Wolfgang der Profi

Wolfgang der Profi

Ein Präsident aller Mitglieder wolle er sein, erklärte Wolfgang Dietrich nach seiner Wahl. Seine Amtsführung und seine öffentlichen Auftritte offenbaren das Gegenteil. Eine Analyse.

Als im Sommer 2016 bekannt wurde, dass der einzige Kandidat des damaligen Aufsichtsrates des VfB Stuttgart 1893 e.V. für das Amt des VfB-Präsidenten Wolfgang Dietrich sein würde, benutzte ich diesen Soundschnipsel bereits schon einmal in meinem Kommentar zu dessen Kandidatur. Ich ging jedoch damals irrigerweise davon aus, dass Dietrichs Vergangenheit als Sprecher von Stuttgart21 die Mitglieder und damit den Verein spalten würden, weil ich dachte, das Bahnprojekt sei in der Stadt ein größeres Thema. Nun, so ist das, wenn man in der südhessischen Diaspora wohnt. Dennoch sollte ich – und jene, die diese Bezeichung schon damals auf Doppelhalter pinselten – Recht behalten: Wolfgang Dietrich war und ist ein Spalter des VfB und kein Versöhner.

Dies geschieht natürlich nicht zum Selbstzweck, weil er den VfB grundlos spalten möchte. Aber er nimmt es in Kauf, um den eigenen Kopf durchzusetzen, die eigenen Projekte umzusetzen und die eigene Macht zu erhalten. Dass er ein Profi in Sachen Öffentlichkeitsarbeit ist, ist seit seiner letzten beruflichen Station deutlich. Auch als Präsident des VfB beherrscht er die Klaviatur der öffentlichen Meinung. Wenn es für unseren Verein nicht so schädlich wäre, müsste man Dietrich für seinen Fintenreichtum fast bewundern. Stattdessen will ich in diesem Artikel aufzeigen, mit welchen Methoden Wolfgang Dietrich versucht die öffentliche Wahrnehmung über ihn zu beeinflussen und damit die Spaltung des Vereins vorantreibt. 

Wer nicht für mich ist, ist gegen die Mannschaft 

Ich habe das bereits in einem anderen Artikel während des Abstiegskampfs aufgegriffen. Diese Methode funktioniert logischerweise nur im laufenden Spielbetrieb. Um den Protest gegen ihn zu delegitimieren, beschwor Dietrich im April den Zusammenhalt im Verein: “Unsere Mannschaft sowie unser neuer Trainer brauchen für die letzten vier Spiele dringend den geballten Rückhalt aller VfBer”. Damit suggierert er, dass dies bisher nicht der Fall gewesen sei (“dringend”) und stellt die Proteste gegen seine Person (zu denen er im Rest des Schreibens Stellung nimmt) in Verbindung mit dem sportlichen Erfolg der Mannschaft und ihrer Unterstützung durch die Fans. Seine Botschaft: Wenn ihr gegen mich protestiert, schadet Ihr jenen, die Eure Unterstützung brauchen und damit letzten Endes Euch selbst. Dass das nicht nur unlauter ist, sondern auch fernab jeglicher Realität auf den Rängen, von denen aus die Mannschaft stets und unabhängig von den Protesten gegen Dietrich unterstützt wurde, brauche ich wohl keinem zu erzählen. Indem Dietrich die Reaktion auf seine Person mit der Anfeuerung der Mannschaft verknüpft, versucht er einen Keil zwischen Mannschaft und Fans zu treiben.

Wer nicht für mich ist, ist gegen den Erfolg

Wesentlich weniger subtil ging Wolfgang Dietrich vor, als es darum ging, die Mitglieder von der Ausgliederung zu überzeugen. Natürlich ging es hier zuvorderst um die außerordentliche Mitgliederversammlung und die dort stattfindende Abstimmung. Aber die Ausgliederung war eben auch zuvorderst Wolfgang Dietrichs Projekt. Zu dem allseits bekannten, unsäglichen Video komme ich später noch, hier soll es zunächst um die Kampagne an sich gehen. Deren Motto lautete bekanntlich: “Ja zum Erfolg”. Das ist natürlich einerseits plattestes Marketing, andererseits aber auch eine Beleidigung des Intellekts der Mitglieder. Dietrich, der sich diesen Spruch vielleicht nicht selber ausgedacht, aber ihn mit Sicherheit freigegeben hat, suggeriert damit zum einen, dass eine Ausgliederung automatisch zum Erfolg führt. Den Gegenbeweis hat der VfB in dieser Saison in eindrucksvoller Weise angetreten. Zum anderen bedeutet diese Parole im Umkehrschluss, dass diejenigen, die am 1. Juni 2017 gegen die Ausgliederung stimmen würden, nicht am Erfolg des VfB interessiert seien. Ähnlich stillos war die Kampagnenseite mit “Fakten” zur Ausgliederung, denen sogenannte “Fakes” gegenübergestellt wurden. Das System des Spaltens war das gleiche: Wer gegen die von Wolfgang Dietrich angetriebene Ausgliederung ist, ist gegen den Erfolg – und gegen die Wahrheit. 

