Arsch auf Grundeis

Etwas mehr als eine Woche ist vergangen seit dem letzten Artikel auf dieser Seite, seit Sven Mislintat nach über drei Jahren den VfB verlassen hat. In diesen sieben Tagen verpflichtete der Verein mit Fabian Wohlgemuth einen neuen Sportdirektor und knapp danach einen neuen Trainer: Bruno Labbadia. Der Versuch einer einigermaßen sachlichen Einordnung der beiden Personalien und der aktuellen Situation.

Wenn die Spieler des VfB am kommenden Montag aus dem Kurzurlaub nach der USA-Reise zurückkehren, ist vieles anders als noch beim Abflug aus Austin, Texas. Es erwartet sie nicht mehr Michael Wimmer, sondern Bruno Labbadia mit seinen Co-Trainern Bernhard Trares und Benjamin Sachs sowie Athletiktrainer Günter Kern, der bereits zwei Mal unter Armin Veh beim VfB arbeitete und jetzt unter Labbadia zum zweiten Mal nach Stuttgart zurückkehrt. Und wenn sie in den kommenden Wochen über Verträge und Transfermodalitäten verhandeln, sitzt ihnen nicht mehr Sven Mislintat gegenüber, sondern Fabian Wohlgemuth. Losgeeist für eine nicht unerhebliche Ablösesumme aus Paderborn und zumindest mir nur dadurch bekannt, dass er die Pokalauslosung mit den Worten kommentierte, der SCP habe sich schon viele spannende Duelle mit dem VfB geliefert. Naja. Eins halt. 2015. Aber das nur nebenbei.

Denn es geht aktuell beim VfB um viel mehr, um nicht zu sagen ums große Ganze. Erinnert sich noch jemand an diese kurze Phase nach dem Aufstieg, als man einen ansprechenden Saisonstart hinter sich hatte und man mal für wenige Monate nicht das Gefühl haben musste, der Laden fliege einem gleich links und rechts um die Ohren? Ich hab es schon fast wieder verdrängt, denn nach offenen Briefen, allerlei Kampagnen aus den verschiedensten Richtungen, Rücktritten, öffentlich ausgetragenen Streits und einem Fast-Abstieg regiert in Bad Cannstatt wieder die blanke Angst. Sowohl im Verein, als auch außerhalb. 12.000 Leute unterschreiben für eine Vertragsverlängerung von Sven Mislintat, aktuell wird schon eine außerordentliche Mitgliederversammlung geplant, während so ziemlich jedes Detail aus dem Verein in kürzester Zeit beim Boulevard landet, der Ehrenpräsident in offensichtlichster Art und Weise seinem ehemaligen Vorstandsreferenten zur Seite springt, so ziemlich jeder Ex-Spieler schon seinen Senf dazugegeben hat und, ja wirklich, am kommenden Montag Bruno Labbadia seinen bis 2025 laufenden Vertrag antritt. Kurz: Allen geht der Arsch auf Grundeis. Den einen wegen des drohenden Abstiegs. Und den anderen wegen des drohenden Untergangs des Vereins nachdem man Sven Mislintats Weg verlassen hat.

Wozu braucht es eigentlich einen Sportdirektor?

So zumindest die Interpretation, die im Falle Brunos Labbadias sicherlich nicht ganz von der Hand zu weisen ist. Zumindest formell und auch nach offizieller Verlautbarung soll der vermeintlich verlassene Weg aber vom neuen Sportdirektor Fabian Wohlgemuth weitergeführt werden. Bevor ich darauf eingehe, ob er dazu in der Lage ist oder willens sein könnte, noch eine grundsätzliche Überlegung: Das Konstrukt eines Sportvorstands mit einem ihm formal unterstellten Sportdirektor ist in der Geschichte des VfB ziemlich einmalig. Sicher gab es auch zu e.V.-Zeiten Manager, Sportvorstände oder Sportdirektoren – die Bezeichnungen waren da wechselnd – denen andere Menschen zugearbeitet haben im Scouting und in der Kaderplanung. Dass es aber einen Sportvorstand gibt, der die von seinem Sportdirektor getätigten Transfers ledigliche bestätigt oder ablehnt und gegebenenfalls eine grobe Ausrichtung der Transfer- und Kaderpolitik vorgibt: Das gibt es erst, seit Thomas Hitzlsperger und Sven Mislintat im Frühjahr 2019 ihre Posten antraten. Die Rollenaufteilung zwischen Vorstand und Direktor ergab sich bis letzten Mittwoch vor allem aus der Personenkonstellation: Der Sportdirektor plante den Kader und verpflichtete und verkaufte Spieler, der Vorstand leistete die Unterschrift und gab vielleicht Leitlinien vor, hielt sich aber sonst mangels Expertise raus aus dem Tagesgeschäft. Das war so lange mehr oder weniger sinnvoll, wie Sven Mislintat die Aufgaben eines Sportvorstandes quasi mit erledigte, inklusive des öffentlichen Auftretens in sportlichen Fragen, während sich sowohl Thomas Hitzlsperger als auch Alexander Wehrle vor allem auf ihre Rollen als Vorstandsvorsitzende zurückzogen – mit Nuancen: Hitzlspergers Erfahrung als ehemaliger Spieler holte sich Wehrle durch Sami Khedira und Philipp Lahm von außen.

