Wer hat, dem wird gegeben oder: Wieviele Ausgliederungen brauchen wir eigentlich?

Vor dem ers­ten Spiel­tag nach der Län­der­spiel­pau­se steht nicht nur der inter­na­tio­na­le Fuß­ball wegen sei­ner Igno­ranz gegen­über der Pan­de­mie in der Kri­tik. Auch in der Bun­des­li­ga ist von einem Kurs­wech­sel nichts zu sehen.


Die Ver­ant­wort­li­chen ver­schie­de­ner Bun­des­li­ga-Ver­ei­ne kön­nen froh sein, dass sie ihre Spie­le an die­sem Wochen­en­de vor lee­ren Rän­gen aus­tra­gen, hieß es die­se Woche in einem Pod­cast, es wür­de sonst mas­siv Spruch­bän­der in den Kur­ven der Repu­blik hageln. Zurecht, denn was ein Groß­teil der Liga in der Län­der­spiel­pau­se für ein Schau­spiel dar­bot, wur­de in die­sem Jahr nur noch über­trof­fen von der Selbst­über­hö­hung ver­schie­de­ner Funk­tio­nä­re wäh­rend der Liga­pau­se und dem Schmie­ren­thea­ter von Diet­mar Hopp und Karl-Heinz Rum­me­nig­ge im Spiel Hop­pen­heim-Bay­ern zu Jah­res­be­ginn.

Just jener Rum­me­nig­ge war auch dies­mal die Haupt­fi­gur, als er gemein­sam mit Ein­tracht Frank­furt die Liga zu einem unge­hei­men Geheim­tref­fen lud. Die gan­ze Liga? Nein. Nicht ein­ge­la­den waren die Schur­ken, die zur bis­he­ri­gen Ver­tei­lung der Fern­seh­gel­der, bei der die, die schon viel haben, noch mehr bekom­men sol­len, einen Alter­na­tiv­vor­schlag gemacht hat­ten: Stutt­gart, Bie­le­feld, Mainz, Augs­burg und schein­bar, wenn auch sel­ten nament­lich erwähnt, ein Groß­teil der aktu­el­len Zweit­li­gis­ten. Zum The­ma Fern­seh­gel­der gleich mehr, wid­men wir uns aber erst die­sem Tref­fen. Denn eine Ein­la­dung ist ja kein Zwang zur Teil­nah­me. Und viel­leicht wäre der VfB einer Ein­la­dung auch gefolgt. Ich hof­fe aber, dass unse­re Ver­ant­wort­li­chen genü­gend Rück­grat beses­sen hät­ten, sich einem Tref­fen zu ver­wei­gern, wel­ches ande­re Mei­nun­gen von vorn­her­ein nicht zulässt.

Mit den großen Hunden bellen

Rück­grat such­te man bei die­ser Ver­an­stal­tung in der Tat ver­ge­bens. Co-Gast­ge­ber Fre­di Bobic leg­te sich kur­zer­hand auf den Rücken und win­sel­te, die Bay­ern sei­en Bran­chen­pri­mus und müss­ten da auch vor­an­ge­hen. Ande­re waren nicht ganz so unter­wür­fig, mach­ten aber trotz­dem artig Männ­chen und bel­len anschlie­ßend ein biss­chen, wie Bre­mens Frank Bau­mann oder Glad­bachs Max Eberl. Bei­de nah­men die Ein­la­dung an und gaben hin­ter­her erst zu Pro­to­koll, dass es schon schön gewe­sen wäre, wenn die vier schwar­zen Scha­fe auch ein­ge­la­den wor­den wäre. Wäh­rend ich die­ses Ver­hal­ten bei Eberl — des­sen Inter­view in der Frank­fur­ter Rund­schau mich am Ende doch dazu brach­te, mei­nen Senf dazu abzu­ge­ben, obwohl ich dach­te, es sei schon alles gesagt, zum Bei­spiel von den Kol­le­gen vom Ver­ti­kal­pass — noch irgend­wo nach­voll­zie­hen kann, weil für Glad­bach die Euro­pa­po­kal­teil­nah­me das rea­lis­ti­scher Pla­nungs­ziel ist als die zwei­te Liga, ver­ste­he ich das Ver­hal­ten Wer­der Bre­mens, das sich ja ger­ne damit brüs­tet, den eige­nen Weg zu gehen, über­haupt nicht. Die stan­den schließ­lich im Spät­som­mer schon mit einem Bein in der zwei­ten Liga. Auch in Ber­lin-Köpe­nick und im “beschau­li­chen Breis­gau” sieht man sich schein­bar schon bei den Gro­ßen ange­kom­men und vom angeb­li­chen Gegen­ent­wurf zum Hoch­glanz­pro­dukt Bun­des­li­ga ist aktu­ell nur wenig zu sehen. Zur Erin­ne­rung: Uni­on ver­öf­fent­lich­te noch vor zwei Jah­ren ein Posi­ti­ons­pa­pier, in dem es wört­lich heißt:

Maß­nah­me 5: Wett­be­werbs­för­dern­de, liga­über­grei­fen­de, stu­fen­lo­se Ver­tei­lung der Ver­mark­tungs­er­lö­se

Die der­zei­ti­ge Ver­tei­lung der Erlö­se aus zen­tral­ver­wer­te­ten natio­na­len und inter­na­tio­na­len Medi­en­rech­ten ver­fes­tigt den Sta­tus quo der sport­li­chen Leis­tungs­fä­hig­keit der Ver­ei­ne und ver­grö­ßert die bereits bestehen­den Unter­schie­de zwi­schen den Klubs, statt den Wett­be­werb zu för­dern. Aus eige­ner Kraft kön­nen Ver­ei­ne den Unter­schied nicht mehr ver­rin­gern. Sie müs­sen die bestehen­den Ver­hält­nis­se akzep­tie­ren oder erheb­li­che wirt­schaft­li­che Risi­ken ein­ge­hen, um den Anschluss zur nächst­hö­her gele­ge­nen Grup­pe zu voll­zie­hen. Im Ergeb­nis wird der natio­na­le Wett­be­werb weit­ge­hend zer­stört. Die inter­na­tio­na­le Wett­be­werbs­fä­hig­keit wird nicht gestärkt.

Eine liga­über­grei­fen­de, stu­fen­lo­se Art der Ver­tei­lung muss für eine Ver­rin­ge­rung der Unter­schie­de zwi­schen den Klubs sor­gen und dadurch einen attrak­ti­ve­ren sport­li­chen Wett­be­werb för­dern. Der Abstieg aus einer Liga bleibt eine sport­li­che Nie­der­la­ge, ist jedoch nicht zwangs­läu­fig eine exis­ten­zi­el­le Bedro­hung für die betref­fen­den Klubs.

Nun­ja. Dass Uni­on ein Club wie jeder ande­re ist, wur­de uns schon klar, als man­che Eiser­nen nach dem ers­ten Bun­des­li­ga-Auf­stieg der Ver­eins­ge­schich­te nichts bes­se­res zu tun hat­ten, als den Gäs­te­block zu bepö­beln und mit Ben­ga­los zu bewer­fen. Dass über­haupt so vie­le Ver­ei­ne der Ein­la­dung Rum­me­nig­ges folg­ten, wis­send, aus wel­chen Grün­den man­che Ver­ei­ne nicht dabei waren, ist arm­se­lig. Vor allem für jene Ver­ei­ne, die von der aktu­el­len Ver­tei­lung der Fern­seh­gel­der in Zukunft nicht unbe­dingt pro­fi­tie­ren wür­den. Dass von den genann­ten Ver­ei­nen auch im Anschluss an das Tref­fen, als Rum­me­nig­ge in sei­ner unnach­ahm­li­chen Arro­ganz ver­such­te, Tho­mas Hitzl­sper­ger wie einen unge­zo­ge­nes Kind daste­hen zu las­sen, dem man die Flau­sen aus­trei­ben muss, kei­ner etwas dies­be­züg­lich von sich hören ließ, spricht Bän­de. Fürs Image hat man ja bele­se­ne Stür­mer und den sozi­al­kri­ti­schen Trai­ner mit dem put­zi­gen Dia­lekt. Dass es bei dem Tref­fen nicht nur ums Fern­seh­geld, son­dern noch ande­re wich­ti­ge macht­po­li­ti­sche The­men im deut­schen Fuß­ball ging, setzt dem Ver­hal­ten die Kro­ne auf. Ein deut­sches Pro­ject Big Pic­tu­re, nur dass die Bay­ern eben im Gegen­satz zu Liver­pool und Man­ches­ter ihren Laden im Griff haben. 