Wer nicht für mich ist, ist gegen Thomas Hitzlsperger und Sven Mislinat

Am 2. Juni 2019, bekanntlich der Tag, an dem die U19 des VfB Stuttgart im Finale um die Deutsche A-Junioren-Meisterschaft gegen Borussia Dortmund spielte, lud der VfB die Medien zu einem Pressetermin ein. Anwesend waren der gesamte Vorstand der AG – Thomas Hitzlsperger, Jochen Röttgermann und Stefan Heim – sowie der Vorsitzende des Aufsichtsrates Wolfgang Dietrich und Sportdirektor Sven Mislintat. Das Ziel dieses Pressetermins: Erstens die Mitglieder in der Sicherheit zu wiegen, dass die Situation trotz des Abstiegs gar nicht so schlimm ist und zweitens die Geschlossenheit des Vorstands zu demonstrieren. Statt Geschlossenheit könnte man auch “Solidarität mit Wolfgang Dietrich” einsetzen. So zitiert die VfB-Webseite in ihrem den Pressetermin begleitenden Beitrag zuerst Sven Mislintat:

 „Wolfgang Dietrich hat in der vergangenen Saison weder den Kader geplant noch auf dem Rasen gestanden“

Und im Anschluss Thomas Hitzlsperger:

„Wir können diese Aufgabe nur im Team schaffen. Und er ist Teil des Teams.“ 

Warum sich Marketing-Vorstand Röttgermann und Finanz-Vorstand Heim nicht mit Ergebenheitsadressen von der Vereinswebseite zitieren lassen, erschließt sich mir nicht. Es könnte daran liegen, dass die beiden anders als Hitzlsperger und Mislintat nicht (mehr) als Hoffnungsträger für eine bessere Zukunft taugen. Wie wir im nächsten Abschnitt sehen werden ist nach einhelliger Meinung im Verein vor allem Wolfgang Dietrich dafür verantwortlich, dass der Meister-Torschütze von 2007 und der vielumworbene Kaderplaner beim VfB in Amt und Würden sind. Diese Kausalkette sollte in jenem Pressetermin noch einmal unterstrichen oder vielmehr in Textmarkerfarbe angestrichen werden. Denn das bedeutet: Wer Wolfgang Dietrich kritisiert, kritisiert auch Thomas Hitzlsperger und Sven Mislintat, die offensichtlich auf und an seiner Seite stehen. Und wie kann man bitte den in der Tat sehr sympathischen Thomas Hitzlsperger und den coolen Sven Mislintat kritisieren?

Die Schutzschilde

Ich mag zwar militaristische Analogien nicht, weil sie die Diskussion um Wolfgang Dietrich in einen Kontext versetzen, der ihr nicht gerecht wird, aber in diesem Fall geht es nicht anders: Dietrich schafft mit solchen Aktionen klare Fronten. Ihr gegen mich heißt ihr gegen uns. Dabei benutzt er Hitzlsperger und Mislintat wie Schutzschilder, in der Hoffnung, die Angriffe auf ihn würden aufhören, weil die Angreifer nicht wollen, dass die beiden Sympathieträger durch friendly fire Schaden davon tragen. Das wurde bereits deutlich, als Hitzlsperger zum Sportvorstand berufen wurde. Ich möchte Hitzlsperger gar nicht absprechen, dass er der Aufgabe gewachsen ist, bewerten können wir sein Wirken zu diesem Zeitpunkt aber noch nicht abschließend. Wie ich später ausführe, ging es Dietrich damals scheinbar vor allem ums Image. Deswegen musste seine “Wunschlösung” Reschke gehen und nicht der zigste Trainer, deswegen wurde Sympathieträger Hitzlsperger zum Sportvorstand. Dass Hitzlsperger und Mislinat sich als Schutzschilder benutzen lassen, ist wahrscheinlich nicht weiter verwunderlich. Ihre Aufgabe ist zuvorderst der Sport und nicht die Vereinspolitik.

