Neu im Brustring: Omar Marmoush

Am Montag hat der VfB auf die Verletzungsmisere im Angriff reagiert und Omar Marmoush für ein Jahr aus Wolfsburg ausgeliehen. Wir haben uns über ihn erkundigt und stellen Euch den Neuzugang für ein Jahr vor.

Dass der VfB angesichts der Größe seines Lazaretts kurz vor Ende der Transferperiode nochmal würde agieren müssen, machten nicht nur die Aussagen der Verantwortlichen deutlich, sondern auch die Tatsache, dass Pellegrino Matarazzo in der zweiten Halbzeit gegen Freiburg keinen Stürmer mehr nachlegen konnte, um die Aufholjagd mit einem Punkt zu krönen. Die erste Reaktion auf die Misere ist die Leihe von Omar Marmoush, Stürmer in Diensten des VfL Wolfsburg, der am Sonntag im Traditionsduell gegen Leipzig noch für zwei Minuten für den aktuellen Tabellenführer der Bundesliga auf dem Platz stand. Um mehr über ihn zu erfahren, haben wir zum einen mit Wolfsburg-Experte Leonard Hartmann (@leonardmann04) von den Wolfsburger Nachrichten gesprochen, zum anderen mit Tim (@tim_ecksteen) vom MillernTon. Denn in Hamburg stand Marmoush den Großteil der vergangenen Saison auf dem Platz. 

Von Kairo nach Wolfsburg

Der Ausgangspunkt seiner Fußballkarriere ist jedoch seine Geburtsstadt Kairo, in der der heute 22jährige beim Wadi Degla Sporting Club mit dem Spielen begann. Für den absolvierte er, nachdem er die Nachwuchsmannschaften durchlaufen hatte, 2006/2017 auch 16 Partien in der ägyptischen Premier League und erzielte dabei auch zwei Tore. Anschließend wechselte er nach Wolfsburg, wo er kurz für die A-Jugend, vor allem zunächst aber für die zweite Mannschaft in der Regionalliga Nord zum Einsatz kam, die 2019 in der Aufstiegsrelegation an den Amateuren des FC Bayern scheiterte. Für die Wolfsburger Zweitvertretung erzielte er in 36 Spielen elf Tore, besonders in der abgebrochenen Regionalligasaison 2019/2020 machte er mit neun Toren und zwei Vorlagen in 15 Spielen auf sich aufmerksam.

Vor allem den damaligen VfL-Trainer Oliver Glasner, der Marmoush in die Bundesliga-Mannschaft beförderte, für die er Ende Mai beim 4:1-Sieg in Leverkusen sein Bundesliga-Debüt feierte und in der Folge – manchen VfB-Fans gefällt das – Daniel Ginczek den Rang ablief, so Leonard. Nach Kurzeinsätzen gegen Ende der Corona-Saison kam er in der vergangenen Saison bis Anfang Januar nur auf eine einzige Minute Spielzeit – unter anderem saß er beim durch Josip Brekalos Billardtor entschiedenen Spiel gegen den VfB 90 Minuten auf der Bank. Um Spielpraxis zu sammeln, wurde er Anfang dieses Jahres für den Rest der Spielzeit in die zweite Liga zum FC St. Pauli verliehen.

Mit Tempo über die Außenbahnen der zweiten Liga

Der steckte in einer ziemlich miesen Hinrunde und deshalb auch im Abstiegskampf. “Das die erhoffte Verstärkung ein Spieler sein würde, der zuvor hauptsächlich in der Regionalliga spielte, war zwar nicht zu erwarten. Aber die ersten Eindrücke von seiner Spielweise zeigten dann schnell, dass der FC St. Pauli einen Spieler hinzu bekommen hat, der dem Klub sofort weiterhelfen kann”, erklärt Tim. Die Hilfe kam in Form von sieben Toren und drei Assists, die die Hamburger auf Platz 10 und damit in eine sichere Tabellenregion hievten. Marmoush habe keine Eingewöhnung gebraucht und sei direkt im zweiten Spiel zum Stammspieler und zur dringend benötigten “Sofort-Hilfe” geworden, so Tom – eine ähnliche,  wenn auch tabellarisch wesentlich weniger prekäre Situation, findet er jetzt beim VfB vor. Unserem St. Pauli-Experten zufolge habe er auch durch seine Spielweise die Aufmerksamkeit der gegnerischen Abwehrreihen auf sich gezogen und damit der Mannschaft noch mehr geholfen, als es die zehn Scorerpunkte aussagen. 

Diese Spielweise lebt laut unseren beiden Experten vor allem von seinem Tempo und seiner Dynamik – etwas, was den Braun-Weißen bis dahin gefehlt hatte. Vor allem auf den ersten Metern so Tim, mache er viel Boden gut und sei auch im Zweikampf robuster, als es den Anschein habe. Leonard lobt seinen guten Schuss und hebt hervor, dass er gerne von links in die Mitte ziehe. Tim betont Marmoushs gute Technik, seinen Zug zum Tor und sein Gefühl für den Raum. Dies alles ermögliche Marmoush viele Tempodribblings über den Flügel: “Besonders wenn Marmoush etwas Raum über die Außenbahn bekommt, ist er eigentlich nicht zu verteidigen.” Womit auch deutlich wird, dass er kein klassischer Neuner und somit auch keine Kalajdzic-Vertretung ist, wie Leonard bestätigt, sondern eher mit Gonzalez oder Silas vergleichbar sei. 