Aber braucht es da überhaupt noch die Unterscheidung zwischen einem Sportvorstand und einem Sportdirektor? Alexander Wehrle wird auch Wohlgemuth die Kaderplanung überlassen, warum ihn nicht gleich in den Vorstand berufen und damit auch allen möglichen Diskussionen über eine angebliche “mittelfristige” Einbindung Sami Khediras in den Vorstand aus dem weg gehen? Vermutlich, weil auch fünf Jahre nach der Ausgliederung und drei Jahre nach der Einführung eines Sportdirektors und eines Vorstandsvorsitzenden die Strukturen beim VfB immer noch auf bestimmten Personenkonstellationen beruhen und nicht auf klar definierten und abgegrenzten Aufgabenbereichen. Hat mittlerweile mal jemand geklärt, wer für die Akquise neuer Investoren zuständig ist? Zumal Wohlgemuth, dem ich mich jetzt endlich widmen möchte, auch in Paderborn in vorderster Reihe stand, wie mir SCP-Fan Marco vom Padercast erklärt: “Der Geschäftsführer Sport ist beim SCP07 alleinverantwortlich für die Sportlichen Belange in der ausgelagerten KGaA, dazu gehört neben der ersten Mannschaft die U21, U19 und die U17. Neben Fabian Wohlgemuth gibt es noch zwei weitere Geschäftsführer für die nicht sportlichen Bereiche.” Aber das nur am Rande. Zunächst die Frage:

Wer ist Fabian Wohlgemuth?

Einen guten Eindruck vermittelt dieses Portrait von Joel Lischka beim SWR. Als Spieler war der gebürtige Berliner Innenverteidiger und vor allem im Osten und Nordosten Deutschlands auf Regionalliga-Niveau aktiv. 2008 stieg er dann beim HSV als Nachwuchstrainer und -Scout ein, bevor er beim VfL Wolfsburg erst im Jugendbereich scoutete und schließlich 2011 zum Direktor des NLZ wurde. Wie Leonard Hartmann von den Wolfsburger Nachrichten unterstreicht, durchaus erfolgreich Die mittlerweile abgemeldete U23 gewann mehrfach die Regionalliga-Meisterschaft (und verlor dann die Relegation) und auch die U19 kam in die Finalrunde um die Deutsche Meisterschaft. Auch damals, so Leonard, habe er schon über ein breites Netzwerk verfügt, welches ihm auch bei seinen Stationen in Kiel und Paderborn bei der Kaderplanung geholfen habe.

Der neue Sportdirektior Fabian Wohlgemuth. © Thomas F. Starke/Getty Images
Der neue Sportdirektior Fabian Wohlgemuth. © Thomas F. Starke/Getty Images

