Schwimmkurs für Aufsteiger

Gegen Frankfurt hat der VfB über eine Stunde lang die Eintracht unter Kontrolle – und verliert diese dann zusammen mit zwei Punkten. Die Mannschaft begeistert, aber sie belohnt sich zu wenig.


Erwartungen vor der Saison sind ja immer so eine Sache. Ich habe vom VfB schon den Klassenerhalt erwartet, einfach weil wir uns einen vierten Abstieg nicht leisten können. Ich war allerdings skeptisch. Dass die Mannschaft so ansehnlich spielt, hab ich nach der Zweitliga-Saison nicht erwartet. Dass es andere Mannschaften gibt, die womöglich mehr Probleme haben als wir, hingegen schon. Hätte ich vor der Saison mit einem 2:2 gegen Frankfurt gerechnet? Eher nicht. Hab ich zur Halbzeit am Samstag mit einem Heimsieg gerechnet? Schon eher.

Castro macht mit Übersicht das 2:0. Bild: © imago
Castro macht mit Übersicht das 2:0. Bild: © imago

Denn die Brustringträger zeigten in der ersten Hälfte, eigentlich sogar in der ersten Stunde, ein tolles Spiel. Immer wieder nutzten sie die Fehlpässe und Unkonzentriertheiten der SGE für überfallartige Konter, die mich an die Zeiten der Zaubermaus aus Weißrussland, Alex, Alex Hleb, erinnerten. Dementsprechend verdient war die 2:0-Führung zur Pause nach einem Elfmetertor von Gonzalez und einem souverän abgeschlossenen Sololauf von Castro. Die Eintracht bot dem VfB defensiv viel an, vor allem auf den Flügeln und es war eine Freude, der Mannschaft dabei zuzusehen, wie sie immer wieder Bälle anfing und die Angebote der Eintracht dankend annahm.

Die Mannschaft macht Bock

Vor allem Borna Sosa erwischte einen guten Tag, obwohl ich mir zunächst angesichts der defensiv von der Eintracht vernachlässigten Flügel lieber Coulibaly auf der linken Außenbahn gewünscht hätte. Aber es war eigentlich genau Sosas Spiel, dass ihn ja auch in Zagreb so ausgezeichnet hat: Er nutzte den vorhandenen Platz für messerscharfe Hereingaben und traute sich mit zunehmender Spieldauer auch mal zu, den Ball am Gegenspieler vorbei zu legen. Auch Nico Gonzalez scheint wieder bei fast 100 Prozent zu sein. Teto Klimowicz belohnte sich zwar nicht zeigte aber, warum er gegen nicht so tiefstehende Gegner wie Frankfurt einen Startelfplatz verdient hat. Kurzum: Der Offensivgeist der Mannschaft macht richtig Bock.

Borna Sosa machte ein gutes Spiel auf Außen. Bild © imago
Borna Sosa machte ein gutes Spiel auf Außen. Bild © imago

Dass es dabei defensiv ab und zu zu Situationen kommt, bei denen einem als VfB-Fan der Puls hochgeht, ist sowohl beim Durchschnittsalter der Mannschaft, als auch beim auf kurze Pässe in der eigenen Hälfte ausgelegten Spielaufbau eingepreist. Problematisch wurde das nur, als sich die stärker werdende Eintracht einmal bis zur Grundlinie durchgetankt hatte und Silva, von Gonzalez schlecht verteidigt, zum Anschluss einschob. Denn plötzlich fingen die Brustringträger an zu schwimmen und verloren ihrerseits die Bälle im Aufbauspiel. So war der Ausgleich gefühlt nur eine Frage der Zeit und fiel dann auch tatsächlich, mal wieder nach einer Standardsituation.

