Verdienter Lucky Punch

Verdienter Lucky Punch

Der VfB setzt sich im Spitzenspiel in Bielefeld durch, muss aber in einem intensiven und nervenaufreibenden Spiel lange auf die drei Punkte warten.

Man kennt ja seinen Verein. Deswegen klang das Szenario, das Stefan Rommel vor dem Spiel skizzierte, gar nicht so unrealistisch:

Schließlich habe ja auch ich nach den letzten Spielen befürchtet, dass die bislang ungeschlagenen und mit 19 Toren extrem gefährlichen Bielefelder diejenigen sein könnten, die den VfB für dessen Schlampigkeit bestrafen. Zumal ja schon Fürth letzte Woche gezeigt hatte, wie man dem VfB den Schneid abkaufen kann. Am Ende kam am Freitagabend in Ostwestfalen alles zusammen: Bielefeld forderte den VfB, wie es sich für ein Spitzenspiel geziemt, die Brustringträger hatten trotzdem lange Zeit die Kontrolle über die Partie und vergeudeten mal wieder beste Chancen, nur um am Ende doch noch den Siegtreffer zu machen. 

Das ist natürlich nur die halbe Geschichte des Spiels, vor allem aus Bielefelder Sicht. Denn schließlich mussten die Gastgeber nach einer Stunde auf ihren Kapitän verzichten, der sich in der ersten Halbzeit die erste von insgesamt nur drei gelben Karten im Spiel wegen Meckerns abholte und nach dem Seitenwechsel mit dem Arm voran in ein Kopfballduell ging. Bevor ich darauf eingehe, was das für den Verlauf des Spiels bedeutet, ein paar Worte zu Klos.

Kann man so machen

Man tendiert ja als Fan dazu,  die kleinen Fouls und Nickligkeiten der eigenen Mannschaft auszublenden, weil man jedes Mal hofft, dass der Schiedsrichter die knifflige Situation zugunsten eines vielversprechenden Angriffs weiterlaufen lässt. Andersherum reagiert man natürlich auf die Zweikampfführung des Gegners wesentlich sensibler. 

Dass Badstuber, Ascacíbar und Co. Klos besonders hart zusetzten, habe ich ehrlich gesagt nicht so wahrgenommen, gestehe aber gerne ein, dass meine Wahrnehmung, wie oben beschrieben, leicht getrübt sein kann. Insgesamt erschien mir der Platzverweis auch füt die Summe der Aktionen von Klos überzogen, auch wenn man beide gelben Karten geben kann. Gelb wegen Meckern ist sowieso schwer mit anderen Situationen vergleichbar und beim zweiten Mal geht der Arm nun mal raus. Fazit: Kann man so machen, ich hätte mich aber andersherum auch über fehlendes Fingerspitzengefühl beschwert. Auch wenn Klos für seine Verwarnungen immer noch selber verantwortlich ist und ich an seiner Befähigung als Kapitän zweifeln würde, wenn er sich durch Stuttgarter Fouls dazu hätte hinreißen lassen.

Spielentscheidender Moment? Nicht unbedingt. © Bongarts/Getty
Spielentscheidender Moment? Nicht unbedingt. © Bongarts/Getty

Wo ich nicht ganz mitgehe, ist bei den Auswirkungen des Platzverweises aufs Spiel. Sicherlich: Die Arminia stellte ihr Kombinationsspiel danach ein und zog sich erst mal hinter die Mittellinie zurück, um wie andere VfB-Gegner in der Vergangenheit auch auf Konter zu lauern. Dennoch hatten die Brustringträger bereits in der ersten Halbzeit, als sich beide Mannschaften in gleicher Mannschaftsstärke einen eines Spitzenspiel würdigen Schlagabtausch lieferten, genügend Möglichkeiten, ihre Spielkontrolle auch in Tore umzumünzen. Sie hätten halt nur mal wirklich gefährlich aufs Tor schießen müssen. Stattdessen wurden die gut herausgespielten Abschlusspositionen durch halbherzige Schüsse vergeudet. In Überzahl brachte der VfB dann nur noch einen einzigen Schuss aufs Tor: Kempf spielte den Ball aus dem Mittelfeld in den Lauf von Förster, der den Ball geschickt vor seinem Gegenspieler zu schützen verstand und ihn dann querlegte auf Hamadi Al Ghaddioui. Den wollte ich übrigens eigentlich schon zehn Minuten vorher gegen González ausgewechselt sehen. Denn ansonsten taten sich die Brustringträger mit einem Mann mehr fast noch schwerer als vorher.