Anfang Juni 2018 stieg er dann als Geschäftsführer Sport bei der KSV Holstein ein. Kiel war damals gerade in der Relegation zur Bundesliga – ausgerechnet (sorry!) am VfL Wolfsburg. Wohlgemuth ersetzte den früheren VfB-Scout Ralf Becker als Geschäftsführer und stand vor der Herausforderung, dass der Verein ohne Trainer und ohne wichtige Stützen wie Dominick Drexler, Rafal Czichos oder Kenneth Kronholm dastand, wie mir die Podcast-Kollegen von 1912FM erläuterten. Die erste Saison verlief mit Platz 6 recht erfolgreich. Sogar so erfolgreich, dass ein gewisser Bundesligaabsteiger nach der Saison den Trainer abwarb, nur um ihn ein halbes Jahr später wieder zu entlassen. Kurz davor endete auch schon wieder die Amtszeit von Wohlgemuth in Kiel, der Walter mit Andre Schubert nicht adäquat ersetzen konnte. In jener ersten Saison habe Kiel jedoch mit einem “sehr starken Kader” sehr guten Fußball gespielt. Zum Erfolg hätten Verpflichtungen wie Jae-Sung Lee (heute in Mainz und mit Südkorea bei der WM), aber auch Janni Serra, Jonas Meffert oder Jannik Dehm beigetragen. Die letzteren drei reißen natürlich Fans eines Bundesligavereins nicht notwendigerweise von den Sitzen und bis auf Meffert verließen auch alle genannten Spieler den Verein im vergangenen Sommer wieder ablösefrei. Während Wohlgemuths Zeit in Kiel trugen sie aber eben zum Erfolg der Mannschaft bei.

Finanziell sei Holstein damals im unteren Mittelfeld der 2. Bundesliga anzusiedeln gewesen, hatte aber durch die oben genannten Abgänge im Sommer 2018 etwas Spielraum. Wohlgemuth verpflichtete Spieler für überschaubare Beträge, laut den Podcast-Kollegen sei mit Transfers wie Benjamin Girth, Heinz Mörschel oder Lion Lauberbach aber auch viel Geld verbrannt wurden, welches immerhin durch den Verkauf David Kinsombis an den HSV “verkraftbar” gewesen sei. Immerhin setzte er auch als Funktionär im Herrenbereich den Fokus auf junge Spieler: Das Durchschnittsalter der im Sommer 2018 verpflichteten Spieler lag bei 21,4 Jahren, ein Jahr später bei 22,8. Der Großteil der Neuzugänge war zwischen 18 und 22 Jahre alt, im Sommer 2019 zwischen 21 und 23 Jahren. Viele junge Spieler hätten ein enormes Potenzial gehabt, dazu habe der Kader aber auch über “fertige” Spieler verfügt. Aus dem eigenen NLZ seien wenige Spieler in den Profikader aufgenommen worden, was aber in Kiel unabhängig von Wohlgemuth die Regel sei. Auch das Scheitern von André Schubert lasten die Podcaster nicht allein Wohlgemuth an, der Trainer sei am Ende eine Notlösung gewesen, nachdem der Verein viele Absagen kassiert hatte. Jedoch: “Leider kann man schnell bei einigen ‘wichtigen’ Leuten in Ungnade fallen und muss dann auch schnell gehen.” An seine Zeit in Kiel dächten viele gerne zurück, so die Einschätzung.

In der Nische

Nach einem Jahr Auszeit fand Wohlgemuth in Paderborn eine ähnliche Situation vor wie in Kiel: Der SCP war gerade aus der Bundesliga abgestiegen, die Mannschaft brach auseinander und der Verein stand sportlich vor einem Neuanfang. Wie Marco es formuliert: “Die darauffolgende Saison wird dann meistens zum Überraschungsei.” Wirtschaftlich habe der Verein aber auf gesunden Beinen gestanden (und tut das noch immer), ohne dabei große Summen in Spieler zu investieren. Die Erwartungshaltung sei also gewesen, mit überschaubaren Mitteln eine konkurrenzfähige Zweitligamannschaft aufzubauen, bestehend aus jungen Talenten oder Spielern mit Potenzial, die sich woanders (noch) nicht durchsetzen konnten, so Marco. In der Tat gab der SCP, wenn man den Zahlen von transfermarkt.de Glauben schenkt, in den letzten Jahren nur wenige hunderttausend Euro für Neuzugänge aus, die Ausnahme war Chris Führich, den man nach seiner Leihe aus Dortmund fest verpflichtete und direkt für einen Millionenbetrag an den VfB weiterverkaufte. An das wochenlange Ringen um den Spieler erinnert man sich in Stuttgart noch gut. Auch in Paderborn lag der Altersschnitt der Neuzugänge mit 23 Jahren in den ersten beiden Spielzeiten und 24 Jahren im vergangenen Sommer recht niedrig. Unabhängig vom Alter, das ich hier auch nicht zum alleinigen Maßstab erheben möchte, sei der Umbruch aber “sehr gut gelungen”, findet Marco. Wohlgemuth habe die Zeit und die Ruhe gehabt, den Kader kontinuierlich zu verbessern, zumindest zu Beginn der Saison stand der SCP auch auf einem Aufstiegsplatz und Marco hält es für durchaus realistisch, dass das Team in der Rückrunde noch einmal oben angreift. Er fasst Wohlgemuths Transferphilosophie folgendermaßen zusammen:

