Spitzenspieluntauglich

Die mit Span­nung erwar­te­te Par­tie in Ham­burg endet für den VfB im Deba­kel und schon spürt man in Bad Cannstatt wie­der den Herbst-Blues.

Die Zei­ten, in denen mir ein ver­lo­ren gegan­ge­nes VfB-Spiel nach­hal­tig die Wochen­end­stim­mung ver­ha­geln konn­te, sind eigent­lich lan­ge vor­bei. Das hat zum Einen mit der Meis­ter­schaft 2007 zu tun, die mir eine gewis­se inne­re See­len­ru­he ver­schaff­te: Egal wie schlimm es kommt, eine mit­er­leb­te und ‑gefei­er­te Meis­ter­schaft kann mir kei­ner neh­men. Zum Ande­ren hat das aber noch viel mehr zu tun mit der Zeit nach der Meis­ter­schaft, die mich so sehr hat abstump­fen las­sen, dass ich mich eigent­lich nur noch wäh­rend eines Spiels und höchs­tens noch auf der Heim­fahrt rich­tig auf­re­gen kann. Also: War­um wühlt mich die 2:6‑Niederlage im Volks­park­sta­di­on auch am Mon­tag noch auf? Weil in und nach die­sem Spiel Mecha­nis­men zu Tage tra­ten, die den VfB seit Jah­ren ver­fol­gen und mich wahn­sin­nig machen: Ver­lo­re­ne Spit­zen­spie­le, Klat­schen gegen direk­te Kon­kur­ren­ten und leicht­fer­tig geführ­te Trai­ner­dis­kus­sio­nen.

No clutch

Ja, ich weiß, wir haben in Bie­le­feld gewon­nen. Und haben wir nicht auch damals im Auf­stiegs­spiel Würz­burg mit 4:1 weg­ge­hau­en? Was war denn mit dem Spiel in Mün­chen, das wir mit dem glei­chen Ergeb­nis gewon­nen haben? Ver­gesst es. Das letz­te wirk­lich wich­ti­ge, ent­schei­den­de Spiel, das der VfB gewon­nen hat, war Pader­born 2015. Und selbst das ist ein Trug­schluss, schließ­lich stie­gen wir ein Jahr spä­ter trotz­dem ab und der gan­ze Jubel über Dani­el Gin­c­zeks ent­schei­den­des Tor war umsonst. Aber neh­men wir die­ses Pader­born-Spiel mei­net­we­gen als letz­te Stern­stun­de des­sen, was die Ame­ri­ka­ner im Sport “clutch” nen­nen:

Clutch per­for­mance in sports is the phe­no­me­non of ath­le­tes under pres­su­re or “in the clutch”, usual­ly in the last minu­tes of a game, to sum­mon strength, con­cen­tra­ti­on and wha­te­ver else neces­sa­ry to suc­ceed, to per­form well, and per­haps chan­ge the out­co­me of the game.” (Wiki­pe­dia).

Immer wenn es wirk­lich, wirk­lich dar­auf ankommt, ein Spiel zu gewin­nen, ver­sagt der VfB. Egal ob im Mon­tags­spiel gegen Bre­men 2016, in den Spie­len gegen Han­no­ver (nicht umsonst habe ich die Über­schrift die­ses Arti­kels im Herbst 2016 schon ein­mal in abge­wan­del­ter Form benutzt) in der dar­auf­fol­gen­den Zweit­li­ga-Sai­son oder in der Rele­ga­ti­on im Mai 2019: Der VfB ist nicht clutch, son­dern das Gegen­teil:

“The oppo­si­te is “cho­king”: fai­ling to per­form as nee­ded, when under pres­su­re.”

Das lässt sich noch nicht ein­mal an einem bestimm­ten Spie­ler, Trai­ner, Sport­di­rek­tor oder was weiß ich wem fest­ma­chen, es ist ein­fach zum modus viven­di die­ses Ver­eins gewor­den, in ent­schei­den­den Momen­ten zu ver­sa­gen. Und das ist frus­trie­rend, eben weil das über min­des­tens vier Jah­re nur am Ran­de mit den Unzu­läng­lich­kei­ten von Füh­rungs­spie­lern zu tun hat, nicht nur unter Druck Leis­tun­gen abzu­ru­fen, son­dern auch die ihrer jün­ge­ren und uner­fah­re­nen Mit­spie­ler zu för­dern. Der Ver­ein scheint in die­sen Spie­len, auf die alle hin­fie­bern, bei dem jeder weiß, wor­um es geht, ein­fach in sich zusam­men zu fal­len. Statt­des­sen fei­ert man sich für bedeu­tung­lo­se Spie­le wie eben gegen Würz­burg oder Mün­chen. Das war’s, ich hab kei­ne tie­fen­ana­ly­ti­sche Erklä­rung dafür.

