Als wäre er nie weg gewesen

Die Ent­wick­lun­gen rund um den Prä­si­dent­schafts­wahl­kampf und die Ese­con-Ermitt­lun­gen beim VfB wer­den immer absur­der. An Absur­di­tä­ten haben wir uns zwar müh­se­lig gewöhnt, aber was aktu­ell pas­siert, hat eine neue Qua­li­tät.

Frei­tag, Mon­tag, Diens­tag. Klingt wie der auf­grund der spä­ter begon­ne­nen Bun­des­li­ga-Sai­son eng getak­te­te Spiel­plan der Mann­schaft mit dem Brust­ring. Schön wär’s! Ok, nicht für die Gesund­heit der Spie­ler, aber so hät­te man als VfB-Fan wenigs­tens alle paar Tage Grund zur Freu­de. Lei­der ist aber der Rhyth­mus gemeint, in dem wir in den letz­ten Tagen mit Neu­ig­kei­ten, State­ments und Ent­hül­lun­gen rund die Nomi­nie­rung von Prä­si­dent­schafts­kan­di­da­ten für die Mit­glie­der­ver­samm­lung am 18. März und die Ermitt­lun­gen der Fir­ma Ese­con in Sachen Mit­glie­derdaten­wei­ter­ga­bebeschiss bom­bar­diert wur­den. Am Frei­tag ent­schul­dig­te sich Tho­mas Hitzl­sper­ger öffent­lich bei Claus Vogt. Am Mon­tag gab der Ver­eins­bei­rat bekannt, dass er noch zu kei­ner Ent­schei­dung gelangt sei, wen er für die Wahl zu nomi­nie­ren geden­ke und dass man nicht nur einen Per­so­nal­dienst­leis­ter mit der Suche nach geeig­ne­ten Kan­di­da­ten beauf­tragt habe, son­dern dass man auch erst die Ergeb­nis­se der Ese­con-Ermitt­lun­gen abwar­ten wol­le. Am Diens­tag schließ­lich ent­hüll­te Mar­ko Schu­ma­cher in den Stutt­gar­ter Nach­rich­ten die Ergeb­nis­se des ihm zuge­spiel­ten Zwi­schen­be­richts eben­je­ner Ermitt­lungs­fir­ma, aus denen her­vor geht, dass Gre­mi­en­mit­glie­der der VfB AG die Ermitt­lun­gen aktiv behin­dert haben.

Ach­ja, und dann war da noch das Inter­view von Wolf­gang Diet­rich in der Zei­tung mit den vier Buch­sta­ben. Es berei­tet mir fast kör­per­li­che Schmer­zen, zu sehen, dass der Ex-Prä­si­dent selbst im Jahr 2021 noch eine Büh­ne für sei­ne Selbst­dar­stel­lung bekommt. Die er natür­lich für die gewohn­ten Wahr­heits­beu­gun­gen nutzt.

Befragt zur Daten­wei­ter­ga­be und dem Gue­ril­la-Mar­ke­ting wuss­te Diet­rich — selbst­ver­ständ­lich — von nichts. Und dann ist es viel­leicht gar kei­ne so gro­ße Über­ra­schung mehr, dass das Inter­view mit ihm aus­ge­rech­net in der ver­gan­ge­nen Woche erschien. Denn laut Ese­con-Zwi­schen­be­richt wuss­te kei­ner von irgend­was. Der WIl­le zur Auf­klä­rung, er scheint trotz wie­der­hol­ter anders­lau­ten­der Behaup­tun­gen nicht beson­ders groß zu sein. Wie auch, wenn zwar Wolf­gang Diet­rich als Amts­in­ha­ber beim VfB Geschich­te ist, vie­le an der Mer­ce­des­stra­ße aber wei­ter so agie­ren, als wäre er nie weg gewe­sen?

