Alles wieder beim Alten?

Das Heim­spiel gegen Dres­den gewinnt der VfB in bewähr­ter Manier: Mit ein paar Wack­lern und vie­len Chan­cen, aber ver­dient. Alles wie immer also? Nicht ganz.

Am Ende war vor allem eines: Erleich­te­rung. Dar­über, dass der VfB nach dem gru­se­li­gen Start in die eng­li­sche Hal­lo­ween-Woche auf jeden Fall ergeb­nis­tech­nisch zurück in die Spur gefun­den hat. Dar­über, dass auch der HSV nur mit Was­ser kocht und sich von Wehen Wies­ba­den kurz vor Schluss doch noch den Aus­gleich ein­schen­ken ließ. Dar­über, dass die Tabel­len­füh­rung mit zwei Punk­ten Rück­stand wie­der in greif­ba­rer Nähe ist. Und dar­über, dass mal wie­der der Geg­ner kein Kapi­tal aus dem tem­po­rä­ren Cha­os im VfB-Spiel schla­gen konn­te.

Slaptstick zum 1:0.
Slapt­stick zum 1:0.

Der hieß dies­mal Dyna­mo Dres­den und kam einer­seits mit einer Serie von ver­lo­re­nen Spie­len, ande­rer­seits mit einem ganz knap­pen Aus­schei­den im Pokal gegen Ber­lin im Gepäck ins Neckar­sta­di­on. Bei­des mög­li­che Zuta­ten für die nächs­te bla­ma­ble Nie­der­la­ge des VfB gegen ein Kel­ler­kind.  Zum Glück kam es anders: Der VfB ging wie schon im Pokal­spiel früh in Füh­rung, gab die­se in der ers­ten Halb­zeit aber nicht mal ansatz­wei­se wie­der aus der Hand. Zwar geneh­mig­te sich die Mann­schaft nach der Vol­ley-Vor­la­ge von Kempf auf den etwas toll­pat­schig wir­ken­den Dresd­ner Hama­lai­nen, der den Ball auf der Tor­li­nie ste­hend nicht unter Kon­trol­le, aber schließ­lich ins eige­ne Tor bekam, wie­der mal eine klei­ne Ent­span­nungs­pha­se, mit ein biss­chen mehr Timing im Abspiel hät­te es aber zur Pau­se gut und ger­ne 4:0 für uns ste­hen kön­nen und das nicht ein­mal unver­dient.

Dynamo überfordert

Santi trifft ins Glück.
San­ti trifft ins Glück.

Denn Dyna­mo wirk­te trotz der eben ange­spro­che­nen Erho­lungs­pha­se ziem­lich über­for­dert mit den Angrif­fen des VfB, unab­hän­gig davon, ob der den Ball lan­ge nach vor­ne schlug oder sich wie beim 2:0 durch die schwarz-gel­be Abwehr­rei­he kom­bi­nier­te. Tim Wal­ter setz­te erneut auf den im Pokal — und auch schon davor — prak­ti­zier­ten Tan­nen­baum mit Nico­las Gon­za­lez als Mit­tel­stür­mer zwi­schen Förs­ter und Kle­ment vor einer Drei­er­rei­he Manga­la — Kara­zor — Ascací­bar. Hin­ten ersetz­te Phil­lips den noch für die­ses Spiel gelb­ge­sperr­ten Bad­s­tu­ber. Das war es aber auch schon mit Alt­be­kann­tem. Denn nicht nicht nur hat­te der VfB sei­nen zuge­ge­be­ner­ma­ßen schwa­chen Geg­ner ziem­lich gut im Griff, er setz­te auch zum genau rich­ti­gen Zeit­punkt die Nadel­sti­che in Form von Toren. Zuerst mit dem bereits ange­spro­che­nen Füh­rungs­tref­fer nach einer Ecke, und dann, als einen wie­der das Gefühl beschlich, der VfB lässt es viel­leicht zu ruhig ange­hen, durch Sant­ia­go Ascací­bars Pre­mie­ren­tor im Brust­ring, wel­ches der Ver­ti­kal­pass hier ange­mes­sen abfei­ert. Man kann ja von San­tis Grät­schen und sei­nem Ver­hal­ten kurz vor Ende des Trans­fer­fens­ters hal­ten, was man will. Wenn man aber sieht, wie kind­lich (wort­wört­lich!) er sich mit sei­nen Kol­le­gen über sein Tor freu­te, wird einem doch irgend­wie ganz warm ums Herz.

Beein­dru­ckend auch, dass er dar­aus fast einen Dop­pel­pack gemacht hät­te und wie abge­zockt sein Kol­le­ge und Lands­mann Gon­za­lez sei­ne im Anschluss zurück­ge­pfif­fe­ne Schuss­chan­ce ver­wer­te­te. Nach dem Deba­kel von Ham­burg und der Reha­bi­li­ta­ti­on im Pokal hat­te man nach der ers­ten Halb­zeit das Gefühl, dass zwar immer noch nicht alles rund läuft, dass aber die Mann­schaft end­lich mal in der Lage sein wür­de, ein Spiel ent­spannt über die Zeit zu brin­gen. Nix wars. Ein­ein­halb Minu­ten waren  in der zwei­ten Halb­zeit gespielt, als der VfB in der geg­ne­ri­schen Hälf­te meh­re­re Zwei­kämp­fe ver­lor und sich mit einem lan­gen Ball auf Moussa Koné aus­kon­tern ließ, der erst von Natha­ni­el Phil­lips kurz hin­ter der Straf­raum­kan­te per Foul gestoppt wer­den konn­te. Hand­ge­stopp­te vier­ein­halb Minu­ten spä­ter lag der Ball dann doch hin­ter Gre­gor Kobel im Tor, weil Schieds­rich­ter in Zei­ten des VAR häu­fig lie­ber erst­mal gar nicht auf Elf­me­ter ent­schei­den, im Wis­sen dass die Kol­le­gen in Köln schon dazwi­schen­fun­ken wer­den, wenn was ist.

