Verdient

Nach dem 0:0 bei Uni­on Ber­lin steigt der VfB zum drit­ten Mal aus der Bun­des­li­ga ab. Die logi­sche Fol­ge einer beschis­se­nen Sai­son.

Als es dann end­lich vor­bei war, war da ein­fach nur: nichts. Frü­her habe ich in der Sport­schau Mit­te Mai immer die heu­len­den Fans auf den Tri­bü­nen der Abstei­ger gese­hen und ver­sucht, mir vor­zu­stel­len, wie schlimm das sein muss und mich gefragt, ob ich auch irgend­wann ein­mal heu­lend in einem Gäs­te­block sit­ze, mit einem gebro­che­nen VfB-Herz. Nach dem zwei­ten Abstieg inner­halb von drei Jah­ren weiß ich, dass ich das wahr­schein­lich nie tun wer­de. Nicht unbe­dingt, weil ich zu alt oder zu männ­lich zum Heu­len sei. Son­dern weil mich die­ser Ver­ein so hat abstump­fen las­sen, dass nicht ein­mal die von der DFL künst­lich insze­nier­te Span­nung der Rele­ga­ti­ons­spie­le sol­che Emo­tio­nen her­vor­ruft. Was nicht heißt, dass die Rele­ga­ti­on ein Zucker­schle­cken ist. Ganz im Gegen­teil: Sie ist die pure Fol­ter. Nie haben sich 90 Minu­ten so sehr gezo­gen wie ein platt­ge­walz­tes Kau­gum­mi. Nach einer hal­ben Stun­de rea­ler Spiel­zeit war ich schon kör­per­lich und nerv­lich so fer­tig wie 120 Minu­ten und Elf­me­ter­schie­ßen. Da stei­ge ich doch lie­ber nach 34 Spiel­ta­gen als Tabel­len-16. regu­lär ab, als mir so einen Mist noch ein­mal zu geben. Ver­dient wäre es in die­ser Sai­son sowie­so gewe­sen.

Ver­dient haben es gro­ße Tei­le der Mann­schaft. Eine Mann­schaft, die zwei Trai­ner über die Klin­ge sprin­gen lässt, und sich unter dem drit­ten immer noch nicht zu einem Kraft­akt auf­raf­fen kann. Eine Mann­schaft, die die wenigs­ten Tore in der Bun­des­li­ga-Geschich­te des Ver­eins geschos­sen hat. Weil ihnen auch im ulti­ma­ti­ven Alles-oder-nichts-Spiel nichts bes­se­res ein­fällt als lan­ge Bäl­le in die Spit­ze. Die am Mon­tag­abend ver­such­te, die Ber­li­ner über Flan­ken­wech­sel aus­zu­he­beln, in der anschlie­ßen­den Vor­wärts­be­we­gung aber das Tem­po so sehr ver­schlepp­te, dass ihr aus Platz­grün­den anschlie­ßend nur noch die Halb­feld­flan­ke als Angriffs­me­tho­de blieb. Eine Mann­schaft, die die dritt­meis­ten Gegen­to­re der Bun­des­li­ga-Geschich­te des VfB kas­siert hat. Weil sie zu häu­fig bei dem Kopf nicht bei der Sache ist. Egal ob das ein erfah­re­ner Gon­za­lo Cas­tro ist, der zwei Mal den glei­chen Elf­me­ter ver­ur­sacht, oder ein uner­fah­re­ner Nico­las Gon­za­lez, der offen­sicht­lich beim Stan­dard-Trai­ning nicht auf­ge­passt hat. Eine Mann­schaft mit den wenigs­ten Punk­ten der Bun­des­li­ga-Geschich­te, weil der Kapi­tän der Mei­nung ist, in Mainz müs­se man nicht gewin­nen. Eine Mann­schaft, in der die ver­meint­li­chen Füh­rungs­spie­ler ihrer Rol­le nicht gerecht wer­den und die Ver­ant­wor­tung abla­den auf den Schul­tern von jun­gen Spie­lern, die der Auf­ga­be nicht gewach­sen sind, weil sie zu uner­fah­ren oder zu unreif dafür sind. Eine Mann­schaft, der man vor­gau­keln muss, sie wür­den, statt den Worst Case zu ver­hin­dern, um eine Tro­phäe spie­len, damit sie sich moti­vie­ren kann.

