Stecker gezogen

Der VfB kommt gegen Köln stark ins, Spiel und lässt nach dem Aus­gleich stark nach. War­um man mit dem Punkt zufrie­den sein muss — und kann.

Die ver­gan­ge­ne Woche, jene nach dem über­ra­schen­den Sieg bei der Her­tha, hielt für VfB-Fans etwas Neu­es oder viel­mehr lang Ver­ges­se­nes bereit. Der VfB war talk of the town und zur Abwechs­lung mal nicht wegen auf­se­hen­er­re­gen­der Unfä­hig­keit. Nein, der Hype­train — gut zu erken­nen an loben­den Arti­keln in über­re­gio­na­len, nicht sport-spe­zi­fi­schen Publi­ka­tio­nen wie faz.net (“Die der­zeit auf­re­gends­te Mann­schaft der Bun­des­li­ga?”) und Spie­gelOn­line (“Jung, modern und kaum zu brem­sen”) — mach­te halt in Bad Cannstatt. Ganz fin­di­ge Köp­fe rech­ne­ten sogar aus, dass die Brust­ring­trä­ger, einen angeb­lich nicht unrea­lis­ti­schen hohen Sieg vor­aus­ge­setzt, von Frei­tag­abend bis Sams­tag Nach­mit­tag sogar Tabel­len­füh­rer wer­den könn­ten. Juch­he! Fragt sich noch jemand, woher die angeb­lich him­mel­ho­he Erwar­tungs­hal­tung in Stutt­gart kommt?

Ein Gedicht

21, 22, 23, gleich macht es Bumm. © imago
21, 22, 23, gleich macht es Bumm. © ima­go

Ulki­ger­wei­se stieg die im Ver­gleich zum Her­tha-Spiel unver­än­der­te VfB-Mann­schaft auf das Gela­ber ein und erziel­te vom Anstoß weg inner­halb von 24 Sekun­den die Füh­rung. Ein Gedicht von einem Angriffs­zug, sicher­lich auch begüns­tigt von der Nicht-Exis­tenz einer geg­ne­ri­schen Mann­schaft zu die­sem Zeit­punkt: Cas­tro spa­ziert durchs Mit­tel­feld, Cas­tro auf Dida­vi, Dida­vi auf Kalajd­zic, Kalajd­zic auf Manga­la und der schlenzt das Ding aus 17 Metern aufs Tor. Zwei Minu­ten spä­ter kloppt Dida­vi einen Frei­stoß an den Pfos­ten. Bumm! Belie­ve the hype!

Aber mal ernst­haft: Dass die Mann­schaft zu Spiel­be­ginn so wach ist, dass sie einen Geg­ner der­art über­rum­pelt, ist ein gutes Zei­chen. Das gute Ergeb­nis in Ber­lin und das anschlie­ßen­de Lob von allen Sei­ten scheint zur Abwechs­lung mal das Selbst­ver­trau­en des Teams gestärkt zu haben und nicht die Selbst­ge­fäl­lig­keit. Die Brust­ring­trä­ger ruh­ten sich nicht wie so oft in der Ver­gan­gen­heit auf dem Erreich­ten aus, son­dern woll­ten gleich nach­le­gen. Das Pferd springt end­lich mal so hoch wie es kann und will und nicht nur, so hoch, wie es muss. Erfreu­lich. Man kommt der­zeit aus dem Augen­rei­ben kaum raus als VfB-Fan.

Nicht mehr im Griff

Es hat Bumm gemacht und Marc Oliver Kempf wird in der Folge ausgewechselt. © imago
Es hat Bumm gemacht und Marc Oli­ver Kempf wird in der Fol­ge aus­ge­wech­selt. © ima­go

Und die wären viel­leicht wund davon, die Augen, wäre der auf­re­gen­den Spiel­wei­se unse­rer Elf nach etwas mehr als 20 Minu­ten nicht kur­zer­hand der Ste­cker gezo­gen wor­den. Es ist nun müßig zu dis­ku­tie­ren, ob es das Elf­me­ter­tor war, das Ata­kan Kara­zor dem FC durch sei­ne unbe­dach­te Arm­be­we­gung schenk­te, oder das blu­ten­de Ohr von Marc Oli­ver Kempf und des­sen Aus­wechs­lung: Plötz­lich wach­ten die Gäs­te auf und der VfB ver­lor den Faden. Kam mit dem anstei­gen­den Pres­sing­druck der Köl­ner nicht mehr so gut klar und leis­te­te sich absur­de Fehl- und Gefah­ren­päs­se, vor allem in Rich­tung von Gre­gor Kobel, der in sei­ner Not sogar ein­mal Stür­mer Anders­son anschoss. Zwar krieg­te der VfB sei­ne Defen­si­ve irgend­wann wie­der in den Griff, die Köl­ner aber nicht mehr. Das Spiel war nicht nur vom Ergeb­nis her offen.