Wer nicht für mich ist, ist gegen den Vereinsbeirat

Anders sieht es beim nach der Ausgliederung neu gegründeten Vereinsbeirat aus, wenn Ihr mir diesen kurzen Exkurs erlaubt. Der ließ sich in Person seiner Vorsitzenden Wolf-Dietrich Erhard und Claudia Maintok am 8. April von der vereinseigenen Presseabteilung interviewen. Der Tenor des Interviews: Seit es den Vereinsbeirat gibt, dieses Gremium, durch das die Mitgliederrechte so weitreichend sind wie nie zuvor, geht es wieder aufwärts. Wer sich vom Gegenteil überzeugen will, dem empfehle ich das Interview der Nachspielzeit mit Rainer Weninger und Christof Seeger. Außerdem werden Erhard und Maintok in besagtem Interview auf VfB.de natürlich zu Wolfgang Dietrich befragt. Maintok stellt fest

Der Verein hat sich insgesamt in den zurückliegenden zweieinhalb Jahren sehr positiv entwickelt. Auch deshalb wurden bei der letzten Mitgliederversammlung Wolfgang Dietrich und die weiteren Mitglieder im Präsidium mit etwa 90 Prozent entlastet und nun, ein dreiviertel Jahr später, soll plötzlich alles schlecht sein? Das ist nicht ganz nachvollziehbar. Und die ganze Kritik auf eine Person auszurichten, das wird Wolfgang Dietrich nicht gerecht. Er steckt tagtäglich sehr viel Energie in den VfB, das muss man auch mal anerkennen.“

Erhard ergänzt:

Wir sind genauso enttäuscht und traurig über das, was wir manchmal auf dem Rasen sehen. Aber das darf nicht dazu führen, dass alles schlecht geredet wird. Man muss wirklich differenzieren. Kritik ist gut und muss sein. Aber persönliche Beleidigungen und Diffamierungen kann ich nicht für gutheißen. Und wenn der VfB für Werte steht, die da heißen, dass man respektvoll miteinander umgeht, dann sind wir teilweise weit davon entfernt. Das darf so nicht sein! Ja, wir haben schlechte sportliche Zeiten, aber man muss die Kirche auch mal im Dorf lassen. Man kann nicht eine Person für alles, was auf dem Rasen passiert, verantwortlich machen.“

Abgesehen davon, dass beide teilweise die gleichen Formulierungen oder besser Worthülsen benutzen wie Dietrich und man sich fragen muss, welche Funktion eigentlich ein Vereinsbeirat erfüllt, der sich just dann zum Papiertiger degradiert, wenn die den Verein nach wie vor dominierende Fußballabteilung in einer tiefen Krise steckt, wird auch hier klar Stellung bezogen: Schaut mal auch der Vereinsbeirat ist auf meiner Seite. Der Vereinsbeirat, sozusagen Fleisch aus dem Fleische der Mitglieder und mit Claudia Maintok sogar noch eine Vertreterin der Säule der “Fans und Mitglieder”. Wer sich gegen diesen die Mitgliedsrechte fördernden Vereinsbeirat stellt, der kann ja nun wirklich kein Interesse an einem sachlichen Austausch haben und möchte stattdessen seinerseits den Verein spalten.

Die nächste Gelegenheit, um diese Masche anzuwenden, bietet sich übrigens kommenden Dienstag bei einer neuen Ausgabe von VfB im Dialog:

Dort werden neben dem Vorsitzenden des Vereinsbeirat und den vom Beirat zur Wahl zugelassenen Kandidaten für das vakante Präsidiumsamt, Werner Gass und Rainer Mutschler, auch Wolfgang Dietrich und Sven Mislintat anwesend sein. Welche Rolle Mislintat bei einer Dialogveranstaltung spielen soll, bei der es anscheinend um die Vorstellung der Kandidaten gehen soll, erschließt sich mir nicht. Die Anwesenheit Dietrichs lässt sich zwar noch dadurch rechtfertigen, dass es um die Besetzung eines Amtes in seinem Präsidium geht, er ist aber wahrscheinlich aus einem anderen Grund da: Um seine Ankündigung wahr zu machen, er werde sich nach Saisonende den Kritikern stellen. Allerdings zu seinen Konditionen: Eingerahmt von Vereinsbeirat und Sportdirektor, die ihm zu Not zur Seite springen können, wenn die vorausgewählten Fragen zu haarig werden. Im Zweifelsfall kann er ja auch darauf verweisen, dass es hier gar nicht um ihn gehen soll, sondern um Gass und Mutschler.