Immer mitten in die Fresse rein

Was sich genau­so durch die letz­ten Jah­re und damit die ver­schie­dens­ten Mann­schaf­ten zieht, sind hohe Nie­der­la­gen mit vie­len Gegen­to­ren gegen Mann­schaf­ten, die auf dem Papier höchs­tens auf Augen­hö­he mit dem VfB ste­hen. Nein, ich rede jetzt nicht von den zahl­rei­chen 0:4- und 1:4‑Niederlagen, die wir uns im Abstiegs­kampf in den letz­ten Jah­ren ein­ge­fan­gen haben. Ich rede von fünf oder sechs Gegen­tref­fern, jenen Nie­der­la­gen, die in der Höhe rich­tig hart weh tun. Jah­re­lang war es den Bay­ern oder dem BVB vor­be­hal­ten, uns eine rich­ti­ge Abrei­bung zu ver­pas­sen. Und jetzt? Jetzt las­sen wir uns im Jah­res­rhyth­mus von Mann­schaf­ten die Bude voll­hau­en, mit denen wir in direk­ter Kon­kur­renz ste­hen: 2:6 im Abstiegs­kampf gegen den Tabel­len-16. Bre­men, 0:5 gegen den Zweit­li­ga-Tabel­len­elf­ten Dres­den, 0:6 gegen den Tabel­len-14. Augs­burg, 2:6 gegen den direk­ten Tabel­len­nach­barn Ham­burg. Nicht nur, dass der VfB nicht mehr in der Lage ist, wich­ti­ge Spie­le zu gewin­nen, nein er lässt sich in drei der vier genann­ten Fäl­le auch noch völ­lig aus­ein­an­der­neh­men, demü­ti­gen, demon­tie­ren. Kei­ner wehrt sich mehr, kei­ner ist in der Lage, der Flut der Gegen­to­re Ein­halt zu gebie­ten. Alle vier genann­ten Spie­le fan­den übri­gens aus­wärts statt. 23 Gegen­to­re bedeu­ten 23 Schlä­ge in die Fres­se für weit­ge­reis­te, leid­ge­plag­te VfB-Fans. So regel­mä­ßig wie Weih­nach­ten und Ostern dür­fen wir unse­rem Ver­ein ein­mal im Jahr dabei zuschau­en, wie er sich auf den Rücken wirft und alle Vie­re von sich streckt.

Alle machen Fehler

Macht Fehler nur gegen HSVs: Maxime Awoudja (l.). © Getty/Bongarts
Macht Feh­ler nur gegen HSVs: Maxi­me Awoud­ja (l.). © Getty/Bongarts

Womit ich zum Spiel am Sams­tag und der drit­ten Kon­stan­ten kom­me: Der Trai­ner­dis­kus­si­on. Ja, es stün­de Tim Wal­ter nach drei Nie­der­la­gen in Fol­ge bes­ser zu Gesicht, die Fans in ihrer Angst und Ver­zweif­lung, dass hier alles sport­lich schon wie­der den Bach run­ter zu gehen droht, abzu­ho­len. Ja, Maxi­me Awoud­ja nach einem dus­se­li­gen Eigen­tor und einer unbe­rech­tig­ten roten Kar­te wochen­lang höchs­tens in der Ober­li­ga spie­len zu las­sen und aus­ge­rech­net gegen den HSV wie­der rein­zu­wer­fen, war sicher­lich kei­ne gute Idee. Auf der ande­ren Sei­te ver­ur­sacht Awoud­ja kei­nen Elf­me­ter und ein wei­te­res Gegen­tor, weil sein Trai­ner eine gro­ße Klap­pe hat. Und zum ande­ren feh­len uns defen­siv auch so ein biss­chen die Alter­na­ti­ven: Auf links sind Grö­zin­ger und Sosa ver­letzt, Phil­lipps war wohl auch ange­schla­gen und in den bis­he­ri­gen Spie­len auch nicht sta­bi­ler als Awoud­ja. Bleibt noch Wata­ru Endo, der als angeb­li­cher Defen­siv-All­roun­der von VV St. Trui­den kam und bis­her das Phan­tom vom Neckar gibt. Er sitzt wohl mal auf der Bank und trai­niert mit. War­um er noch kei­ne ein­zi­ge Spiel­mi­nu­te bekam, erschließt sich mir nicht. Kurz: Tim Wal­ter macht Feh­ler. Auch die stän­di­ge Rota­ti­on im Mit­tel­feld — auf den Posi­tio­nen mei­ne ich, nicht auf dem Feld — führt mit Sicher­heit nicht dazu, dass sich die Mann­schaft ein­spielt und Sicher­heit gewinnt. Das Nar­ra­tiv, dass ja kei­nes der bis­he­ri­gen Spie­le über­zeu­gend war und nach Wies­ba­den und Kiel Ham­burg jetzt die drit­te Mann­schaft ist, die den VfB für sei­ne Spiel­wei­se bestraft und dies­mal so rich­tig, ist nahe­lie­gend. Schließ­lich hat­ten ja schon ande­re Mann­schaf­ten die Chan­ce, uns die Punk­te weg­zu­neh­men, aber erst der HSV hat­te die indi­vi­du­el­le Klas­se, das auch zu tun.