Die Sache mit dem Leistungsprinzip

Dass die Fir­men­ver­ei­ne der Ein­la­dung der Bay­ern ger­ne gefolgt sind, über­rascht nicht. Schließ­lich kommt jenen Clubs, die seit jeher qua Exis­tenz nicht auf nach­hal­tig wirt­schaft­li­ches Han­deln ach­ten müs­sen, die aktu­el­le Ver­tei­lung der Gel­der ent­ge­gen. Anstatt sich müh­sam an die gro­ßen Fleisch­töp­fe namens Cham­pi­ons League-Prä­mi­en und Fern­seh­geld her­an­zu­tas­ten, haben sie sich kur­zer­hand die Töp­fe qua­si gekauft und pro­fi­tie­ren nun zusätz­lich davon, dass im Fuß­ball das Geld meist dahin geht, wo schon wel­ches ist. Begrün­det wird das Gan­ze dann wahl­wei­se mit dem Leis­tungs­prin­zip oder der inter­na­tio­na­len Wett­be­werbs­fä­hig­keit der deut­schen Ver­ei­ne, also qua­si einer natio­na­len Sache. Was es bei­spiels­wei­se den VfB sche­ren soll­te, ob die Bay­ern finan­zi­ell in der Lage sind, die Cham­pi­ons League zu gewin­nen, ver­ste­he ich aller­dings nicht. Und ist es, um bei die­sem Bei­spiel zu blei­ben, nicht eine ähn­lich gro­ße, wenn nicht sogar noch grö­ße­re Leis­tung, mit Bie­le­feld oder eben dem VfB, nach­dem der die Aus­glie­de­rungs­koh­le größ­ten­teils schon vor Coro­na in den Wind geschos­sen hat­te, die Klas­se zu hal­ten, mit nach­hal­ti­gem Wirt­schaf­ten und mehr oder min­der knap­pen Bud­gets? Dass der VfB auch mit einer aus­ge­gli­che­ne­ren Ver­tei­lung der Fern­seh­gel­der kei­ne Kon­kur­renz für Bay­ern, Dort­mund und die Fir­men­fuss­bal­ler sein wird, ist natür­lich eben so klar. Eigent­lich ist das schon seit 2017 klar, aber da dach­te man ernst­haft, es reich­ten ein oder zwei ein­ma­li­ge “Anschub­fi­nan­zie­run­gen” um den VfB wie­der in sol­che Tabel­len­ge­fil­de zu beför­dern. Aber es wür­de viel­leicht den finan­zi­el­len Druck, sol­che Schnaps­ideen umzu­set­zen, etwas lin­dern. 

Natür­lich hat man beim VfB das Papier mit dem Alter­na­tiv­vor­schlag aus dem glei­chen Grund unter­schrie­ben, aus dem man sich damals dem “Team Markt­wert” anschloss: Weil es einem in der aktu­el­len Situa­ti­on Vor­tei­le bringt. Weil ein vier­ter Bun­des­li­ga-Abstieg in den nächs­ten Jah­ren ein rea­lis­ti­sche­res Sze­na­rio ist als die Euro­pa­po­kal­teil­nah­me. Auch der VfB han­delt hier aus Eigen­in­ter­es­se, wie alle ande­ren Ver­ei­ne in die­sem Spek­ta­kel auch. Aber er folgt ande­res als frü­her nicht dem Main­stream. Er wanzt sich nicht, wie es unter Wolf­gang Diet­rich geschah, so kum­pel­haft an “den Bran­chen­pri­mus” ran wie Bobics Ein­tracht. Er ver­folgt Zie­le, die einer brei­te­ren Mas­se an Bun­des­li­gis­ten etwas bringt und nicht nur der Eli­te. Und das ist mir schon mal viel Wert.

Standhaft bleiben! 

Ich bin mir sicher, hin­ter den Kulis­sen wer­den die Säbel nicht mal halb so laut geras­pelt wie davor. Den­noch hof­fe ich, dass der VfB stand­haft bleibt und bei allen Kom­pro­mis­sen, die man aus wirt­schaft­li­chen Über­le­gun­gen her­aus ein­geht, Gegen­über der Macht­po­li­tik von Rum­me­nig­ge nicht das Gesicht ver­liert. Dass sich etwas ver­än­dert, glau­be ich nicht. Nicht mal eine Pan­de­mie war bis­her in der Lage, irgend­ei­ne Spi­ra­le zurück zu dre­hen. Der Arro­ganz und dem Macht­ge­ha­be der wah­ren häß­li­chen Frat­ze des Fuß­balls wei­ter ent­ge­gen zu tre­ten ist trotz­dem alter­na­tiv­los. Nicht nur für Fans, auch für Ver­ei­ne.

Titel­bild: © ima­go

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