Arsch auf Grundeis

Etwas mehr als eine Woche ist ver­gan­gen seit dem letz­ten Arti­kel auf die­ser Sei­te, seit Sven Mislin­tat nach über drei Jah­ren den VfB ver­las­sen hat. In die­sen sie­ben Tagen ver­pflich­te­te der Ver­ein mit Fabi­an Wohl­ge­muth einen neu­en Sport­di­rek­tor und knapp danach einen neu­en Trai­ner: Bru­no Lab­ba­dia. Der Ver­such einer eini­ger­ma­ßen sach­li­chen Ein­ord­nung der bei­den Per­so­na­li­en und der aktu­el­len Situa­ti­on.

Wenn die Spie­ler des VfB am kom­men­den Mon­tag aus dem Kurz­ur­laub nach der USA-Rei­se zurück­keh­ren, ist vie­les anders als noch beim Abflug aus Aus­tin, Texas. Es erwar­tet sie nicht mehr Micha­el Wim­mer, son­dern Bru­no Lab­ba­dia mit sei­nen Co-Trai­nern Bern­hard Tra­res und Ben­ja­min Sachs sowie Ath­le­tik­trai­ner Gün­ter Kern, der bereits zwei Mal unter Armin Veh beim VfB arbei­te­te und jetzt unter Lab­ba­dia zum zwei­ten Mal nach Stutt­gart zurück­kehrt. Und wenn sie in den kom­men­den Wochen über Ver­trä­ge und Trans­fer­mo­da­li­tä­ten ver­han­deln, sitzt ihnen nicht mehr Sven Mislin­tat gegen­über, son­dern Fabi­an Wohl­ge­muth. Los­ge­eist für eine nicht uner­heb­li­che Ablö­se­sum­me aus Pader­born und zumin­dest mir nur dadurch bekannt, dass er die Pokal­aus­lo­sung mit den Wor­ten kom­men­tier­te, der SCP habe sich schon vie­le span­nen­de Duel­le mit dem VfB gelie­fert. Naja. Eins halt. 2015. Aber das nur neben­bei.

Denn es geht aktu­ell beim VfB um viel mehr, um nicht zu sagen ums gro­ße Gan­ze. Erin­nert sich noch jemand an die­se kur­ze Pha­se nach dem Auf­stieg, als man einen anspre­chen­den Sai­son­start hin­ter sich hat­te und man mal für weni­ge Mona­te nicht das Gefühl haben muss­te, der Laden flie­ge einem gleich links und rechts um die Ohren? Ich hab es schon fast wie­der ver­drängt, denn nach offe­nen Brie­fen, aller­lei Kam­pa­gnen aus den ver­schie­dens­ten Rich­tun­gen, Rück­trit­ten, öffent­lich aus­ge­tra­ge­nen Streits und einem Fast-Abstieg regiert in Bad Cannstatt wie­der die blan­ke Angst. Sowohl im Ver­ein, als auch außer­halb. 12.000 Leu­te unter­schrei­ben für eine Ver­trags­ver­län­ge­rung von Sven Mislin­tat, aktu­ell wird schon eine außer­or­dent­li­che Mit­glie­der­ver­samm­lung geplant, wäh­rend so ziem­lich jedes Detail aus dem Ver­ein in kür­zes­ter Zeit beim Bou­le­vard lan­det, der Ehren­prä­si­dent in offen­sicht­lichs­ter Art und Wei­se sei­nem ehe­ma­li­gen Vor­stands­re­fe­ren­ten zur Sei­te springt, so ziem­lich jeder Ex-Spie­ler schon sei­nen Senf dazu­ge­ge­ben hat und, ja wirk­lich, am kom­men­den Mon­tag Bru­no Lab­ba­dia sei­nen bis 2025 lau­fen­den Ver­trag antritt. Kurz: Allen geht der Arsch auf Grund­eis. Den einen wegen des dro­hen­den Abstiegs. Und den ande­ren wegen des dro­hen­den Unter­gangs des Ver­eins nach­dem man Sven Mislin­tats Weg ver­las­sen hat.

Wozu braucht es eigentlich einen Sportdirektor?

So zumin­dest die Inter­pre­ta­ti­on, die im Fal­le Bru­nos Lab­ba­di­as sicher­lich nicht ganz von der Hand zu wei­sen ist. Zumin­dest for­mell und auch nach offi­zi­el­ler Ver­laut­ba­rung soll der ver­meint­lich ver­las­se­ne Weg aber vom neu­en Sport­di­rek­tor Fabi­an Wohl­ge­muth wei­ter­ge­führt wer­den. Bevor ich dar­auf ein­ge­he, ob er dazu in der Lage ist oder wil­lens sein könn­te, noch eine grund­sätz­li­che Über­le­gung: Das Kon­strukt eines Sport­vor­stands mit einem ihm for­mal unter­stell­ten Sport­di­rek­tor ist in der Geschich­te des VfB ziem­lich ein­ma­lig. Sicher gab es auch zu e.V.-Zeiten Mana­ger, Sport­vor­stän­de oder Sport­di­rek­to­ren — die Bezeich­nun­gen waren da wech­selnd — denen ande­re Men­schen zuge­ar­bei­tet haben im Scou­ting und in der Kader­pla­nung. Dass es aber einen Sport­vor­stand gibt, der die von sei­nem Sport­di­rek­tor getä­tig­ten Trans­fers ledig­li­che bestä­tigt oder ablehnt und gege­be­nen­falls eine gro­be Aus­rich­tung der Trans­fer- und Kader­po­li­tik vor­gibt: Das gibt es erst, seit Tho­mas Hitzl­sper­ger und Sven Mislin­tat im Früh­jahr 2019 ihre Pos­ten antra­ten. Die Rol­len­auf­tei­lung zwi­schen Vor­stand und Direk­tor ergab sich bis letz­ten Mitt­woch vor allem aus der Per­so­nen­kon­stel­la­ti­on: Der Sport­di­rek­tor plan­te den Kader und ver­pflich­te­te und ver­kauf­te Spie­ler, der Vor­stand leis­te­te die Unter­schrift und gab viel­leicht Leit­li­ni­en vor, hielt sich aber sonst man­gels Exper­ti­se raus aus dem Tages­ge­schäft. Das war so lan­ge mehr oder weni­ger sinn­voll, wie Sven Mislin­tat die Auf­ga­ben eines Sport­vor­stan­des qua­si mit erle­dig­te, inklu­si­ve des öffent­li­chen Auf­tre­tens in sport­li­chen Fra­gen, wäh­rend sich sowohl Tho­mas Hitzl­sper­ger als auch Alex­an­der Wehr­le vor allem auf ihre Rol­len als Vor­stands­vor­sit­zen­de zurück­zo­gen — mit Nuan­cen: Hitzl­sper­gers Erfah­rung als ehe­ma­li­ger Spie­ler hol­te sich Wehr­le durch Sami Khe­di­ra und Phil­ipp Lahm von außen.

