Sünder oder Sündenbock?

Auch im Heim­spiel gegen den SC Frei­burg gelingt dem VfB kein Sieg, die Tabel­len­si­tua­ti­on bleibt pre­kär. Aber kann man den Punkt­ver­lust am Unpar­tei­ischen und den letz­ten fünf Minu­ten fest­ma­chen? Und wer ist schuld am Lei­den Gui­do Buch­walds?

Wisst Ihr, was viel erhei­tern­der ist, als sich mit dem der­zei­ti­gen Zustand des VfB zu beschäf­ti­gen?

Genau. Humor statt Abwehrs­lap­stick, Lach- statt Waden­krämp­fe, Lachen statt Kopf­schüt­teln. So habe ich den Sonn­tag abend zuge­bracht, in Mann­heim im Rosen­gar­ten.

Hilft aber natür­lich nichts, denn der VfB, von des­sen Heim­spiel gegen Frei­burg ich nur die ers­te hal­be Stun­de live und den Rest am Mon­tag im re-live gese­hen habe, buhlt wei­ter ener­gisch um Auf­merk­sam­keit, gibt sich nicht damit zufrie­den, ein­fach mal ein unauf­ge­reg­tes Heim­spiel ohne mei­nen voll­stän­di­gen Fokus zu absol­vie­ren. Dabei rede ich noch gar nicht über Gui­do Buch­wald (spä­ter dann). Um es kurz zu machen:

Den Faden verloren

Fan­gen wir heu­te mal direkt mit dem größ­ten Auf­re­ger an und arbei­ten uns dann lang­sam in nüch­ter­ne­re Gefil­de vor. Kurz vor Ablauf der regu­lä­ren Spiel­zeit zeig­te Schieds­rich­ter Deniz Ayte­kin dem zur Halb­zeit ein­ge­wech­sel­ten und bis dahin ziem­lich unauf­fäl­li­gen Mario Gomez inner­halb von weni­gen Minu­ten zwei gel­be Kar­ten, die in einem Platz­ver­weis resul­tier­ten. In der vier­ten der anschlie­ßend nach­ge­spiel­ten fünf Minu­ten traf Frei­burg in Über­zahl noch zum Aus­gleich. Im Wis­sen, was am Ende pas­sie­ren wür­de, schau­te ich mir ges­tern das gesam­te Spiel noch ein­mal an und konn­te mir fast nicht vor­stel­len, dass Ayte­kin gegen Ende des Spiels so sehr sei­ne Linie ver­lie­ren wür­de. Bis zu die­ser 89. Minu­te fand ich näm­lich sei­ne Ent­schei­dun­gen größ­ten­teils eigent­lich ziem­lich nach­voll­zieh­bar. Gut, bei Ben­ja­min Pavards völ­lig sinn­lo­ser Eska­la­ti­on im eige­nen Straf­raum hat­ten wir viel­leicht auch ein biß­chen Glück, wobei der Frei­bur­ger Spie­ler Schlot­ter­beck den Schub­ser Pavards auch dan­kend annahm. Was den Unpar­tei­ischen aber dazu bewog, Gomez vom Platz zu schi­cken, kann ich nicht nach­voll­zie­hen. Die vom Spie­ler sel­ber spä­ter wie­der revi­dier­te Ver­schwö­rungs­theo­rie, der Platz­ver­weis sei Rache für das Hin­spiel, kön­nen wir den­ke ich ad acta legen. Man kann auch mei­net­we­gen die ers­te gel­be Kar­te noch damit recht­fer­ti­gen, dass Gomez ver­sucht, sich im Zwei­kampf mit dem Ellen­bo­gen den hin­ter ihm ste­hen­den Gegen­spie­ler vom Leib zu hal­ten.