Fabian Wohlgemuth hat es verstanden in einer Nische zu operieren in der sich zwar Talente befinden die aber nicht bei jedem Verein auf der Liste sind. Dabei verstand er es auch Erfahrung mit in den Kader zu holen und hat unserem Kader eine große Breite gegeben.

Zur Einbindung des NLZ kann er mangels Einblick wenig sagen, geht aber von einer übergreifenden Planung aus, weil der Verein sich zum Ziel gesetzt habe, die U21 in die Regionalliga zu bringen.

Kaum Fehlertoleranz

Ist Wohlgemuth also eine gute Wahl als Nachfolger von Sven Mislintat? In Kiel ist man durchaus der Meinung: “Der Erfolg von Holstein und auch Paderborn gibt Wohlgemuth in allen Belangen Recht und wir glauben, die Stuttgarter dürfen sich auf ein sehr guten Sportdirektor und einige spannende Transfers freuen.” Auch mit dem derzeit immensen öffentlichen Druck werde er gut klar kommen. Das ist natürlich schon ein Unterschied, denn sowohl in Kiel als auch in Paderborn ist natürlich das Umfeld wesentlich ruhiger und auch die öffentliche Aufmerksamkeit nicht so groß, so dass dort ein ruhigeres Arbeiten eher möglich war als vielleicht in Stuttgart. Marco hebt hervor, dass Wohlgemuth sich in Paderborn selten öffentlich geäußert habe, gleichzeitig seien aber Transfers auch nicht Wochen vorher durch die Medien gegeistert – eine Kunst, die Sven Mislintat zumindest zu Zweitliga-Zeiten ja auch in Perfektion beherrschte, selbst in Stuttgart. Marco meint, es bleibe abzuwarten, ob er die erfolgreiche Arbeit in Paderborn in Stuttgart fortsetzen könne und fügt lakonisch an: “Stuttgart wird mit ihm sehr gut für die zweite Liga gewappnet sein ob er auch einen erfolgreichen Kader für Liga 1 zusammenstellen werde ich mit Spannung verfolgen.”

Ob Wohlgemuths Transfers in Stuttgart einschlagen werden, hängt natürlich von vielen Faktoren, ähnlich wie bei seinem Vorgänger. Man muss aber Alexander Wehrle dahingehend Recht geben, dass Wohlgemuth dazu in der Lage ist, den bisher beschrittenen Weg weiterzugehen. Nicht in jedem Detail wie Sven Mislintat und vielleicht auch im Scouting mit einem anderen Ansatz, aber in der Grundausrichtung mit einem Fokus auf junge Spieler und deren Ausbildung. Als ehemaliger NLZ-Chef und Funktionär im Jugendbereich ist auch nicht unbedingt zu erwarten, dass er den mittlerweile wieder hochkarätig bestückten Nachwuchs des VfB links liegen lässt. Hätte ich Sven Mislintat, jetzt mal abseits der Diskussion um Vertragsmodalitäten und die Struktur der AG gerne behalten? Ja. Aber Fabian Wohlgemuth bringt vieles mit, um seine Arbeit fortzuführen. Klar ist aber auch: Die Fehlertoleranz in Stuttgart ist kaum noch vorhanden. Nicht nur emotional, sondern auch finanziell. Der VfB ist in dieser Hinsicht nach allen Verlautbarungen alles andere als stabil und steht auch nicht wie Kiel und Paderborn vor einem personellen Umbruch. Wohlgemuth muss den Kader wenn überhaupt behutsam umbauen, vor allem erstmal mit den Spielern arbeiten, die da sind und dafür sorgen, dass der VfB am Ende die Klasse hält. Mit einem Trainer Bruno Labbadia, mit dem er übrigens trotz zeitlicher Überschneidung in Wolfsburg nur wenig zu tun hatte, so Leonard.