Erfolge sind mein Verdienst, Misserfolge und unpopuläre Entscheidungen habe ich nicht alleine zu verantworten

Für diese Vorgehensweise gibt es verschiedene Beispiele, am übersichtlichsten ist es jedoch, die am 1. Juli versandte Stellungnahme zu den für die Mitgliederversammlung gestellen Abberufungsanträgen zurück zu greifen, weil Wolfgang Dietrich fast alle seine Tricks in einen handlichen, dreieinhalbseitigen Text gepackt hat. Wollen wir mit dem positiven anfangen? Zunächst geht es natürlich um die Personalien Hitzlsperger und Mislintat, mit denen Dietrich sich nicht nur schmückt, sondern die ihm auch als Schutzschild dienen, aber dazu später mehr. Dietrich schreibt auf Seite 21: 

Thomas Hitzlsperger wurde auf meinen Vorschlag hin bereits im Februar durch den Aufsichtsrat einstimmig zum Sportvorstand berufen. Mit Sven Mislintat, mit dem ich bereits seit 2017 in Kontakt stand, konnte die wichtige Position des Sportdirektors besetzt werden. Diese Brückenfunktion zwischen Mannschaft und Sportlicher Leitung ist von zentraler Bedeutung. Es folgten weitere personelle Entscheidungen im Vorstandsressort Sport, wie die Verpflichtung unseres neuen Cheftrainers Tim Walter, so dass die sportliche Leitung bereits vor dem Abstieg personell neu aufgestellt war und die mit dem Abstieg entstandenen Herausforderungen direkt angehen konnte – wie zum Beispiel die Aufstellung eines aufstiegsfähigen Kaders, an der alle mit Hochdruck arbeiten.

Sowohl für die Berufung von Thomas Hitzlsperger als Sportvorstand, als auch für die Einstellung von Sportdirektor Sven Mislintat und Cheftrainer Tim Walter gehen also mehr oder weniger auf ihn zurück. Schon bei der Vorstellung von Mislintat hob Thomas Hitzlsperger noch einmal extra hervor: “Auch die gute Verbindung von Wolfgang Dietrich zu Sven Mislintat hat dazu beigetragen, Sven vom VfB zu überzeugen”. Der Verein sah also schon damals die Notwendigkeit, diese durchaus aufsehenerregende Verpflichtung zuvorderst dem Präsidenten ans Revers zu heften.

Alles einstimmig

Ganz anders sieht es bei Entscheidungen aus, die sich im Nachhinein als Fehler herausstellten oder in der Öffentlichkeit kritisiert wurden. Zum Beispiel die Entlassung von Jan Schindelmeiser (Seite 22):

Der Aufsichtsrat der neu gegründeten AG hat aufgrund der damaligen internen Situation, nach Anhörung der damals verantwortlichen Aufsichtsräte sowie der damaligen und heutigen Vorstandsmitglieder Stefan Heim und Jochen Röttgermann und mir als Aufsichtsratsvorsitzenden einstimmig die Freistellung von Jan Schindelmeiser beschlossen.

Oder die Verpflichtung von Michael Reschke (ebd.)

Im Zuge der Entlassung von Jan Schindelmeiser wurde ich vom Aufsichtsrat qua meiner Funktion als Vorsitzender dieses Gremiums mit der Suche eines Nachfolgers beauftragt, dessen Verpflichtung in Person von Michael Reschke wiederum vom Aufsichtsrat einstimmig beschlossen wurde.

Oder die Streichung der Kündigungsklausel aus dem Vertrag von Michael Reschke im Sommer 2018 (ebd.):

Vor dem Hintergrund einer erfolgreichen Spielzeit 2017/2018, den allseits positiv bewerteten Weichenstellungen für die Saison 2018/2019 und geprägt durch den Wunsch nach Kontinuität, hat der Vorstand einstimmig beschlossen, den Vertrag von Tayfun Korkut um ein Jahr zu verlängern. Darüber hinaus beschloss der Aufsichtsrat zur gleichen Zeit, also im Sommer 2018, im Zuge der Vertragsverlängerung der Vorstände Stefan Heim und Jochen Röttgermann, die von Michael Reschke im Jahr 2017 angebotene Kündigungsklausel wieder aus dem Vertrag zu streichen.

