Neu im Brustring: Waldemar Anton

Mit Waldemar Anton von Hannover 96 hat der VfB seinen zweiten Neuzugang in dieser Sommerpause verpflichtet. Wir haben uns bei einem 96-Fan über ihn erkundigt.

Der Vorname, die eingedeutschte Version von Wladimir, verrät es schon: Der aktuellste Neuzugang des VfB ist nicht in Deutschland geboren. Waldemar Anton, den der VfB nach langen Verhandlungen aus Hannover verpflichtet hat, kam aber bereits mit zwei Jahren mit seinen Eltern aus Usbekistan nach Deutschland und hat in seinem Fußballleben neben dem seines Jugendvereins Mühlenburger SV nur ein Trikot getragen: Das des Hannoverschen Sportvereins von 1896. Wer könnte uns also besser über dieses Hannoveraner Urgestein etwas sagen als ein 96-Experte? Den haben wir in Tobias (@Buje78) vom Podcast Vorwärts nach Weit und dem Blog The Walking Red gefunden, der unsere Fragen zu Waldemar Anton beantwortet hat. 

Mit 12 Jahren kam Anton 2008 zu 96 und debütierte schließlich sieben Jahre später in der Bundesliga – in einem Spiel, an das viele VfB-Fans mit Grauen zurückdenken, denn die 1:2-Pleite des VfB am 27. Februar 2016 war die erste von vielen Niederlagen in der Rückrunde, die letzendlich zum ersten Abstieg seit knapp 40 Jahren führten. Gegen Ende der Saison, die auch für Hannover im Abstieg endete, kam er regelmäßig zum Einsatz, als er, wie Tobias beschreibt, von Daniel Stendel ins kalte Wasser geworfen wurde und bestritt auch in der folgenden Zweitliga-Saison 31 Spiele für seinen Verein. Insgesamt standen bis zu seinem Wechsel 130 Einsätze für Hannover zu Buche. Das erklärt auch, warum die 96-Fans über den Transfer nicht besonders erfreut sind: “Er hat einen hohen Identifikations- und somit auch eine hohen emotionalen Stellenwert”, so Tobias.

Als Innenverteidiger verschenkt

Zeitweise schlug sich der Stellenwert Antons bei 96 auch im Kapitänsamt nieder, dass ihm der damalige Trainer Andre Breitenreiter zu Beginn der – erneut im Abstieg endenden – Saison 2018/2019 verlieh. Die Binde, so Tobias, habe den mit 22 Jahren jüngsten Bundesliga-Kapitän aber überfordert, überhaupt habe er die gesamte Saison über in einem “riesigen Formloch” gesteckt, nachdem er in der Vorsaison, als 96 wie auch der VfB den Klassenerhalt schaffte, eine feste Größe im Abwehrverbund gewesen sei. Als Kapitän wieder abgesetzt wurde er übrigens nach einem Spiel gegen den VfB – diesmal war es unser 5:1-Heimsieg gegen die Niedersachsen. Auch nach dem Abstieg sei es in der zweiten Liga zunächst nicht besser für Anton gelaufen, als Kenan Kocak im November den Trainerposten von Mirko Slomka übernahm, habe er sich aber stabilisiert, so Tobias, im sportlichen Aufschwung der 96er nach der Corona-Pause (fünf Siege, ein Unentschieden, drei Niederlagen, Sprung von Platz 9 auf Platz 6) sei er “schlichtweg unverzichtbar” gewesen.

Das liegt laut Tobias auch daran, dass Anton nach Wiederaufnahme des Spielbetriebs ausschließlich als Sechser im defensiven Mittelfeld eingesetzt wurde. Der VfB kündigt Anton zwar als Innenverteidiger an, aber – und damit kommen wir zur sportlichen Bewertung Antons – Tobias sieht ihn in der Innenverteidigung als verschenkt an und betrachtet ihn eher als “modernen Defensivspieler, der auch spielgestaltend agieren kann”. Zu Antons Stärken gehörten seine Ruhe, Übersicht und ein starkes Passspiel, bei Hannover sei er damit ein perfektes Bindeglied zwischen Defensive und Offensive gewesen. Er sieht ihn als box-to-box-Spieler, dessen Wirkungskreis am eigenen Strafraum beginnt und am gegnerischen endet. Von den 130 Spielen hat Anton 43 im defensiven Mittelfeld gespielt und zwar vor allem in den Spielzeiten, als es für ihn und Hannover besser lief: In der zweiten Liga 2016/2017 und in der Bundesliga-Saison 2017/2018, als 96 die Klasse hielt.

