Ein Armutszeugnis

Ein Armutszeugnis

Wer dachte, der zweite Abstieg in drei Jahren sei der Tiefpunkt des VfB-Jahres 2019, sah sich am 14. Juli getäuscht. Eine tagelange Schlammschlacht der Vereinsführung mündete in eine aus technischen Gründen abgebrochene Mitgliederversammlung.

Vorab: Ich war aus persönlichen Gründen heute nicht bei der Mitgliederversammlung im Neckarstadion anwesend. Wer das als Grund sieht, meine aus der Ferne und ohne aktive Beteiligung am vereinsdemokratischen Prozess geäußerte Meinung zu den Vorgängen auf und rund um die Versammlung zu disqualifizieren, dem empfehle ich, an dieser Stelle die Lektüre zu beenden. Wer aber diese Meinung trotzdem lesen mag, kann gerne weiterlesen.

Eigentlich wollte ich ja hier über die Mitgliederversammlung und vor allem das Ergebnis der Abstimmung über den Abwahlantrag gegen Wolfgang Dietrich schreiben. Ich wollte auf die Art und Weise eingehen, wie beim Verein für Bewegungsspiele kritische Mitglieder diffamiert werden und dann dazu kommen wie sich diese Diffamierung auf der Mitgliederversammlung im Neckarstadion fortsetzte. Dazu weiter unten mehr. Vorher muss ich mich jedoch der größten Peinlichkeit widmen, die der VfB in diesem Jahr zustande gebracht hat. Peinlicher als der zweite Abstieg in drei Jahren. Peinlicher als das 0:6 in Augsburg.

Der Techniker ist informiert

Denn die ordentliche Mitgliederversammlung des VfB Stuttgart 1893 e.V. im Jahr 2019 wurde vorzeitig abgebrochen. Nicht, weil marodierende Fanhorden (auch dazu später mehr) die Bühne gestürmt hätten. Nicht weil die Aussprache so lange dauerte, bis irgendwann der Letzte wegdämmerte. Nein. Weil der VfB im Jahr 2019 nicht in der Lage ist, eine funktionierende Abstimmungstechnik zur Verfügung zu stellen. Wenn ich es richtig verstehe, sollten sich die Mitglieder für Abstimmungen in ein Stadion-W-LAN einloggen, welches aber entweder nicht zur Verfügung stand oder zu instabil war. Weil sich die technischen Probleme nicht beheben ließen, blieb Versammlungsleiter Wolfgang Dietrich nichts anderes übrig, als die Versammlung zu beenden.

Unprofessionell und peinlich

Das heißt: Über 4.000 Mitglieder saßen den ganzen Sonntagnachmittag im Neckarstadion und konnten am Ende weder über die Kandidaten für das Präsidium des e.V., noch über die Abwahl Dietrichs, noch über die Entlastung verschiedener Gremien abstimmen. Mehrere Menschen haben all ihren Mut zusammen genommen, um ihre Rede vor einer großen Menschenmenge zu halten. Und dann ist man scheinbar bei der Planung der Veranstaltung so dilettantisch vorgegangen, dass keine alternative Abstimmungsmöglichkeit zur Verfügung stand. Mir liegt es übrigens fern, hier von einer gezielten Manipulation seitens der Vereinsführung zu sprechen. Was der VfB am Sonntagnachmittag bot, war einfach nur unprofessionell und peinlich.

Aktuell ist geplant, die Versammlung im September nachzuholen:

Auch wenn es nur der Inkompetenz und nicht der Absicht der Vereinsführung geschuldet ist, spielt das Wolfgang Dietrich natürlich in die Karten. Die emotionalen Redebeiträge vom 14. Juli und seine peinlichen Reaktionen darauf (wie gesagt, später dazu mehr) sind dann längst vergessen und da dann der Spielbetrieb in der 2. Bundesliga wieder läuft, könnte er sein Schicksal wieder mit dem Erreichen der sportlichen Ziele verknüpfen, wie er es bereits in der Rückrunde getan hat. Oder Wolfgang Dietrich zieht einfach die Konsequenzen aus dem, was in der Woche vor der Mitgliederversammlung geschah und tritt zurück. 