Die gefetteten Hervorhebungen in den Zitaten stammen von mir. Was die Einstellung und den Zeitpunkt der Entlassung von Markus Weinzierl angeht, verweist er auf die Zuständigkeit des Sportvorstands:

Die Auswahl und Verpflichtung eines Cheftrainers obliegt dem Sportvorstand. Die Personalentscheidung ist zwar durch den Aufsichtsrat zu genehmigen, die persönliche und sportliche Eignung für diese Aufgabe prüft jedoch der operativ zuständige Ressortvorstand. Ebenfalls ist der Sportvorstand für die Freistellung des Trainers zuständig. So war es auch im Fall von Markus Weinzierl.

Da ist nun keine Rede mehr davon, dass Dietrich im Februar nach dem Debakel gegen Düsseldorf eine Entlassung Weinzierls verhindern wollte. So wird er nach der Vorstellung Hitzlsperger vom Redaktionsnetzwerk Deutschland wie folgt zitiert:

“Die typische Variante in solch einer Situation wäre die Trainerentlassung. Wir haben uns für eine andere Lösung entschieden, weil wir der Überzeugung sind, dass es für den VfB Stuttgart die Beste ist.”

Christof Kneer dröselt das in der Süddeutschen Zeitung weiter auf: 

Nach dem 0:3 in Düsseldorf votierte Reschke intern für eine Entlassung des Trainers Weinzierl, den er selbst geholt hatte. Reschke hat das bald bereut, weil er merkte, dass es nicht passt zwischen Team und Trainer; Reschke hatte sich im Februar bereits mit einem Nachfolger verabredet, der Österreicher Oliver Glasner hätte für den VfB den Linzer ASK verlassen, dank einer fürs Ausland gültigen Klausel. Bei den VfB-Gremien kam Reschke aber nicht durch mit seinem Plan, sie fürchteten einen weiteren Imageverlust des Trainerfresserklubs aus Stuttgart – am Ende ging dann Reschke.

Es ist also nicht so, als würde sich Dietrich, zum Beispiel was Verantwortung und Zuständigkeiten angeht, nicht widersprechen. Nur treten die Widersprüche immer erst im Nachhinein auf: Erst war das Festhalten an Weinzierl die beste Lösung für den VfB, hinterher war es aber eine Entscheidung des Sportvorstands. Dietrichs Hoffnung: Es erinnert sich keiner daran, was er vorher gesagt hat. Als der angebliche “Hitzlsperger-Effekt” nach der Entlassung Reschkes eintrat und die Mannschaft für zwei Wochen ein bisschen weniger erbärmlich spielte, proklamierte er den Erfolg für sich. Als Weinzierl krachend gescheitert war, wollte Dietrich von dieser erfolgreichen Entscheidung nichts mehr wissen.

Das Ziel dieser Taktik: Wenn ihr gegen mich seid, dann müsst ihr auch gegen den restlichen Aufsichtsrat und den Vorstand der AG sein. Wollt Ihr wirklich gegen die gesamte Führungsriege Eures Vereins sein? Vereinslegenden wie Hermann Ohlicher und bis zu dessen Rücktritt aus dem Aufsichtsrat Guido Buchwald? Ich persönlich hätte ja an fast jedem dieser Herren Kritik zu üben, aber es wirkt natürlich auf die Masse wie stumpfes Bruddeln, wenn man gleich dem gesamten Aufsichtsrat und Vorstand an den Karren fährt. Denn zu häufig wird der VfB Stuttgart mit den für und in ihm handelnden Personen gleichgesetzt. Der Subtext: Wer gegen mich ist, ist gegen die Führungsriege, ist gegen den Verein.

Beim VfB ist ja sowieso immer der Präsident schuld, wenn es schlecht läuft

Eine ähnliche Taktik Dietrichs ist es, jene, die aus ganz konkreten Gründen Kritik an ihm zu üben, als notorische Bruddler hinzustellen, die bei sportlichem Misserfolg grundsätzlich den Vereinspräsidenten als Sünden- oder wie er es nennt, Prellbock hinzustellen. Auf der Suche nach der Quelle für diese Aussage bin ich übrigens auf einen anderen Artikel zu ihm gestoßen, der aus der Zeit vor seinem Amtsantritt datiert und mich vermuten lässt, dass er die Formulierung mit dem Prellbock noch aus seiner Zeit als S21-Sprecher im Hinterkopf hat. Auch sonst ist der Artikel übrigens sehr interessant, was sein Gebaren in dieser Zeit angeht. Wie auch immer: Dietrich versucht damit, die Kritik an ihm zum Einen auf den sportlichen Misserfolg zu reduzieren und sie zum anderen mit seinem Amt statt mit seiner Amtsführung zu verknüpfen. 