Hatten wir das nicht hinter uns?

Und beim Namen Labbadia wird es haarig – no pun intended. Zunächst mal meine völlig emotionale Einschätzung: Ich dachte, wir hätten den Scheiß hinter uns. Zugegebenermaßen verblassen die Erinnerungen nach zehn Jahren ein wenig aber ich weiß noch, dass der Fußball am Ende nicht mehr schön anzusehen war – und leider auch nicht mehr erfolgreich. Was Labbadia über Sommerpause 2013 rettete, war die Tatsache, dass man unter anderem mit Siegen über drei Zweitligisten das Pokalfinale und damit erneut den Einzug in den Europapokal erreichte. Eigentlich kam die Entlassung nach nach einem Fehlstart in der Liga und rumpeligen Europapokalauftritten gegen Plovdiv und Rijeka mindestens ein Jahr zu spät. Die 2013/2014 konnte Thomas Schneider, der damals zur falschen Zeit am falschen Ort war, auch nicht mehr retten und der VfB stolperte weiter der zweiten Liga entgegen: Stevens, Veh, Stevens, Zorniger, Kramny, tschüss. Hätte man diese Abwärtsspirale verhindern können, wenn man sich nicht Anfanf der 2010er-Jahre von einer Saison in die nächste gewurschtelt hätte und dabei immer nur aufs Endergebnis der Saison geblickt hätte, statt auf den Verlauf? Viele grundlegende Fehler wurden in dieser Zeit gemacht. Nicht nur von Labbadia, auch von Fredi Bobic und Uli Ruf beispielsweise, aber neben dem Fußball war auch Labbadias zunehmende Meckerei über die Rahmenbedingungen ermüdend.

Womit wir wieder in der Gegenwarte angekommen sind, in der die Rahmenbedingungen auch nicht rosig sind, gleichzeitig aber die Mannschaft eine ganz andere Struktur hat und der ganze Verein in heller Aufregung ist. Am Montag ist es fast auf den Tag genau zwölf Jahre her, dass Labbadia die VfB-Mannschaft zum ersten Mal von einem glücklosen Jens Keller übernahm. Der VfB stand nach 16 Spielen mit 12 Punkten auf Platz 17 und beendete die Saison mit 30 Punkten mehr auf Platz 12. Aber lässt sich Geschichte so einfach wiederholen? Und selbst wenn, wie geht es dann weiter, wo steht der VfB im Jahr 2025 und vor allem: An welcher Seitenlinie steht Bruno Labbadia dann. Um mich in meiner Bewertung der Entscheidung nicht komplett auf meine zehn Jahre alten Erinnerungen zu verlassen, habe ich mich mal schlau gemacht, was seit 2013 alles passiert ist. Bei HSV-Fan Tanja, bei dem bereits zitierten Wolfsburg-Experten Leonard und bei Hertha-Fan und Journalist Marc. Sie zeichnen ein, nunja, gemischtes Bild von Bruno Labbadia.

HSV, VfB, olé, olé

Nach seinem Aus in Stuttgart arbeitete Labbadia knapp 20 Monate nicht als Trainer bevor er im April 2015 den HSV übernahm – bereits zum zweiten Mal. Diesmal kämpfte der Verein aber nicht um Pokale, sondern unter anderem mit dem VfB um den Klassenerhalt. Der gelang ihm mit dem HSV trotz der Niederlage am 33. Spieltag in Stuttgart über die Relegation und den Karlsruher SC. Letztlich sei man froh gewesen, dass sich überhaupt jemand der Mannschaft angenommen habe, nachdem Interimstrainer Peter Knäbel gescheitert sei, erklärt Tanja, auch in Hamburg hinterließ aber Labbadias erste Amtszeit einen üblen Nachgeschmack: “Damals hatte Labbadia sich mit einigen Führungsspielern wie Ze Roberto und van Nistelrooy überworfen, gleichzeitig aber auch nicht den Mumm sie auf die Bank zu setzen und sich so auch den Unmut anderer Spieler, die nicht so viele “Freiheiten” bekamen, zugezogen. Das Ende vom Lied war, dass Labbadia gehen musste und die Mannschaft so zerstritten war, dass der große Traum des Europa-League-Finales im eigenen Stadion im Halbfinale endete.” Andererseits sei der Fußball in der Hinrunde 2009 “teilweise fantastisch” gewesen, so dass er in Hamburg bei seiner Rückkehr anders als in Stuttgart derzeit einige Fans hatte. In der Folgesaison erreichte der HSV Platz 10 bevor Labbadia fast auf den Tag genau drei Jahre und einen Monat nach seiner Entlassung in Stuttgart auch in Hamburg rausflog. Laut Tanja lag das vor allem an inhaltlichen Differenzen mit Vorstand Dietmar Beiersdorfer, die zu einem schlecht geplanten Kader führten, mit dessen Spielern Labbadia nichts anfangen konnte. Gleichzeitig traute sich Beiersdorfer aber nicht, Labbadia schon im Sommer zu entlassen.

