Gefährliches Déjà-vu

Wieder verliert der VfB das Heimspiel gegen Freiburg mit 2:3, wieder holt er fast einen 0:3-Rückstand auf. Trotzdem: Die Parallelen zur Vorsaison sind überschaubar.


So ein Déjà-vu ist ja eigentlich eine Illusion. Man ist in dem festen Glauben, das gerade Erlebte schon einmal bis ins Detail genau so erfahren zu haben. Es ist eines dieser Phänomene, bei denen uns unser Gehirn einen Streich spielt, weil wir selektiv auch nur das wahrnehmen, was uns an das frühere Erlebnis erinnert. An einen 0:3-Rückstand beispielsweise, ein schon verloren geglaubtes Spiel, welches letztendlich trotz einer couragierten Aufholjagd verloren geht. Aber es ist und bleibt: eine Illusion. Und eine gefährliche noch dazu.

Zu lang in der Kabjne

Denn in der Vorsaison war das 2:3 gegen Freiburg der Auftakt zu einer furiosen Hinrunde, war der zwischenzeitlich deutliche Rückstand nur ein Schritt auf dem Weg zu einer Serie von Spielen, die der VfB noch zu seinen Gunsten entschied. Eine Woche später gewannen die Brustringträger mit 4:1 in Mainz, Rängen Leverkusen ein Unentschieden ab und besiegten anschließend die Hertha und die Welt war wieder im Lot. Nun ist natürlich auch nach der zweiten Niederlage im dritten Spiel dieser Saison noch nichts passiert, aber wir sollten nicht den Fehler machen, aus den Erfahrungen des letzten Heimspiels gegen Freiburg auf diese Saison zu schließen.

Ein großer Unterschied ist die Personalsituation. Vor einem Jahr standen viele VfB-Spieler am ersten Spieltag vor ihrem Bundesliga-Debüt, konnte man die Niederlage als erwartbare Schwierigkeit beim Wiedereinstieg in die Erstklassigkeit einordnen. Ein Jahr später war Hiroki Ito, der für Mavropanos eingewechselt wurde, der einzige Debütant. Dass der VfB beim 0:1 nicht richtig ins Pressing kam und sich in der Folge von einem simplen Pass auf den Flügel so überrumpeln ließ, dass in der chaotischen Rückwärtsbewegung die Zuordnung komplett fehlte, lässt sich ebensowenig mit fehlender Bundesliga-Erfahrung erklären wie die Tatsache, dass Doppeltorschütze Jeong beim 0:2 genauso frei auf der exakt gleichen Position stand wie bei der unmittelbar vorangegangenen Ecke. Abgesehen davon, dass Florian Müller bei diesem. Gegentor seine bereits in Leipzig zu beobachtende Vorliebe für die Faustabwehr zum Verhängnis wurde: Der VfB war vorne wie hinten die ersten zehn Minuten noch in der Kabine.

Nicht zu sehr auf die leichte Schulter nehmen

Das ist besonders fatal angesichts der Aussagen nach dem Leipzig-Spiel, in denen Spieler wie Trainer erkannten, dass sie von den Gastgebern auch deswegen so überrollt wurden, weil ihnen die Wachsamkeit und Schärfe fehlte. Andererseits sind die defensiven Probleme auch der Tatsache geschuldet, dass erneut Philipp Klement neben Wataru Endo im defensiven Mittelfeld auflief und weder den auf der Bank sitzenden Karazor, noch den fast wieder fitten Orel Mangala ersetzen konnte. Und auch auf den Außenbahnen lief es nicht optimal:

Denn so toll wie sich Roberto Massimo, der übrigens nach drei Spielen die meisten Sprints der Liga absolviert hat, ins Offensivspiel einschaltete, so anfällig war er defensiv. Ein Ungleichgewicht, welches Silas erst im Laufe der vergangenen Saison in den Griff kriegte. Dass sich Sosa, wahrscheinlich wegen der von Matarazzo geforderten Torgefahr, seltener in  die Kette fallen lässt, ist sicher auch Teil des Problems. Aber unterm Strich ist klar: dem VfB fehlen verdammt viele wichtige Spieler.

Das ist aber auch der Grund, warum man das Freiburg-Spiel nicht mit Blick auf die letzte Saison zu sehr auf die leichte Schulter nehmen sollte. Denn damals stellten Kalajdzic und Silas mit ihren Toren den Anschluss wieder her, in Abwesenheit des verletzten Gonzalez. Aktuell fallen beide noch eine ganze Weile verletzt aus, ebenso wie der als Gonzalez-Ersatz verpflichtete Chris Führich. So sehenswert auch die beiden Treffer von Mavropanos und Al Ghaddioui – der mit schon zwei Saisontoren immerhin Haaland und Lewandowski auf den Fersen ist – waren, so harmlos war der VfB bei allem Bemühen in der zweiten Halbzeit, als die Brustringträger nicht einen einzigen Schuss aufs Tor abgaben. Anders als zum Saisonauftakt 2020 tritt der VfB nicht mit annähernd voller Kapelle an, sondern pfeift personell auf dem letzten Loch. Dass Pellegrino Matarazzo trotzdem eher junge Spieler in die Verantwortung nimmt, anstatt Sven Schipplock zu seinem Bundesliga-Comeback zu verhelfen, ist sicherlich konsequent – auch die wohl anstehende Verpflichtung eines weiteren Offensivspielers wird denke ich im Sinne dieser Philosophie sein – aber nicht ganz ohne Risiko. Wie die Kaderplaning generell. 

Und, wo stehen wir jetzt? 

Es ist also alles andere als gegeben, dass die Mannschaft diese 2:3-Niederlage erneut als Ausgangspunkt für eine erfolgreiche Hinrunde nimmt. Die Partie wurde nach dem deutlichen Sieg gegen Fürth und der deutlichen Niederlage in Leipzig als erste Standortbestimmung definiert. Und wo stehen wir jetzt? Nun, wir stehen immer noch am Anfang einer Saison, in der es nach wie vor um nichts anderes als den Klassenerhalt geht. In der wir weiterhin in der Lage sind, selber Tore zu schießen. In der wir es aber auch den Gegnern weiterhin zu einfach machen, gegen uns zu treffen. Weil bisweilen die Bissigkeit im Pressing fehlt, weil Florian Müller noch nicht immer die Souveränität eines Gregor Kobel in seiner zweiten Saison im Team ausstrahlen kann und weil wir uns wie beim langen Ball von Mark Flekken, der das 0:3 einleitete,  bisweilen mit unseren eigenen Waffen schlagen lassen. Von Gegnern, die unsere Spielanlage mittlerweile kennen.

Gleichzeitig kann die Mannschaft aber aus den ersten drei Spielen auch für die Zukunft lernen: Dass sich die große Moral, diese Truppe hat, auch weiterhin auszahlt. Dass sie auch in dieser Saison in jeder Minute hellwach sein muss und ganz speziell nach Anpfiff und Wiederanpfiff. Und dass sie, wenn sie die Moral beibehält, die Schlafmützigkeit ablegt und die Kapelle sich wieder füllt, auch in dieser Saison die Klasse halten wird. Ein Déjà-vu übrigens, gegen das ich nichts einzuwenden habe.

Zum Weiterlesen: Dem Vertikalpass ging das mit den Freiburger Toren Viel zu easy, und Stuttgart.international sieht einen Flashback vor der Länderspielpause. 

Titelbild: © imago

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