Zwar wurden die “Dietrich raus!”-Rufe in der Tat erst nach der Hinrunde der schlechtesten Saison der Vereinsgeschichte hörbar, die Kritik an ihm besteht aber, wie wir wissen, schon wesentlich länger und hat auch nicht ausschließlich sportliche Gründe. Abgesehen davon ist es mitnichten so, als würden sich VfB-Fans – oder zumindest jene, die ihn kritisieren – grundsätzlich am Präsidenten abarbeiten, egal wie der heißt. Natürlich stand Bernd Wahler nach dem Abstieg in der Kritik, schließlich hatte er jemandem wie Robin Dutt zu lange freie Hand gewährt. Dennoch kann ich mich nicht an “Wahler raus”-Rufe erinnern, als die Mannschaft langsam aber sicher über die Klippe in den Abgrund schlitterte. Der Frust entlud sich damals vor allem an der Mannschaft. 

Es war eben nicht immer der Präsident

Dass Gerd Mäuser vom Hof gejagt wurde, hatte auch weniger sportliche Gründe, sondern lag vielmehr daran, dass er für dieses Amt gänzlich ungeeignet war, was nicht nur von der Kurve so gesehen wurde. Außerdem wurde er, ähnlich wie Dietrich Jahre später, vom damaligen Aufsichtsratsvorsitzenden ins Amt gedrückt und gewann die Wahl mit 58,7 Prozent der Stimmen – immerhin noch 1,5 Prozentpunkte mehr als Dietrich. Erwin Staudt machte in seiner Amtszeit mit Sicherheit auch nicht alles richtig, aber eben auch mehr richtig als falsch. Schon beim Vergleich mit seinen drei Vorgängern hinkt also Dietrichs Vergleich gewaltig. Aber seine Message ist eindeutig: Wer mich kritisiert, hat an jedem Präsidenten was zu meckern und kann also kein Interesse an sachbezogener, konstruktiver Kritik haben.

Weitere Tricks und Kniffe

Um sich aus der öffentlichen Verantwortung heraus zu winden, reicht aber eine Spaltung der Mitgliederschaft nicht. Da muss man dann mal etwas suggeriert werden, an das man sich nicht mehr erinnert, da wird anderen die Schuld zugeschoben oder man gibt Fehler zu, die einem nie vorgeworfen wurden.

Was stört mich mein Geschwätz von gestern?

Die weiter oben beschriebene selektive Erinnerung Dietrichs hat System. Auch dieses Video ist Euch natürlich hinlänglich bekannt. Wer sich den ganzen Quatsch nicht noch einmal antun möchte, für den habe ich das zentrale Zitat, mit dem den Mitgliedern die Angst vor einem durchgeknallten Investor genommen werden sollte, noch einmal abgetippt: “Starke, regional verwurzelte Partner sind unser Heimvorteil. Den wollen wir nutzen.” Wir müssen davon ausgehen, dass bereits oben angesprochene Kampagne “Ja zum Erfolg”, zu der dieses Video gehört von Dietrich orchestriert oder zumindest final abgesegnet wurde. Wem das als Urhebernachweis nicht reicht, dem sei dieses Zitat aus dem Oktober 2016, wiedergegeben in der Bild, vorgelegt:

Sollten sich die Mitglieder für eine Ausgliederung entscheiden, setzen wir auf regional verwurzelte Unternehmen, die Wertigkeit ausstrahlen.“

Im Oktober 2017 überraschte Dietrich dann gegenüber der dpa mit folgender Aussage, nachzulesen auf Transfermarkt.de:

Präsident Wolfgang Dietrich will sich bei der Suche nach weiteren Investoren für den VfB Stuttgart alle Optionen offen halten und schließt auch Fonds als Anteilseigner an der AG nicht aus. „Wir suchen Partner, die optimal zum Verein passen. Ob der Partner aus der Region kommt oder nicht, ist zweitrangig. Es muss passen von den Zielen, die er hat“, sagte der Aufsichtsratsvorsitzende der VfB-AG der „Deutschen Presse-Agentur“.