Der absolute Tiefpunkt

Ich bin seit mittlerweile über 20 Jahren und damit etwa zwei Drittel meines Lebens VfB-Fan. Die Ära von Gerhard Mayer-Vorfelder habe ich als Teenager in der nordhessischen VfB-Diaspora eher auf sportlicher, als auf vereinspolitischer Ebene erlebt, zumal ich mich damals vor allem über unsere lokale Tageszeitung, die BravoSport und Fernsehübertragungen von VfB-Spielen auf dem Laufenden halten konnte. Später kam noch das offizielle VfB-Forum dazu, Blogs nahm ich damals noch nicht wahr, wenn es sie gab, Twitter und Facebook existierten noch nicht. Worauf ich hinaus will: Die derzeitige Situation mag für ältere VfB-Fans, die auch geographisch näher am VfB dran sind als ich, nichts neues sein. Für mich stellt die nun 33 Monate andauernde Amtszeit von Wolfgang Dietrich einen absoluten Tiefpunkt dar. Inbesondere im Umgang der Vereinsführung mit jenen Fans und Mitgliedern, die nicht einer Meinung mit iht sind.

Dass Mitglieder beim VfB Stuttgart hinters Licht geführt werden, daran haben wir uns gewöhnt. Die Tricks und Kniffe, mit denen Wolfgang Dietrich arbeitet, habe ich vor kurzem hier zusammengefasst. Der Artikel erschien, bevor “VfB im Dialog” stattfand, jene Veranstaltung, die den Grundton legen sollte für alles, was danach bis Sonntag geschah. Zunächst zur Veranstaltung selber. Wer die Diskussion um owned media im Profisport in den letzten Jahren verfolgt hat, dem ist klar, dass sie nicht das ist, was sie zu sein vorgibt. “VfB im Dialog” ist kein öffentliches Forum, bei dem sich Veranstalter und Gast auf Augenhöhe gegenüber stehen. Im Gegenteil, es ist eine durchchoreographierte Show, die einzig den Zweck verfolgt, dass der Verein seine Botschaft so ungefiltert wie möglich in die Öffentlichkeit bringt.

Die Botschaft des VfB Stuttgart an diesem Abend: Wer Wolfgang Dietrich kritisiert, tut das vor allem anonym im Netz und jenseits des guten Geschmacks. Eine Botschaft, die derzeit aus ganz anderen, erschreckenden Gründen anschlussfähig ist. Die Grundlage für diese Verknüpfung von Sachverhalten – auch Framing genannt, wie Ron auf Brustring1893 hervorragend herausgearbeitet hat – war dieser Facebook-Post der neu ins Leben gerufenen Seite “Vereinsleben 1893”:

Der “bemerkenswerte Beitrag” ist ein Post der Seite “Fokus VfB”, die einen in der Tat unmöglichen und einen weiteren schlecht formulierten Tweet über Wolfgang Dietrich in Verbindung setzt mit dem rechtsextremen Mord am Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke und der offenen Schadenfreude, die Nazis und solche, die sich ihnen anbiedern im Anschluss im Netz zeigten. Schenkt man den Informationen des Vertikalpass Glauben, kommt die Seite, die diese Vergleiche zieht, aus dem Umfeld von Wolfgang Dietrich.

Framing im Dialog

Bei der VfB im Dialog ging es dann auch kaum um die inhaltliche Kritik an der Führungspolitik Wolfgang Dietrichs, sondern nur um seine Kritiker. Zu diesem Zweck hatten zwei der anwesenden Gäste anscheinend schon eine als Frage getarnte Rede verfasst. Eine Szenerie, die sich an Absurdität kaum überbieten ließ: Der Fragesteller stellte seine Frage nicht etwa an die gerade auf dem Podium sitzenden Kandidaten fürs Präsidium, Werner Gass und Rainer Mutschler, sondern an den Moderator Stephan Schäuble und fragte ihn, ob er die Presse repräsentiere. Im Anschluss hob er ab auf anonyme Pöbler aus dem Internet, die es wagten, unter jenem Deckmantel der Anonymität Fragen an Rainer Mutschler  zu dessen Vergangenheit zu stellen.