Ver­dient haben es auch Mar­kus Wein­zierl und Tay­fun Korkut. Korkut, weil er offen­sicht­lich mit der Kad­er­zu­sam­men­stel­lung nichts zu tun hat­te und offen­sicht­lich ins­ge­heim doch der Ansicht war, der 7. Platz in der vor­he­ri­gen Sai­son basie­re auf sei­nen her­vor­ra­gen­den Fähig­kei­ten als Trai­ner. Der gegen den bis dato punkt­lo­sen Tabel­len­letz­ten nur zwei Offen­siv­spie­ler auf­stell­te und ver­lor. Der ein­fach kein Kon­zept für den von ihm auf die Sai­son vor­be­rei­te­ten Kader hat­te. Und Mar­kus Wein­zierl, der aus Ein­falls­lo­sig­keit her­aus ein­fach wochen­lang die glei­chen Leu­te auf­bot und damit den hal­ben Kader gegen sich auf­brach­te. Der trotz­dem die glei­chen beschis­se­nen Ergeb­nis­se zustan­de brach­te, der Mann­schaft kei­ne Offen­si­videe mit­ge­ben konn­te und sich als belei­dig­te Leber­wurst aus Stutt­gart ver­ab­schie­de­te.

Ver­dient hat es auch Micha­el Resch­ke, der sich, inspi­riert von sei­nem Auf­sichts­rats­vor­sit­zen­den, mit arro­gan­ten Aus­sa­gen und gna­den­lo­ser Selbst­über­schät­zung gleich zu Beginn sei­ner Amts­zeit eine Fall­hö­he schuf, von der er nicht mehr her­un­ter kam. Der ein­ein­halb Kader zusam­men­stell­te, die auf dem Papier viel­leicht gut aus­sa­hen, aber nie zu den Trai­nern pass­ten, für deren Ein­stel­lung und Ent­las­sung Resch­ke auch ver­ant­wort­lich war. Die gespickt waren und sind mit Spie­lern, sie­he oben, die ihrer zuge­dach­ten Rol­le nicht mehr, nie, oder noch nicht gerecht wer­den konn­ten.

Ver­dient hat es auch Jochen Rött­ger­mann, Vor­stand Mar­ke­ting und Ver­trieb, der sich mit sei­nen Mit­ar­bei­tern gemein­sam nicht zu blöd war, jeden Scheiß rund um den VfB zu ver­mark­ten. Eine Auto­gramm­stun­de unter der Woche gehört natür­lich zum Geschäft und wenn irgend­je­mand so dep­pert ist, Geld für ein “Are­na Work­out” oder einen “Pre­game Pass” in den Wind zu schie­ßen bit­te. Be my guest. Aber zum Rele­ga­ti­ons­spiel einen Schal her­aus­zu­brin­gen und zu ver­kau­fen, als han­de­le es sich um ein Euro­pa­po­kal­fi­na­le oder ein Bild der Kara­wa­ne Cannstatt bei Insta­gram mit Links zu Wer­be­ar­ti­keln zu tag­gen zeugt von einer Ent­rück­heit und Mar­ke­ting­gier, die nichts mehr mit mei­nem, unse­ren VfB zu tun hat. Von der unsäg­li­chen Mit­glie­der­kam­pa­gne und der noch unsäg­li­che­ren #wir­s­ind­stutt­gart-Kam­pa­gne mit geklau­ten Video-Ideen will ich gar nicht erst anfan­gen. Natür­lich schießt Mar­ke­ting kei­ne Tore. Aber es trägt zum pein­li­chen Gesamt­bild bei, das der Ver­ein der­zeit abgibt.

Dazu zählt auch Ste­fan Heim, der, ver­ant­wort­lich für die Finan­zen, und stän­dig mit sei­nem kli­scheeschwä­bi­schen Häus­le­bau­er-Prin­zip erklä­ren woll­te, war­um bei der Aus­glie­de­rung nie­mand etwas ver­liert, son­dern der VfB etwas dazu bekommt. Die über 11 Pro­zent Antei­le an der VfB AG sind also nicht weg, sie sind nur woan­ders. Wäh­rend Uli Rufs Spar­dik­tat den VfB zu e.V. Zei­ten über­haupt erst in den Abgrund manö­vriert hat­te, trifft Heim als Vor­stands­mit­glied der AG nun auch eine Teil­schuld an der enor­men Geld­ver­schwen­dung, die sich der VfB seit dem 1. Juli 2016 gegönnt hat. Abfin­dungs- und Gehalts­fort­zah­lun­gen an zwei Sport­di­rek­to­ren und ins­ge­samt drei Trai­ner, dazu Trans­fer- und Gehalts­kos­ten für eine Mann­schaft, die sich und ihren Kader­wert jetzt in der zwei­ten Liga ver­senkt hat.