Wiederum ein Jahr später verstieg er sich im Dezember 2018 bei der Veranstaltung “Forum VfB” in der Liederhalle zu folgender Aussage, festgehalten von Danny Galm in der Waiblinger Kreiszeitung:

„Ich habe nie gesagt, dass ein zweiter Investor aus der Region kommen muss. Das war nie die Prämisse und war nie in einer Form in unserer Kampagne ein Thema.“

Innerhalb von etwas mehr als zwei Jahren wurde also aus “wir setzen auf regional verwurzelte Unternehmen” die völlig konträre Aussage “Die Regionalität des Investors war nie in einer Form in unserer Kampagne ein Thema”. Dietrichs Hoffnung: Seine Aussagen liegen zeitlich so weit auseinander, dass sich niemand an den Widersprüchen stößt, im Zweifelsfall tut man so, als sei eine Aussage den Umständen geschuldet oder es ist, wie bereits angesprochen, jemand anderes dafür verantwortlich. Das ist zugegebenermaßen kein Versuch der Spaltung der Vereinsmitglieder, man könnte es eher Verwirrung oder Irreführung nennen, was mindestens genauso verwerflich ist.

Schuld sind immer die anderen

Zum Beispiel Michael Reschke. Ende Februar, nach dessen Entlassung, betonte Wolfgang Dietrich, dass ein Rücktritt keine Option sei, denn:

“Michael Reschke hat öffentlich betont, dass er entscheidend dafür verantwortlich ist, dass man die derzeitige Tabellensituation als dramatisch bezeichnen muss.”

Man muss sich diese Unverfrorenheit einmal vor Augen führen: Michael Reschke richtete nach seinem Abschied noch folgende Worte an die Fans: “Hört auf mit den Schmähungen gegen Wolfgang Dietrich. Sie sind ungerecht und schaden dem Verein und der Mannschaft in dieser schwierigen Phase.” Der erwähnte Dietrich nahm diese Vorlage volley an und versenkte sie zu seinen Gunsten. Oder Hannes Wolf. Der wurde laut Wolfgang Dietrich am 19. Mai bei Sport im Dritten nicht gegangen, sondern hat sich, wie ab etwa Minute 17 ungefähr zu hören ist, quasi selber entlassen:

Es ist dies eine Unterform der Taktik, Misserfolge immer zu kommunalisieren und Erfolge zu personalisieren. Ein weiterer erfolgversprechender Kniff: Fehler zugeben, aber nur solche, die man ihm nie vorgeworfen hat.

Ich danke für Ihre Kritik, möchte mich aber für etwas anderes entschuldigen

Doch, Wolfgang Dietrich kann auch Selbstkritik üben. Zum Beispiel, “dass er nicht genügend Druck in dieser Personalie gemacht habe, kreidete sich der 70-Jährige als großen Fehler an.”, so die Stuttgarter Nachrichten am 4. Juni. Dabei wäre doch die Einstellung eines Sportdirektors eigentlich Aufgabe des Sportvorstands. Zwar wurde die mangelnde sportliche Kompetenz in den Gremien des VfB bemangelt, niemand hatte jedoch dabei einen Sportdirektor im Sinn, der dem Sportvorstand Michael Reschke unterstellt gewesen wäre. Vielmehr wurde nach einem Korrektiv gerufen, dass in der Hierarchie über Reschke stand. Also mal glatt vorbei entschuldigt, Herr Dietrich.

Vollends absurd wird es am Ende der weiter oben verlinkten, an die Mitglieder gerichtete Stellungnahme zu den Quattrex-Vorwürfen. Sie schließt mit den Worten: 

Mir zu unterstellen, dass ich dem VfB Stuttgart schaden oder gar Vorteile aus meinem Amt ziehen möchte, ist absurd und schmerzt mich sehr.

Auch das hat ihm niemand vorgeworfen. Der Vorwurf im Rahmen der Diskussionen um die Quattrex-Beteiligungen lautete vielmehr, dass er aus seinen geschäftlichen Beziehungen Vorteile ziehen würde und eventuell vom Schaden des VfB finanziell profitieren könnte. Seine Zurückweisung geht damit ins Leere, versucht aber natürlich, die Kritik an ihm zu verfälschen. 