Was Tanja über Labbadias Zeit in Hamburg sagt, kommt vielen VfB-Fans bekannt vor: Der Fußball sei nicht ausnehmend schlecht gewesen, habe aber auch wenig Entwicklung erkennen lassen, während Labbadia die Mannschaft eher mit einer Wagenburg-Mentalität versucht habe zu motivieren: no one likes us, we don’t care. Labbadia setzte kaum auf junge Spieler und entwickelte auch keine Spieler weiter, sei aber als Feuerwehrmann gut geeignet, könne kurzfristig durchaus die richtige Motivation herauskitzeln und hinterlasse eine fitte Mannschaft. Neben dem Fokus auf Sicherheit, der jungen Spielern den Weg in den Kader verbaue mische er sich aber auch in die Kaderplanung ein. Tanjas Fazit: “Wenn man also ein Team hat, das noch in der Findung ist und mit einem klaren Konzept weiterentwickelt werden muss, dann ist Labbadia der Falsche und kostet mittelfristig nicht nur viel Geld, sondern auch Zeit, die man eigentlich noch weniger hat.” Immerhin: Die VfB-Mannschaft scheint sich durchaus gefunden zu haben, kurzfristig sind es vor allem einige Stellschrauben, an denen gedreht werden muss.  Langfristig ist das natürlich etwas anderes. Unterm Strich setzte Labbadia die durchaus als gemischt zu bewertende Arbeit aus Stuttgarter Zeiten in Hamburg fort.

Laufstärke und Ballbesitz

Danach war er wieder über eineinhalb Jahren ohne Job, bevor er im Februar 2020 in Wolfsburg einstieg. Auch hier fand er einen Verein in höchster Abstiegsnot vor. Der gelang, bevor er die Wolfsburger im Folgejahr auf Platz 6 führte und die Saison mit einem 8:1 gegen Augsburg abschloss – und damit auch seinen Vertrag. Den ließ er nämlich auslaufen, weil er sich mit Sportchef Jörg Schmadtke überworfen hatte. Dieser kam wiederum erst nach Labbadia nach Wolfsburg (hört sich bekannt an) und beschnitt den Trainer, der während der Vakanz nach dem Ausscheiden von Olaf Rebbe auch mit Spielern verhandelt haben soll, in seinen kaderplanerischen Tätigkeiten, die er schon in Hamburg versucht hatte auszuleben. Der Riss sei am Ende nicht mehr zu kitten gewesen. Sportlich schaffte er nach einem vor allem für die Spieler schweißtreibenden Abstiegskampf laut Leonard den Übergang zum Ballbesitzspiel, dieses “gehörte zum Besten, was die Liga zu bieten hatte. Die Automatismen saßen, jeder wusste, was zu tun war.”Auch beim VfB müssten sich die Spieler auf intensive Wochen mit “hammerhartem” Training einstellen, “aber wenn die Grundlagen sitzen, geht es ans Spielerische – und auch da hat Labbadia viele, viele Lösungen, die sehr attraktiv sein können”, so Leonard Dass die Arbeit in Wolfsburg aufgrund der größeren finanziellen Möglichkeiten einfacher gewesen sei, verneint Leonard. Labbadia sei Pragmatiker, dass er mit denen arbeite, die ihm zur Verfügung standen, sei einer von Labbadias Liebslingssätzen gewesen. Dazu gehörten unter anderem Wout Weghorst und Jérôme Roussillon, die unter ihm aufblühten, während auch in Wolfsburg Nachwuchsspieler wenig Einsatzmöglichkeiten hatten. Zunächst wegen des drohenden Abstiegs abaer auch, weil Wolfsburg scheinbar über gute Jugendmannschaften, aber kein herausragenden Spieler in diesem Bereich verfügte.

