Verein für Bullshit

Verein für Bullshit

Der VfB verliert das Heimspiel gegen Schalke mit 0:2, entlässt am nächsten Morgen Trainer Hannes Wolf und zeigt sich dabei so unprofessionell und rückgratlos, wie wir es von früher gewohnt sind.

Eigentlich wollte ich mir ja einen ruhigen Sonntag machen und dann irgendwann über das ärgerliche Spiel gegen Schalke schreiben. Darüber, wie ja eigentlich nicht eine Niederlage gegen eine Mannschaft aus der Spitzengruppe der Bundesliga das Problem ist, sondern Niederlagen gegen direkte Konkurrenten wie Mainz oder Bremen. Und dann kam doch alles anders.

Nachdem ich jetzt den halben Tag auf Twitter verbracht habe, ist es nun doch an der Zeit, die Gedanken etwas zu sortieren und festzustellen: Der VfB steht wieder genauso da wie 2016.

Es hätte so schön sein können

Das war es mit den Zukunftsvisionen. Bild: © VfB-Bilder.de
Das war es mit den Zukunftsvisionen. Bild: © VfB-Bilder.de

Für einen gewissen Zeitraum, es muss irgendwann im Verlauf der vergangenen Zweitliga-Saison gewesen sein, hatte ich wirklich und aus tiefster Überzeugung das Gefühl, es würde alles anders werden beim VfB. Jos Luhukay, die offensichtlichste aller Trainerlösungen nach dem Abstieg, war zurück getreten und Jan Schindelmeiser war nicht den vielzitierten Gesetzen der Branche gefolgt, sondern hatte mit Hannes Wolf einen Trainer ausgegraben, von dem rund um den Wasen nur die wenigsten etwas gehört hatten. Jan Schindelmeiser selber war der erste Sportdirektor seit Menschengedenken beim VfB, der nicht wegen seines Stallgeruchs verpflichtet wurde. Neben einem jungen unbekannten Trainer verpflichtete Schindelmeiser auch junge, unbekannte Spieler. Natürlich lief auch damals nicht alles perfekt, aber insgesamt hatte man das Gefühl, der VfB entwickele sich zu einem Verein mit Perspektive, mit langfristigen Konzepten, mit Zukunft.

Im Januar 2018 sind sowohl Jan Schindelmeiser, als auch Hannes Wolf Geschichte beim VfB. Über die Entlassung von Jan Schindelmeiser wurde ja schon ausführlich gesprochen und sie ist auch aus ganz anderen Gründen erfolgt als die Trennung von Hannes Wolf. Aber die Art und Weise, wie man beim VfB wieder den Schwanz einzieht, sind genau die gleichen wie in den Vorjahren. Zur Illustration, und damit kommen wir zum Schalke-Spiel:

Soweit die Aussagen von Hannes Wolf (ab etwa 9:00). Kommen wir zu Mario Gomez’ Interview bei VfBtv nach dem Spiel (transkribiert):

“Wir haben uns in der ersten Halbzeit, ja, so ein bisschen versteckt. Keiner wollte so richtig Initiative ergreifen.”

Halten wir also mal fest: Die Mannschaft zeigt in Mainz eine erbärmliche Leistung, kriegt dafür zurecht öffentlich den Kopf gewaschen. Hannes Wolf nimmt seine Mannschaft sogar noch in Schutz, obwohl sie es nicht verdient hat. Setzt Spielverweigerer wie Aogo zurecht auf die Bank und versucht mit Burnic und Neuzugang Larsen in der Startelf noch einmal etwas zu verändern, und die Mannschaft dankt es ihm, indem sich versteckt und nicht die Initiative ergreift. Tja, wer könnte denn in dieser Mannschaft die Initiative ergreifen? Vielleicht der Kapitän? Vielleicht Gomez selber? Vielleicht erfahrene Spieler, wenn die sich nicht durch unterirdische Leistungen selber aus der Mannschaft gekegelt hätten?

Keine Reaktion gezeigt

Legt nicht so viel Wert auf Statistiken: Christian Gentner. Bild: © VfB-Bilder.de
Legt nicht so viel Wert auf Statistiken: Christian Gentner. Bild: © VfB-Bilder.de

Eines vorneweg: Hannes Wolf hat mit Sicherheit nicht alles richtig gemacht in seinen 23 Spielen in dieser Saison. Larsen auf rechts zu bringen und Beck, der defensiv eigentlich stabil steht, im dritten Spiel in Folge auf der Bank zu lassen, war ein Risiko und eines, welches nicht zuletzt wegen des von Larsen verursachten dusseligen Elfmeters nach hinten losging. Auch einen Santiago Ascacíbar erst einzuwechseln, als der Rest der Mannschaft das Spiel schon 45 Minuten lang abgeschenkt hat, war keine gute Idee. Aber man kann von einer Mannschaft trotzdem erwarten, dass sie auf das Mentalitätdebakel von Mainz eine Reaktion zeigt. Dass sie auch für Ihren Trainer kämpft., Und dass sie nicht das Captain-Obvious-Gegentor gegen Schalke kassiert: Flanke, Kopfball Naldo, Tor.

Der Elfmeter? Geschenkt. Dass die zweite Halbzeit besser war, weil es schlechter nicht mehr ging? Ebenso. Die Brustringträger verwalteten erneut den Rückstand mit mutlosen Quer- und Rückpässen und hatten wie schon in Mainz Glück, dass sich die Anzahl der Gegentore in Grenzen hielt. Um den Faden vom Einstieg wieder aufzunehmen: Gegen Schalke kann man verlieren, die spielen nicht erst seit dieser Saison in ganz anderen Sphären als wir. Was man nicht kann, ist so eine miese erste Halbzeit abliefern und damit dokumentieren, wie scheißegal einem eigentlich alles ist. Um es in Zahlen auszudrücken: Eine Zweikampfquote von etwa 30 Prozent und über 40 Fehlpässe. Oder wie Christian Gentner es im Interview nach dem Spiel bei Sky ausdrückt:

Ja, wir legen nicht so viel Wert auf Statistiken.

