Anstrengend

Dass die Restrunde kein Zuckerschlecken würde, war klar. Aber bereits das zweite Spiel des Jahres war wieder schwere Kost – auf und neben dem Platz.

Es gibt so Spiele, da stehst Du im Block oder sitzt vorm Fernseher und kommst aus dem Seufzen nicht heraus. Du seufzt, weil Du nicht schreien musst, weil sie so schlecht ja nun auch nicht spielen und Du seufzt, weil Du dich nicht einfach entspannt zurücklehnen kannst, weil Dir einfach so viel auffällt, was nicht optimal läuft. So ein Spiel war der Auswärtsauftritt des VfB in Hamburg beim FC St. Pauli. Am Ende ein 1:1, das tabellarisch selbst bei einem Hamburger Sieg heute Abend keine allzu gravierenden Auswirkungen hat. Aber auch ein 1:1, mit dem man weder glücklich noch zufrieden sein kann, weil einem verschiedene Dinge erneut die Sorgenfalten ins Gesicht furchen. Die Geschicke des VfB in der zweiten Liga zu verfolgen ist auch 2020 anstrengend.

Das geht schon damit los, dass uns ausgerechnet in dieser schwierigen Saisonphase, in der langsam aber sicher die letzten Weichen Richtung Aufstieg gestellt werden müssen, die Innenverteidiger ausgehen. Kaminski schon seit Saisonbeginn, Badstuber seit der Winterpause und jetzt auch, nach einem wahrscheinlich unabsichtlichen Schultercheck, Marc Oliver Kempf. Das bedeutet, dass wir weiterhin auf mehr oder minder passable Notlösungen wie Atakan Karazor in der Innenverteidigung bauen oder junge Spieler wie Awoudja, Aidonis oder Neuzugang Clinton Mola reinwerfen müssen. Beides keine sehr verlockenden Aussichten und irgendwie waren Spielzeiten, in denen wir von mehreren Verletzungen geplagt waren, in der Vergangenheit selten von Erfolg gekrönt. Dass man nicht langfristig damit geplant hat, die Innenverteidigung zu verstärken, kann ich übrigens gut nachvollziehen, denn dass Badstuber und Kempf beide länger ausfallen, damit konnte man nun wirklich nicht rechnen. Dass Sven Mislintat allerdings dem Vernehmen nach nach dem Heidenheim-Spiel keinen Grund mehr für Verstärkungen sah, nervt ein wenig. Andererseits sind Wintertransfers natürlich meistens Flickschusterei, die uns aber vielleicht in diesem Fall weitergeholfen hätte. Wenigstens ist die Hand von Borna Sosa “nur” geprellt und nicht gebrochen.

Hinten einmal gepennt, vorne ständig

Zu häufig kam der VfB auf St. Pauli einfach nicht durch. © Getty/Bongarts
Zu häufig kam der VfB auf St. Pauli einfach nicht durch. © Getty/Bongarts

Aber nicht nur die Personalsituation ist anstrengend, auch das Spiel war es. Dass es der VfB nicht so leicht würde haben werden wie zu Hause gegen sich unter Wert verkaufende Heidenheimer, war absehbar. Auch, dass St. Pauli zu Hause wie fast jede andere Mannschaft in dieser Liga auf Konter setzen würde. Ich hatte mir allerdings erhofft, dass die Mannschaft unabhängig vom Trainer etwas aus den letzten Auswärtsspielen gelernt hatte. Denn der letzte Sieg auf fremden Platz, zumindest in der Liga, war das 1:0 beim Aufstiegskonkurrenten aus Bielefeld, danach verliefen die Spiele regelmäßig nach dem selben Muster: Die Brustringträger schafften es nicht, eine tiefstehende Abwehr zu überspielen und fingen sich irgendwann, meistens sehr früh, ein Gegentor, weil sie hinten selbst für die zweite Liga zu schlampig verteidigten. Immerhin, die Abwehr machte ihren Job bis zum Gegentor ziemlich gut, nur um dann im entscheidenen Moment wieder die üblichen Nachlässigkeiten zu zeigen: Mangala, der auch sonst kein gutes Spiel machte, spielte den Ball gedankenlos kurz zu Förster, der lief vor dem Ball weg und anschließend ließ sich auch noch Stenzel von Miyaichi auf einfachste Art und Weise ausspielen. Beim Schuss von Veermann fielen dann die VfB-Verteidiger um wie die Kegel.

Viel anstrengender als die eine, entscheidende Unachtsamkeit in der Abwehr war jedoch das Offensivspiel. Und nein, ich lasse den Acker auf dem Heiligengeistfeld nicht als Ausrede dafür zu, dass dieses anders als gegen Heidenheim fast nur aus ideenlosen langen Bällen und Fehlpässen im Mittelfeld bestand. Gegen Heidenheim klappte das mit dem risikoreichen Aufbauspiel, indem man sich im Gegenpressing verloren gegangene Bälle schnell wieder eroberte und aus den Bällen die durchkamen, Chancen kreierte, ganz gut. Am Samstag hingegen war der Ball dann in der vielbeinigen braun-weißen Abwehr gefangen, die ihn zumindest bis zum erfolglos beendeten Gegenangriff nicht mehr hergab. Das Matarazzo Gonzalez’ Verspätung mit der Bank bestraft, ist legitim, aber zumindest Silas Wamangituka hätte mit seiner Unberechenbarkeit schon in der ersten Hälfte für wesentlich mehr Unruhe sorgen können, als die erneut erschreckend blassen Klement und Förster. Dass die beiden Offensivspieler auch noch nicht das gezeigt haben, was sie eigentlich könnten, nervt auch gewaltig – auch weil es verdeutlicht, wie sehr der VfB scheinbar im Offensivspiel von Daniel Didavi abhängig ist. Immerhin: Wamangituka konnte in der zweiten Halbzeit das nachholen, was ihm vor der Pause verwehrt blieb und Mario Gomez scheint sich langsam warm zu laufen.

