Rijn sei von Anfang an skeptisch gewesen, sagt er. Mo sei ein junger Spieler mit viel Talent, aber wenig Spielpraxis und ein Stürmer, der viel auf Vorlagen angewiesen sei und sich wenige Chancen selber erarbeite. Das passe nicht wirklich zur Mannschaft aus Arnhem, die nicht nur ein Qualitätsproblem habe, sondern auch zu wenig Tore erziele.

Im Laufe der Hinrunde wechselte Arnhems Trainer Thomas Letsch zudem nach Bochum und wurde durch Philip Cocu ersetzt. Wilko hofft, dass Sankoh unter ihm eine Qualitäten, vor allem sein physisches und weniger technisches Spiel, besser zur Geltung bringen kann. In der Eredivisie kam er in den ersten vier Partien zu Kurzeinsätzen und stand danach nur noch zwei Mal auf dem Platz, hinzu kam ein Pokalspie und ein Spiel in der zweiten Mannschaft, in dem er immerhin ein Tor erzielte. Die erste Saisonhälfte sei sehr unruhig gewesen, erklärt Wilko, Sankoh müsse jetzt geduldig auf seine Chance warten, was angesichts von Konkurrenten wie  Wolfsburg-Leihgabe Bartosz Bialek und Nikolai Frederiksen schwer sei. Wilko sieht ihn auch weiterhin eher als Einwechselspieler und traut ihm auch nicht unbedingt sofort die Bundesliga zu, sondern empfiehlt mehr Spielpraxis in der zweiten Liga.

All das werden VfB-Fans, die in der Vergangenheit große Hoffnungen in Sankoh gesetzt haben, nicht gerne hören. Wer weiß, wie er sich vergangene Saison ohne die Verletzung entwickelt hätte, auf jeden Fall wurde er offensichtlich stark zurück geworfen. Ich traue ihm aber trotzdem zu, in Arnhem eine bessere Rückrunde zu spielen und viele genau so zu überraschen, wie er das in Stuttgart getan hat. Zur Not hilft vielleicht eine weitere Leihe, um ihm auf Bundesliga-Niveau zu bringen, aber warten wir erstmal ab wie die Karten im Sommer gemischt werden.

Kommen wir zum Abschluss noch zu einer Erfolgsgeschichte:

Alexis Tibidi

Der hatte sich gegen Ende der vergangenen Saison nach insgesamt 13 Bundesliga-Spielen durch Undiszpliniertheiten selber aus der Mannschaft genommen. Feierte aber mit der A-Jugend trotzdem den DFB-Pokalsieg im Mai. Im Anschluss wurde er in die österreichische Bundesliga zum SCR Altach unter Trainer Miroslav Klose verliehen. Ähnlich wie woanders seien die Erwartungen groß gewesen, weil ein junger Bundesliga-Spieler nach Österreich wechselte, zum anderen hätten Spielertypen wie Tibidi, nämlich technisch starke, schnelle Außenbahnspieler, den Altachern noch gefehlt, so ORF-Journalist Andreas Blum. Tibidi sei der Königstransfer des Sommers gewesen. Dass er “angeblich die Mannschaftskassa in Stuttgart fast im Alleingang gefüllt hat” hatte sich auch nach Altach rumgesprochen, auch dort sei schon die “eine oder andere Kleinigkeit” vorgekommen sein, so Andreas. Angesichts seiner Leistung und wahrscheinlich weil die Vergehen geringerer Art waren, habe man dort aber ein Auge zugedrückt.

Die Leistungen können sich durchaus sehen lassen: Tibidi stand in allen 16 bisherigen Partien auf dem Platz, 15 Mal in der Startelf, erzielte fünf Tore und bereitete eins vor. Zuletzt traf er zum 3:2 beim Wolfsberger AC

“Tibidi war im Herbst definitiv der auffälligste Altach-Spieler, er ist in kurzer Zeit zu einer echten Attraktion für die Fans geworden”, erklärt Andreas. Vor allem seine Fähigkeiten und sein Tempo seien wichtig für die Mannschaft. Nachdem er zu Beginn der Saison körperlich noch nicht auf der Höhe war, spielte er zuletzt fast immer durch. Er ist mit seinen Fähigkeiten und seinem Tempo derzeit nicht aus der Mannschaft wegzudenken. In den ersten Spielen wurde er öfters von Klose ausgewechselt, da war er körperlich noch nicht topfit, in den letzten Runden hat  er dann aber praktisch immer durchgespielt. Auch Altach hatte nach dem Abstiegskampf im letzten Jahre einen schlechten Saisonstart, fing sich aber dann wieder, erlitt aber beim 0:3 gegen Lustenau im Vorarlberger Derby direkt vor der WM-Pause einen Rückschlag. Dem Kader, so Andreas, fehle es schlicht an Qualität, um weiter vorne mitzuspielen. Mit der Mannschaft habe sich aber auch Tibidi gesteigert. An der Qualität möchte Altach in der Winterpause was ändern, aber “Tibidi wird ein wichtiger Teil der Mannschaft bleiben – umso besser die Verstärkungen, umso mehr wird sich auch Tibidi in Szene setzen können”, so Andreas. Und wenn er seine Disziplin den Griff bekomme, könne aus ihm auch etablierter Bundesligaspieler werden.

© Sebastian Widmann/Getty Images
© Sebastian Widmann/Getty Images

Alexis Tibidi ist vielleicht der einzige Fall, in dem das Kalkül der Leihe wirklich aufging. Andere Spieler wurden entweder, wie letzte Saison, zu Vereinen verliehen, die für sie keine Verwendung haben oder es scheint sich abzuzeichnen, dass ihre Qualität nicht wirklich für die Bundesliga reicht – mit der Einschränkung, dass es viele junge Spieler sind, weswegen man vielleicht ein “noch” ergänzen sollte. Nichtsdestotrotz wird man den Kader verschlanken müssen, Spieler wie Massimo und Klimowicz kann man nicht noch eine weitere Saison mitziehen, auch Cissé sehen wir wahrscheinlich, anderes als Tibidi und Sankoh, nicht mehr im Brustringtrikot. Spannend wird es mit Beyaz und Faghir, die noch wenig Gelegenheiten hatten, sich zu zeigen und deren Talent weiterhin ein Versprechen auf die Zukunft bleibt. Hoffentlich ist der VfB in dieser Zukunft nicht wieder gezwungen, so viele Spieler zu verleihen. Wobei ich das nicht einmal der Transferpolitik per se anlasten würde. Dass es für manchen kurz- und mittelfristig in der Bundesliga nicht reicht, ist bei einer Verpflichtung von jungen Spielern genauso wenig absehbar wie bei jenen, die man aus der eigenen Jugend hochzieht. Das Potenzial haben die meisten. Was sie in Stuttgart oder anderswo daraus machen, liegt an ihnen.

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