Im Zweifelsfall fliegt halt wieder der Trainer und man hat sein Alibi für die schlechten Spiele der bisherigen Saison.

Tiefes Vertrauen

Tja. Und genauso kam es dann auch. Zum einen weil die Mannschaft, wie beschrieben, ihren Trainer eindrucksvoll widerlegt. Und zum anderen, weil sich beim VfB, von der eingangs beschriebenen kurzen Phase einmal abgesehen, nichts geändert hat. Nur dass die Verantwortlichen ihr Geschwätz von im wahrsten Sinne des Wortes gestern und vorgestern überhaupt nicht mehr interessiert.

Hält diese Einschätzung – dass der VfB außer in Mainz nur selten die schlechtere Mannschaft war – Ihr Vertrauen in Hannes Wolf aufrecht?

Ich habe großes Vertrauen in das Gesamtgebilde aus Mannschaft und Trainerteam. Nicht nur ich, sondern der ganze Club.

Was müsste passieren, dass es schwindet?

Dieses Vertrauen ist tief vorhanden.

-Michael Reschke am Freitag im Interview mit der Stuttgarter Zeitung

Heute morgen war von diesem Vertrauen scheinbar nichts mehr zu spüren. Reschke zufolge war der Grund für die Entlassung, dass Wolf Zweifel geäußert habe, ob er noch jeden Einzelnen in der Mannschaft erreicht. Jetzt könnte man natürlich hingehen und fragen: “Hannes, wir wollen beim VfB etwas langfristig aufbauen mit Dir. Bei welchen Spielern hast Du denn das Gefühl, dass Du sie nicht mehr erreichst? Liegt das an Dir oder an den Spielern?” Wer weiß, vielleicht Michael Reschke und Wolfgang Dietrich das getan. Egal, die Entscheidung stand fest: In Stuttgart ist wieder einmal der Trainer schuld.

Wir drehen uns im Kreis

Und wieder lacht sich die Liga über uns kaputt. Weil wir als Aufsteiger am 20. Spieltag unseren Aufstiegstrainer rauswerfen. Drei Tage vor Ende des Transferfensters. Weil Reschke in bester Dietrich-Manier erst hü und dann hott sagt. Die Kurve gestern und der Gästeblock in Mainz sind ja nicht ausgerastet, weil wir auf Platz 15 stehen. Oder weil Wolf einen 19-jährigen zu seinem Bundesliga-Debüt verhilft. Sondern weil die Mannschaft uns nicht das Gefühl gibt, dass sie den Abstiegskampf angenommen hat. Ich zitiere erneut Christian Gentner:

Sky-Reporter: Christian Gentner, die Fans rufen “Aufwachen, aufwachen”. Wenn man die erste Halbzeit gesehen hat, kann man das durchaus nachvollziehen. Waren sie selbst ein bißchen erschrocken, wie Sie in der ersten Halbzeit aufgetreten sind?

Gentner (schüttelt den Kopf): Nein, gar nicht…

Es folgen die üblichen Plattitüden, wie wir sie seit Jahren von unserem Kapitän kennen. Das ist das frustrierendste. Der VfB hat seit dem Abstieg 2016 fast die komplette Mannschaft ausgetauscht. Kaum einer der Versager, die im Mai 2016 in Bremen mit 2:6 untergingen, trägt noch den Brustring. Und trotzdem ändert sich nichts bei uns. Man dachte eigentlich, diese Strukturen, auch in der Mannschaft, diese Behäbigkeit, diese Selbstgefälligkeit, wäre nach dem Abstieg, der ultimativen Zäsur endlich aufgebrochen worden. Stattdessen drehen wir uns weiter im Kreis und wiederholen die Fehler der Vergangenheit.

Jetzt steht wieder einmal alles auf Null. Michael Reschke muss möglichst schnell einen Nachfolger präsentieren. Aber kann der etwas mit der auf Hannes Wolf ausgerichteten Mannschaft anfangen? Und wer wird es überhaupt? Und wie will der verhindern, dass Christian Gentner nach dem Spiel solche völlig verblendeten Interviews gibt? Wer auch immer es wird: Der Verein hat mir heute wieder ein wenig die Hoffnung genommen, dass sich beim VfB irgendwann mal etwas grundlegend ändert. Es ist, als wäre der Hang zu dummen Entscheidungen irgendwann in die DNA des Vereins übergegangen. So wie beim HSV. Nur dass die erstaunlicherweise nicht absteigen. Ein HSV in schlecht also.

Tschüss, Hannes Wolf. Danke für alles.

Lennart kommt aus der Nähe von Kassel, lebt mittlerweile in Darmstadt und ist seit den späten 90ern, etwa seit dem Pokalsieg 1997, treu ergebener Fan des roten Brustrings. In weiser Voraussicht kaufte er sich im Sommer 2006 ein Trikot von Fernando Meira. Seit 2005 ist er auch VfB-Mitglied, seit 2006 ist er Mitglied des offiziellen Fanclubs VfB-Supporters Hessen, außerdem Besitzer einer Heim- und Auswärtsdauerkarte. Auf Twitter findet Ihr ihn unter @l_sauerwald.

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