Das war aber erst der Auftakt. Zum Abschluss des Segments, in dem sich Mutschler und Gass vorstellten, hielt der Vorsitzende des Vereinsbeirats, Wolf-Dietrich Erhard, noch ein flammendes Plädoyer für einen menschlichen Umgang miteinander, dass ich vorbehaltslos so unterschreiben würde, hätte ich nicht den Eindruck, dass es vor allem den Zweck hatte, die Botschaft des VfB in dieser Veranstaltung weiter zu verstärken. Als dann schließlich Wolfgang Dietrich auf dem Podium saß, verstrickte er sich erstmal in wirre Aussagen zur Satzung, indem er die in der Satzung verankerte Möglichkeit der Präsidentenabwahl als Abkehr von der Satzungstreue darstellte, und zur Qualität von Wahlen, als er feststellte, dass eine Abwahl keine Wahl sei, denn eine Wahl habe man nur zwischen mehreren Bewerbern. Die Ironie, dass seine eigene Wahl, ohne Gegenkandidat, nach dieser Definition auch keine war, blieb ihm wohl verborgen.

Das Fadenkreuz, das keines ist

Vor allem aber echauffierte er sich darüber, dass Twitternutzer ihre Fragen nicht mit Klarnamen stellten und beklagte anschließend die Art und Weise der Kritik an seiner Person, unter anderem auch die Verwendung eines Fadenkreuzes über seinem Konterfei. Spätestens jetzt war die bisher nur auf Facebook explizit und während der Veranstaltung unterschwellig hergestellte Verbindung zwischen dem rechtsextremen Mord an einem Politiker und der Kritik am Präsidenten eines Fußballvereins hergestellt. Gleichzeitig zog Wolfgang Dietrich mit diesem Fadenkreuz eine Parallele zu Dietmar Hopp. Der wird, seit er seinen Spielzeugverein vor etwa 10 Jahren in den Profifußball gehievt hat, beständig kritisiert. Häufig über, aber leider auch unter der Gürtellinie, wobei letzteres natürlich die öffentliche Wahrnehmung zu diesem Thema dominiert.

Nun war das Fadenkreuz also in der Welt und die meisten VfB-Fans und -Mitglieder fragten sich: Was für ein Fadenkreuz? Die Auflösung sollte am Freitag kommen, als bekannt wurde, dass die Kriminalpolizei Stuttgart Ermittlungen wegen an Dietrich gerichtete Todesdrohungen aufgenommen habe. Es liege zwar “keine konkrete personenbezogene Gefährdung vor”, aber es gebe einen “Anfangsverdacht”. Auch wegen jener Banner, die etwa seit dem Herbst 2016 in der Cannstatter Kurve zu sehen sind:

© Bongarts / Getty Images

Diesen Doppelhalter, für mich ein Bild Wolfgang Dietrichs, dessen obere Gesichtshälfte von einem Stempel mit der Aufschrift “Spalter” überdeckt wird, könnte man nach Ansicht der Polizei “so oder so interpretieren”. Wie genau man einen Stempel so oder so auch als Fadenkreuz interpretieren kann, erschließt sich mir nicht, zumal es dann ein ziemlich unpräzises Fadenkreuz wäre. Was aber viel erschreckender ist als die Interpretationstoleranz der Stuttgarter Polizei: Solche Ermittlungen werden nicht aufgenommen, ohne dass jemand Anzeige erstattet. Mit anderen Worten: Der VfB geht scheinbar rechtlich nicht nur gegen wahrscheinlich wirklich unappetitliche Drohungen gegen Wolfgang Dietrich vor, sondern auch gegen diese Banner. Er stellt anscheinend Anzeige gegen Fans, die Wolfgang Dietrich visuell als Spalter bezeichnen. 

Mitglieder werden verunglimpft

Ob man sich beim Verein von einer Anzeige gegen die Stempel-Banner juristischen Erfolg verspricht, weiß ich nicht. Klar ist aber die öffentliche Wirkung, die so etwas erzielt. Es ist die gleiche wie bei Hopp und noch schlimmer, die gleiche wie bei Lübcke: Wolfgang Dietrich, der Präsident eines Fußballvereins, muss vor den eigenen Fans um sein Leben fürchten, weil die in der Anonymität des Internets entsprechende Drohungen ausstoßen. Wir sind an dem Punkt angekommen, an dem die Vereinsführung ihre Mitglieder nicht nur hinters Licht führt. Sie verunglimpft sogar jene Mitglieder, die nicht ihrer Meinung sind. Es hat den Anschein, als würde der Verein versuchen,  seine Fans medial in die Nähe von rechten Mördern und deren Unterstützern zu rücken. All das nur, um die Abwahl des Präsidenten zu verhindern.