Unruhe nach dem Gegentor

Viel ärger­li­cher aber als das Gegen­tor und das Ver­hal­ten des Schieds­rich­ters — und nein, es war vor­her kein Abseits — war aber, was in der Fol­ge pas­sier­te: Der VfB bet­tel­te in einer Mischung aus Kopf­lo­sig­keit und Über­heb­lich­keit dar­um, dass Dyna­mo ihnen doch noch zwei oder sogar drei Punk­te abneh­men möge und ver­gab sei­ner­seits Groß­chan­cen in einer Fül­le, dass man sich nicht hät­te wun­dern dür­fen, wäre man dafür bestraft wor­den. War­um die Mann­schaft durch nur einen Gegen­tref­fer in die­sen Zustand ver­setzt wur­de — ich kann es mir nicht erklä­ren.

In 21 Sekunden von der Seiten zur Torlinie.
In 21 Sekun­den von der Sei­ten zur Tor­li­nie.

Mir ging es wie dem geschätz­ten Pod­cast­kol­le­gen Jens vom Brust­ring­Talk. Hacken­päs­se sind ja immer ein zwei­schnei­di­ges Schwert. Klug ein­ge­setzt erspa­ren sie Dir die Kör­per­dre­hung, wenn es aber schief geht, sieht es beson­ders däm­lich und arro­gant aus. Lei­der war in der zwei­ten Halb­zeit Letz­te­res häu­fi­ger der Fall, so dass man sich des Ein­drucks nicht erweh­ren konn­te, der VfB habe das Spiel nach der ers­ten Halb­zeit schon als gewon­nen abge­hakt. Auch der fahr­läs­si­ge Umgang mit den Tor­chan­cen — bei­spiel­haft sei hier nur der Rück­pass von Gon­za­lez von der Tor­aus­li­nie genannt, den Förs­ter frei­ste­hend ver­dad­del­te — deu­tet in die Rich­tung. Der Mann­schaft fehl­te nach dem Sei­ten­wech­sel die Kon­zen­tra­ti­on und — wir haben es schon häu­fi­ger ange­spro­chen — die Ner­ven­stär­ke. Die bewies Silas Waman­gi­tu­ka, der nach genau 83 Minu­ten den Fuß aufs Spiel­feld setz­te, sich auf die rech­te Sei­te ori­en­tier­te, den Pass von Sten­zel annahm, einen Dresd­ner Ver­tei­di­ger aus­stei­gen ließ und den Ball nach 83 Minu­ten und 21 Sekun­den zum erlö­sen­den und spiel­ent­schei­den­den 3:1 ein­netz­te.

Wichtig für den Kopf

Am Ende hielten der VfB und Kobel dicht.
Am Ende hiel­ten der VfB und Kobel dicht.

Und das ist dann doch neu, zumin­dest in der jün­ge­ren Ver­gan­gen­heit: Nicht, dass der VfB Spie­ler wie Waman­gi­tu­ka, Al Ghad­dioui oder ja, auch Mario Gomez von der Bank brin­gen kann. Nein, wir sind auch in der Lage dadurch Spie­le zuzu­ma­chen und nicht bis in die Nach­spiel­zeit hin­ein um die Punk­te zu ban­gen oder gar erst nach mehr als 90 Minu­ten in Füh­rung zu gehen. Der Heim­sieg gegen Dres­den ist des­halb vor allem wich­tig für den Kopf: Wir kön­nen gegen Mann­schaf­ten am unte­ren Tabel­len­en­de gewin­nen, wir kön­nen ein Spiel zu machen, wir kön­nen Tore schie­ßen — auch wenn es mal wie­der mehr hät­ten sein müs­sen.

Den Beweis, dass Dres­den nicht wie Han­no­ver ein dank­ba­rer Geg­ner war, kann die Mann­schaft am Sams­tag in Osna­brück antre­ten. Die haben als Auf­stei­ger nichts zu ver­lie­ren, ste­hen unten drin und sind erfah­rungs­ge­mäß genau­so gut in der Lage, uns ein Bein zu stel­len, wie das Wies­ba­den, Kiel und Dres­den waren. Natür­lich spiel­te uns die frü­he Füh­rung auch in die Kar­ten, den­noch glau­be ich, dass ein kon­zen­trier­ter Auf­tritt in einer etwas kon­ser­va­ti­ve­ren Spiel­an­la­ge auch in die­sem Spiel der Schlüs­sel zum Erfolg sein kann. An die­ser Stel­le muss ich mich übri­gens revi­die­ren. Nach dem 2:6 schrieb ich, ein biss­chen weni­ger Ball­be­sitz sei sinn­los. Wie Tobi­as Escher bei der Rau­ten­per­le zum Pokal­spiel her­aus­ge­ar­bei­tet hat, ist das nicht nur mög­lich, son­dern offen­bar auch sinn­voll. Jetzt müs­sen wir nur noch ein Patent­re­zept gegen schlam­pi­ge Über­heb­lich­keit und für den Sturm ent­wi­ckeln:

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