Die Entdeckung der Behäbigkeit

Die Entdeckung der Behäbigkeit

Der VfB verliert den Pflichtspielauftakt in Rostock mit 0:2 und fliegt aus dem Pokal. Vor allem, weil die Mannschaft für dieses Spiel nicht die richtigen Mittel fand.

Was für ein Klischee von einem Spiel. Da reist der Bundesligist nach einer super Vorbereitung mit einer millionenschwer verstärkten Mannschaft zum Außenseiter, zum Underdog nach Rostock und geht dort wahlweise baden oder muss die Segel streichen, anstatt auf der durch die letzten Wochen rollenden Euphoriewelle in die zweite Runde zu surfen. Es fehlte quasi nur noch ein Tor von Ex-VfB-Spieler Pascal Breier. Alle reden von Europa und der VfB lässt sich von einem Drittligisten auskontern. Denn wir wissen ja, der Pokal hat seine eigenen Gesetze und Rostock ist ja im Pokal sowieso ein Angstgegner und überhaupt, unter der Woche sitzen die im Büro oder an der Werkbank und am Wochenende machen die das Spiel ihres…zack, Phrasenschwein geplatzt.

Spielerisch gute Ansätze – mehr nicht

Der letzte Satz ist natürlich quatsch, auch in Rostock geht man immer noch dem Berufsfußball nach und auch sonst war das erstmalige Ausscheiden in der ersten Runde seit 2014 in Bochum auf den zweiten Blick nicht so abgedroschen und vorhersehbar, wie es auf den ersten Blick scheint. Natürlich hatte Hansa dem großen Favoriten ein Bein gestellt. Früh einen Fehler ausgenutzt, dann hinten reingestellt und am Ende das Ding über die Zeit gebracht. Klingt bekannt?

Wäre es nicht so ärgerlich, müsste man über die Ironie lachen, dass der VfB genau auf die Art und Weise verlor, mit der er in der vergangenen Rückrunde die Bundesliga-Konkurrenz zur Weißglut getrieben hatte. Das bittere: Die Brustringträger zeigten spielerisch wesentlich bessere Ansätze als in vielen dieser über die Zeit gewürgten, knappen Spielen. Die Ansätze blieben aber eben nur das und das Kombinationsspiel erwies sich nach dem frühen Rückstand vor allem als das falsche Instrument. 

Keine Flügel

Dabei sah die Startaufstellung eigentlich zunächst recht vielversprechend und größtenteils auch nachvollziehbar aus – mit einer Ausnahme. In unserer Saisonvorschau mit Heiko Hinrichsen gingen wir noch davon aus, dass Korkut aus der Vielzahl von offensiven Optionen vor allem zwei Varianten basteln würde: Eine mit Didavi auf auf der 10, flankiert von zwei Außenstürmern, mit Mario Gomez als einziger Spitze und eine ohne Zehner, mit Doppel- bzw. hängender Spitze mit zwei Außenstürmern. Tayfun Korkut warf all diese Spekulationen über den Haufen: González spielte als hängende Spitze hinter Gomez, Didavi war für den Flügel vorgesehen.

Die Startaufstellung in Rostock. Quelle: spox.com
Die Startaufstellung in Rostock. Quelle: spox.com

Zumindest in der Theorie. In der Praxis hingegen tendierte auch Didavi eher zur Mitte, wie die nächste Grafik von spox.com verdeutlicht, auch wenn die natürlich nur den Mittelpunkt des jeweiligen Aktionsradius darstellen. Es wird aber deutlich: Maffeo, der sich auf der rechten Seite gegen Andreas Beck durchgesetzt hatte, war dort ziemlich alleine unterwegs. Auch auf der anderen Seite sah nicht es gut aus, denn das Zusammenspiel zwischen Thommy und Insua funktionierte kaum. Nur selten kamen die beiden mit Geschwindigkeit hinter die Abwehr, wie auch der Aktionsradius zeigt.