Angesichts dieser Ereignisse verblasst eine andere Ungeheuerlichkeit dieser Woche fast. Dass Abteilungsleiter ihre Mitglieder anschreiben und ihnen deutlich machen, dass eine Abwahl Dietrichs “in jedem Fall verhindert werden” müsse, offenbart zwar, welche Hebel in der Vereinsführung in Bewegung gesetzt wurden, um Wolfgang Dietrich zu retten, ist aber als vereinsinterner Wahlkampf noch legitim.

Der Investor mischt sich ein

Ganz anders verhält es sich meiner Meinung nach, wenn Wilfried Porth, stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender der VfB AG und ohne Funktion im VfB Stuttgart 1893 e.V., seine Angestellten bei Daimler über einen Post im Social Intranet des Konzerns dazu aufruft, die Abwahl Wolfgang Dietrichs zu verhindern.

Und ja, das hier ausgedruckte Schreiben ist echt.

Dass der Einfluss der Daimler AG auf den VfB Stuttgart für uns Mitglieder und für den Verein an sich alles andere als positiv ist, habe ich vor zwei Jahren bereits einmal angerissen und neulich ausführlicher beschrieben. Aber um es nochmal zu verdeutlichen: Nicht nur war der Ankerinvestor maßgeblich an der Wahl Wolfgang Dietrichs und der Ausgliederung der Fußballabteilung des e.V. in die AG beteiligt. Nein, er mischt sich auch noch in die vereinsinterne demokratische Meinungsbildung ein und versucht diese zu seinen Gunsten zu beeinflussen. 75,1 Prozent der Anteile an der AG hin oder her: Die Mitglieder des VfB sind immer weniger Herr im eigenen Hause.

Die Kirsche auf dem Sahnehäubchen sind dann noch ehemalige Vereinspräsidenten wie Manfred Haas, die abstruse offene Briefe an die Mitglieder formulieren, in denen offenbar wird, dass sie in Sachen VfB schon lange nicht mehr auf dem Laufenden zu sein scheinen.

Eine Mitgliederversammlung der Ungeheuerlichkeiten

Warum habe ich dem Vorspiel zur Mitgliederversammlung so viel Platz gewidmet und komme jetzt erst zur abgebrochenen Veranstaltung selber? Weil sich die Ungeheuerlichkeiten dort fortsetzen. Außergewöhnlich war immerhin, dass keiner der drei Vorstände der VfB AG eine besonders große Lanze für Wolfgang Dietrich brachen, dafür schlugen bei der offenen Aussprache vor allem aktuelle und ehemalige Gremienmitglieder des e.V. umso härter in die von Dietrich bereits vorbereitete Kerbe. Darunter Dr. Bernd Gaiser, Präsidiumsmitglied und Aufsichtsratsmitglied sowie der Vereinsbeirat. Oder Horst Arzt, Leiter der Gardeabteilung und früheres Mitglied des Ehrenrats. Auch Hans-Hermann Pfeifer, früheres Mitglied des Ehrenrats und Aufsichtsratsmitglied in bei der städtischen Veranstaltungsgesellschaft, den Stadtwerken und der städtischen Marketing GmbH. Und Sandra Hinzmann und Martin Vielhaber, Mitglieder des Mitgliederausschusses Vereinsentwicklung. Man muss halt wissen, wessen Hand man nicht beißt.

