Abstiegsschmerz, der

Abstiegsschmerz, der

Auch etwas mehr als eine Woche später kotzt mich der Abstieg des VfB immer noch kolossal an. Der Versuch einer Schmerztherapie.

Auch wenn wir uns in Stuttgart als abstiegskampferprobt geben und aus Verbitterung so tun, als könne uns der zweite Abstieg in drei Jahren nichts mehr anhaben: Der Abstieg des Lieblingsvereins ist scheiße und tut weh. Nein, man gewöhnt sich nicht dran, auch nicht als Nürnberg-Fan nach dem neunten Mal. Und erst recht nicht als VfB-Fan. Auch wenn die letzten zehn Jahre grausam waren: Der VfB ist immer noch Fünfter der ewigen Bundesliga-Tabelle. Der VfB war 33 Jahre lang, zwischen 1966 und 1999, nie Tabellenletzter der Bundesliga. Auch wenn ich davon nur die letzten beiden Jahre als Fan mitbekommen habe: Der VfB gehört einfach in die Bundesliga. Punkt. Es tut immer noch weh, zu sehen, dass mein Verein jetzt wieder mit dem Attribut “Zweitligist” versehen wird, dass man ihn in jeglichen Sportmedien unter “2. Bundesliga” suchen muss, dass er in der öffentlichen Wahrnehmung jetzt wieder unter ferner liefen zu finden ist. Nicht ganz so wie Aue, Sandhausen oder Darmstadt, aber auch nicht weit davon entfernt. Schmerz ist aber nur eine Emotion, die der Abstieg in mir auslöst. Ich kann damit umgehen, ich habe das schon 2016 durchmachen müssen. Was mich aber rasend macht, sind die Gründe für den Abstieg. Denn er war unnötig, er war vermeidbar und ist aus verschiedenen Gründen für mich eine größere Katastrophe als der Abstieg 2016.

Die Stimmung

Der Abstieg 2016 war das Ende eines zehn Jahre andauernden Siechtums. Auch wenn das Gerede von einem “nötigen Abstieg, der dem Verein gut tut” aus den verschiedensten, vor allem finanziellen Gründen Blödsinn ist und obwohl der Abstieg für viele Fans meiner Generation ein Novum und damit ein Schock war, so verspürte man damals doch ungewollt eine gewisse Erleichterung. Endlich mal häufiger gewinnen als verlieren, endlich nicht mehr jedes Jahr im Mai um den Verein bangen. Es entstand eine jetzt-erst-recht-Stimmung: Die Abstiegsmannschaft mal gehörig ausmisten, den ganzen Verein durchlüften, die neue Mannschaft mit phänomenalen Support durch die zweite Liga pushen und gut ist. Hinzu kamen die neuen Stadien und der vollständige Verzicht auf die Konzernvereine aus Leipzig, Leverkusen, Sinsheim und Wolfsburg. Dass der sofortige Wiederaufstieg erreicht werden musste, war klar. Aber hey, wir sind jetzt einmal durch die Scheiße gewatet und wer im Winter nach Aue fährt oder beim Spiel in Nürnberg die Tribüne zum Wackeln gebracht hat, hat sich ein besonderes Fleißsternchen auf seinem Fanzeugnis verdient. Allen war klar: Das ist eine einmalige Sache, durch die wir jetzt durch müssen und danach wird es besser, muss es besser werden. Anders als allgemein angenommen schielte im vergangenen Sommer auch keiner von uns nach Europa. Wir konnten uns glaube ich alle zunächst ganz gut damit arrangieren, ein ruhiges Leben im Niemandsland des Bundesliga-Mittelfelds zu führen.

Stattdessen müssen wir jetzt erneut in die zweite Liga. Einen Großteil der Stadien kennen wir schon vom letzten Mal und dann ist auch noch Magdeburg abgestiegen. Die ganze Aufbruchsstimmung des letzten Zweitliga-Jahres ist dahin, denn der VfB steht tabellarisch wieder genauso da wie vor drei Jahren. Das ganze Abenteuer der Saison 2016/2017 war irgendwie umsonst, denn wir sind am Ende doch irgendwie durch die Prüfung der Bundesliga-Tauglichkeit gefallen und müssen noch mal ran. Ich kann mir schwer vorstellen, dass die VfB-Fans erneut in Scharen auswärts fahren. Wie der Nudeltopf in Aue schmeckt wissen wir jetzt, Kaiserslautern ist nicht mehr da, das einzige Highlight neben den Spitzenspielen gegen die anderen abgestürzten Bundesligisten werden die zwei Derbys sein, da der K** interessanterweise immer dann aufsteigt, wenn wir absteigen. Aber ansonsten wird diese Zweitliga-Saison, ganz unabhängig vom Sportlichen, schwere, schwere Kost, die wir eigentlich kein zweites Mal probieren wollten.