Mit neuer Formation zur defensiven Stabilität

War dieser Treffer also das Ergebnis der streckenweisen spielerischen Dominanz, die sich auch in den wie gewohnt doppelt so vielen Pässen mit einer Erfolgsquote von über 80 Prozent und einem Ballbesitz von etwa zwei Dritteln ausdrückte? Oder war er der Lucky Punch, der Glückstreffer, durch den solche Spitzenspiele zwischen zwei Gegnern auf Augenhöhe schließlich entschieden werden? Wahrscheinlich wie immer ein bisschen vom beidem – siehe Überschrift. Bielefeld war, was die Spielstärke angeht, erneut eine Steigerung zur Vorwoche, so wie Fürth eine Steigerung der Leistung der Regensburger vor zwei Wochen darstellte. Auch wenn den Bielefeldern am Ende nur drei Schüsse aufs Tor – davon einer an die Latte – gelangen, so hätten sie durch eine Unachtsamkeit der VfB-Abwehr jederzeit das Spiel für sich entscheiden können. Auch, weil sie ähnlich wie der VfB auf Ballbesitzfußball setzten, der sich jedoch meist an der anders als gegen Fürth sehr achtsamen Abwehr um Kempf und Badstuber sowie der neuformierten Dreierreihe davor die Zähne ausbiss.

Da ist er, der Lucky Punch. © Bongarts/Getty
Da ist er, der Lucky Punch. © Bongarts/Getty

Ebenjene Reihe, bestehend aus Mangala, Ascacíbar und Karazor, ging jedoch auf Kosten der Offensive. Al Ghaddioui war bis zu seinem Tor kaum zu sehen, vielleicht hätte er die schwachen Schüsse seiner Mitspieler besser aufs Tor gebracht. Das 4-3-3, das nach dem Platzverweis und der Hereinnahme von Mario Gomez als zweitem Stürmer wieder zur gewohnten Rautenformation wurde, scheint aber auf jeden Fall ein recht probates Mittel zu sein, um die torgefährlichste Mannschaft der Liga einigermaßen im Zaum zu halten. Nach dem späten Siegtreffer und nach dem Hamburger Punktverlust am Samstag hat also nicht nur die Mannschaft an ihrem trainigsfreien Wochenende, sondern auch wir zum ersten Mal in dieser Saison etwas Anlass zum Durchpusten.

Es läuft

Durchpusten. Nicht zurücklehnen. Denn genausowenig wie man den gerade zum ersten Mal siegreichen Tabellenletzten aus Wiesbaden unterschätzen sollte, darf man gegen ihn verlieren. Es waren in der Vergangenheit genau solche Spiele, in denen der VfB sich schwer zu tun pflegte und wir müssen wohl damit rechnen, dass die Südhessen auswärts nicht ins offene Messer rennen werden. Gleichzeitig könnte es eine Chance für die Mannschaft sein, nach den intensiven letzten Spielen noch mehr Routine rein zu bekommen und vor dem Tor etwas Selbstvertrauen zu sammeln. Denn schließlich stehen Ende des Monats, nach der Länderspielpause und dem Heimspiel gegen Kiel, die beiden wichtigen Spiele in Hamburg an. 

Unterm Strich können wir als VfB-Fans aber derzeit zufrieden sein. Die Mannschaft spielt vielleicht noch nicht zu 100 Prozent den Fußball, den Tim Walter sich vorstellt und braucht auch immer wieder ein wenig Glück, um ihre Spiele zu gewinnen. Aber die Siege, vier in Folge jetzt, kommen nicht vollkommen unverdient. Vielleicht hilft der Lauf den Spielern ja, mit noch mehr Selbstvertrauen in die eigenen offensiven Fähigkeiten ins Spiel zu gehen und sich so zwingendere Torchancen zu erarbeiten, so dass wir nicht mehr unbedingt jede Woche zitternd und nägelkauend im Block oder vor dem Fernseher auf den Abpfiff warten.

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