Wild und ungenau 

Seine Vorliebe fürs Dribbling kann ihm aber auch mitunter zum Verhängnis werden, wenn er sich verzettelt, wie Tim es nennt. Leonard bezeichnet diese Phasen als “wild und ungenau” und Tim zufolge habe das ganze Team darunter gelitten, denn Marmoush sei gegen Ende der Saison häufig mit sich selbst beschäftigt gewesen und habe vorne viele Bälle verloren. Leonard attestiert ihm trotzdem Potenzial und auch Tim bezeichnet ihn als hochveranlagt und “eine Nummer zu groß für die 2. Liga”, mit seinem Tempo könne er dem VfB mit Sicherheit helfen. Wenn er eben nicht so sehr mit sich selbst und seinem Spiel beschäftigt sei. Eine “Wundertüte” , so Tim. Die dem Vernehmen nach im kommenden Sommer mangels Kaufoption wieder nach Wolfsburg zurückkehrt. Es sei denn, so Leonard, der VfL verpflichte den ebenfalls am Montag von der Hertha geliehenen Dodo Lukebakio fest, dann sei für Marmoush eigentlich kein Platz mehr. Die Verpflichtungen von Lukebakio und Waldschmidt seien auch Gründe für den temporären Wechsel zum VfB gewesen. Grundsätzlich habe Marmoush in Wolfsburg aber ein gutes Standing. 

Nun hat der VfB in dieser Saison also nach Ahmed Salah Hosny zum zweiten Mal in der Vereinsgeschichte einen Spieler mit ägyptischem Pass unter Vertrag, der Leonard zufolge mit einem wesentlich bekannteren Ägypter, nämlich Mo Salah vom Liverpool FC, ab und zu über Instagram in Kontakt steht. Apropos Instagram: Dort postete der VfB-Neuzugang im Frühjahr eine sehr einseitige Story zum Nahostkonflikt, die Tim und sein MillernTon-Kollege Maik hier sehr lesenswert weil mit klug gewählten Worten bedacht kommentieren. Was aber ist abseits seiner Instagram-Bekanntschaften und seiner politischen Ansicht von Marmoushs Leihe zu halten? 

Was steckt in dieser Wundertüte? 

Zunächst wirken Leihen ohne Kaufoption für den aufmehmenden Verein erstmal etwas perspektivlos, schließlich hat man zwar kurzfristig eine Verstärkung, stärkt damit aber langfristig eine andere Mannschaft, wenn die Leihe erfolgreich ist. Siehe Philipp Lahm. Oder eben Darko Churlinov, der in Gelsenkirchen auf der Außenbahn beim direkten Wiederaufstieg helfen soll, danach aber wieder beim VfB unter Vertrag steht. Nun befinden sich die Brustringträger aber in einer anderen Situation als die Schalker. Wie eingangs angesprochen hat der VfB kurz- und mittelfristig durchaus Bedarf an einer Verstärkung, will man nicht das Risiko eingehen, ohne zahlreiche Stammspieler früh unten rein zu rutschen. Da passt eine einjährige Leihe dann schon ziemlich gut rein. Ob Marmoush leistungstechnisch genauso zwischen Wolfsburg und St. Pauli steht, wie der VfB wird sich zeigen müssen. In der Tat fehlt dem VfB ohne Gonzalez und vor allem ohne Silas ein wenig Tempo auf den Außenbahnen. Wobei Marmoush wahrscheinlich weniger Sosa ersetzen soll, als vielmehr Klimowicz und Förster, vielleicht auch Massimo Druck machen soll. 

Dass sven Mislintat nicht für viel Geld einen zuverlässigen Bundesliga-Knipser holen würde, war schon allein deshalb klar, weil kaum noch Geld für Transfers da ist. Mit Marmoush erweitert der VfB auf jeden Fall seine Optionen. Ob er im Bad Cannstatt einen ähnlichen Effekt haben wird wie auf St. Pauli? Einerseits bin ich davon noch nicht ganz überzeugt, andererseits hat Sven Mislintat auch in dieser Transferperiode wieder bewiesen, dass seine Neuverpflichtungen auch diese Saison in der Lage sind, uns zu überraschen. Wundertüten eben, wie Marmoush. 

Titelbild: © imago 

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3 Kommentare

    1. Korrekt. Sind aber für mich weder Stürmer noch besonders torgefährlich. Thommy braucht Rasen vor sich, den hätte er gegen Freiburg nicht gekriegt und Coulibaly wird wohl noch nicht bei 100 Prozent gewesen sein.

      LG, Lennart

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