Geliefert

Vor dem Spiel gegen Han­no­ver war die Angst vor einem erneu­ten Schei­tern der VfB-Elf groß. Doch die nut­ze beim 5:1‑Kantersieg end­lich mal die Schwä­che des Geg­ners.

Das Wochen­en­de begann mit einer Ent­täu­schung. Der FC Augs­burg, in der Tabel­le zwei Punk­te vor dem VfB ste­hend, mach­te sich den anhal­ten­den Schwä­che­an­fall des Tabel­len­füh­rers zunut­ze und zog für zwei Näch­te auf fünf Punk­te davon. Immer­hin ver­lor der zwei­te der vier direk­ten Kon­kur­ren­ten im Tabel­len­kel­ler, der 1. FC Nürn­berg, am Sams­tag — schlimm genug, dass wir in unse­rer Situa­ti­on auf Sie­ge von Salz­burg-Nord ange­wie­sen sind. Aber vor dem Anpfiff des #ElMon­ar­chi­co, wie 96-Fan Kit­to das Spiel in unse­rem Geg­ner­in­ter­view titu­lier­te, war der Druck auf die Her­ren im Brust­ring alles ande­re als gering:

Um 17.15 Uhr stand fest: Sie hat­ten gelie­fert. Es muss ziem­lich genau 17.15 Uhr gewe­sen sein, denn Schieds­rich­ter Bas­ti­an Dan­kert hat­te weder nach der ers­ten, noch nach der zwei­ten Halb­zeit Grund, Zeit nach­spie­len zu las­sen. Das lag dar­an, dass der VfB das Spiel, mit einer Aus­nah­me, voll­stän­dig unter Kon­trol­le hat­te, zum Pau­sen­pfiff bereits mit 3:0 führ­te und nach Abpiff den direk­ten Kon­kur­ren­ten aus Han­no­ver mit 5:1 über den Hau­fen geschos­sen hat­te. Zum ers­ten Mal seit Lan­gem lief alles, aber auch wirk­lich alles für die Brust­ring­trä­ger: Ein frü­hes Füh­rungs­tor, ein zwei­tes nach einer Vier­tel­stun­de und direkt vor der Pau­se mach­ten die Haus­her­ren ver­meint­lich den Deckel auf das Spiel. Und selbst als der Deckel nach dem Anschluss­tref­fer der Nie­der­sach­sen droh­te, vom Topf zu fal­len, fand der VfB eine, wenn auch etwas glück­li­che, Lösung und schnür­te mit zwei wei­te­ren Toren das Paket end­gül­tig zu. Die Tore fie­len zu den wich­ti­gen und rich­ti­gen Zeit­punk­ten und als VfB-Fan ent­deck­te man an die­sem Sonn­tag­nach­mit­tag Glücks­ge­füh­le, die lan­ge Zeit tief unter Frust und Ent­täu­schung ver­schüt­tet lagen.

Kein Gegner auf Bundesliga-Niveau

Hat der VfB also an die­sem Spiel­tag den Start­schuss für eine Auf­hol­jagd kor­kut­schen Aus­ma­ßes gege­ben? Wahr­schein­lich nicht, denn Han­no­ver 96 war in die­sem Spiel kein Prüf­stein für den Klas­sen­er­halt. Ich war zwar vor dem Anpfiff nicht unbe­dingt ner­vös — dazu habe ich in den letz­ten Jah­ren schon zu viel Mist gese­hen — aber schon nach dem ers­ten Tor­schuss des VfB war mir eigent­lich klar, dass dies nicht einer die­ser Tage sein wür­de, an dem unse­re Mann­schaft uns ent­täuscht. So kam es auch: Han­no­ver war der offen­siv harm­lo­ses­te Geg­ner seit 15 Jah­ren.

Aber immer­hin hat­ten sie durch das Anschluss­tor eine Tref­fer­quo­te von 33 Pro­zent. Ihr Pro­blem: Der VfB schoss knapp fünf Mal so häu­fig aufs Tor — mit der glei­chen Quo­te. Und die Gäs­te waren defen­siv ein, Ver­zei­hung, abso­lu­tes Desas­ter. Die Brust­ring­trä­ger hät­ten in die­sem Spiel gut und ger­ne noch drei Tore mehr schie­ßen kön­nen und müs­sen, sei es durch Sant­ia­go Ascací­bars Knal­ler knapp unter die Lat­te oder Mario Gomez’ abge­fan­ge­nen Rück­pass. Die expec­ted Goals, die Under­stat berech­net hat, spre­chen Bän­de.