Für die zwei­te gel­be Kar­te, bei der Gomez vor­her han­dels­üb­lich mit den Armen nach oben springt und sei­nen Gegen­spie­ler leicht am Kopf tou­chiert, fehlt mir aller­dings jeg­li­ches Ver­ständ­nis. Wenn Du dafür, im Wis­sen dass es einen Platz­ver­weis nach sich zieht, Gelb gibst, musst Du die Hälf­te aller Luf­zwei­kämp­fe im Spiel abpfei­fen. Zumal Gomez auch in die­ser Situa­ti­on die Augen nur auf dem Ball hat und der Frei­bur­ger qua­si von unten an den Ellen­bo­gen springt. Schwa­che Leis­tung vom Schieds­rich­ter in die­ser Sze­ne und wie wir schon in der letz­ten Sai­son leid­voll erfah­ren muss­ten hilft einem der VAR in die­sem Fall auch nicht, weil der sonst jede gel­be Kar­te über­prü­fen müss­te. Genau­so unver­ständ­lich sind für mich fünf Minu­ten Nach­spiel­zeit in einer Halb­zeit, in der es zwar zwei Tore und einen Platz­ver­weis gab, aber nichts davon über­mä­ßig viel Zeit in Anspruch genom­men hat. Das bei län­ge­ren Tele­fon­kon­fe­ren­zen mit Köln durch­aus mal ein paar Minu­ten mehr als gewöhn­lich nach­ge­spielt wer­den — geschenkt. Aber drei Minu­ten hät­ten hier völ­lig gelangt, viel­leicht noch vier. Hät­te der VfB also ohne die wir­re Spiel­lei­tung in den letz­ten fünf Spiel­mi­nu­ten die drei Punk­te in Stutt­gart behal­ten?

Selber schuld

Viel­leicht wäre es de fac­to so gewe­sen, dass eine kür­ze­re Nach­spiel­zeit und ein VfB-Spie­ler mehr drei Punk­te bedeu­tet hät­ten. Der VfB täte aber schlecht dar­an, die Schuld für den erneut ver­pass­ten Sieg dem Schieds­rich­ter in die Schu­he zu schie­ben, wie es nicht nur vie­le VfB-Fans nach dem Spiel taten, son­dern auch Trai­ner Mar­kus Wein­zierl, der das aber natür­lich pflicht­schul­digst auf der VfB-Home­page wie­der revi­dier­te. Denn es war ja nicht so, als hät­te der VfB die Frei­bur­ger in den 89 Minu­ten vor­her an die Wand gespielt und hät­te die Gegen­to­re nur durch wid­ri­ge Umstän­de kas­siert. Ganz im Gegen­teil: Schaut man sich das Spiel, wie ich es getan habe, erst in der Wie­der­ho­lung in Gän­ze an, kommt man nicht umhin, fest­zu­stel­len, dass die­ses 2:2 eigent­lich ziem­lich leis­tungs­ge­recht war, auch wenn es dem VfB in der Tabel­le nicht wei­ter­hilft. Wir hat­ten zwar in den übli­chen Kate­go­rien Ball­be­sitz, Zwei­kampf- und Pass­quo­te die Nase vor­ne, bei den Tor­schüs­sen ist die Sta­tis­tik jedoch aus­ge­gli­chen. Dass gute Zwei­kämp­fe und Päs­se und viel Ball­be­sitz den Brust­ring­trä­gern kei­ne Tore oder Punk­te garan­tie­ren, ist nichts neu­es. Wich­tig ist in die­sem Fall nicht nur aufm Platz, son­dern vorm Tor. Und da brach­ten bei­de Mann­schaf­ten von ihren 17, respek­ti­ve 16 Schüs­sen jeweils nur vier aufs Tor. Je zwei­mal klin­gel­te es, zwei­mal nicht. Und die Qua­li­tät der Chan­cen schätzt zumin­dest Under­stat bei den Frei­bur­gern als höher ein und errech­net ein xG-Ergeb­nis von 0,83:2,42 aus VfB-Sicht.