Womit wir zu dem kom­men, der den Abstieg mit am Meis­ten ver­dient hat: Prä­si­dent und Auf­sichts­rats­vor­sit­zen­der Wolf­gang Diet­rich. Nicht nur, weil er sich erst am 14. Mai 2019 und damit kurz vor Beginn der Rele­ga­ti­on end­gül­tig von allen mit­tel­ba­ren Betei­li­gun­gen am Auf­stieg des 1. FC Uni­on Ber­lin ent­le­dig­te, was ihm wahr­schein­lich immer­hin ein hüb­sches Weih­nachts­ge­schenk von sei­nem Sohn ein­bringt. Son­dern auch weil in völ­li­gem Grö­ßen­wahn­sinn völ­lig über­heb­li­che und unrea­lis­ti­sche Zie­le aus­gab und den VfB damit jetzt zum Gespött der Liga macht. Oder wie es der Kol­le­ge Prechtl auf der letz­ten Mit­glie­der­ver­samm­lung aus­drück­te: “Flieg nicht so hoch, mein klei­ner Freund”. Weil er mit sei­ner erra­ti­schen Per­so­nal­po­li­tik jeg­li­che Hoff­nung auf Kon­ti­nui­ät zer­stört hat. Weil ihm jedes Mit­tel recht war, um die Mit­glie­der bei der Abstim­mung zur Aus­glie­de­rung hin­ters Licht zu füh­ren zu über­zeu­gen. Weil er Kri­ti­ker dif­fa­miert, wenn sie ihm mit ihrer Kri­tik zu nah auf die Pel­le rücken. Und weil er sich selbst jetzt noch, nach­dem er mit sei­nem groß­kot­zi­gen “Ja zum Erfolg” kra­chend geschei­tert ist, an sei­ne bei­den Thro­ne klam­mert.

Ach­ja: Auch unser gelieb­ter Anker­in­ves­tor hat den Abstieg natür­lich ver­dient: Erst Diet­rich mit güti­ger publi­zis­ti­scher Schüt­zen­hil­fe und trotz eines his­to­risch schlech­ten Wahl­er­geb­nis­ses ins Amt gehievt und sich dann als der her­zens­gu­te Erfolgs­ga­rant von neben­an prä­sen­tiert. Und wenn es nicht läuft, dann wird den wahl­be­rech­tig­ten Mit­glie­dern via Pres­se mit­ge­teilt, dass Diet­rich der Prä­si­dent sei, den der Anker­in­ves­tor gewollt habe. Und mah­nend der Zei­ge­fin­ger geho­ben: Zufrie­den sei man mit dem sport­li­chen Zustand über­haupt nicht. Mal schau­en, wie lan­ge es dau­ert, bis sich der ent­täusch­te Anker­in­ves­tor wie­der in Ver­eins­be­lan­ge ein­mischt. Mein Tipp: Es wird in Kür­ze ein Inter­view geben, in dem ein­dring­lich vor einer Abbe­ru­fung Diet­richs gewarnt wird.

Also, ein ver­dien­ter Abstieg. Und wer hat es nicht ver­dient? Wir Fans. Die wir uns die­sen Mist jetzt schon seit zehn Jah­ren geben, die am Mon­tag quer durch die Repu­blik gegon­delt sind, um eine Mann­schaft zu sehen, die hilf- und ein­falls­los dem Abstieg ent­ge­gen­tau­melt. Die sich vom aso­zia­len Teil Köpe­nicks (na, wärt ihr mal lie­ber beim BFC geblie­ben, wa?) nach dem Platz­sturm der Unio­ner anpö­beln und mit Pyro­tech­nik bewer­fen las­sen muss (ja, ich weiß, in einer dump­fen Ecke des Gäs­te­blocks flog auch was zurück, aber das ist kei­ne Ent­schul­di­gung). Die die Mann­schaft trotz einer erbärm­lich schlech­ten Sai­son in gro­ßen Zah­len immer und über­all unter­stützt. Wir haben die­se Schei­ße nicht ver­dient.

Und wir müs­sen sie trotz­dem aus­ba­den. Aber die­ser Abstieg wird Kon­se­quen­zen haben. Er muss Kon­se­quen­zen haben. Ein paar Licht­bli­cke gibt es noch in dem dunk­len Tal, durch das wir uns gera­de bewe­gen. Die­je­ni­gen, die den Abstieg ver­dient haben, müs­sen die­se Kon­se­quen­zen tra­gen.

1 Gedanke zu „Verdient“

  1. Tol­ler Arti­kel — Es wur­de nur ver­ges­sen die vor der Sai­son abge­säg­ten Spie­ler zu erwäh­nen: Zim­bo, Gin­ny, Manga­la . Alle nicht gut genug für die 1. Liga. Ein­fach ein gutes Mannschaft’sgefüge kaputt gemacht um Platz für Maf­feo, Gon­za­lez und Cas­tro zu schaf­fen.

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