Der Aktionsradius der beiden Mannschaften. Quelle: spox.com
Der Aktionsradius der beiden Mannschaften. Quelle: spox.com

Was die Grafik auch offenbart: Die Rostocker verbrachten den Großteil des Spiels in der eigenen Hälfte und waren da auch gut beschäftigt. 26 Mal schossen die Gäste Richtung Tor, weitere zehn Schüsse wurden abgeblockt. 40 Flanken, inklusive Ecken und Freistößen, segelten in den Rostocker Strafraum. Zieht man die teils knapp, teils deutlich verzogenen Torschüsse ab, landete ein Großteil davon in den Handschuhen von Rostocks Torwart Gelios. 

Den Ball ins Tor tragen

Ganz unabhängig von den Positionen auf dem Feld fehlte es dem VfB aber vor allem an Handlungsschnelligkeit. Auch nach dem 0:1 in der achten Minute – auf das ich gleich noch zu sprechen komme – versuchten die Gäste weiterhin, den Ball ins Tor zu tragen – gefühlt so umständlich wie möglich. Wie man oben sehen kann, tummelte sich das Offensivtrio Didavi, González und Gomez vor allem in der Mitte und versuchte, sich gegenseitig durch kurze Querpässe in Schussposition zu bringen. Leider blieben sie dabei genauso hängen wie ihre Kollegen, die vom Flügel in den Strafraum stürmten und dann den Ball ins Nirvana abspielten. Am ärgerlichsten, auch wenn das nichts mit Handlungsschnelligkeit zu tun hat, waren eigentlich die Standards, größtenteils getreten von Erik Thommy und Dennis Aogo. Wirklich eingeübt sah da nichts aus, dabei wäre schon eine gefährliche Ecke geeignet gewesen, die spielerische Dominanz über die Hintertür auch in Tore umzumünzen. Von aus dem Stand geschlagenen Flanken aus dem Halbfeld an die ferne Ecke des Fünf- oder gar des Sechzehnmeterraums will ich gar nicht erst anfangen.

Der VfB lag also früh hinten und hatte das formidable Problem, sich mit seinem Klein-Klein ständig in der Rostocker Abwehr zu verheddern. Also mit schnellem Umschaltspiel nach vorne, in der Hoffnung, den Drittligisten vielleicht einmal auf dem falschen Fuß zu erwischen? Fehlanzeige. Was gegen München, zugegebenermaßen unter anderen Vorzeichen, noch so gut funktioniert hatte, klappte gegen Rostock überhaupt nicht. Hatte der VfB mal, wie im Spiel im Mai, den Ball an der Mittellinie erobert, ging der erste Pass nicht nach vorne, sondern erstmal zurück oder quer, so dass sich die aufgerückten Rostocker wieder sortieren konnten.


 Weil es so schön ist, man nach so einem Spiel eine Aufmunterung braucht und es Anschauungsmaterial für schnelles Umschaltspiel bietet: Bitte sehr.

Anspruch und Leistung

Das hatte natürlich auch mit dem defensiven Mittelfeld zu tun, das diesmal aus Neuzugang Gonzalo Castro und Dennis Aogo bestand. Während Aogo wie bereits erwähnt vor allem durch Standards auffiel, konnte sich Castro nach vorn kaum in Szene setzen, weder mit, noch ohne Ball.

Ein bißchen Polemik ist da natürlich dabei, aber von Castro hätte ich mir in der Tat mehr erwartet, als reine Ballverwaltung im Mittelfeld. Genauso gilt das übrigens für Holger Badstuber, der bei beiden Gegentoren und in einer weiteren Szene, als er einen hohen Ball unterlief, ziemlich überfordert aussah, aber natürlich nicht der Alleinschuldige an Niederlage und Ausscheiden ist. Generell erwarte ich mir, die eingangs erwähnte Pokal-Folklore mal beiseite gestellt, mehr von einer derart verstärkten und aufgestellten VfB-Mannschaft. Vielleicht hätte ein Ascacíbar selbst mit Trainingsrückstand nach dem 0:1 noch ein wenig mehr Zug ins Spiel gebracht, aber auch er ist nicht die Lösung für die Offensivprobleme. Aber wenn es vorne schon hapert, muss wenigstens das Prunkstück der letzten Saison, die Abwehr funktionieren, erst recht gegen einen Drittligisten.