Natür­lich hät­te der VfB die­ses Spiel durch­aus gewin­nen kön­nen — und müs­sen. Aber wenn Du halt in der zwei­ten Woche in Fol­ge in den ers­ten fünf Minu­ten noch so im Tief­schlaf bist, dass Du dei­nen Match­plan qua­si kurz nach Spiel­be­ginn schon wie­der über den Hau­fen wer­fen kannst, weil Du einem Rück­stand hin­ter­her läufst, dann wird das halt schwer. Vor allem in der ers­ten Halb­zeit muss­te man sich fra­gen, was beim VfB eigent­lich das grö­ße­re Pro­blem ist: Das Abwehr­ver­hal­ten, das sich mit einem Pass in den Rück­raum aus­he­beln lässt, oder eine Offen­siv­kon­zept, wel­ches größ­ten­teils wei­ter­hin aus Flan­ken (Whoscored.com zählt 35) besteht. Denn obwohl sich der VfB nach dem Füh­rungs­tref­fer der Frei­bur­ger anders als in den letz­ten Spie­len nicht bin­nen kur­zer Zeit wei­te­re Gegen­to­re ein­fing, war er auch nicht in der Lage, dem Geg­ner sein Spiel auf­zu­drü­cken oder den Aus­gleich spie­le­risch zu erzwin­gen. Statt­des­sen fie­len die die bei­den Tore in der zwei­ten Halb­zeit mehr oder min­der aus dem Nichts oder zumin­dest aus einem ziem­lich aus­ge­gli­che­nen Spiel her­aus.

Zu viel Aufwand für zu wenig Tore

An die­ser Stel­le gilt es auch ein­mal zu loben, schließ­lich muss man ja mitt­ler­wei­le zwei VfB-Tore in einem Spiel schon als etwas Beson­de­res betrach­ten. Zunächst Nico­las Gon­zá­lez, der zwar frei­ste­hend wild über das Tor schoss, aber bei­de Tore durch klu­ge Zuspie­le — ein­mal auf Insua mit der Brust, ein­mal auf Dida­vi mit dem Fuß — ein­lei­te­te. Auch wenn er wei­ter­hin nicht so vie­le Tore schießt, wie wir uns das viel­leicht von ihm erwar­ten, zeigt er doch, dass er vor dem Tor meis­tens ganz gute Ideen und gele­gent­lich auch genü­gend Über­sicht hat. Der zwei­te Spie­ler, der sich am Sonn­tag ein Lob ver­dien­te, war Alex­an­der Ess­wein, bei dem ich mei­ne ursprüng­li­che Ein­schät­zung etwas revi­die­ren muss. Anders als Ste­ven Zuber, sein Gegen­stück und Co-Neu­zu­gang auf dem lin­ken Flü­gel, mach­te Ess­wein über rechts rich­tig Betrieb, durch­brach die Halb­feld­flan­ken­ein­tö­nig­keit mit Vor­stö­ßen auf die Grund­li­nie und lei­te­te mit einem lan­gen Ball auf den eben ange­spro­che­nen Gon­zá­lez auch den Aus­gleich ein. Zuber hin­ge­gen konn­te sich vor­ne kaum durch­set­zen. Gene­rell war die lin­ke Sei­te mit ihm Insua, sieht man ein­mal von des­sen Aus­gleichs­tor ab, eher schwach unter­wegs, wäh­rend der rech­te Außen­ver­tei­di­ger Pavard deut­lich sicht­ba­rer und akti­ver war.

Eindeutige und notwendige Ansage.
Ein­deu­ti­ge und not­wen­di­ge Ansa­ge.