Erneut dauerte es knapp eineinhalb Jahre, bis Labbadia seine nächste Trainerstelle antrat, wieder bei einem Verein, bei dem es drunter und drüber ging und der in höchsten Abstiegsnöten steckte: Was in den mittleren 2010er Jahren auf den HSV (und den VfB) zu traf, beschreibt im April 2020 Hertha BSC. Während der Corona-Pause übernahm er die Mannschaft, die zu diesem Zeitpunkt mit Ante Covic, Jürgen Klinsmann und Alexander Nouri schon drei Trainer verschlissen hatte. Dementsprechend positiv sei Labbadia aufgenommen worden, so Marc: “Man war froh, mit Bruno Labbadia wieder einen „echten“ Trainer zu bekommen. Jemand, der etwas von seinem Handwerk versteht, über viel Erfahrung verfügt und schon mehrere Klubs in ähnlicher Tabellenlage zum Klassenerhalt geführt hatte. Seine sehr erfolgreiche Station zuvor in Wolfsburg hatte zusätzlich positiv zum Eindruck beigetragen.” Als der Spielbetrieb im Mai wieder aufgenommen wurde, schaffte Labbadia auch in Berlin den Klassenerhalt und hievte Hertha am Ende auf Platz 11, Marc zufolge mit “einem klaren 4-2-3-1 und den erfahrenen Kräften im Kader”. Jedoch: Nach weniger als einem Jahr war für ihn schon wieder Schluss in der Hauptstadt, denn Hertha stand bekanntlich wieder im Abstiegskampf. Für Marc die richtige Entscheidung, denn der Glaube, mit Labbadia Spiele zu gewinnen, sei aufgebraucht gewesen, so dass sein Nachfolger, in diesem Fall Rückkehrer Pal Darda nicht mal unbedingt ein besserer Trainer hätte sein müssen – nur ein anderer. Wie auch in Wolfsburg treffe Labbadia aber nicht die alleinige Schuld an der Situation. Marc nennt ” einen gescheiterten Umbruch, einen falsch zusammengestellten Kader und teils unglücklichen Spielverläufe” ebenfalls als Grund.

Ein neuer Labbadia?

Der gescheiterte Umbruch manifestierte sich vor allem darin, dass mit Ibisevic, Kalou, Skjelbrd und Kraft eine Reihe von Führungsspielern den Verein im Herbst 2020 verließen und dafür Spieler ohne Bundesligaerfahrung kamen, denen wiederum die eben genannten Führungsspieler bei der Integration fehlten. Zudem hätten die teilweise kostspieligen Transfers nicht zu Labbadias Spielidee gepasst. Er wollte ähnlich wie in Wolfsburg in einem 4-3-3 mit einen starken Fokus auf Flanken von den Flügeln spielen, hatte jedoch keine offensiven Flügelspieler zur Verfügung, Stoßstürmer Jhon Cordoba stieß erst sehr spät zur Mannschaft. “Labbadia wurde im Transfersommer 2020 ein Bärendienst geleistet”, so Marc. So habe die Mannschaft jede Konstanz und Balance verloren und kam nicht mehr über Ansätze hinaus. Vor allem in der wackeligen Defensive sieht Marc die Schuld auch bei Labbadia, weil dieser pragmatischer hätte sein müssen, indem er seine Spielidee an die Gegebenheiten anpasst. Anders als in Wolfsburg reichte ihm in Berlin die Zeit nicht, um die Transformation vom laufintensiven Konter- und Flügelspiel zum Ballbesitzspiel  zu vollenden. Immerhin funktionierte ersteres eine ganze Zeit lang ziemlich gut:

“Mit schnellen Umschaltmomenten und einem exzellenten Freilaufverhalten auf den Flügelpositionen – sei es von den offensiven Flügelspielern oder aber den Außenverteidigern – wurde Gefahr entwickelt. Auffällig war zudem, wie laufstark Hertha unter Labbadia war. Er weckte die Leidenschaft seiner Spieler, die dadurch stets aktiv waren und durch viel Laufarbeit Lücken schlossen. Hertha gewann anfangs auch einige Partien dadurch, dass man schlichtweg fitter als der Gegner war – das nutzt sich mit der Zeit aber natürlich ab.”