Neben den großartigen Redebeiträgen von Tim (@blogcannstatt) und Ron (@Brustring1893) sowie dem weder Alkohol trinkenden noch Drogen nehmenden Danny vom Commando Cannstatt waren bei der Aussprache vor allem zwei Sachen durchaus bemerkenswert: Zum einen Wolfgang Dietrichs dünnhäutiger Umgang mit VfB-Urgestein Rainer Adrion:

Zum anderen die Erwiderung Dietrichs auf die immer wieder geäußerte Kritik, er habe die Mitglieder vor seiner Wahl nicht darüber informiert, dass er noch bis Ende 2017 an Quattrex beteiligt war: 

Kann es wirklich sein, dass die Deutsche Fußball-Liga vereinsinterne demokratische Prozesse behindert, indem sie es zur Auflage macht, dass Sachverhalte verschwiegen werden, die für die Meinungsbildung entscheidend sein können? Oder hat Wolfgang Dietrich gelogen? Eine entsprechende Anfrage haben wir noch während der Versammlung an die DFL geschickt. So viel vorerst zur Mitgliederversammlung und anderen Ungeheuerlichkeiten und Peinlichkeiten. Wer sich das ganze nochmal ausführlich geben möchte. der lese sich die Tweets unter #VfBMV durch. Die Redebeiträge könnt Ihr teilweise noch einmal bei @RikyPalm anschauen und auch der Vertikalpass hielt die Daheimgebliebenen gut auf dem Laufenden.

Sportjournalismus, der fassungslos macht

Abgründe tun sich aber nicht nur im Umgang der Vereinsführung mit ihren Mitgliedern auf. Nein, die vergangene Woche war in Teilen auch ein Armutszeugnis für den lokalen und regionalen Sportjournalismus. Nein, ich werfe nicht alle Journalisten in einen Topf, wie es Wolfgang Dietrich mit seinen Kritikern macht. Es käme mir nie in den Sinn, dass unsägliche Wort “Lügenpresse” in den Mund zu nehmen. Die folgenden Absätze sind viel mehr Ausdruck meiner Fassungslosigkeit über die Art und Weise, wie manche Journalisten ihre Arbeit machen und mit der ihnen gegebenen Reichweite und damit Verantwortung umgehen.

Den Anfang macht, wie könnte es anders sein, Gunter Barner, “Exklusivautor” und Mitglied der Chefredaktion der Stuttgarter Nachrichten. Wer diesen Blog aufmerksam liest, weiß, dass ich nicht erst seit dieser Woche ein Problem mit seinem Verständnis von Journalismus habe. Wer sich an die Mitgliederversammlung 2016 erinnert, dem war klar, dass Barner sich in dieser Woche noch einmal zu Wort melden würde. Wer vergessen hat, wie bewandert er in publizistischer Schützenhilfe ist, der lese noch einmal unseren Beitrag “Das Gschmäckle schlägt zurück” aus dem Oktober 2017.

Barner unplugged

Wir konnten also ahnen, was kommt, aber es wurde noch viel unfassbarer. In seinem Pamphlet, dass erst auf Hinweis von mir von der Onlineredaktion der Stuttgarter Nachrichten als “Meinung” gekennzeichnet wurde, arbeitete er sich, wie schon 2016, an den Ultras ab, ganz so, als wären sie die einzigen, die Kritik an Wolfgang Dietrich übten. In mehreren Absätzen, die juristisch wahrscheinlich genauso haarscharf an der Verleumdung vorbeischrammen wie Wolfgang Dietrichs Kommunikationspolitik am Begriff der Lüge, bezichtigt er sie unter anderem des Drogen- und Alkoholkonsums. Sie seien straff organisiert, befolgten aber mittelalterlich anmutende Rituale und würden mit Arroganz einen Alleinvertretungsanspruch der Fanszene proklamieren. Zudem redeten sie nicht mit Journalisten. Während die erstgenannten Vorwürfe sich entweder kaum nachweisen lassen oder für jeden, der sich mit dem Thema auskennt als Blödsinn offenbaren, ist der letztgenannte Vorwurf – die Verweigerungshaltung gegenüber den Medien – schlichtweg eine Lüge. Es kann aber auch sein, dass Gunter Barner den von seinen Redaktionskollegen Philipp Maisel und Christian Pavlic betriebenen Podcast “Podcannstatt” und insbesondere die Folge mit einem Vertreter des Commando Cannstatt nicht kennt. 

Eine Meinung hat auch Andreas Wagner vom SWR. Nämlich zu diesen Plakaten, die in der vergangenen Woche in Stuttgart auftauchten.