Das Phantom von Stuttgart: Wataru Endo. © Getty/Bongarts
Das Phan­tom von Stutt­gart: Wata­ru Endo. © Getty/Bongarts

Teil­wei­se stimmt das sogar. Wie Jonas auf VfBtaktisch.de sehr lesens­wert her­aus­ar­bei­tet, stell­te Die­ter Hecking sei­ne Mann­schaft opti­mal auf den VfB ein. Was bei Jonas jedoch auch nach­zu­le­sen ist: Die Mann­schaft spielt stre­cken­wei­se, ver­kürzt gesagt, nicht das, was sie soll. Das wur­de auch schon im eben­falls sehr inter­es­san­ten Arti­kel von Tobi­as Escher in der aktu­el­len Aus­ga­be der 11Freunde ange­spro­chen: Die Abstän­de stim­men nicht mehr, in die­sem Fall scho­ben bei­de Innen­ver­tei­di­ger nicht so nach vor­ne, wie sie soll­ten. Mei­ne lai­en­haf­te ergän­zen­de Beob­ach­tung: Anstatt den Ball unter Kon­trol­le zu hal­ten, wur­de er immer wie­der lang nach vor­ne geschla­gen, hin­zu kamen leicht­sin­ni­ge Abspiel­feh­ler im defen­si­ven Mit­tel­feld dazu. Zumin­dest wenn es dar­um geht, nicht die Hucke voll zu bekom­men, ist die Kon­trol­le nicht das Pro­blem. Es ist der Kon­troll­ver­lust, und wie er zustan­de kommt. Eben durch leicht­sin­ni­ge Feh­ler eines Awoud­ja und eines Marc Oli­ver Kempf, der laut Escher ein Schlüs­sel­spie­ler in Wal­ters Sys­tem ist, in die­ser Rol­le aber am Sams­tag größ­ten­teils ver­sag­te. Durch das vogel­wil­de Ver­tei­di­gen eines Emi­lia­no Insua, der leis­tungs­tech­nisch bis­lang irgend­wo zwi­schen ers­ter und zwei­ter Liga schweb­te und jetzt auf dem har­ten Boden der Tat­sa­che, dass es für ihn in der zwei­ten Liga kaum noch reicht, gelan­det ist. Auch Förs­ter und Kle­ment, mit viel Vor­schuss­lor­bee­ren für ihre Zweit­li­ga-Erfah­ren­heit nach Stutt­gart gekom­men, zei­gen nicht dau­er­haft die Leis­tung die sie kön­nen und sind damit mit­ver­ant­wort­lich für die stän­di­gen per­so­nel­len Wech­sel im Mit­tel­feld.

Von Verantwortung und Kopfsache

Nicht falsch ver­ste­hen: Ich ent­las­se Tim Wal­ter hier nicht aus der Ver­ant­wor­tung, die Mann­schaft so ein- und auf­zu­stel­len, dass sie sein Spiel­sys­tem mög­lichst feh­ler­frei umsetzt. Es ist sei­ne Auf­ga­be, den Spie­lern bei­zu­brin­gen, wie sie aus ihrer Ball- und Spiel­kon­trol­le her­aus auch Tore erzie­len und Punk­te holen. Aber es ist eben auch Auf­ga­be der Mann­schaft, das umzu­set­zen. Die Kol­le­gen vom Ver­ti­kal­pass stel­len die Fra­ge in den Raum, ob Update oder Neu­start die rich­ti­ge Ant­wort auf die letz­ten Ergeb­nis­se sei­en. Aber wie sähe das Update aus? Ein biss­chen weni­ger Ball­be­sitz, den Ham­bur­gern ein­fach den Ball über­las­sen und schau­en, was sie damit anfan­gen, wie ich das mit­un­ter gele­sen habe? Nach­dem man der Mann­schaft drei Mona­te lang ver­sucht hat ein­zu­trich­tern, wie sie über Ball­be­sitz zum Spiel kommt, soll sie plötz­lich anfan­gen, sich hin­ten rein zu stel­len? Um im sprach­li­chen Bild zu blei­ben: Das Pro­blem sitzt halt mit­un­ter auch vor dem Bild­schirm, bezie­hungs­wei­se steht in die­sem Fall auf dem Rasen.