Aber braucht es da über­haupt noch die Unter­schei­dung zwi­schen einem Sport­vor­stand und einem Sport­di­rek­tor? Alex­an­der Wehr­le wird auch Wohl­ge­muth die Kader­pla­nung über­las­sen, war­um ihn nicht gleich in den Vor­stand beru­fen und damit auch allen mög­li­chen Dis­kus­sio­nen über eine angeb­li­che “mit­tel­fris­ti­ge” Ein­bin­dung Sami Khe­di­ras in den Vor­stand aus dem weg gehen? Ver­mut­lich, weil auch fünf Jah­re nach der Aus­glie­de­rung und drei Jah­re nach der Ein­füh­rung eines Sport­di­rek­tors und eines Vor­stands­vor­sit­zen­den die Struk­tu­ren beim VfB immer noch auf bestimm­ten Per­so­nen­kon­stel­la­tio­nen beru­hen und nicht auf klar defi­nier­ten und abge­grenz­ten Auf­ga­ben­be­rei­chen. Hat mitt­ler­wei­le mal jemand geklärt, wer für die Akqui­se neu­er Inves­to­ren zustän­dig ist? Zumal Wohl­ge­muth, dem ich mich jetzt end­lich wid­men möch­te, auch in Pader­born in vor­ders­ter Rei­he stand, wie mir SCP-Fan Mar­co vom Pader­cast erklärt: “Der Geschäfts­füh­rer Sport ist beim SCP07 allein­ver­ant­wort­lich für die Sport­li­chen Belan­ge in der aus­ge­la­ger­ten KGaA, dazu gehört neben der ers­ten Mann­schaft die U21, U19 und die U17. Neben Fabi­an Wohl­ge­muth gibt es noch zwei wei­te­re Geschäfts­füh­rer für die nicht sport­li­chen Berei­che.” Aber das nur am Ran­de. Zunächst die Fra­ge:

Wer ist Fabian Wohlgemuth?

Einen guten Ein­druck ver­mit­telt die­ses Por­trait von Joel Lisch­ka beim SWR. Als Spie­ler war der gebür­ti­ge Ber­li­ner Innen­ver­tei­di­ger und vor allem im Osten und Nord­os­ten Deutsch­lands auf Regio­nal­li­ga-Niveau aktiv. 2008 stieg er dann beim HSV als Nach­wuchs­trai­ner und ‑Scout ein, bevor er beim VfL Wolfs­burg erst im Jugend­be­reich scou­te­te und schließ­lich 2011 zum Direk­tor des NLZ wur­de. Wie Leo­nard Hart­mann von den Wolfs­bur­ger Nach­rich­ten unter­streicht, durch­aus erfolg­reich Die mitt­ler­wei­le abge­mel­de­te U23 gewann mehr­fach die Regio­nal­li­ga-Meis­ter­schaft (und ver­lor dann die Rele­ga­ti­on) und auch die U19 kam in die Final­run­de um die Deut­sche Meis­ter­schaft. Auch damals, so Leo­nard, habe er schon über ein brei­tes Netz­werk ver­fügt, wel­ches ihm auch bei sei­nen Sta­tio­nen in Kiel und Pader­born bei der Kader­pla­nung gehol­fen habe.

Der neue Sportdirektior Fabian Wohlgemuth. © Thomas F. Starke/Getty Images
Der neue Sport­di­rek­ti­or Fabi­an Wohl­ge­muth. © Tho­mas F. Starke/Getty Images