Wir sprachen in der Saisonvorschau von der hohen Leistungsdichte im Kader. Dicht beieinander waren sie auch in Rostock, nur die Leistung war nicht wirklich herausragend. Gerade von Spielern wie Badstuber, später Gentner, aber auch Castro oder Donis und Didavi, die, teilweise berechtigt, mehr oder minder explizit Ansprüche auf einen Platz in der Startelf formulieren, erwarte ich aber mehr. Die drei Einwechslungen waren nachvollziehbar, einen Unterschied machten sie nicht. Pavard mit Trainingsrückstand aufs Feld zu stellen, wäre nach dem frühen Rückstand verschenkt gewesen. Wer am Sonntag in Mainz auf dem Platz stehen möchte, muss mehr zeigen als das, was man am Samstagabend in Rostock sehen konnte. 

Tschüss, Euphorie?

Und deshalb muss man den Sieg der Rostocker, trotz der gefühlten und statistisch belegten Überlegenheit des VfB als verdient bezeichnen. Wer gegen einen Drittligisten, selbst einen ambitionierten, keine Mittel findet, das Spiel zu drehen, hat in der zweiten Pokalrunde nichts verloren. Vergebene Chancen hin oder her: erzwungen hat der VfB ein Tor nicht.

Können wir die Euphorie also direkt nach dem ersten Spiel direkt wieder in die Tonne kloppen? Hatte Christian Prechtl auf der Mitgliederversammlung prophetische Fähigkeiten, als er dem Vorstand zurief: “Flieg nicht so hoch, mein kleiner Freund!”? Nun ja. Mich hat noch viel mehr als das Ergebnis eigentlich die mitternächtliche, beziehungsweise frühmorgendliche Rückfahrt genervt. Ein Erstrundenaus im Pokal ist zwar ärgerlich und finanziell auch nicht so praktisch (aber wir haben’s ja!), vor allem aber entgeht mir dadurch die Chance auf ein interessantes Auswärtsspiel in der zweiten Runde, abseits von den schon zigmal besuchten Bundesligastadien. Denn das Abenteuer Auswärtsfahrt, quer durch das ländliche Niedersachsen und das noch ländlichere Mecklenburg-Vorpommern, mit polizeieskortierten Bussen vom Rostocker Bahnhof direkt vor den Gästeblock, die Stimmung im Stadion, sowohl im Gästeblock als auch bei den Heimfans, vor allem gegen Ende, das ist es doch, was den Pokal so reizvoll macht. Wenn das Ergebnis stimmt.

Am Sonntag gegen den Strom schwimmen

Am Sonntag muss der VfB zum nächsten “Angstgegner”: Noch nie konnten wir drei Punkte aus dem mittlerweile nicht mehr ganz so neuen Stadion am Europakreisel mitnehmen, schmerzhaft und ziemlich frisch sind noch die erbärmlichen Auftritte in Mainz rund um den Jahreswechsel in Erinnerung. Tayfun Korkut sagte vor dem Pokalspiel, er fühle sich gut dabei, jeden einzusetzen. Hoffen wir, dass er aus dem Spiel die richtigen Schlüsse zieht und nicht wie in der Rückrunde bereits jetzt seine Startelf in Stein gemeißelt hat. Die sommerliche Euphorie ist jetzt erstmal auf ein, vielleicht auch gesundes, Normalmaß zurecht gestutzt worden. Ein Fehlstart in der Liga in Mainz und eine Woche später zu Hause gegen München könnte ganz schnell zu einer verfrühten Diskussion über Anspruch und Wirklichkeit in Stuttgart führen. Also bitte, lieber VfB: In Mainz gegen den Strom schwimmen!

Foto: “Düne” von Jonas Dittmar unter CC BY 2.0 (bearbeitet) / Schnecke: © @Kar0ne

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