Er stößt sich vor allem an dem Begriff “tieferlegen” und sieht in seinem Kommentar mit den Plakaten nicht nur eine “rote Linie” überschritten, sondern darin auch den “Gipfel des Hasses”. Jetzt kann man über diesen Begriff trefflich streiten. Ist “tieferlegen” nur eine Anspielung auf Wolfgang Dietrichs berufliche Vergangenheit, oder bedeutet das, die Urheber des Plakats wollen ihn “unter die Erde” bringen? Es lassen sich sicherlich Argumente für beide Versionen finden. Was aber für mich mit journalistischen Standards, selbst in einem Kommentar, nicht vereinbar ist: Den Lesern einen Teil der Information vorzuenthalten. Denn auch die “Anmerkung der Redaktion” im verlinkten SWR-Artikel wurde, ähnlich wie der “Meinung”-Button in den Stuttgarter Nachrichten, erst nachträglich und auf Hinweis eingefügt. Vorher endete das Zitat auf “tieferlegen”, das anschließende Komma und der zweite Halbsatz, der das ominöse Wort meiner Meinung nach in den Kontext der Mitgliederversammlung einbettet, wurde einfach weg gelassen.

Milchmädchen-Rechnungen

Nun gibt es ebenjene Kommentare, in denen der Verfasser seine persönliche Meinung zu Papier bringt und sich damit nicht notwendigerweise an die journalistischen Regeln eines Berichts oder einer Meldung halten muss. Und es gibt Chefredakteure, denen eine solche Unterscheidung egal ist, sie schreiben in ihrer Lokalzeitung einfach den absurdesten Blödsinn, wahrscheinlich einfach, weil sie Chefredakteur sind. Zu dieser Gattung Journalisten gehört Dr. Christoph Fischer, Chefredakteur des Reutlinger General-Anzeigers, dessen Artikel “Schwäbische Jagd auf den Präsidenten” (hier hinter der Paywall) auch von der Heilbronner Stimme gedruckt wurde.

Dieser Dr. Fischer ist sich nicht zu schade, seine publizistische Reichweite dafür zu nutzen, um haarsträubende Rechnungen wie die folgende aufzumachen: 65 gestellte Anträge auf Abwahl des Präsidenten entsprächen 0,09 Prozent der knapp 70.000 Mitglieder, folglich stelle sich nur eine verschwindend geringe Minderheit gegen den Präsidenten. Dieses Gedankenkonstrukt ist an Absurdität nicht zu überbieten, schließlich hat nicht jeder, der Wolfgang Dietrich abwählen will, einen solchen Antrag gestellt und dass die Zahl derer, die Dietrich kritisch sehen, wesentlich höher als 0,09 Prozent sind, offenbart schon seine nur knappe Mehrheit bei der Wahl 2016. Im Anschluss an diese Milchmädchen-Rechnung beschwört Fischer im Einklang mit Dietrich für den Fall der Abwahl den Untergang des Vereins herauf und auch der Name Lübcke darf natürlich nicht fehlen.

Barner, Wagner, Fischer. Die Namen dieser drei Journalisten stehen nur stellvertretend für den Umgang vieler ihrer Kollegen mit der Mitgliederversammlung des VfB, mit den Diskussionen um Wolfgang Dietrich und mit der an ihm geäußerten Kritik. Journalistische Grundsätze wie der, dass man sich mit dem Objekt seiner Berichterstattung nicht gemein machen soll, dass man ausgewogen berichten soll oder dass man seinen Lesern nicht Informationen vorenthalten sollte, die für die Meinungsbildung wichtig sein könnten, werden teilweise mit Füßen getreten. Seien es haltlose Unterstellungen, verkürzte Zitate oder irreführende Rechnungen: Sie alle tragen dazu bei, das so wichtige Vertrauen der Leser zum Journalismus zu erschüttern. Mir wäre es als Blogger mit meiner vergleichsweise geringen Reichweite schon peinlich, so etwas zu veröffentlichen. Als Redakteur einer lokalen Tageszeitung oder eines öffentlich-rechtlichen Senders ist es geradezu verantwortungslos.