Anfang Juni 2018 stieg er dann als Geschäfts­füh­rer Sport bei der KSV Hol­stein ein. Kiel war damals gera­de in der Rele­ga­ti­on zur Bun­des­li­ga — aus­ge­rech­net (sor­ry!) am VfL Wolfs­burg. Wohl­ge­muth ersetz­te den frü­he­ren VfB-Scout Ralf Becker als Geschäfts­füh­rer und stand vor der Her­aus­for­de­rung, dass der Ver­ein ohne Trai­ner und ohne wich­ti­ge Stüt­zen wie Domi­nick Drex­ler, Rafal Czi­chos oder Ken­neth Kron­holm dastand, wie mir die Pod­cast-Kol­le­gen von 1912FM erläu­ter­ten. Die ers­te Sai­son ver­lief mit Platz 6 recht erfolg­reich. Sogar so erfolg­reich, dass ein gewis­ser Bun­des­li­ga­ab­stei­ger nach der Sai­son den Trai­ner abwarb, nur um ihn ein hal­bes Jahr spä­ter wie­der zu ent­las­sen. Kurz davor ende­te auch schon wie­der die Amts­zeit von Wohl­ge­muth in Kiel, der Wal­ter mit And­re Schu­bert nicht adäquat erset­zen konn­te. In jener ers­ten Sai­son habe Kiel jedoch mit einem “sehr star­ken Kader” sehr guten Fuß­ball gespielt. Zum Erfolg hät­ten Ver­pflich­tun­gen wie Jae-Sung Lee (heu­te in Mainz und mit Süd­ko­rea bei der WM), aber auch Jan­ni Ser­ra, Jonas Mef­fert oder Jan­nik Dehm bei­getra­gen. Die letz­te­ren drei rei­ßen natür­lich Fans eines Bun­des­li­ga­ver­eins nicht not­wen­di­ger­wei­se von den Sit­zen und bis auf Mef­fert ver­lie­ßen auch alle genann­ten Spie­ler den Ver­ein im ver­gan­ge­nen Som­mer wie­der ablö­se­frei. Wäh­rend Wohl­ge­muths Zeit in Kiel tru­gen sie aber eben zum Erfolg der Mann­schaft bei.

Finan­zi­ell sei Hol­stein damals im unte­ren Mit­tel­feld der 2. Bun­des­li­ga anzu­sie­deln gewe­sen, hat­te aber durch die oben genann­ten Abgän­ge im Som­mer 2018 etwas Spiel­raum. Wohl­ge­muth ver­pflich­te­te Spie­ler für über­schau­ba­re Beträ­ge, laut den Pod­cast-Kol­le­gen sei mit Trans­fers wie Ben­ja­min Girth, Heinz Mör­schel oder Lion Lau­ber­bach aber auch viel Geld ver­brannt wur­den, wel­ches immer­hin durch den Ver­kauf David Kins­om­bis an den HSV “ver­kraft­bar” gewe­sen sei. Immer­hin setz­te er auch als Funk­tio­när im Her­ren­be­reich den Fokus auf jun­ge Spie­ler: Das Durch­schnitts­al­ter der im Som­mer 2018 ver­pflich­te­ten Spie­ler lag bei 21,4 Jah­ren, ein Jahr spä­ter bei 22,8. Der Groß­teil der Neu­zu­gän­ge war zwi­schen 18 und 22 Jah­re alt, im Som­mer 2019 zwi­schen 21 und 23 Jah­ren. Vie­le jun­ge Spie­ler hät­ten ein enor­mes Poten­zi­al gehabt, dazu habe der Kader aber auch über “fer­ti­ge” Spie­ler ver­fügt. Aus dem eige­nen NLZ sei­en weni­ge Spie­ler in den Pro­fi­ka­der auf­ge­nom­men wor­den, was aber in Kiel unab­hän­gig von Wohl­ge­muth die Regel sei. Auch das Schei­tern von André Schu­bert las­ten die Pod­cas­ter nicht allein Wohl­ge­muth an, der Trai­ner sei am Ende eine Not­lö­sung gewe­sen, nach­dem der Ver­ein vie­le Absa­gen kas­siert hat­te. Jedoch: “Leider kann man schnell bei eini­gen ‘wich­ti­gen’ Leu­ten in Ungna­de fal­len und muss dann auch schnell gehen.” An sei­ne Zeit in Kiel däch­ten vie­le ger­ne zurück, so die Ein­schät­zung.

In der Nische

Nach einem Jahr Aus­zeit fand Wohl­ge­muth in Pader­born eine ähn­li­che Situa­ti­on vor wie in Kiel: Der SCP war gera­de aus der Bun­des­li­ga abge­stie­gen, die Mann­schaft brach aus­ein­an­der und der Ver­ein stand sport­lich vor einem Neu­an­fang. Wie Mar­co es for­mu­liert: “Die dar­auf­fol­gen­de Sai­son wird dann meis­tens zum Über­ra­schungs­ei.” Wirt­schaft­lich habe der Ver­ein aber auf gesun­den Bei­nen gestan­den (und tut das noch immer), ohne dabei gro­ße Sum­men in Spie­ler zu inves­tie­ren. Die Erwar­tungs­hal­tung sei also gewe­sen, mit über­schau­ba­ren Mit­teln eine kon­kur­renz­fä­hi­ge Zweit­li­ga­mann­schaft auf­zu­bau­en, bestehend aus jun­gen Talen­ten oder Spie­lern mit Poten­zi­al, die sich woan­ders (noch) nicht durch­set­zen konn­ten, so Mar­co. In der Tat gab der SCP, wenn man den Zah­len von transfermarkt.de Glau­ben schenkt, in den letz­ten Jah­ren nur weni­ge hun­dert­tau­send Euro für Neu­zu­gän­ge aus, die Aus­nah­me war Chris Füh­rich, den man nach sei­ner Lei­he aus Dort­mund fest ver­pflich­te­te und direkt für einen Mil­lio­nen­be­trag an den VfB wei­ter­ver­kauf­te. An das wochen­lan­ge Rin­gen um den Spie­ler erin­nert man sich in Stutt­gart noch gut. Auch in Pader­born lag der Alters­schnitt der Neu­zu­gän­ge mit 23 Jah­ren in den ers­ten bei­den Spiel­zei­ten und 24 Jah­ren im ver­gan­ge­nen Som­mer recht nied­rig. Unab­hän­gig vom Alter, das ich hier auch nicht zum allei­ni­gen Maß­stab erhe­ben möch­te, sei der Umbruch aber “sehr gut gelun­gen”, fin­det Mar­co. Wohl­ge­muth habe die Zeit und die Ruhe gehabt, den Kader kon­ti­nu­ier­lich zu ver­bes­sern, zumin­dest zu Beginn der Sai­son stand der SCP auch auf einem Auf­stiegs­platz und Mar­co hält es für durch­aus rea­lis­tisch, dass das Team in der Rück­run­de noch ein­mal oben angreift. Er fasst Wohl­ge­muths Trans­fer­phi­lo­so­phie fol­gen­der­ma­ßen zusam­men:

Fabi­an Wohl­ge­muth hat es ver­stan­den in einer Nische zu ope­rie­ren in der sich zwar Talen­te befin­den die aber nicht bei jedem Ver­ein auf der Lis­te sind. Dabei ver­stand er es auch Erfah­rung mit in den Kader zu holen und hat unse­rem Kader eine gro­ße Brei­te gege­ben.

Zur Ein­bin­dung des NLZ kann er man­gels Ein­blick wenig sagen, geht aber von einer über­grei­fen­den Pla­nung aus, weil der Ver­ein sich zum Ziel gesetzt habe, die U21 in die Regio­nal­li­ga zu brin­gen.

Kaum Fehlertoleranz

Ist Wohl­ge­muth also eine gute Wahl als Nach­fol­ger von Sven Mislin­tat? In Kiel ist man durch­aus der Mei­nung: “Der Erfolg von Hol­stein und auch Pader­born gibt Wohl­ge­muth in allen Belan­gen Recht und wir glau­ben, die Stutt­gar­ter dür­fen sich auf ein sehr guten Sport­di­rek­tor und eini­ge span­nen­de Trans­fers freu­en.” Auch mit dem der­zeit immensen öffent­li­chen Druck wer­de er gut klar kom­men. Das ist natür­lich schon ein Unter­schied, denn sowohl in Kiel als auch in Pader­born ist natür­lich das Umfeld wesent­lich ruhi­ger und auch die öffent­li­che Auf­merk­sam­keit nicht so groß, so dass dort ein ruhi­ge­res Arbei­ten eher mög­lich war als viel­leicht in Stutt­gart. Mar­co hebt her­vor, dass Wohl­ge­muth sich in Pader­born sel­ten öffent­lich geäu­ßert habe, gleich­zei­tig sei­en aber Trans­fers auch nicht Wochen vor­her durch die Medi­en gegeis­tert — eine Kunst, die Sven Mislin­tat zumin­dest zu Zweit­li­ga-Zei­ten ja auch in Per­fek­ti­on beherrsch­te, selbst in Stutt­gart. Mar­co meint, es blei­be abzu­war­ten, ob er die erfolg­rei­che Arbeit in Pader­born in Stutt­gart fort­set­zen kön­ne und fügt lako­nisch an: “Stutt­gart wird mit ihm sehr gut für die zwei­te Liga gewapp­net sein ob er auch einen erfolg­rei­chen Kader für Liga 1 zusam­men­stel­len wer­de ich mit Span­nung ver­fol­gen.”

Ob Wohl­ge­muths Trans­fers in Stutt­gart ein­schla­gen wer­den, hängt natür­lich von vie­len Fak­to­ren, ähn­lich wie bei sei­nem Vor­gän­ger. Man muss aber Alex­an­der Wehr­le dahin­ge­hend Recht geben, dass Wohl­ge­muth dazu in der Lage ist, den bis­her beschrit­te­nen Weg wei­ter­zu­ge­hen. Nicht in jedem Detail wie Sven Mislin­tat und viel­leicht auch im Scou­ting mit einem ande­ren Ansatz, aber in der Grund­aus­rich­tung mit einem Fokus auf jun­ge Spie­ler und deren Aus­bil­dung. Als ehe­ma­li­ger NLZ-Chef und Funk­tio­när im Jugend­be­reich ist auch nicht unbe­dingt zu erwar­ten, dass er den mitt­ler­wei­le wie­der hoch­ka­rä­tig bestück­ten Nach­wuchs des VfB links lie­gen lässt. Hät­te ich Sven Mislin­tat, jetzt mal abseits der Dis­kus­si­on um Ver­trags­mo­da­li­tä­ten und die Struk­tur der AG ger­ne behal­ten? Ja. Aber Fabi­an Wohl­ge­muth bringt vie­les mit, um sei­ne Arbeit fort­zu­füh­ren. Klar ist aber auch: Die Feh­ler­to­le­ranz in Stutt­gart ist kaum noch vor­han­den. Nicht nur emo­tio­nal, son­dern auch finan­zi­ell. Der VfB ist in die­ser Hin­sicht nach allen Ver­laut­ba­run­gen alles ande­re als sta­bil und steht auch nicht wie Kiel und Pader­born vor einem per­so­nel­len Umbruch. Wohl­ge­muth muss den Kader wenn über­haupt behut­sam umbau­en, vor allem erst­mal mit den Spie­lern arbei­ten, die da sind und dafür sor­gen, dass der VfB am Ende die Klas­se hält. Mit einem Trai­ner Bru­no Lab­ba­dia, mit dem er übri­gens trotz zeit­li­cher Über­schnei­dung in Wolfs­burg nur wenig zu tun hat­te, so Leo­nard.

Hatten wir das nicht hinter uns?