Und wie Jan­nick in der Nach­be­spre­chung im HSV-Pod­cast HSV Klönstuv zurecht anmerk­te, sitzt das Pro­blem auch im Kopf. Denn der VfB schafft es ein­fach nicht, ein Spiel auch domi­nant durch­zu­zie­hen. Nach Füh­rungs­to­ren bet­telt man förm­lich um den Aus­gleich und wenn eine Mann­schaft wie Ham­burg in kur­zer Zeit zwei Tore schießt oder wenn wie in Kiel ein für das Spiel zen­tra­ler Spie­ler vom Platz gestellt wird, bricht das Cha­os aus. Ent­we­der das, oder es macht sich Bequem­lich­keit in den Köp­fen breit und der Ball­be­sitz wird zum Selbst­zweck statt zur Grund­la­ge für Angrif­fe. Ja, sei­ne Spie­ler auch men­tal zu schu­len ist Tim Wal­ters Auf­ga­be. Das hat aber nichts mit dem Spiel­sys­tem an sich zu tun. Es wäre auch zu kurz gegrif­fen, die drei Nie­der­la­gen am Stück alle über einen Kamm zu sche­ren. Gegen Wies­ba­den war es offen­sicht­lich die Unfä­hig­keit vor dem Tor, die uns das Genick brach, gegen Kiel die Unfä­hig­keit, sich in Unter­zahl neu zu sor­tie­ren. Gegen Ham­burg ver­lor die Mann­schaft nach zwei Gegen­to­ren Kopf und Balan­ce. Noch­mal: Das darf der Mann­schaft alles nicht pas­sie­ren und dafür ist der Trai­ner mit­ver­ant­wort­lich. Aber das ist auch kein Grund, alles infra­ge zu stel­len.

Wieviele Neustarts noch?

Ein Neu­start, um auf den Arti­kel des Ver­ti­kal­pas­ses zurück zu kom­men, wäre sowie­so fatal. Selbst wenn der Spiel­stil des VfB, wie von Hitzl­sper­ger und Mis­li­nat ange­kün­digt, in Zukunft unab­hän­gig von Per­so­nen sein soll: Wel­cher Trai­ner, der für eine offen­si­ve, spiel­freu­di­ge Spiel­wei­se steht, wür­de sich die­sen Ver­ein noch antun? Und selbst wenn es Alter­na­ti­ven gäbe, wür­de es dadurch bes­ser? Gewinnt ein Awoud­ja plötz­lich an Erfah­rung, hört die Mann­schaft auf, Fehl­päs­se zu spie­len oder sich nicht an die Vor­ga­ben des Trai­ners zu hal­ten? Wol­len wir wirk­lich wie­der in der ers­ten Kri­se das Hand­tuch schmei­ßen? Ja, ich weiß, Tay­fun Korkut wur­de auch im Herbst ent­las­sen und das mei­ner Mei­nung nach viel zu spät. Da wur­de aber bereits nach weni­gen Spie­len deut­lich, dass er nun wirk­lich über­haupt kei­ne Spiel­idee hat­te und wie der gesam­te Ver­ein mein­te, man kön­ne ein­fach so wei­ter­wursch­teln wie in der abge­lau­fe­nen Rück­run­de. Der Trai­ner, die Mann­schaft, muss drin­gend an der Per­fek­tio­nie­rung des Sys­tems arbei­ten. Aber ein­fach den Ste­cker zie­hen? Dann kön­nen wir den Laden auch irgend­wann kom­plett dicht­ma­chen.

Der Vor­teil am Dop­pel­spiel ist ja für bei­de Mann­schaf­ten, dass sie ihr Gegen­über jetzt bes­ser ken­nen. Ich erwar­te von Tim Wal­ter, dass er die Mann­schaft auf die Gefah­ren, die gegen den HSV lau­ern, noch bes­ser ein­stellt und dass er aus dem Deba­kel am Sams­tag gelernt hat. Ich erwar­te von der Mann­schaft, dass sie den Kopf wie­der hoch nimmt, die men­ta­le Träg­heit abwirft und den HSV mit ihren Mit­teln schlägt. Dass das nicht unmög­lich ist, hat man auch am Sams­tag gese­hen, nur ging es unter in der all­ge­mei­nen Kopf- und Sorg­lo­sig­keit.

Es kann und darf beim VfB ein­fach nicht so wei­ter­ge­hen wie in den letz­ten Jah­ren. Nicht in clutch-Momen­ten, nicht mit den Klat­schen und nicht mit den stän­di­gen Trai­ner­wech­seln.

Titel­bild: © Getty/Bongarts

 

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