Hannovers Harmloskigkeit: Erschreckend: © Understat.com
Han­no­vers Harm­loskig­keit: Erschre­ckend: © Understat.com

Kabak, Zuber und Castro mit aufsteigender Form

Die Schwä­che des Geg­ners soll aber den­noch nicht die Leis­tung der VfB-Spie­ler in die­ser Par­tie schmä­lern. Denn die war eigent­lich durch die Bank weg posi­tiv. Wenn ein­zel­ne Spie­ler etwas abfie­len, mach­te das zum Glück kei­nen Unter­schied, auch weil die Mann­schaft in der Lage war, Feh­ler eines Enzel­nen aus­zu­bü­geln. Und dann gab es noch jene, die posi­tiv her­aus­sta­chen. Zuvor­derst Innen­ver­tei­di­ger Ozan Kabak, der sei­ne nach anfäng­li­chen Unsi­cher­hei­ten auf­stei­gen­de Form bestä­tig­te und in sei­nem sechs­ten Spiel über 90 Minu­ten sei­ne ers­ten bei­den Tore für den Ver­ein mit dem Brust­ring mit dem Kopf ins Tor nagel­te. Aber nicht nur das:

Kabak gewann knapp 60 Pro­zent sei­ner Zwei­kämp­fe und zeig­te genau die brei­te Brust, die der VfB der­zeit braucht, um im Abstiegs­kampf zu bestehen. Er, der wie­der­erstark­te Ben­ja­min Pavard und Marc Oli­ver Kempf mach­ten es dem Han­no­ve­ra­ner Angriff fast unmög­lich, Tor­wart Ron-Robert Zie­l­er gefähr­lich zu wer­den. 

Noch einer bestä­tig­te sei­ne nach oben wei­sen­de Form­kur­ve. Leih­spie­ler Ste­ven Zuber hat­te gegen Leip­zig, nach­dem man ihn in den vor­he­ri­gen Spie­len kaum gese­hen hat­te, einen Elf­me­ter ver­wan­delt, rann­te eine Woche spä­ter der Bre­mer Abwehr davon und berei­te­te schließ­lich gegen Han­no­ver nicht nur das 1:0 von Mario Gomez mus­ter­gül­tig vor, son­dern mach­te das Spiel auch noch mit einem Dop­pel­pack zu. Dass sein Schuss zum 4:1 ohne Zutun der Ver­tei­di­ger wahr­schein­lich sicher in den Armen des 96-Kee­pers gelan­det wäre: geschenkt. Spä­tes­tens beim von Chris­ti­an Gent­ner glän­zend vor­ge­leg­ten 5:1 bewies er sei­ne Schuss­stär­ke. Der drit­te Spie­ler, den ich her­vor­he­ben möch­te, hat viel­leicht den größ­ten Leis­tungs­sprung gemacht, was mich per­sön­lich beson­ders freut, weil er jetzt end­lich der Schlüs­sel­spie­ler wer­den könn­te, den ich zu Sai­son­be­ginn in ihm gese­hen hat­te: Gon­za­lo Cas­tro hat­te die meis­ten Ball­kon­tak­te und gewann die meis­ten Zwei­kämp­fe aller 22 Akteu­re auf dem Platz. Dass alle drei sich in den letz­ten Spie­len ste­tig ver­bes­sern, liegt sicher­lich auch dar­an, dass Mar­kus Wein­zierl ver­sucht, es sei­nem Vor­gän­ger gleich zu tun und seit mitt­ler­wei­le drei Par­tien die glei­chen elf Spie­ler aufs Feld schickt, wenn auch die­ses Mal in einer etwas ande­ren For­ma­ti­on mit Ascací­bar und Zuber vor Cas­tro im Mit­tel­feld.

Wichtig ist im Kopf

Der Trai­ner dürf­te mit die­sem Ergeb­nis sei­ne Gna­den­frist erneut ver­län­gert haben. Ver­mut­lich erst­mal um mehr als eine Woche, im Zwei­fels­fall bis zum Sai­son­ende. Dafür muss es ihm aber gelin­gen, das gegen Han­no­ver gewon­ne­ne Selbst­be­wusst­sein in drei anste­hen­den schwe­ren Par­tien in Dort­mund, gegen Hof­fen­heim und in Frank­furt zu trans­por­tie­ren. Zehn Par­tien sind jetzt noch zu absol­vie­ren und der Druck nimmt, wie ein­gangs beschrie­ben, immer mehr zu. Die drei Punk­te und fünf Tore hel­fen dem VfB zunächst nur, den Anschluss nach oben nicht zu ver­lie­ren. Das Gefühl, in einer Druck­si­tua­ti­on bestan­den zu haben, könn­te der Mann­schaft, die in die­ser Sai­son oft genug offen­bar­te, dass sie auch ein Pro­blem im Kopf hat, aber dar­über hin­aus hel­fen. Die­ses Gefühl ist ange­sichts der unter­ir­di­schen Schwä­che von Han­no­ver 96 auch das, was wir von die­sem Sonn­tag­nach­mit­tag mit­neh­men soll­ten. Ja, ich weiß, vor ziem­lich genau drei Jah­ren schlu­gen wir die Betriebs­sport­grup­pe von SAP mit dem glei­chen Ergeb­nis und stie­gen hin­ter­her ab. Damals war sich aber auch kei­ner der Abstiegs­ge­fahr so rich­tig bewusst, ein Makel den ich in die­ser Sai­son nicht sehe. 

Lasst uns also die­sen deut­li­chen Sieg fei­ern, ihn rich­tig ein­ord­nen und hof­fen, dass die Mann­schaft in die Lie­fe­rung in den nächs­ten Spie­len nicht ein­stellt.

 

 

 

 

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