Das Sportliche

Womit wir zu dem kommen, was auf dem Platz passiert. Die Abstiegsmannschaft 2016 war, mit wenigen Ausnahmen, eine Truppe abgehalfterter Profis ohne Perspektive. Bis heute vermisst niemand Spieler wie Daniel Schwaab, Georg Niedermeier oder Martin Harnik. Am Wechsel von Timo Werner schmerzte eigentlich am Meisten die lächerliche Ablösesumme, die man den Österreichern aus den Rippen leiherte und die Metamorphose des Spielers von der größten Nachwuchshoffnung seit Mario Gomez zu einem verzogenen Bengel, der plötzlich gegen seinen alten Verein nachtrat. Abgesehen davon konnte man ganz gut damit leben, dass sich die Versager von 2016 größtenteils in alle Himmelsrichtungen zerstreuten. 

Ganz anders dieses Jahr. Natürlich hat auch die VfB-Mannschaft 2018/2019 auf vielfache Weise versagt. Aber trotzdem sind da einige Spieler dabei, denen ich in einem stabileren Umfeld durchaus mehr zutraue als das, was sie gezeigt haben. Derzeit hängen die Abgänge, abgesehen von Benjamin Pavards Wechsel nach München, noch in der Luft, aber es ist nicht unrealistisch, dass Spieler wie Ozan Kabak, Santiago Ascacíbar, Timo Baumgartl, Marc-Oliver Kempf oder Anastasios Donis nicht mit in die zweite Liga gehen. Auch Nicolas Gonzalez, nach dem Relegations-Rückspiel zum Sündenbock auserkoren, würde ein Jahr in der zweiten Liga sicherlich gut tun, um in die Spur zu kommen. Stattdessen werden wir die vielversprechenden Teile dieser Mannschaft wahrscheinlich abgeben müssen und hoffen, dass wir diejenigen mit weniger Potenzial loswerden. Abgesehen davon, dass Thomas Hitzlsperger und Sven Mislintat die Mannschaft sowieso an die Vorstellungen von Tim Walter werden anpassen müssen. Es geht also nicht nur stimmungstechnisch, sondern auch sportlich wieder von vorne los.

Bei der Betrachtung der sportlichen Aspekte des Abstiegs darf man auch die Konkurrenz in der zweiten Liga nicht außer acht lassen: Der Hamburger SV wird im zweiten Jahr im Unterhaus mit aller Macht zurück in die Bundesliga drängen, auch Hannover 96 sieht die zweite Liga nur als Durchgangsstation. Nürnberg hatte zwar nicht die Mittel für den Klassenerhalt, wird aber aufgrund des einen Jahres in der Erstklassigkeit trotzdem um den Aufstieg mitspielen können. Wenn dann noch ein Überraschungsteam wie die in den letzten Jahren beharrlich am Aufstieg kratzenden Kieler oder ein mittlerweile ambitionierter Verein wie Heidenheim hinzu kommt, wird es langsam eng mit den Aufstiegsplätzen. 2016/2017 war schon kein Spaziergang, 2019/2020 könnte ein steiler Aufstieg werden.

Das Finanzielle

Ach, was waren das für schöne Versprechungen im Frühjahr 2017: Wenn der VfB ausgliedert und vom Daimler 40 Millionen Euro überwiesen kriegt, können wir uns mit dieser Anschubfinanzierung locker wieder in der Bundesliga etablieren und wenn es nach dem Märchen-Präsidenten geht, sogar in die Top 3 des deutschen Fußballs vorstoßen. Über die Risiken sprach damals natürlich kaum einer der Verantwortlichen. Die Fragen die sich damals aber jeder stellte: Kann man dem VfB guten Gewissens so viel Geld anvertrauen? Was ist, wenn die mit dem Geld verpflichteten Spieler nicht einschlagen? Was ist, wenn wir nochmal absteigen?