Und beim Namen Lab­ba­dia wird es haa­rig — no pun inten­ded. Zunächst mal mei­ne völ­lig emo­tio­na­le Ein­schät­zung: Ich dach­te, wir hät­ten den Scheiß hin­ter uns. Zuge­ge­be­ner­ma­ßen ver­blas­sen die Erin­ne­run­gen nach zehn Jah­ren ein wenig aber ich weiß noch, dass der Fuß­ball am Ende nicht mehr schön anzu­se­hen war — und lei­der auch nicht mehr erfolg­reich. Was Lab­ba­dia über Som­mer­pau­se 2013 ret­te­te, war die Tat­sa­che, dass man unter ande­rem mit Sie­gen über drei Zweit­li­gis­ten das Pokal­fi­na­le und damit erneut den Ein­zug in den Euro­pa­po­kal erreich­te. Eigent­lich kam die Ent­las­sung nach nach einem Fehl­start in der Liga und rum­pe­li­gen Euro­pa­po­kal­auf­trit­ten gegen Plov­div und Rije­ka min­des­tens ein Jahr zu spät. Die 2013/2014 konn­te Tho­mas Schnei­der, der damals zur fal­schen Zeit am fal­schen Ort war, auch nicht mehr ret­ten und der VfB stol­per­te wei­ter der zwei­ten Liga ent­ge­gen: Ste­vens, Veh, Ste­vens, Zor­ni­ger, Kram­ny, tschüss. Hät­te man die­se Abwärts­spi­ra­le ver­hin­dern kön­nen, wenn man sich nicht Anfanf der 2010er-Jah­re von einer Sai­son in die nächs­te gewursch­telt hät­te und dabei immer nur aufs End­ergeb­nis der Sai­son geblickt hät­te, statt auf den Ver­lauf? Vie­le grund­le­gen­de Feh­ler wur­den in die­ser Zeit gemacht. Nicht nur von Lab­ba­dia, auch von Fre­di Bobic und Uli Ruf bei­spiels­wei­se, aber neben dem Fuß­ball war auch Lab­ba­di­as zuneh­men­de Mecke­rei über die Rah­men­be­din­gun­gen ermü­dend.

Womit wir wie­der in der Gegen­war­te ange­kom­men sind, in der die Rah­men­be­din­gun­gen auch nicht rosig sind, gleich­zei­tig aber die Mann­schaft eine ganz ande­re Struk­tur hat und der gan­ze Ver­ein in hel­ler Auf­re­gung ist. Am Mon­tag ist es fast auf den Tag genau zwölf Jah­re her, dass Lab­ba­dia die VfB-Mann­schaft zum ers­ten Mal von einem glück­lo­sen Jens Kel­ler über­nahm. Der VfB stand nach 16 Spie­len mit 12 Punk­ten auf Platz 17 und been­de­te die Sai­son mit 30 Punk­ten mehr auf Platz 12. Aber lässt sich Geschich­te so ein­fach wie­der­ho­len? Und selbst wenn, wie geht es dann wei­ter, wo steht der VfB im Jahr 2025 und vor allem: An wel­cher Sei­ten­li­nie steht Bru­no Lab­ba­dia dann. Um mich in mei­ner Bewer­tung der Ent­schei­dung nicht kom­plett auf mei­ne zehn Jah­re alten Erin­ne­run­gen zu ver­las­sen, habe ich mich mal schlau gemacht, was seit 2013 alles pas­siert ist. Bei HSV-Fan Tan­ja, bei dem bereits zitier­ten Wolfs­burg-Exper­ten Leo­nard und bei Her­tha-Fan und Jour­na­list Marc. Sie zeich­nen ein, nun­ja, gemisch­tes Bild von Bru­no Lab­ba­dia.

HSV, VfB, olé, olé

Nach sei­nem Aus in Stutt­gart arbei­te­te Lab­ba­dia knapp 20 Mona­te nicht als Trai­ner bevor er im April 2015 den HSV über­nahm — bereits zum zwei­ten Mal. Dies­mal kämpf­te der Ver­ein aber nicht um Poka­le, son­dern unter ande­rem mit dem VfB um den Klas­sen­er­halt. Der gelang ihm mit dem HSV trotz der Nie­der­la­ge am 33. Spiel­tag in Stutt­gart über die Rele­ga­ti­on und den Karls­ru­her SC. Letzt­lich sei man froh gewe­sen, dass sich über­haupt jemand der Mann­schaft ange­nom­men habe, nach­dem Inte­rims­trai­ner Peter Knä­bel geschei­tert sei, erklärt Tan­ja, auch in Ham­burg hin­ter­ließ aber Lab­ba­di­as ers­te Amts­zeit einen üblen Nach­ge­schmack: “Damals hat­te Lab­ba­dia sich mit eini­gen Füh­rungs­spie­lern wie Ze Rober­to und van Nis­tel­rooy über­wor­fen, gleich­zei­tig aber auch nicht den Mumm sie auf die Bank zu set­zen und sich so auch den Unmut ande­rer Spie­ler, die nicht so vie­le “Frei­hei­ten” beka­men, zuge­zo­gen. Das Ende vom Lied war, dass Lab­ba­dia gehen muss­te und die Mann­schaft so zer­strit­ten war, dass der gro­ße Traum des Euro­pa-League-Fina­les im eige­nen Sta­di­on im Halb­fi­na­le ende­te.” Ande­rer­seits sei der Fuß­ball in der Hin­run­de 2009 “teil­wei­se fan­tas­tisch” gewe­sen, so dass er in Ham­burg bei sei­ner Rück­kehr anders als in Stutt­gart der­zeit eini­ge Fans hat­te. In der Fol­ge­sai­son erreich­te der HSV Platz 10 bevor Lab­ba­dia fast auf den Tag genau drei Jah­re und einen Monat nach sei­ner Ent­las­sung in Stutt­gart auch in Ham­burg raus­flog. Laut Tan­ja lag das vor allem an inhalt­li­chen Dif­fe­ren­zen mit Vor­stand Diet­mar Bei­ers­dor­fer, die zu einem schlecht geplan­ten Kader führ­ten, mit des­sen Spie­lern Lab­ba­dia nichts anfan­gen konn­te. Gleich­zei­tig trau­te sich Bei­ers­dor­fer aber nicht, Lab­ba­dia schon im Som­mer zu ent­las­sen.