Zwei Aspekte sind aus unserer Sicht noch durchaus interessant: So schafften in seiner Zeit mit Jessic Ngankam, Marton Dardai und Lazar Samardzic den Sprung in die Bundeslia, während der Nachwuchs unter seinen Vorgängern kaum Beachtung fand. Natürlich war auch Labbadia angesichts der sportlichen Situation gezwungen, den Fokus auf die Gegenwart zu legen. Trotzdem ließ er nach dem Restart der Bundesliga viele Jugendspieler mittrainieren, um sich einen Eindruck zu verschaffen. Zum anderen habe Labbadia immer wieder deutlich gemacht und gezeigt, wie sehr er für die Aufgabe bei Hertha brannte und habe sich auch bis heute nicht negativ über seine Zeit in Berlin geäußert. Wer noch mehr von Marc zu Labbadia erfahren will, sollte übrigens unbedingt in die neueste Folge des BrustringTalks reinhören.

Mut oder Hasenfüßigkeit?

Hat sich Bruno Labbadia also am Ende in den letzten neun Jahren geändert, sowohl was den Spielansatz angeht, als auch im Umgang mit Rahmenbedingungen und dem Nachwuchs? Wir werden es sehen. Ich bin und bleibe skeptisch, eine nachhaltig erfolgreiche Phase mit Labbadia, in der er seinen Vertrag erfüllt, übersteigt immer noch meine Vorstellungskraft. Gleichzeitig kann ich auch die allenthalben vorherrschende Weltuntergangsstimmung und diverse Rücktrittsforderungen und Aufrufe zu einer außerordentlichen Mitgliederversammlung nur bedingt nachvollziehen, auch wenn ich natürlich grundsätzlich diese Form der vereinsinternen Demokratie unterstütze. Fraglos ist kommunikativ vieles katastrophal gelaufen in den letzten zwölf Monaten und vieles hat sicherlich mit dazu beigetragen, dass Sven Mislinat noch weniger Lust hatte, sich seinen bisherigen Vertrag zusammenstreichen zu lassen. Gleichzeitig ist die Entscheidung für Labbadia, gerade nach den bisher diskutieren Namen, wie der Vertikalpass schreibt “eine einfallslose, uninspirierte und rückwärtsgerichtete Verpflichtung, ein Verzweiflungsakt.” Man weiß eben vermeintlich, was man kriegt und das passt so gar nicht zum bisherigen Weg, der mit einer aufregenden und vielversprechenden Philosophie verbunden war und jede Saison mit dem gewissen Maß an Nervenkitzel, welches der jungen Talente den Durchbruch schaffen würde. Gleichzeitig gelang es Mislintat auch, einen Spieler wie Guirassy zu verpflichten, der sofort weiterhalf.

Nur: Eine Garantie oder einen Automatismus, dass eine Rückrunde mit Sven Mislintat und einem von ihm gemeinsam mit Alexander Wehrle ausgesuchten Trainer erneut im Klassenerhalt geendet wäre gibt es nicht. Die Verantwortlichen gehen mit Bruno Labbadia das vermeintlich geringste Risiko ein, am Ende der Saison absteigen zu müssen. Man kann sich über diesen Kurswechsel vom mutigen Auftreten zur Hasenfüßigkeit ärgern, man kann befürchten, dass sich die Geschichte wiederholt und wir mit Labbadia erneut eine Dekade der Schmerzen einleiten. Den Verantwortlichen jedoch vereinsschädigendes Verhalten vorzuwerfen (und damit beschreibe ich nur die Spitze des Eisbergs der geäußerten Kritik), weil sie die Erfolgsaussichten in bestimmten Personenkonstellationen anders bewerten als wir, ist weit drüber. Ich habe es schon mal geschrieben: Falls wir im Sommer absteigen, hat der Misserfolg viele Väter. Ein Schwarz-Weiß-Denken wird der aktuellen Situation nicht gerecht und jeder, der jetzt behauptet, Erfolg, auch nachhaltig, wäre einzig und allein mit Sven Mislintat in verantwortlicher Position zu erreichen, lügt sich selbst in die Tasche. Vorschusslorbeeren gibt es beim VfB in der aktuellen Situation nicht. Aber blinder Pessimismus hat hier auch keinen Platz.

Titelbild: © Maja Hitij/Getty Images

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