Das Pro­blem: Es fal­len wei­ter­hin zu wenig Tore, ver­gli­chen mit dem Auf­wand, den der VfB betreibt. Auch Mar­kus Wein­zier­ls muti­ge Idee, Mario Gomez ein wei­te­res Mal zu Beginn auf der Bank zu las­sen, ging nicht nur wegen des frü­hen Gegen­tref­fers nicht auf. Der VfB war über 83 Minu­ten kaum in der Lage, den Frei­bur­gern rich­tig gefähr­lich zu wer­den und bezahl­te am Ende die Stra­fe für das frü­he Gegen­tor. Und auch das 2:2 muss­te so nicht fal­len, unab­hän­gig von der Anzahl der Brust­ring­trä­ger auf dem Platz. Schließ­lich war es ja nicht so, dass sich die Mann­schaft durch die Abwe­sen­heit von Gomez hin­ten neu sor­tie­ren muss­te. Natür­lich waren sie einer weni­ger, aber wenn Du den Ball halt ein­fach raus­kloppst oder zumin­dest ver­suchst, ihn kon­trol­liert in den eige­nen Rei­hen zu hal­ten, dann pas­siert Dir sowas auch nicht. Und wenn Du direkt nach Wie­der­an­pfiff fast schon das 2:0 kas­sierst, weil Du wie­der mit dem Kopf über­all anders bist, nur nicht auf dem Platz, dann darfst Du dich nicht dar­über beschwe­ren, dass Du die­ses Spiel nicht gewinnst.

Schluss mit Blabla

Der VfB ist momen­tan mal wie­der, wie der Ver­ti­kal­pass es nennt, der Ver­ein für Bla­bla. Woche für Woche schafft man es nicht, die hoch­tra­ben­den Ankün­di­gun­gen, die nach dem jeweils letz­ten Spiel getä­tigt wur­den, zu erfül­len. Ein­zel­ne Licht­bli­cke wie Gon­zá­lez und Ess­wein und in Tei­len Mario Gomez, der sei­ne Kar­rie­re momen­tan für den Ver­ein hin­ten­an zu stel­len scheint täu­schen nicht dar­über hin­weg, dass die Mann­schaft men­tal nicht zu 100 Pro­zent auf dem Platz ist, zumin­dest nicht von Beginn an. Auch gegen die Bay­ern brauch­te es erst den Aus­gleich, damit sich die Mann­schaft schüt­tel­te und in der Lage war, dem Geg­ner Paro­li zu bie­ten. Wie schon ange­spro­chen fehlt es eigent­lich in bei­den Spiel­rich­tun­gen an Gedan­ken­schnel­lig­keit und Auf­merk­sam­keit. Dann hilft es auch nichts, dass wir wis­sen, dass wir zu leicht Feh­ler zulas­sen. Wir müs­sen sie abstel­len.

Die Aus­sich­ten sind also wei­ter­hin trü­be. Auch nach 20 Spie­len ist die Sai­son des VfB his­to­risch schlecht, um nicht zu sagen die schlech­tes­te: Die wenigs­ten Punk­te, die meis­ten Nie­der­la­gen, die schlech­tes­te Tor­dif­fe­renz, immer­hin nur die zweit­we­nigs­ten Tore und die zweit­meis­ten Gegen­to­re. War­um die­se wöchent­li­che Sta­tis­tik des Grau­ens? Weil sie ver­deut­licht, wie sehr am Wasen aktu­ell wie­der der Baum brennt. Das Heim­spiel gegen Frei­burg hät­te ein Heim­sieg sein müs­sen, genau­so wie wir am Sonn­tag in Düs­sel­dorf gewin­nen müs­sen, die zuletzt immer­hin auch Federn gelas­sen haben. Aber was bringt uns das? Die Frei­bur­ger Abwehr, das hat man bei den bei­den Gegen­tref­fern gese­hen, ist ähn­lich labil wie unse­re, aber im End­ef­fekt sind Mann­schaf­ten wie Frei­burg und Düs­sel­dorf halt locker in der Lage, uns ein bis zwei Tore ein­zu­schen­ken.

Kritik und Support

Mehr will ich zu dem Elend auf dem Platz gar nicht schrei­ben, es fällt mir auch ehr­lich gesagt außer den genann­ten Punk­ten nichts Posi­ti­ves zum VfB ein. Im Gegen­teil:

Wenn der Spiel­be­richt schon so spät kommt, kön­nen wir das The­ma auch noch mit abhan­deln. Dass zu allem Über­fluss auch noch ein Mit­glied des AG-Auf­sichts­ra­tes am Tag nach dem Spiel zurück­tritt, ist maxi­mal ner­vig. Es scheint beim VfB auf kei­ner Ebe­ne Ruhe ein­zu­keh­ren. Dabei klam­me­re ich übri­gens expli­zit die der­zeit herr­schen­de Kri­tik an Diet­rich aus.