Was Tan­ja über Lab­ba­di­as Zeit in Ham­burg sagt, kommt vie­len VfB-Fans bekannt vor: Der Fuß­ball sei nicht aus­neh­mend schlecht gewe­sen, habe aber auch wenig Ent­wick­lung erken­nen las­sen, wäh­rend Lab­ba­dia die Mann­schaft eher mit einer Wagen­burg-Men­ta­li­tät ver­sucht habe zu moti­vie­ren: no one likes us, we don’t care. Lab­ba­dia setz­te kaum auf jun­ge Spie­ler und ent­wi­ckel­te auch kei­ne Spie­ler wei­ter, sei aber als Feu­er­wehr­mann gut geeig­net, kön­ne kurz­fris­tig durch­aus die rich­ti­ge Moti­va­ti­on her­aus­kit­zeln und hin­ter­las­se eine fit­te Mann­schaft. Neben dem Fokus auf Sicher­heit, der jun­gen Spie­lern den Weg in den Kader ver­baue mische er sich aber auch in die Kader­pla­nung ein. Tan­jas Fazit: “Wenn man also ein Team hat, das noch in der Fin­dung ist und mit einem kla­ren Kon­zept wei­ter­ent­wi­ckelt wer­den muss, dann ist Lab­ba­dia der Fal­sche und kos­tet mit­tel­fris­tig nicht nur viel Geld, son­dern auch Zeit, die man eigent­lich noch weni­ger hat.” Immer­hin: Die VfB-Mann­schaft scheint sich durch­aus gefun­den zu haben, kurz­fris­tig sind es vor allem eini­ge Stell­schrau­ben, an denen gedreht wer­den muss.  Lang­fris­tig ist das natür­lich etwas ande­res. Unterm Strich setz­te Lab­ba­dia die durch­aus als gemischt zu bewer­ten­de Arbeit aus Stutt­gar­ter Zei­ten in Ham­burg fort.

Laufstärke und Ballbesitz

Danach war er wie­der über ein­ein­halb Jah­ren ohne Job, bevor er im Febru­ar 2020 in Wolfs­burg ein­stieg. Auch hier fand er einen Ver­ein in höchs­ter Abstiegs­not vor. Der gelang, bevor er die Wolfs­bur­ger im Fol­ge­jahr auf Platz 6 führ­te und die Sai­son mit einem 8:1 gegen Augs­burg abschloss — und damit auch sei­nen Ver­trag. Den ließ er näm­lich aus­lau­fen, weil er sich mit Sport­chef Jörg Schmadt­ke über­wor­fen hat­te. Die­ser kam wie­der­um erst nach Lab­ba­dia nach Wolfs­burg (hört sich bekannt an) und beschnitt den Trai­ner, der wäh­rend der Vakanz nach dem Aus­schei­den von Olaf Reb­be auch mit Spie­lern ver­han­delt haben soll, in sei­nen kader­pla­ne­ri­schen Tätig­kei­ten, die er schon in Ham­burg ver­sucht hat­te aus­zu­le­ben. Der Riss sei am Ende nicht mehr zu kit­ten gewe­sen. Sport­lich schaff­te er nach einem vor allem für die Spie­ler schweiß­trei­ben­den Abstiegs­kampf laut Leo­nard den Über­gang zum Ball­be­sitz­spiel, die­ses “gehör­te zum Bes­ten, was die Liga zu bie­ten hat­te. Die Auto­ma­tis­men saßen, jeder wuss­te, was zu tun war.“Auch beim VfB müss­ten sich die Spie­ler auf inten­si­ve Wochen mit “ham­mer­har­tem” Trai­ning ein­stel­len, “aber wenn die Grund­la­gen sit­zen, geht es ans Spie­le­ri­sche — und auch da hat Lab­ba­dia vie­le, vie­le Lösun­gen, die sehr attrak­tiv sein kön­nen”, so Leo­nard Dass die Arbeit in Wolfs­burg auf­grund der grö­ße­ren finan­zi­el­len Mög­lich­kei­ten ein­fa­cher gewe­sen sei, ver­neint Leo­nard. Lab­ba­dia sei Prag­ma­ti­ker, dass er mit denen arbei­te, die ihm zur Ver­fü­gung stan­den, sei einer von Lab­ba­di­as Liebs­lings­sät­zen gewe­sen. Dazu gehör­ten unter ande­rem Wout Weg­horst und Jérô­me Rouss­il­lon, die unter ihm auf­blüh­ten, wäh­rend auch in Wolfs­burg Nach­wuchs­spie­ler wenig Ein­satz­mög­lich­kei­ten hat­ten. Zunächst wegen des dro­hen­den Abstiegs abaer auch, weil Wolfs­burg schein­bar über gute Jugend­mann­schaf­ten, aber kein her­aus­ra­gen­den Spie­ler in die­sem Bereich ver­füg­te.