Man hätte die Gräben nicht zuschütten dürfen

Es wird immer deut­li­cher, was ich bereits am 15. Juli 2019 schrieb, dem Tag an dem Wolf­gang Diet­rich zurück trat:

Es liegt also jede Men­ge Arbeit vor uns, die­sen Ver­ein wie­der auf­zu­bau­en. Man­che Alb­träu­me wer­den uns noch lan­ge im Hin­ter­kopf ver­fol­gen, von ande­ren kön­nen wir uns hof­fent­lich so schnell wie mög­lich befrei­en und dar­aus auf­wa­chen. Lasst uns den Riss, den Wolf­gang Diet­rich und sei­ne Amts­füh­rung dem VfB zuge­fügt haben, wie­der kit­ten. Aber lasst uns auch wei­ter­hin wach­sam sein, dass uns so etwas nicht noch ein­mal pas­siert. Denn Wolf­gang Diet­rich mag beim VfB Geschich­te sein. Die Struk­tu­ren und Bünd­nis­se, die es ihm ermög­lich­ten, sich so lan­ge an die Macht zu klam­mern blei­ben bestehen.

Weni­ge Tage spä­ter war ich schon etwas ver­söhn­li­cher gestimmt, auch in dem Glau­ben, dass eine Fort­füh­rung der von Wolf­gang Diet­rich initi­ier­ten Gra­ben­kämp­fe nicht ziel­füh­rend sei:

Wir Mit­glie­der müs­sen also wei­ter wach­sam sein, was in unse­rem Ver­ein pas­siert. Wir müs­sen aber auch offen sein. Offen für ein­an­der und offen für die Ver­eins­füh­rung, in die­sem Fal­le den Ver­eins­bei­rat. Das bedeu­tet nicht, dass jeg­li­che Ent­schei­dung kri­tik­los hin­ge­nom­men wird oder alle einer Mei­nung sein müs­sen. Aber wir müs­sen wie­der ler­nen, auf­ein­an­der zuzu­ge­hen und in der Sache zu strei­ten, nicht um das Ver­hal­ten und die Amts­füh­rung einer Per­son. Das bedeu­tet mit­un­ter auch, Grä­ben, die in den zwei­ein­halb Jah­ren ent­stan­den sind, nicht wie­der auf­zu­rei­ßen, son­dern nach vor­ne zu schau­en. Es bedeu­tet übri­gens auch, sich auf Mit­glie­der­ver­samm­lun­gen aus­re­den zu las­sen.

Ich habe mich geirrt. Denn in den zuge­schüt­te­ten Grä­ben ver­steck­ten sich nur die Hecken­schüt­zen, die jetzt wie­der zum Vor­schein kom­men. In den zuge­schüt­te­ten Grä­ben ver­bud­del­te man nur die sprich­wört­li­chen Lei­chen, die man sonst im Kel­ler behält. Immer­hin erfül­len die Sport­me­di­en rund um den VfB dies­mal größ­ten­teils die ihnen zuge­dach­te Rol­le der Auf­klä­rung, anstatt sich mit dem Objekt ihrer Bericht­erstat­tung gemein zu machen, wie das vor allem im Früh­jahr 2019 der Fall war. Unter­schie­de gibt es auch jetzt noch und ja: Es ist ein Unter­schied, ob man zuge­spiel­te Mei­nun­gen und Ein­drü­cke ohne jeg­li­che Ein­ord­nung wie­der­gibt, oder ob man aus einem zuge­spiel­ten Doku­ment zitiert. Dass die Ver­schwie­gen­heit inner­halb des VfB der­zeit löch­ri­ger ist als der berühm­te Schwei­zer Käse ist natür­lich noch mal ein The­ma für sich. Aber ganz unab­hän­gig davon hät­ten wir nach dem 14. Juli 2019 direkt wei­ter­ma­chen müs­sen mit den laut­star­ken For­de­run­gen nach Auf­klä­rung, Ent­schul­di­gung und ja, auch Rück­trit­ten.

Solange ihr Tore schießt, könnt Ihr uns verarschen!

