Was mir nicht gefehlt hat

Eigentlich wollte ich ja über dieses Spiel gar nichts schreiben…

…und dann schaust Du Dir das trostlose Gekicke in einem noch trostloseren weil leeren Stadion an und es kommt dir alles hoch: Die Erinnerung an den Saisonteil vor der Corona-Pause und das Muster, nach dem der VfB immer wieder seine Auswärtsspiele vergeigt. Hoch kommt einem dabei, glücklicherweise nur im übertragenen Sinne, noch etwas ganz anderes. Denn was die Brustringträger vor leeren Rängen in der hessischen Landeshauptstadt fabrizierten war nach der Vorgeschichte und zu diesem Zeitpunkt der Saison nur schwer erträglich.

Im Interview mit Spox.com sagte Clemens vom Schwabensturm die Tage etwas Wichtiges: 

Gerade wenn ich jetzt an die letzte Saisonphase denke, glaube ich kaum, dass alle Fans sich freuen werden, wenn ihr Verein ab- oder nicht aufsteigt. Zum Fußball gehören ja genauso die Niederlagen und Enttäuschungen.

So ist es. Auch ich laufe nicht freudestrahlend durch die Gegend, nur weil ich einer Truppe, die bereits einen Trainer verschlissen hat und unter dem nächsten genauso überheblich auftritt, beim verzweifelten Versuch zuschauen darf, die Heimmannschaft immer wieder mit dem gleichen Schnittstellenpass zu überlisten. Was jedes Mal auf tragikomische Weise schief geht, weil wieder jemand ausrutscht, meint, er müsse noch einen Haken schlagen oder den Ball einfach völlig unkontrolliert in den Fünfer und damit in die Arme des Torwarts oder auf den Kopf eines Verteidigers chipt.

Immer das gleiche Muster

Fünf von 13 Auswärtsspielen hat der VfB verloren, in weiteren fünf gelang nur ein Unentschieden. Die meisten Spiele liefen nach dem gleichen Muster ab: Der VfB hat viel Ballbesitz, kann damit aber außer Standfußball und Pässen ins Nichts nicht viel anfangen. Irgendwann fasst sich der tiefstehende, weil auf dem Papier schwächere Gegner ein Herz und versucht sein Glück und siehe da: Der Absteiger mit dem teuersten Kader der Liga ist nur ein Scheinriese, den man teilweise spielend leicht überwinden kann.

Ich habe es wirklich nicht vermisst, dieses Gefühl, dass der VfB sich so sicher ist, dass er dieses Auswärtspiel in OsnabrückSandhausenFürthWiesbaden schon gewinnen wird und deshalb einfach seinen behäbigen und leicht durchschaubaren Stiefel weiterspielt. Dieses erniedrigende Gefühl, wenn der Außenseiter ungläubig seinen Führungstreffer bejubelt und sich fortan darauf beschränkt, den Vorsprung über die Zeit zu retten. Diese leise Hoffnung, dass der VfB doch noch irgendwie einen reinwürgt, damit zumindest ein Punkt hängenbleibt. Die meist enttäuscht wird.

Das übliche VARoulette

In Wiesbaden schaffte es Nicolas Gonzalez immerhin, den Torwart so anzuschießen, dass der den Ball erst hinter der Torlinie zu fassen bekam. Aber da gibt es ja neben unserem uninspirierten Offensivspiel noch ein zweites Grundübel dieser Saison: Schiedsrichter und ihre Videoassistenten. Wie habe ich mich darauf gefreut, dass sich der Schiedsrichter in der Nachspielzeit zigmal anschaut, wie ein Ball auf einen Oberarm fällt, dann mit einem Videoassistenten diskutiert, der auch nichts genaues gesehen hat und der am Ende auf Verdacht einfach mal Elfmeter gibt.

Und selbst wenn es dafür eine aufgrund der gültigen Regeln plausible Erklärung geben mag…

…lässt einen das ganze einmal mehr sprachlos zurück. Nicht, weil dem VfB dadurch ein sowieso angesichts der Offensivleistung eher schmeichelhafter Punkt verloren ging. Sondern weil man sich immer noch mit einem System und einem Regelwerk rumschlagen muss, das die Beteiligten ganz offensichtlich überfordert, den Fußball aber doch besser und gerechter machen sollte. Zitat Stegemann: “Ich erkenn hier nichts”. Auch sonst hat es keiner erkannt. Dann lasst es doch einfach? Inwiefern hat die Ahndung dieses vermeintlichen Handspiels, das nicht einmal die Wiesbadener reklamierten, den Fußball besser uns gerechter gemacht?

Unbefriedigende Tabelle

Zum Letzten fehlt mir am allerwenigsten diese Nicht-Fisch-nicht-Fleisch-Situation, in der sowohl Hamburg als auch Bielefeld Punkte liegen lassen und der VfB mal wieder nicht davon profitiert. Das wäre schon ärgerlich, wenn man davon ausgehen kann, dass es noch acht weitere Spiele gibt, in denen die Brustringträger das nachholen können, Man kann aber eben aktuell nicht davon ausgehen, genauso gut könnte die Saison in der kommenden Woche abgebrochen werden, weil wieder ein leidender Trainer keine Zahnpasta im Hotelzimmer hat oder irgendein Spieler ein Instagram-Video veröffentlicht, in dem das Hygienekonzept der DFL ad absurdum geführt wird. Der VfB wäre dann Dritter und würde ein weiteres Jahr in dieser Liga voller hochmotivierter Underdogs verbringen.

Man kann sich also noch so sehr vornehmen, die Rest-Saison angesichts des sportlich fragwürdigen Wettbewerbs und der gesellschaftlichen Gesamtsituation etwas distanzierter und auf der Meta-Ebene zu betrachten: Es gelingt einem einfach nicht, wenn Herzensverein und Schiedsrichter einfach da weitermachen, wo sie vor der Pause aufgehört haben. Vielleicht hab ich beim Spiel in Kiel, so es denn stattfindet, schon daran gewöhnt.

Titelbild: © Uwe Anspach/Pool via Getty Images

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