Erneut dau­er­te es knapp ein­ein­halb Jah­re, bis Lab­ba­dia sei­ne nächs­te Trai­ner­stel­le antrat, wie­der bei einem Ver­ein, bei dem es drun­ter und drü­ber ging und der in höchs­ten Abstiegs­nö­ten steck­te: Was in den mitt­le­ren 2010er Jah­ren auf den HSV (und den VfB) zu traf, beschreibt im April 2020 Her­tha BSC. Wäh­rend der Coro­na-Pau­se über­nahm er die Mann­schaft, die zu die­sem Zeit­punkt mit Ante Covic, Jür­gen Klins­mann und Alex­an­der Nou­ri schon drei Trai­ner ver­schlis­sen hat­te. Dem­entspre­chend posi­tiv sei Lab­ba­dia auf­ge­nom­men wor­den, so Marc: “Man war froh, mit Bru­no Lab­ba­dia wie­der einen „ech­ten“ Trai­ner zu bekom­men. Jemand, der etwas von sei­nem Hand­werk ver­steht, über viel Erfah­rung ver­fügt und schon meh­re­re Klubs in ähn­li­cher Tabel­len­la­ge zum Klas­sen­er­halt geführt hat­te. Sei­ne sehr erfolg­rei­che Sta­ti­on zuvor in Wolfs­burg hat­te zusätz­lich posi­tiv zum Ein­druck bei­getra­gen.” Als der Spiel­be­trieb im Mai wie­der auf­ge­nom­men wur­de, schaff­te Lab­ba­dia auch in Ber­lin den Klas­sen­er­halt und hiev­te Her­tha am Ende auf Platz 11, Marc zufol­ge mit “einem kla­ren 4–2‑3–1 und den erfah­re­nen Kräf­ten im Kader”. Jedoch: Nach weni­ger als einem Jahr war für ihn schon wie­der Schluss in der Haupt­stadt, denn Her­tha stand bekannt­lich wie­der im Abstiegs­kampf. Für Marc die rich­ti­ge Ent­schei­dung, denn der Glau­be, mit Lab­ba­dia Spie­le zu gewin­nen, sei auf­ge­braucht gewe­sen, so dass sein Nach­fol­ger, in die­sem Fall Rück­keh­rer Pal Dar­da nicht mal unbe­dingt ein bes­se­rer Trai­ner hät­te sein müs­sen — nur ein ande­rer. Wie auch in Wolfs­burg tref­fe Lab­ba­dia aber nicht die allei­ni­ge Schuld an der Situa­ti­on. Marc nennt ” einen geschei­ter­ten Umbruch, einen falsch zusam­men­ge­stell­ten Kader und teils unglück­li­chen Spiel­ver­läu­fe” eben­falls als Grund.

Ein neuer Labbadia?

Der geschei­ter­te Umbruch mani­fes­tier­te sich vor allem dar­in, dass mit Ibi­se­vic, Kalou, Skjel­brd und Kraft eine Rei­he von Füh­rungs­spie­lern den Ver­ein im Herbst 2020 ver­lie­ßen und dafür Spie­ler ohne Bun­des­li­ga­er­fah­rung kamen, denen wie­der­um die eben genann­ten Füh­rungs­spie­ler bei der Inte­gra­ti­on fehl­ten. Zudem hät­ten die teil­wei­se kost­spie­li­gen Trans­fers nicht zu Lab­ba­di­as Spiel­idee gepasst. Er woll­te ähn­lich wie in Wolfs­burg in einem 4–3‑3 mit einen star­ken Fokus auf Flan­ken von den Flü­geln spie­len, hat­te jedoch kei­ne offen­si­ven Flü­gel­spie­ler zur Ver­fü­gung, Stoß­stür­mer Jhon Cor­do­ba stieß erst sehr spät zur Mann­schaft. “Lab­ba­dia wur­de im Trans­fer­som­mer 2020 ein Bären­dienst geleis­tet”, so Marc. So habe die Mann­schaft jede Kon­stanz und Balan­ce ver­lo­ren und kam nicht mehr über Ansät­ze hin­aus. Vor allem in der wacke­li­gen Defen­si­ve sieht Marc die Schuld auch bei Lab­ba­dia, weil die­ser prag­ma­ti­scher hät­te sein müs­sen, indem er sei­ne Spiel­idee an die Gege­ben­hei­ten anpasst. Anders als in Wolfs­burg reich­te ihm in Ber­lin die Zeit nicht, um die Trans­for­ma­ti­on vom lauf­in­ten­si­ven Kon­ter- und Flü­gel­spiel zum Ball­be­sitz­spiel  zu voll­enden. Immer­hin funk­tio­nier­te ers­te­res eine gan­ze Zeit lang ziem­lich gut:

“Mit schnel­len Umschalt­mo­men­ten und einem exzel­len­ten Frei­lauf­ver­hal­ten auf den Flü­gel­po­si­tio­nen – sei es von den offen­si­ven Flü­gel­spie­lern oder aber den Außen­ver­tei­di­gern – wur­de Gefahr ent­wi­ckelt. Auf­fäl­lig war zudem, wie lauf­stark Her­tha unter Lab­ba­dia war. Er weck­te die Lei­den­schaft sei­ner Spie­ler, die dadurch stets aktiv waren und durch viel Lauf­ar­beit Lücken schlos­sen. Her­tha gewann anfangs auch eini­ge Par­tien dadurch, dass man schlicht­weg fit­ter als der Geg­ner war – das nutzt sich mit der Zeit aber natür­lich ab.”