Verkürzte oder verfälschte Kritik

Es sind aber wie gesagt nur exemplarische Beispiele für den Umgang, den viele Sportjournalisten mit Fans pflegen. In Artikeln, die zu zahlreich sind, um sie aufzuzählen und zu verlinken, wird die an Wolfgang Dietrich geäußerte Kritik immer wieder verkürzt dargestellt: Einmal wird sie auf Abstiegsfrust reduziert, ein ander mal auf Enttäuschung über die Ausgliederung oder die Entlassung von Jan Schindelmeiser. Kommen dann doch gewichtigere Themen wie Quattrex oder seine Personalpolitik zur Sprache dann so wie in diesem SWR-Artikel von Kersten Eichhorn: Die Vorwürfe werden in einem Satz aneinander gereiht, während die Zitate von Dietrich, Haas und Porth jeweils einen eigenen Absatz bekommen. Wie schwer sich lokale und regionale Journalisten damit taten, die Kritik an Wolfgang Dietrich adäquat wiederzugeben, offenbart die Tatsache, dass Philipp Köster vom weder lokalen, noch regionalen Monatsmagazin 11Freunde lange Zeit der einzige Journalist war, der die von uns und anderen Bloggern und Podcastern mehrfach kritisierten Widersprüche beim Thema “regionale Investoren” aufgriff und zu Papier brachte:

Der Vollständigkeit halber möchte ich hier auch festhalten, dass andere Medien, auch aus dem Stuttgarter Umfeld, mittlerweile nachgezogen haben. Aber woher kommt diese Ignoranz mancher Sportjournalisten gegenüber Fans, wenn es um Sport- und Vereinspolitik geht? Geht es um sportliche Einschätzungen, werden Fans ja gerne befragt, sei es bei den Fan-Experten auf SpiegelOnline oder im Bundesliga-Radio von Amazon Music, wo ich ja in der vergangenen Saison mehrfach meinen Senf zum erbarmungwürdigen Gekicke des VfB abgeben durfte. Warum also nicht, wenn es um Demokratie statt um falsche Neuner geht?

Zu wenig Zeit, zu viel Arroganz

Zunächst gibt es natürlich offensichtliche Gründe, die jeder, der sich mit den Problemen des Journalismus auseinandersetzt, kennt: Zu wenig Geld und zu wenig Zeit. Wer keine Zeit für Recherche hat, weil er genügend Content produzieren muss, damit der Verlag die Rechnungen bezahlen kann, greift lieber zu vorbereiteten Meldungen und O-Tönen. Des Vereins,  der Presseagentur oder der Polizei. Geld ist auch entscheidend, wenn es um Werbekunden geht, die man nicht verärgern möchte. Und schließlich ist der Sportjournalismus noch viel mehr als die Kollegen anderer Ressorts scheinbar darauf angewiesen, das Objekt seiner Berichterstattung zu vermarkten, um die nötigen Auflagen und Klicks zu generieren. Schließlich konkurriert man ja auch mit den bereits erwähnten owned media, als Vereins-TV-Sendern wie VfBtv und die Aufmerksamkeit der Fans. Wer will es sich da schon mit Liga und Clubs verderben?

Viel entscheidender als Geld und Zeit ist aber die Arroganz gegenüber Fans, die immer noch viel zu häufig als biertrinkende, gewalttätige Chaoten dargestellt werden. Entsprechend dieser Sichtweise widerspricht es dem überheblichen Selbstverständnis mancher Journalisten, diese Menschen ernst zu nehmen, geschweige denn ihnen eine Bühne zu bieten. Fußballfans haben im deutschen Sportjournalismus in der Breite weiterhin nur eine sehr schwache Lobby. So verzerrt sich aus Bequemlichkeit, Zeitmangel und Arroganz die Berichterstattung über Fanthemen. Vom Schaden, den das Ansehen des Sportjournalismus nimmt, möchte ich gar nicht sprechen.

Kein Grund für eine Schmutzkampagne

Bevor mir jetzt jemand mangelnde Ausgewogenheit und eine einseitige Sichtweise vorwirft: Ja , es gibt Fans, denen man keine Plattform bieten sollte. Ja, es gibt ganz hervorragende Journalisten, die mit Fans auf Augenhöhe kommunizieren und über Fanthemen angemessen berichten. Einige davon kenne ich persönlich und bin sehr froh darum. Und ja: Ich habe sie zwar nicht gesehen, kann aber nicht ausschließen, dass es Todesdrohungen und sonstige Unappetitlichkeiten gegen über Wolfgang Dietrich gegeben hat und verurteile diese aufs Schärfste. All das ist aber kein Grund, für die Schmutzkampagne, mit der der Verein und einige Journalisten engagierte Fans in der Woche vor und während der Mitgliederversammlung überzogen haben.