In der Tat ist es mög­lich, gleich­zei­tig die Mann­schaft zu unter­stüt­zen und die Ablö­sung von Wolf­gang Diet­rich zu for­dern. Dass dies nicht in der Rück­run­de gesche­hen wird und auch nichts zum Klas­sen­er­halt bei­tra­gen wird, ist allen Betei­lig­ten klar. Aber es muss auch deut­lich gemacht wer­den, dass das Schiff nicht nur des­halb zu sin­ken droht, weil die Mann­schaft Ihre Arbeit nicht anstän­dig macht, son­dern auch des­halb, weil der Kapi­tän zwar schon den Hafen am Hori­zont sehen meint, aber auf dem Weg dort­hin mit sei­ner Art der Füh­rung und sei­ner Vor­stel­lung von Per­so­nal­po­li­tik stän­dig vom Kurs abkommt und das Schiff zum Schlin­gern bringt. Das hat das Com­man­do Cannstatt rela­tiv aus­führ­lich zum Aus­druck gebracht. Auch wenn ich nicht mit allem zu 100 Pro­zent über­ein­stim­me, wird deut­lich: Hier geht es um mehr, als sich ein­fach nur in sport­lich schlech­ten Zei­ten am Kopf des Fisches abzu­ar­bei­ten. Aber zurück zu Gui­do Buch­wald.

Sportliche Kompetenz oder nicht?

Nach eige­ner Aus­sa­ge wur­de er im Anschluss an das Spiel gegen Frei­burg von ande­ren Auf­sichts­rats­mit­glie­dern per­sön­lich für die sport­li­che Situa­ti­on des Ver­eins ver­ant­wort­lich gemacht, was ihn nach einer schlaf­lo­sen Nacht dazu getrie­ben habe, sei­ne Pos­ten als Auf­sichts­rat und Bot­schaf­ter des e.V. nie­der­zu­le­gen. Jetzt wis­sen wir natür­lich nicht, wer ihn da genau wie ange­gan­gen ist, aber dass es im Auf­sichts­rat nicht har­mo­nisch zuzu­ge­hen scheint, dür­fen wir wohl anneh­men. Das ist aber mei­ner Mei­nung nach kein Grund, Gui­do Buch­wald zum ver­sto­ße­nen Mah­ner und zum Kron­zeu­gen gegen die Ver­eins­füh­rung zu erhe­ben, wie es bei­spiels­wei­se Hei­ko Hin­rich­sen in den Stutt­gar­ter Nach­rich­ten oder Geor­ge Mois­si­dis im kicker tut. Auch hier muss man die in der Über­schrift gestell­te Fra­ge abwä­gen, wobei im Fal­le Buch­wald irgend­wie bei­des zutrifft. Einer­seits hat Buch­wald bereits letz­tes Jahr bewie­sen, dass er lie­ber die Rol­le von Tho­mas Bert­hold ein­neh­men wür­de, als er Sport1 sein wir­res Inter­view gab: Die des ehe­ma­li­gen Spie­lers, der alles bes­ser weiß und den ein Kopf­ball im Mai 1992 dazu berech­tigt, mal so rich­tig über den VfB her­zu­zie­hen. Das Pro­blem: Buch­wald ist nicht ein­fach ein Alt­vor­de­rer, son­dern als Auf­sichts­rat in einer her­aus­ra­gen­den Rol­le beim VfB. Was ihn schein­bar nicht dar­an hin­dert, frei­mü­tig zuzu­ge­ben, dass er von Kor­kuts Ent­las­sung über­rascht gewe­sen sei und von der Ver­trags­ver­län­ge­rung im Som­mer nichts gehal­ten habe.

