Wir haben doch keine Zeit!

Kei­ner hat mehr Zeit: Die Liga nicht, der VfB nicht, sei­ne Geg­ner nicht. Außer viel­leicht Pel­le­gri­no Mat­a­raz­zo.

Es ist Juni und die Sai­son des VfB läuft noch immer. So unge­wöhn­lich uns das mitt­ler­wei­le erscheint, ein Novum ist es nicht. Heu­te vor sie­ben Jah­ren stan­den wir im Pokal­fi­na­le und blickt man zeit­lich noch wei­ter zurück, fin­det man  eine Hand­voll Bun­des­li­ga-Spie­le, die im Juni aus­ge­tra­gen wur­den. Nicht mal der anvi­sier­te Sai­son­ab­schluss Ende des Monats gegen Darm­stadt wäre eine Aus­nah­me: Am 28. Juni 1972 gewann der VfB sein letz­tes Sai­son­spiel gegen For­tu­na Düs­sel­dorf mit 3:1. Damals schob man aller­dings auch mal schnell eine Euro­pa­meis­ter­schaft in die Sai­son rein.

Keine Zeit für HSV und Dynamo

Zu spät: Castro trifft, keine Reaktionszeit für den HSV. © Matthias Hangst/Getty Images
Zu spät: Cas­tro trifft, kei­ne Reak­ti­ons­zeit für den HSV. © Mat­thi­as Hangst/Getty Images

Aber klar ist: Die Liga steht zeit­lich unter Druck. Am 30. Juni enden die Spie­ler­ver­trä­ge, bis dahin soll die Spiel­zeit durch­ge­peitscht wer­den. Das bedeu­tet für den VfB noch fünf Spie­le in vier Wochen und immer­hin ein Spiel unter der Woche. Steht danach der Auf­stieg fest? Nun, zumin­dest hat man es jetzt wie­der “in der eige­nen Hand”, wie es so schön heißt, man muss halt nur gegen Osna­brück, in Karls­ru­he, gegen Sand­hau­sen in Nürn­berg und eben gegen Darm­stadt mehr Punk­te holen als der HSV aus sei­nen ver­blei­ben­den fünf Spie­len. Der hat­te näm­lich am Don­ners­tag nach dem spä­ten und zumin­dest von mir kaum für mög­lich gehal­te­nen Füh­rungs­tref­fer von Gon­za­lo Cas­tro kei­ne Zeit mehr zu reagie­ren. Ich will ganz ehr­lich sein: Ich hat­te nach der ers­ten Halb­zeit eigent­lich schon mit der Sai­son abge­schlos­sen. Zu sehr fühl­te sich der Zwi­schen­stand an wie die Fort­set­zung der bei­den ent­täu­schen­den Spie­le in Wies­ba­den und Kiel. Einen sol­chen Kraft­akt hät­te ich der Mann­schaft nicht zuge­traut, genau­so wenig wie Nico­las Gon­za­lez so spät im Spiel noch so einen Lauf. Und ich bin immer noch skep­tisch, ob das nicht der VfB-typi­sche Sturm im Was­ser­glas ist, der sich so schnell wie­der legt, wie er gekom­men ist.

Gegen Dres­den immer­hin konn­te die Sie­ges­se­rie auf zwei Spie­le aus­ge­baut und doch schon der zwei­te Aus­wärts­sieg der Rück­run­de gefei­ert wer­den. War wenig spek­ta­ku­lär und auch nicht wirk­lich über­ra­schend, denn die Dresd­ner haben aktu­ell auch wenig Zeit. Zwar lagen zwi­schen den bei­den VfB-Spie­len nur drei Tage — was wie­der­um dazu führt, dass ich kei­ne Zeit für einen Arti­kel hat­te — für Dyna­mo, die erst vor Kur­zem mit dem Mann­schafts­trai­ning begon­nen haben, lie­gen aller­dings bis Sai­son­ende zwi­schen jedem Spiel nur drei Tage. Neun Spie­le in vier Wochen — man kann es nicht anders als Wett­be­werbs­ver­zer­rung nen­nen. Der VfB nimmt die drei Punk­te natür­lich ger­ne mit, auch weil Bie­le­feld, Ham­burg und Hei­den­heim genau­so gewon­nen haben, aber in die­ser Par­tie offen­bart sich die gan­ze Absur­di­tät die­ser Geis­ter­sai­son. Die Brust­ring­trä­ger haben jetzt immer­hin bis Sonn­tag Zeit, um sich auf das Heim­spiel gegen Osna­brück vor­zu­be­rei­ten. Jenen Geg­ner, gegen den man aus­wärts wie so häu­fig schlecht aus­sah, wie auch gegen Sand­hau­sen in der Hin­run­de. Dass die Mann­schaft, anders als bei den ers­ten bei­den Geis­ter­spie­len, aus der Hin­run­de gelernt hat, glau­be ich erst, wenn ich es sehe.