Worüber wir abstimmen

Es gäbe noch so viel mehr, worauf man hinweisen könnte: Die Pressekonferenz nach seiner Wahl, als er den Mitgliedern, die alle vorgeschlagenen Satzungsänderungen ablehnten, weil darüber nur en bloc abgestimmt werden durfte, vorwarf, sie seien nicht an einer Stärkung ihrer Rechte interessiert. Seine immer wieder seinen Ausführung angehängte Feststellung “Das ist ja mal Fakt”, mit der versucht, den Absolutheitsanspruch seiner Aussagen zu zementieren. Die Rolle von Sportjournalisten wie Herrn Wehrle vom SWR, sowie die Herren Ubina und Barner von den Stuttgarter Nachrichten, die ihren Teil dazu beigetragen haben, die Kritik an Dietrich zu diffamieren.

Aber ich will es dabei belassen. Ob Wolfgang Dietrich am 14. Juli 2019 abgewählt wird, ist eine demokratische Entscheidung. Ich habe meine Meinung dazu: Jemand, der wie oben beschrieben den Verein spaltet und Mitglieder an der Nase herumführt, kann nicht länger Präsident des VfB Stuttgart sein. Ich will und kann meine Meinung aber niemandem vorschreiben. Aber ich möchte dazu beitragen, dass die Mitglieder des Vereins für Bewegungsspiele wissen, worüber sie abstimmen.

Sei die erste Person, die diesen Beitrag von Rund um den Brustring teilt!

10 Gedanken zu “Wolfgang der Profi”

  1. VOLLE ZUSTIMMUNG ! DANKE FÜR DIE HERVORRAGENDE ANALYSE !
    Apell an ALLE: Wer diesen Mann im Amt lässt handelt grob fahrlässig. Lieber kein Präsident als dieser und ich will daran erinnern, dass wir schon mal keinen Präsidenten hatten und oh Wunder es gibt den VfB immer noch.

  2. Diesem Kommentar widerspreche ich im vollen Umfang. Es ist absolut lächerlich, wie hier die Wörter u. Zitate gegen unseren Präsidenten zurecht gelegt werden (gerade so wie mann es braucht). Solch eine
    Hetzkampagne, die von diesem Blog ausgeht ist einfach unterste Schublade. Es wird
    endlich Zeit, dass diese Lügengeschichten ein Ende haben. Auch hier will man unseren
    Präsidenten nur fallen sehen, weil man ihm immer noch die Ausgliederung nachträgt.
    Auf gehts liebe Mitglieder kommt zur Mitgliederversammlung gebt bitte eurer Stimme
    ab, damit diese HETZJAGD ein für alle Mal ein Ende hat!!! Wir brauchen endlich Ruhe
    im Verein und zwar mit Wolfgang Dietrich!!!!!

    • Hallo Sandy,

      kannst Du bitte Deinen Vorwurf der “Lügengeschichten” mit einem konkreten Beispiel belegen? Dass es nicht allein um die Ausgliederung geht, sollte im Text ebenso deutlich werden, wie die Intention des Textes: Ich stelle Zusammenhänge dar, belege sie und biete meine Interpretation an. Man kann eine andere Meinung haben, mir pauschal eine sachfremde Hetzjagd zu unterstellen, ist entlarven.

      Viele Grüße, Lennart

  3. Hallo Sandy, ich bin seit ich denken kann VfB Fan und ich danke Lennart für seine objektive Darstellung !
    Leider siehst du das Ganze
    sehr einseitig … würde gerne
    Fakten lesen warum du diese Meinung hast Lennart hat das! Danke dafür

  4. Hallo Ute,
    vielen Dank für deine Frage. Ich bin auch seit Jahrzehnten von Herzen VfB-Fan. Nur
    das was in meinem Herzensverein gerade abgeht tut mir sehr weh. Hast du dich einmal
    mit den Aufgaben eines Präsidenten beschäftigt? Nur ein paar Beispiele: erforderliche
    Strukturen geschaffen (Vereinsbeirat, Mitgliederausschüsse..)Sponsoren nach Abstieg
    teilw. bei der Stange gehalten oder neue gefunden. Versucht Kontinuität (die erst ge-
    fordert wurde) zu schaffen. Nachdem Fehler gemacht wurden, diese korrigiert (dazu steht
    er auch) nur wird darüber nicht berichtet usw. komm doch bitte zur MV und du kannst dich davon überzeugen. Bitte glaube nicht alles was jetzt über das Netz u. über die
    Medien verbreitet wird. Ich danke dir…..

Schreibe einen Kommentar