Sein rechter, rechter Fuß ist gut

Aber auch für die Innenverteidigerposition bringt Anton gewisse Qualitäten mit. Er könne defensiv sehr kompromisslos sein und Gegenspieler zum Verzweifeln bringen, gleichzeitig sind ja die eben beschriebenen offensiv orientierten Fähigkeiten nicht das schlechteste Handwerkszeug für einen Innenverteidiger. Ein weiterer Vorteil, den seine Verplichtung für den VfB birgt, ist in diesem Tweet beschrieben, den ich schon bei der Vorstellung von Konstantinos Mavropanos rausgekramt habe:

Mit diesen beiden Neuzugängen verfügt der VfB jetzt also über zwei Rechtsfüße für die rechte Innenverteidigerposition. Ob Anton diese Position auch direkt bekleiden wird, ist offen, denn Tobias führt als Schwäche an, dass Anton jemanden neben sich braucht, der seine Fehler ausbügelt: “Wenn sich alles auf ihn konzentriert, dann kann er dem Druck nicht standhalten.” Das habe sich auch in den insgesamt elf gelben Karten offenbart, die Anton in der vergangenen Saison kassierte, sieben davon als Innenverteidiger. So fehlte er den 96ern zwei mal wegen einer Gelbsperre und einmal wegen einer Gelb-Rot-Sperre. Gleichzeitig führten Fehler als Innenverteidiger natürlich direkter zu Toren, so Tobias.

Bundesliga-Erfahrung, aber kein Unterschiedsspieler

Ist Waldemar Anton also eine Verstärkung für den VfB in den anstehenden schweren Bundesliga-Spielzeiten? Zunächst einmal ist es natürlich positiv, dass wir, wie oben beschrieben, nun gleich zwei Rechtsfüße in der Innenverteidigung haben. Tobias sieht in Anton auf jeden Fall jemand, der das Zeug für die Bundesliga hat, er hat ja nicht zuletzt auch schon 69 Spiele im Oberhaus bestritten. Da sich Hannover und der VfB in den vergangenen Jahren über die Spielklassen hinweg die Treue hielten, kann man also durchaus von einem Spieler auf dem Niveau der Brustringträger sprechen, auch wenn Tobias einräumt, dass er “nicht der Unterschiedsspieler schlechthin” sei. In der aktuell bestehenden Innenverteidigerriege bestehen aus Badstuber, Kempf, Kaminski und Mavropanos ist er sicherlich nicht der Stärkste, hat aber vielleicht durch seinen Fuß und seine Vielseitigkeit einen gewissen Vorteil, gerade seine Passstärke könnte ihm im wahrscheinlich auch weiterhin auf Passspiel ausgelegten Konzept von Pellegrino Matarazzo helfen.

Die Nachwuchskräfte Luca Mack, der gerade mit einem neuen Vertrag ausgestattete Antonis Aidonis und der derzeit verletzte Maxime Awoudja sind übrigens auch alles Rechtsfüße. Da Anton im Gegensatz zu Mavropanos bis 2024 vertraglich an den VfB gebunden ist, könnte ich mir vorstellen, dass man ihn in der kommenden Saison im Wettbewerb mit diesem und den eben erwähnten Nachwuchsspielern weiter reifen lassen will, auch wenn der Reifeprozess mit dann 25 Jahren im kommenden Sommer irgendwann auch abgeschlossen sein sollte. Ob er im defensiven Mittelfeld Wataru Endo verdrängen kann, bezweifele ich aktuell noch, er wird also vor allem für die Innenverteidigung vorgesehen sein und nach Bedarf gegebenenfalls eine Reihe weiter nach vorne rücken.

Und vorne?

Laut kicker konnte der VfB die ursprünglich geforderte Ablösesumme von fünf Millionen Euro etwas drücken, gleichzeitig unterschrieb aber gestern auch Gregor Kobel einen neuen Vertrag und der VfB überwies für ihn eine ähnliche Summe an den heiligen Dietmar wie nach Hannover für Anton. Mit diesen Transfers dürfte nicht nur die Verstärkung der Abwehr für die Bundesliga abgeschlossen, sondern auch die Kasse für Neuzugänge zunächst geplündert sein. Wie ich schon an anderer Stelle geschrieben habe, ist es auf jeden Fall sinnvoll, mit einer sattelfesten und eingespielten Abwehr in den nun mindestens zwei Jahre dauerenden Kampf um den Klassenerhalt zu gehen. Gleichzeitig wäre es wünschenswert, auch im Offensivbereich nachzulegen, denn es mag in der vergangenen Zweitliga-Saison auch viel Pech dabei gewesen sein, aber mit dieser Chancenverwertung wird es in der Bundesliga schwer.

Ich hoffe, dass Anton sich mindestens langfristig als deutliche Verstärkung für die Abwehr herausstellt und wir nicht den gleichen Fehler begangen haben wie 2019, als Michael Reschke den gerade wieder als möglichen Transfer durch die Medien geisternden Ozan Kabak verpflichtete, obwohl wir eigentlich viel dringender einen Offensivspieler gebraucht hätten.

Titelbild: © Oliver Hardt/Bongarts/Getty Images 

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