Jetzt wird ein­ge­wen­det: Ja seht ihr! Der Buch­wald ist mit sei­ner Kri­tik intern nicht mehr durch­ge­drun­gen und sieht kei­ne ande­re Mög­lich­keit mehr, als sich mit einem Hil­fe­ruf an die Pres­se zu wen­den! Aber ganz ehr­lich: Was hät­te denn bei­spiels­wei­se die­se öffent­lich getä­tig­te Aus­sa­ge geän­dert? Korkut war ja schon ent­las­sen, es ging hier ledig­lich ums Nach­tre­ten und dar­um, sich als Stim­me der Weis­heit oder der Ver­nunft dar­zu­stel­len. Ganz absurd wird, wenn er zum einen “brei­te­re sport­li­che Kom­pe­tenz” im Ver­ein anmahnt, sei­ne eige­ne Rol­le und Kom­pe­tenz dabei schein­bar klein­re­det, auf die­se Fer­tig­kei­ten bei Auf­sichts­rats­kol­le­ge Her­mann Ohli­cher aber nichts kom­men lässt. Auch Tho­mas Hitzl­sper­ger sei “ein her­vor­ra­gen­der Fach­mann”, wie sehr der ein­ge­bun­den sei, kön­ne der mit der Beauf­sich­ti­gung der VfB AG beauf­trag­te Auf­sichts­rat Gui­do Buch­wald aber nicht sagen. Hal­ten wir also fest: Abge­se­hen von Ohli­cher und Hitzl­sper­ger kei­ne wei­te­re sport­li­che Kom­pe­tenz beim VfB? Und ach­ja: Zwi­schen ihm und Micha­el Resch­ke “ist da lei­der nicht viel Kom­mu­ni­ka­ti­on”. Ja, Jun­ge, Du bist Auf­sichts­rat und nicht Resch­kes Kol­le­ge. Und die sport­li­che Kom­pe­tenz im Ver­ein fehlt doch sowie­so in aus­rei­chen­dem Maße, mit wem soll Resch­ke denn da kom­mu­ni­zie­ren?

Kein Gegenbeispiel

Wie ihr wisst (und oben lesen könnt) hal­te ich Wolf­gang Diet­rich als VfB-Prä­si­dent und AG-Auf­sichts­rats­vor­sit­zen­den für eine kom­plet­te Fehl­be­set­zung, stra­te­gisch wie auch mensch­lich. Das heißt aber nicht, dass jemand wie Gui­do Buch­wald, den anschei­nend die mehr oder min­der erzwun­ge­ne Ent­schul­di­gung für sein Inter­view immer noch genervt hat und der sich dann durch eine per­sön­li­che Anschul­di­gung bemü­ßigt sah, die Bro­cken hin­zu­wer­fen, das leuch­ten­de Gegen­bei­spiel ist. Der seit sei­nem Kar­rie­re­en­de bis vor ein paar Jah­ren vor allem für den KSC (!), die Kickers (!) und in Japan aktiv war, von der Über­ga­be der Meis­ter­scha­le an Fer­nan­do Mei­ra und der Tätig­keit als Ehren­spiel­füh­rer viel­leicht mal abge­se­hen. Dem es in einer schwie­ri­gen Pha­se nach dem Trai­ner­wech­sel und dem Fehl­start des neu­en Trai­ners wich­ti­ger war, ver­eins­in­ter­ne Rech­nun­gen öffent­lich zu beglei­chen und der sich jetzt gekränkt zurück­zieht. Dabei wür­de es ande­rer­seits (s.o.) sogar zu Diet­richs Igno­ranz pas­sen, dass er Buch­wald und des­sen Inter­view — und nicht sei­ne eige­ne Amts­füh­rung — für die Pro­tes­te und die schlech­te Stim­mung rund um den VfB ver­ant­wort­lich macht. Aber von mir aus hät­te Buch­wald, wie Han­si Mül­ler damals, ger­ne schon direkt nach die­sem Inter­view zurück­tre­ten dür­fen. Es geht Gui­do Buch­wald ganz offen­bar nicht dar­um, den Ver­ein durch sei­ne Äuße­run­gen vor Scha­den zu bewah­ren oder wie Mois­si­dis es for­mu­liert:

Buch­wald wur­de zum Ver­häng­nis, dass er sich nicht in die Rei­he der Ja-Sager und Abni­cker ein­rei­hen woll­te. Dass er Ent­schei­dun­gen hin­ter­frag­te und, wie es schon zu sei­ner Pro­fi­zeit immer sei­ne Art war, ehr­lich Stel­lung bezog. Dass er auf­be­gehr­te, wenn mal wie­der ein­sa­me Ent­schei­dun­gen gefällt wur­den. Was zur Job­be­schrei­bung eines Auf­sichts­rats gehö­ren soll­te.

Es geht Buch­wald mei­ner Mei­nung nach vor allem um eine per­sön­li­che Krän­kung, die er nicht auf sich sit­zen las­sen woll­te. Hät­te er Scha­den vom Ver­ein abwen­den wol­len, hät­te er sich das Inter­view damals spa­ren kön­nen, denn außer dre­cki­ger Wäsche, wider­sprüch­li­chen Aus­sa­gen und ein paar all­ge­mei­nen Durch­hal­te­f­los­keln war da wenig erhel­len­des dabei. Statt­des­sen ver­lieh er vor allem sei­nem Gel­tungs­be­dürf­nis Aus­druck, so wie es auch Tho­mas Bert­hold in die­ser schwe­ren Zeit wie­der­holt tut und wie es vie­le ehe­ma­li­ge Spie­ler gene­rell tun, wenn es bei ihrem Ex-Ver­ein mal wie­der schlecht läuft. Dabei wird meis­tens absicht­lich übers Ziel hin­aus­ge­schos­sen, weil das Dop­pel­pass-/Sky90-Publi­kum ein solch wil­des Pol­tern hono­riert und weil man sich ab einer gewis­sen Anzahl absol­vier­ter Bun­des­li­ga-Spie­le und gewon­ne­ner Titel als Spie­ler schein­bar alles an Aus­sa­gen erlau­ben kann. Wir dür­fen also davon aus­ge­hen, von Gui­do Buch­wald vor Ende die­ser Sai­son noch ein­mal etwas zu hören. Dann wie­der in sei­ner alten Rol­le.

2 Gedanken zu „Sünder oder Sündenbock?“

  1. Exzel­len­te Spiel­ana­ly­se ohne Ver­eins­bril­le und auch die Buch­wald-Kri­tik trifft den Kern sehr gut. Wäre ihm wirk­lich am Wohl des VfB gele­gen, hät­te er selbst nach einer neu­er­li­chen Aus­ein­an­der­set­zung (wis­sen wir eigent­lich, wer aus dem Auf­sichts­rat in die Aus­ein­an­der­set­zung mit Gui­do ver­wi­ckelt war?) den Ärger bis Ende der Sai­son ein­fach her­un­ter­ge­schluckt, wäre bei einem Aus­schei­den von Resch­ke und Diet­rich ggf. sogar noch ein­mal in einen neue Posi­ti­on gekom­men oder hät­te eben Ende Mai “Ade­le” gesagt. So trägt sein Aus­schei­den aus dem VfB-Gre­mi­um ledig­lich zu wei­te­rer Unru­he bei, die der Ver­ein aktu­ell genau­so gut gebrau­chen kann, wie eine neu­er­li­che Ver­pflich­tung von Yıl­dıray Baş­türk.

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    • Hal­lo Cle­mens,

      dan­ke für Dein Feed­back. Laut Bild-Zei­tung war es wohl Wil­fried Porth, Ver­tre­ter unse­res gelieb­ten Anker­in­ves­tors, der Buch­wald da beschul­digt hat. Wobei ich den Ärger über sei­ne Indis­kre­ti­on nach­voll­zie­hen kann, allein die Reak­ti­on ist mehr als pein­lich.

      Vie­le Grü­ße, Lenn­art

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