Mehr Unzufriedenheit!

Es war also alles in allem ein unbefriedigendes Ergebnis und das Unwohlsein verstärkt sich nur, wenn man liest und hört, wie im Verein damit umgegangen wird. Zum Beispiel Mario Gomez im Interview mit der Stuttgarter Zeitung:

Wir müssen den Ball flach halten. Man sollte nicht glauben, dass mit dem neuen Trainer wieder alles von alleine läuft. So ist es nicht im Fußball, sonst wären wir gar nicht erst abgestiegen.

Oder so ziemlich jeder, der sich in den “Stimmen zum Spiel” äußerte und auf den Rasen verwies – den selben Rasen, auf dem auch St. Pauli irgendwie den Ball bewegen musste. Oder aber die Kommunikationsabteilung des Vereins, die allen Ernstes die Ergebnisse von Hamburg und Bielefeld am Millernton als Vergleich heranzog:

Blöd nur, dass wir zwar einen neuen Trainer haben. aber immer noch die gleiche Mannschaft wie in der Vorrunde und dass man am 20. Spieltag dann auch irgendwann mal einen Lerneffekt erwarten darf, der da lautet: In solchen Auswärtsspielen müssen wir eben im Vergleich zu den Heimspielen noch ein paar Prozent drauflegen. Egal, wer an der Seitenlinie steht oder wie der Rasen aussieht. Wie andere Vereine spielen ist mir dann erstmal wurscht, schließlich wollen wir ja Erster und müssen mindestens Zweiter werden. Der aktuelle Tabellenvierte Fürth hat übrigens mit 3:1 am Millerntor gewonnen. Natürlich muss man auch nicht so tun, als würden uns die fehlenden zwei Punkte im Aufstiegskampf weit zurückwerfen. Aber ein bisschen mehr auch nach außen getragene Unzufriedenheit mit diesem Ergebnis wäre schon angebracht.

Unter aller Sau

Fankultur, wie sie sein sollte. © Getty/Bongarts
Fankultur, wie sie sein sollte. © Getty/Bongarts

Als ob es nicht schon kräftezehrend genug wäre, sich beim VfB mit dem Sportlichen auseinanderzusetzen, kommen dann auch noch so unsägliche in jeder Beziehung unsportliche Themen hinzu. Dass Sarah, unter anderem bekannt vom BrustringTalk, am Samstag im Gästeblock und vorm Stadion sexuell belästigt und begrapscht wurde ist eine Ungeheuerlichkeit, der man nicht häufig und offen genug entgegentreten kann. Ich habe es schon im Podcast angesprochen: Es kann und darf nicht sein, dass Frauen im Jahr 2020 Angst haben müssen, in der Öffentlichkeit im vermeintlichen Schutz großer Menschenmengen belästigt zu werden, und deshalb den Besuch eines Fußballspiels und die Unterstützung der eigenen Mannschaft nicht genießen können. Hört auf mit so einer Scheiße, Jungs! Auf einer anderen Ebene frauenfeindlich waren die Spruchbänder, die gegen Heidenheim und eben im Gästeblock in die Höhe gingen und damit die sonst ziemlich niveauvolle und zum Glück fast nie diskriminierende Spruchband-Kultur in Stuttgart eintrüben. Abgesehen von der sexistischen Stoßrichtung und dem Humorverständnis auf Pubertäts-Niveau frage ich mich, seit wann wir uns in der Kurve mit Vereinen wie Heidenheim und St. Pauli auf diese Art auseinander setzen, gegen die wir quasi nie spielen und zu denen keine besondere Rivalität herrscht.

Beim Spruchband am Samstag fiel zudem eine schwarz-rot-goldene Fahne auf. Per se nicht unbedingt problematisch, nur sieht man solche Farben weder in der Cannstatter Kurve noch bei Auswärtsspielen – auf Zaunfahnen mal ausgenommen. Offensichtlich ging es hier darum, die linke Fanszene der Hamburger zu provozieren, was in Stuttgart ebenso ungewöhnlich ist. Und da brauche ich auch nicht drüber diskutieren, ob man eine solche Fahne überhaupt als Provokation empfinden sollte. Sie wurde hier offensichtlich zu diesem Zweck eingesetzt, um sich gegen eine politisch ausgerichtete Kurve zu positionieren – etwas, was man so offen bei uns auch nicht tut, zumindest ist es mir gegen Vereine wie Bremen zum Beispiel nicht aufgefallen. Also nochmal: Es geht hier nicht nur um die Deutschland-Fahne oder den plumpen Sexismus an sich, sondern auch darum, gegen wen solche Spruchbandaktionen gefahren werden. Das natürlich die die gesamte Fanszene des VfB oder die gesamte Kurve damit gemeint ist, erklärt sich von selber. Das Pokalspiel am Mittwoch wird übrigens Bibiana Steinhaus pfeifen und ich hoffe, dass ich mich nicht schon wieder für ein Spruchband im Gästeblock schämen muss. Immerhin: Anders als vor drei Jahren hat sich der VfB jetzt zu den Spruchbändern eindeutig positioniert.

Genug geärgert, zumindest übers Sportliche. Besagtes Pokalspiel sollte uns relativ kalt lassen, auch wenn ein Weiterkommen in einem KO-Wettbewerb natürlich immer schön ist. Hauptsache, die Mannschaft zeigt sich gegen Aue wieder in besserer Verfassung und hat dann beim nächsten Auswärtsspiel in Bochum endlich gelernt, wie man dort die für den Aufstieg unerlässlichen Punkte holt.

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