Am Morgen vor der Mitgliederversammlung verlieh ich auf Twitter meiner Hoffnung Ausdruck, der VfB möge wieder ein Verein des gegenseitigen Respekts werden. Stattdessen bleiben wir ein Verein der immer wieder schafft, sich an Unfähigkeit, Peinlichkeit und Verachtung für die eigenen Mitglieder zu übertreffen.

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5 Gedanken zu “Ein Armutszeugnis”

  1. Ihr VfB “Fans” seid so lächerlich. Ihr tut so als ob Dietrich an allem Schuld ist. Es wird sich in dem Laden nix ändern, weil selbst wenn er abgewählt werden würde woran ich zweifel, würde einfach der nächste kommen der euch nicht passt. Die Zeiten sind vorbei für organisierte Fans. Je eher ihr das Spiel als das nehmt was es ist, nämlich ein Event, wird es wieder gut. Bis dahin betreibe ich weiter Katastrophentourismus und lach mich köstlich über euch Affen kaputt

    • Hallo Peter,

      schade, dass Du Dir die Zeit für einen Kommentar genommen hast, aber nicht für eine inhaltliche Auseinandersetzung mit den Argumenten für eine Abwahl Dietrichs. Aber wie Du an dem Artikel siehst, bist Du mit Deiner Ignoranz und deinen fehlenden Argumenten ja nicht alleine.

      Viele Grüße, Lennart

  2. Hallo Lennart,

    erstmal Danke dass du den Kommentar freigeschaltet hast. Damit zeigst du zumindest dass dein Text nicht nur hohle Phrasen sind.

    Unter dem Strich bleibt aber fest zu halten dass dieses Dietrich raus nichts bringen wird. Wenn ich es richtig im Kopf habe kann der Präsident nur dann gewählt werden wenn er von einem Gremium vorgeschlagen wird (welches weiß ich gerade nicht mehr) daher wird dann halt der nächste von Daimlers Gnaden kommen. Der Verein hat sich an den Laden verkauft, zu ändern ist es glaub ich nicht mehr.

    • Hallo Peter,

      dass ich Kommentare freischalte, ist für mich selbstverständlich, solange es kein Spam ist. 😉

      Dass der VfB auch weiterhin von Daimler gegängelt werden wird, ist mir schon klar. Neue Kandidaten würden übrigens vom Vereinsbeirat ausgesucht. Der hat sich zwar gestern auch nicht mit Ruhm bekleckert, aber immerhin sitzt da keiner von Daimler drin. Man kann aber meiner Meinung nach auch nicht sagen: “Dietrich darf nicht abgewählt werden, weil der nächste der kommt, genauso schlimm ist.” Es gibt genügend handfeste Argumente gegen ihn und nur ihn und die haben nicht nur mit dem Abstieg oder der Ausgliederung zu tun. Wenn Du unsere Seite durchscrollst, wirst Du einige Argumente finden. Und nein, es ist auch nicht so, als ob er nur kritisiert würde, weil er Präsident ist. Man muss den Argumenten für eine Abwahl nicht zustimmen, aber man sollte zumindest zur Kenntnis nehmen, dass es sie gibt und dass es mehr als nur “Dietrich raus”.

      Viele Grüße, Lennart

  3. Ich war bei der MV und wundere mich nur immer wieder, wieso Herr Dietrich so auf seinem Stuhl klebt. Von den 4.500 Anwesenden waren gefühlt 4000 für seine Abwahl. Besonders gegen Ende, kurz vor der Abstimmung, als die Stimmung immer mehr kippte. Nachdem viele gute Redner die Fakten auf den Tisch gelegt hatten, die Dietrich wie gewohnt patzig oder ausweichend kommentierte, waren selbst viele Haupttribünensitzer umgestimmt. Mittlerweile hatte das W-Lan bei uns allen bestens funktioniert, lediglich von den Daimler VIP Plätzen kam Dementi, als es zur Abstimmung gehen sollte. Ein Schelm wer arges denkt….

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