Zwei Aspek­te sind aus unse­rer Sicht noch durch­aus inter­es­sant: So schaff­ten in sei­ner Zeit mit Jes­sic Ngan­kam, Mar­ton Dar­dai und Lazar Samard­zic den Sprung in die Bun­des­lia, wäh­rend der Nach­wuchs unter sei­nen Vor­gän­gern kaum Beach­tung fand. Natür­lich war auch Lab­ba­dia ange­sichts der sport­li­chen Situa­ti­on gezwun­gen, den Fokus auf die Gegen­wart zu legen. Trotz­dem ließ er nach dem Restart der Bun­des­li­ga vie­le Jugend­spie­ler mit­trai­nie­ren, um sich einen Ein­druck zu ver­schaf­fen. Zum ande­ren habe Lab­ba­dia immer wie­der deut­lich gemacht und gezeigt, wie sehr er für die Auf­ga­be bei Her­tha brann­te und habe sich auch bis heu­te nicht nega­tiv über sei­ne Zeit in Ber­lin geäu­ßert. Wer noch mehr von Marc zu Lab­ba­dia erfah­ren will, soll­te übri­gens unbe­dingt in die neu­es­te Fol­ge des Brust­ring­Talks rein­hö­ren.

Mut oder Hasenfüßigkeit?

Hat sich Bru­no Lab­ba­dia also am Ende in den letz­ten neun Jah­ren geän­dert, sowohl was den Spiel­an­satz angeht, als auch im Umgang mit Rah­men­be­din­gun­gen und dem Nach­wuchs? Wir wer­den es sehen. Ich bin und blei­be skep­tisch, eine nach­hal­tig erfolg­rei­che Pha­se mit Lab­ba­dia, in der er sei­nen Ver­trag erfüllt, über­steigt immer noch mei­ne Vor­stel­lungs­kraft. Gleich­zei­tig kann ich auch die allent­hal­ben vor­herr­schen­de Welt­un­ter­gangs­stim­mung und diver­se Rück­tritts­for­de­run­gen und Auf­ru­fe zu einer außer­or­dent­li­chen Mit­glie­der­ver­samm­lung nur bedingt nach­voll­zie­hen, auch wenn ich natür­lich grund­sätz­lich die­se Form der ver­eins­in­ter­nen Demo­kra­tie unter­stüt­ze. Frag­los ist kom­mu­ni­ka­tiv vie­les kata­stro­phal gelau­fen in den letz­ten zwölf Mona­ten und vie­les hat sicher­lich mit dazu bei­getra­gen, dass Sven Mis­li­nat noch weni­ger Lust hat­te, sich sei­nen bis­he­ri­gen Ver­trag zusam­men­strei­chen zu las­sen. Gleich­zei­tig ist die Ent­schei­dung für Lab­ba­dia, gera­de nach den bis­her dis­ku­tie­ren Namen, wie der Ver­ti­kal­pass schreibt “eine ein­falls­lo­se, unin­spi­rier­te und rück­wärts­ge­rich­te­te Ver­pflich­tung, ein Ver­zweif­lungs­akt.” Man weiß eben ver­meint­lich, was man kriegt und das passt so gar nicht zum bis­he­ri­gen Weg, der mit einer auf­re­gen­den und viel­ver­spre­chen­den Phi­lo­so­phie ver­bun­den war und jede Sai­son mit dem gewis­sen Maß an Ner­ven­kit­zel, wel­ches der jun­gen Talen­te den Durch­bruch schaf­fen wür­de. Gleich­zei­tig gelang es Mislin­tat auch, einen Spie­ler wie Gui­ras­sy zu ver­pflich­ten, der sofort wei­ter­half.

Nur: Eine Garan­tie oder einen Auto­ma­tis­mus, dass eine Rück­run­de mit Sven Mislin­tat und einem von ihm gemein­sam mit Alex­an­der Wehr­le aus­ge­such­ten Trai­ner erneut im Klas­sen­er­halt geen­det wäre gibt es nicht. Die Ver­ant­wort­li­chen gehen mit Bru­no Lab­ba­dia das ver­meint­lich gerings­te Risi­ko ein, am Ende der Sai­son abstei­gen zu müs­sen. Man kann sich über die­sen Kurs­wech­sel vom muti­gen Auf­tre­ten zur Hasen­fü­ßig­keit ärgern, man kann befürch­ten, dass sich die Geschich­te wie­der­holt und wir mit Lab­ba­dia erneut eine Deka­de der Schmer­zen ein­lei­ten. Den Ver­ant­wort­li­chen jedoch ver­eins­schä­di­gen­des Ver­hal­ten vor­zu­wer­fen (und damit beschrei­be ich nur die Spit­ze des Eis­bergs der geäu­ßer­ten Kri­tik), weil sie die Erfolgs­aus­sich­ten in bestimm­ten Per­so­nen­kon­stel­la­tio­nen anders bewer­ten als wir, ist weit drü­ber. Ich habe es schon mal geschrie­ben: Falls wir im Som­mer abstei­gen, hat der Miss­erfolg vie­le Väter. Ein Schwarz-Weiß-Den­ken wird der aktu­el­len Situa­ti­on nicht gerecht und jeder, der jetzt behaup­tet, Erfolg, auch nach­hal­tig, wäre ein­zig und allein mit Sven Mislin­tat in ver­ant­wort­li­cher Posi­ti­on zu errei­chen, lügt sich selbst in die Tasche. Vor­schuss­lor­bee­ren gibt es beim VfB in der aktu­el­len Situa­ti­on nicht. Aber blin­der Pes­si­mis­mus hat hier auch kei­nen Platz.

Titel­bild: © Maja Hitij/Getty Images

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