Diktat der Affekthandlung

Können Sie den Trainer länger halten? © Robert Michael/Pool via Getty Images
Kön­nen Sie den Trai­ner län­ger hal­ten? © Robert Michael/Pool via Get­ty Images

Etwas mehr Zeit, um sei­ne Plä­ne zu ver­wirk­li­chen, hat Pel­le­gri­no Mat­a­raz­zo. Zumin­dest, wenn er auf sei­nen Arbeits­ver­trag blickt, der vor dem HSV-Spiel um ein wei­te­res Jahr bis 2022 ver­län­gert wur­de. Im Nach­hin­ein kann man jetzt natür­lich sagen, dass das Kal­kül von Sven Mislin­tat und Tho­mas Hitzl­sper­ger auf­ging, mit der Ver­trags­ver­län­ge­rung und den beglei­ten­den Treue­schwü­ren den Druck vom Trai­ner auf die Mann­schaft zu ver­la­gern. Das hät­te aber auch genau­so gut nach hin­ten los­ge­hen kön­nen, denn natür­lich stand Mat­a­raz­zo nach den bei­den Nie­der­la­gen und dem Unent­schie­den gegen Bie­le­feld bei man­chen schon wie­der ein wenig in der Kri­tik. Was grund­sätz­lich ok ist, solan­ge man dar­aus nicht schon wie­der den nächs­ten Trai­ner­wech­sel ablei­ten will. Denn das ist nun wirk­lich völ­li­ger Käse. Nach einer hal­ben Rück­run­de. Nach­dem man gese­hen hat, dass die Men­ta­li­täts­pro­ble­me in der Mann­schaft unab­hän­gig vom Trai­ner auf­tre­ten. Nach den letz­ten zehn Jah­ren, in denen uns jeder Trai­ner- und damit ver­bun­de­ne Stra­te­gie­wech­sel tie­fer rein­ge­rit­ten hat.

Auf den ers­ten Blick ver­su­chen Mislin­tat und Hitzl­sper­ger mit der Ver­län­ge­rung die­ses Dik­tat der Affekt­hand­lung zu durch­bre­chen. Denn wenn es um die sport­li­che Aus­rich­tung geht, ist der VfB seit min­des­tens einer Deka­de nur noch in der Reak­ti­on. Genau drei Trai­ner wur­den in die­ser Zeit gegen oder nach Sai­son­ende für die kom­men­de Spiel­zeit ver­pflich­tet: Jos Luhuk­ay trat bereits nach weni­gen Spie­len zurück, Alex­an­der Zor­ni­ger hat­te Zeit bis Novem­ber und Tim Wal­ter immer­hin bis zum Tag vor Weih­nach­ten. Alle ande­ren Trai­ner wur­den aus der Not her­aus ver­pflich­tet, weil man dem jewei­li­gen Vor­gän­ger nicht mehr zutrau­te, den Kar­ren aus dem Dreck zu zie­hen. Schnell wur­de dann aus der kurz­fris­ti­gen Lösung eine ver­meint­lich lang­fris­ti­ge, mit der man in die nächs­te Sai­son ging — nur um dann doch wie­der die übli­chen Mecha­nis­men zu bedie­nen.

Immer mit dem Rücken zur Wand

Was die Ver­trags­ver­län­ge­rung wert ist, wer­den wir erst sehen, wenn Pel­le­gri­no Mat­a­raz­zo wirk­lich mehr Zeit bekommt als sei­ne Vor­gän­ger. Sicher­lich ist auch er nicht feh­ler­frei, genau­so wenig wie die vie­len jun­gen Spie­ler im Kader. Und klar ist auch: Der Auf­stieg ist eigent­lich alter­na­tiv­los, denn eine wei­te­re Sai­son in der 2. Bun­des­li­ga wür­de den VfB schon ohne Wirt­schafts­kri­se teu­er zu ste­hen kom­men. Und da kom­men wir auch schon zum Dilem­ma, in dem sich der Ver­ein seit jeher befin­det: Weil man sport­lich jedes Jahr mehr oder min­der mit dem Rücken zur Wand steht, wer­den alle Über­le­gun­gen für eine lang­fris­ti­ge sport­li­che Ent­wick­lung der Mann­schaft oder ein­zel­ner Spie­ler regel­mä­ßig über den Hau­fen gewor­fen. Was der Ver­ein braucht, sind zwei bis drei lang­wei­li­ge Jah­re im grau­en Mit­tel­feld der Bun­des­li­ga-Tabel­le. Damit sich ein Trai­ner hier eta­blie­ren kann. Damit man jun­ge Spie­ler nicht wie Timo Baum­gartl ent­we­der ver­hei­zen oder wie unzäh­li­ge ande­re Talen­te außen vor las­sen muss, son­dern sie behut­sam, aber ziel­füh­rend auf­bau­en kann. 

Fürs ers­te befin­den wir uns aber wei­ter im Hams­ter­rad: Der VfB muss mit Pel­le­gri­no Mat­a­raz­zo bis Ende des Monats auf­stei­gen und hof­fen, dass die gestress­ten Dresd­ner den Ham­bur­gern am 12. Juni und den Bie­le­fel­dern am 15. Juni (!) noch ein paar Punk­te abneh­men. Die nächs­te Sai­son soll dann übri­gens im Sep­tem­ber los­ge­hen.

Ist auch nicht mehr so lang hin…

Titel­bild: © Robert Michael/Pool via Get­ty Images

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