Zwei Jahre später muss man die erste Frage leider mit nein beantworten. Stattdessen ist der worst case eingetreten. Der VfB hat die für die “Investition in Beine” vorgesehene Summe in eine Mannschaft gesteckt, die die schlechteste Bundesliga-Saison der Vereinsgeschichte gespielt hat und mit zwei Unentschieden in der Relegation abgestiegen ist. Dass der Abstieg Geld kostet, durften wir schon 2016 erfahren. Damals wie heute wird der Verlust teilweise durch Gehaltskürzungen der Angestellten aufgefangen, teilweise durch Spielerverkäufe, die allerdings die oben beschriebenen negativen Effekte haben. Eine dritte Geldquelle wäre der zweite Investor, der laut Präsident Dietrich bis Ende Juni präsentiert werden soll. Eine zweite Anschubfinanzierung also, mit der sich der Verein ein zweites Mal aus der zweiten Liga schieben lassen will. Sowohl bei Transfers als auch bei weiteren Investoren-Millionen gilt: Das Geld gibt es nur einmal und es kann nicht vollständig zur Verstärkung der Mannschaft verwendet werden, sondern muss auch zum Löcherstopfen genutzt werden. Die Konsequenzen eines Nicht-Aufstiegs haben wir bereits vor drei Jahren diskutiert, Ihr könnt sie Euch lebhaft vorstellen. Der Vorteil, den der VfB 2017 vermeintlich hatte, er hat ihn komplett verspielt. 

Eine Erniedrigung

Die Kollegen vom Vertikalpass kommentierten den Abstieg mit Beim zweiten Mal tut’s nicht mehr so weh. Ich widerspreche: Diesmal tut es noch mehr weh. Dieser Abstieg ist auf so viele Weisen eine Erniedrigung. Denn wer zwei Mal in drei Jahren absteigt, ist nicht ausgerutscht, sondern eine Fahrstuhlmannschaft. Schon wieder findet die Bundesliga ein Jahr lang ohne den VfB statt. Auch wenn ich den Abstiegskampf 2001 und das wichtige Tor von Balakov gegen Schalke miterlebt habe: Für mich war eine Bundesliga ohne meinen Verein lange unvorstellbar.

Genauso unvorstellbar war für mich, dass der Abstieg keine Konsequenzen hat. Laut Wolfgang Dietrich erschöpfen sich die in der Entlassung von Michael Reschke im Februar. Es wird einfach so getan, als wäre nach dieser schlimmsten, schlechtesten Saison der Vereinsgeschichte eigentlich alles in Ordnung. Ist es aber nicht. Vor allem deshalb nicht, weil die warnenden Stimmen im Laufe der Saison immer lauter wurden, die Mannschaft sich der Gefahr aber scheinbar nie so richtig bewusst war. Nehmen wir Christian Gentners Aussage zu Saisonbeginn (“Gegen Mainz muss man nicht gewinnen”) oder diverse Aussagen von Mario Gomez zum Realitätssinn seiner Kollegen.

Der VfB hätte unter keinen Umständen absteigen dürfen. Aber Nicht nur aus den oben genannten Gründen. Erinnert sich noch jemand daran, dass der VfB im September vergangenen Jahres 125 Jahre alt wurde und dieses Jubiläum unter anderem mit einer Retro-Dauerkarte und verdammt coolen Trikots beging? Alles in den Dreck gezogen durch die miserablen Leistungen, die man sich mit dieser Dauerkarte von Spielern in diesen Trikots antun musste. Alles für’n Arsch.

Bild: Head in Hands by Alex Proimos under CC BY-NC 2.0

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2 Gedanken zu “Abstiegsschmerz, der”

  1. Tröstet es Dich, wenn ich Dir sage, dass wir eigentlich nur mal wieder Vorreiter sind?
    Wir werden dieses Mal 2 Jahre brauchen, um wieder aufzusteigen. Dann werden wir sofort wieder absteigen. In diesen 3 Jahren wird sich der nationale und internationale Fussball verändern, Konzernmannschaften werden die “sportlich erste Klasse” unter sich ausmachen. Bayern, Barcelona, Real und noch einige wenige mehr werden sich noch 2-3 Jahre wehren, dann sind aber auch sie unter der Haube.
    Wir hingegen werden “sportlich wertlose” Spiele gegen so Gegner wie Freiburg, Bremen, Augsburg usw. abhalten und jetzt halte ich es ausnahmsweise mal Christian Streich, sinngemäß: Es geht um den Sport, wir werden schon 11 Leute finden, die mitspielen und dann spielen wir halt gegen Böblingen …
    Irgendwann werde dann auch ich einmal begreifen, dass der Fussball nicht für mich zum Mitfiebern und Zuschauen, sondern für Konzernbosse zum Angeben gemacht ist und dann werde ich lachen und auf den Sportplatz gehen.

    • Hallo drausvomLande,

      es tröstet nur wenig. Klar, die Entwicklung wie Du sie ansprichst wird so kommen und eigentlich ist es ja auch egal, in welcher Liga wir spielen. Aber so weitblickend kann ich gerade nicht sein.

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