Das Ergeb­nis ist eine Situa­ti­on, die eigent­lich noch ein Stück­chen schlim­mer ist als unter Wolf­gang Diet­rich. Denn wäh­rend damals vom sport­li­chen Erfolg nur fabu­liert, die­ser aber durch eine völ­lig erra­ti­sche Per­so­nal­po­li­tik tor­pe­diert wur­de, läuft es aktu­ell sport­lich. Und so wer­den in einer Bran­che und deren Umfeld, die in der brei­ten Mas­se für ihre Unter­kom­ple­xi­tät bekannt sind, Grä­ben viel tie­fer auf­ge­ris­sen als jemals zuvor und das zar­te Pflänz­chen sport­li­cher Hoff­nung einem The­ma gegen­über­ge­stellt, dass vie­len Fans, wenn nicht egal, dann doch zumin­dest sekun­där wich­tig ist. Ein Blick in die Sozia­len Medi­en zeigt: Selbst haar­sträu­bends­te und empö­rends­te Ent­wick­lun­gen wie die zuletzt bekannt gewor­de­nen wer­den für vie­le Fans rela­ti­viert, wenn Sasa Kalajd­zic und Tan­guy Cou­li­ba­ly heu­te Abend die Abwehr von Armi­nia Bie­le­feld schwind­lig spie­len. Dar­an hat auch Tho­mas Hitzl­sper­ger mit sei­ner Kan­di­da­tur einen Anteil, aus wel­cher Moti­va­ti­on her­aus er sich auch immer zu die­ser ent­schloss. Dass der Ver­eins­bei­rat die in sei­nem offe­nen Brief erho­be­nen Vor­wür­fe schein­bar zum Anlass nimmt, Claus Vogt nicht schon jetzt als Kan­di­da­ten zu nomi­nie­re, obwohl sei­ne Kan­di­da­tur mit den Ermitt­lun­gen von Ese­con nach mei­nem Ermes­sen nichts zu tun haben, ist und bleibt ein Affront. Noch­mal: Es muss Auf­ga­be der Mit­glie­der sein, dem Amts­in­ha­ber eine wei­te­re Amts­zeit zuzu­ge­ste­hen, nicht des Ver­eins­bei­rats. Immer­hin: Anders als der Vor­stand der AG muss sich Ver­eins­bei­rat Abstim­mun­gen über Ent­las­tung oder Wie­der­wahl stel­len.

Der VfB hat sich innen­po­li­tisch in eine kata­stro­pha­le Lage manö­vriert. Das hat auch mit der Amts­füh­rung von Wolf­gang Diet­rich zu tun, aber auch mit jenen, die mei­nen, man kön­ne auch in 2021 noch mit berech­tig­ten Mit­glie­der­in­ter­es­sen ver­fah­ren, wie es einem gera­de passt. Die Fra­ge, die ich in mei­nem offe­nen Brief am 1. Janu­ar in der Über­schrift gestellt habe, kann ich mir sel­ber jetzt wohl mit Ja beant­wor­ten.


Zum Wei­ter­le­sen emp­feh­le ich Euch die aktu­el­len Arti­kel von Fran­ky, dem Ver­ti­kal­pass, der Nach­spiel­zeit und Stutt­gart Inter­na­tio­nal.

Titel­bild: © ima­go

1 Gedanke zu „Als wäre er nie weg gewesen“

  1. Es wird inter­es­sant, wel­che Kan­di­da­ten nun vor­ge­schla­gen wer­den. Nach­dem ich von dem mit der Aus­wahl betrau­ten Gre­mi­um nichts Gutes erwar­ten kann, fürch­te ich, dass der gewähl­te Prä­si­dent nicht dabei sein wird. Um den Unmut vie­ler (lei­der nicht aller) Mit­glie­der aus­zu­sit­zen, wird die MV am 18.03. “coro­nabe­dingt” vir­tu­ell ver­an­stal­tet, was den mitt­ler­wei­le wohl oppor­tu­nen Mani­pu­la­tio­nen aus­rei­chend Raum lässt. Bis zu den spä­ter anste­hen­den Wah­len in den Gre­mi­en bleibt dann genug Zeit. Das Kal­kül ist, dass bis dahin alles ver­ges­sen ist. So behält man sein Pöst­chen und kann alles sei­nen “gere­gel­ten” Gang gehen las­sen. Sehr trau­rig.

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