Dass die Mann­schaft den­noch ent­we­der durch Tan­guy Cou­li­ba­ly oder den ein­ge­wech­sel­ten Nico Gon­za­lez den Lucky Punch hät­te set­zen kön­nen, spricht für ihre Ein­stel­lung und ihren Offen­siv­geist. Gleich­zei­tig wur­de in die­sem Spiel aber deut­lich, dass wir eben nicht — logi­scher­wei­se — auf dem Weg zur Tabel­len­füh­rung sind, son­dern am Frei­tag­abend den ach­ten Punkt gegen den Abstieg geholt haben. Viel mehr als die­ser eine Punkt war am Ende auch nicht drin, nach­dem man die Köl­ner zurück ins Spiel gebracht hat­te. Natür­lich ist jeder Punk­te­ver­lust auf dem Weg zum Klas­sen­er­halt ärger­lich, gleich­zei­tig war Köln eben am Ende auch nicht so schlecht, wie es der Tabel­len­stand und die bis­he­ri­gen Spie­le ver­mu­ten lie­ßen.

Dem Druck standhalten

Fast hätte er noch für den Lucky Punch gesorgt: Nico Gonzalez. © imago
Fast hät­te er noch für den Lucky Punch gesorgt: Nico Gon­za­lez. © ima­go

Ich hät­te mir gewünscht, dass Pel­le­gri­no Mat­a­raz­zo in der Halb­zeit eine deut­li­che­re Ant­wort auf den Kon­troll­ver­lust in der ers­te Hälf­te gefun­den hät­te. Viel­leicht ist das auch für einen Auf­stei­ger unrea­lis­tisch, aber gegen Mann­schaf­ten wie Schal­ke — immer noch ohne Sieg und mit einer veri­ta­blen Der­by­nie­der­la­ge im Nacken — umso wich­ti­ger, denn die­se ste­hen unter einem immensen Druck, der sich manch­mal eben so ent­lädt wie im Köl­ner Spiel nach dem Aus­gleich. Zule­gen muss auch Nico Gon­za­lez noch, der zwar bei­na­he den ver­meint­li­chen Sieg­tref­fer erziel­te, auf sei­ner Außen­bahn jedoch nur offen­siv zu fin­den war und bei den Köl­ner Gegen­an­grif­fen häu­fig noch kopf­schüt­telnd in deren Hälf­te des Spiel­felds ver­weil­te. Es war also nicht nur die kör­per­li­che Fit­ness, die dem VfB-Tops­corer der Zweit­li­ga-Sai­son fehl­te.

Man muss natür­lich nach so einem Spiel und mit der Vor­ge­schich­te, die der VfB hat, auf­pas­sen, dass man das Ergeb­nis rea­lis­tisch ein­ord­net und es weder auf die leich­te Schul­ter nimmt, noch in Kri­sen­stim­mung ver­fällt. Einer­seits schenk­te die Mann­schaft die Kon­trol­le über das Spiel zu leicht her, brach­te sich selbst durch Ner­vo­si­tät in die Bre­douil­le und ver­pass­te so einen Sieg gegen einen mög­li­chen Kon­kur­ren­ten. Ande­rer­seits ist die Mann­schaft nicht nur defen­siv ersatz­ge­schwächt, son­dern auch sehr jung und des­halb viel­leicht ver­ständ­li­cher­wei­se vom aggres­si­ven Pres­sing der Köl­ner, die plötz­lich Mor­gen­luft schnup­per­ten, über­for­dert. Und schließ­lich darf man nicht ver­ges­sen, dass sich das Team auf Bun­des­li­ga-Niveau immer noch in einem Lern­pro­zess befin­det — das klappt mal bes­ser und mal schlech­ter. Das Glas ist, wie die Köl­ner Kol­le­gen bei effzeh.com schrei­ben, “zu glei­chen Tei­len halb­voll und halb­leer” — auch beim VfB. Wich­tig ist jetzt vor allem, vor dem Spiel gegen Schal­ke am kom­men­den Frei­tag dar­aus zu ler­nen und deren Druck stand­zu­hal­ten.

Titel­bild: © Ronald Wit­tek — Pool/Getty Images

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