Die Ruhe fehlt bisweilen

Schon gegen Köln hatte der VfB den Gegner wieder ins Spiel gebracht, damals durch einen vermeidbaren Foulelfmeter, und hinterher selber nicht mehr so richtig reingefunden. Gegen Frankfurt fingen sich die Mannschaft zwar nach dem Ausgleich wieder, konnte aber gegen besser postierte und aufmerksamer Frankfurter nicht mehr die nötige Fahrt aufnehmen. Was der Truppe aktuell – hoffentlich noch – fehlt, ist jemand, der in Drangphasen des Gegners Ruhe ins Spiel bringt und diesem den Wind aus den Segeln nimmt, damit sich die eigenen Mannschaftskollegen etwas freischwimmen können – und damit fürs Erste genug der wasserbezogenen Phrasen. Das gelang weder Kapitän Castro noch Trainer Pellegrino Matarazzo, obwohl er für den noch immer nicht ganz sattelfesten Karazor den bundesligaerfahrenen Anton einwechselte. Vielleicht hätte Didavi in dieser Phase Ruhe reinbringen können, aber es ist auch nicht gesagt dass er sich erfolgreich alleine gegen diese Dynamik hätte stemmen können. Auf jeden Fall hätte es einer Verschnaufpause bedurft, die die Mannschaft nicht bekam.

Da ist es passiert und die Führung futsch.  Bild: © A2 Bildagentur/Peter Hartenfelser
Da ist es passiert und die Führung futsch. Bild: © A2 Bildagentur/Peter Hartenfelser

Kommen wir also zurück zu den eingangs angesprochenen Erwartungen. Die Mannschaft hat es leider erneut verpasst, sich für ihre sehr schön anzuschauende Spielweise und ihre einwandfreie Mentalität – die sich in der Schlussphase offenbarte, als die Brustringträger alles versuchten, um trotzdem drei Punkte mitzunehmen – nicht belohnt. Das ist natürlich aktuell noch eine Klage auf hohem Niveau: Die Mannschaft hat erst ein Spiel verloren, steht nach sieben Spielen besser da als in vielen Bundesliga-Saisons der letzten zehn Jahre und zeigt teilweise begeisternden Fußball, der gleichzeitig andeutet, dass sie noch nicht am Ende ihrer Entwicklung angelangt ist – weder individuell, noch kollektiv.

 

Weiterhin optimistisch, aber etwas enttäuscht

Am Ende ist nicht nur Pascal Stenzel etwas enttäuscht. Bild: © imago
Am Ende ist nicht nur Pascal Stenzel etwas enttäuscht. Bild: © imago

Gleichzeitig wird es für uns und die junge Truppe die nächsten 27 Spieltage nicht nur ständig bergauf gehen. Zwischen der Länderspielpause und Weihnachten spielen wir jetzt gegen Hoffenheim, München, Bremen, Dortmund, Union und Wolfsburg. Es würde mich sehr überraschen, wenn wir diese Spiele ohne eine, mindestens zwei Niederlagen überstünden. Und dann wird aus einer Serie von sechs Spielen ohne Niederlage bei den vielen Unentschieden schnell man eine lange Serie ohne Siege. Was den Klassenerhalt angeht, bin ich, auch wegen der im letzten Absatz angesprochenen Punkte, optimistisch. Trotzdem hätte ich gerne aus historischen Gründen die dafür notwendigen Punkte so bald wie möglich zusammen. Jetzt sind es aus den drei Spielen gegen schwache Kölner, noch schwächere Schalker und eine Halbzeit lang neben sich stehende Frankfurter deren drei geworden. Kann man, einzeln betrachtet, in jedem Spiel mit leben. In der Summe wäre es aber schön gewesen, mindestens eines von den drei Spielen zu gewinnen und wie gegen Berlin und Mainz von der Schwäche der Gegner – vor allem der beiden direkten Konkurrenten Köln und Schalke – zu profitieren.

Je größer das Punktepolster während einer Ergebniskrise ist, desto besser. Ich gehe also mit ein bisschen Enttäuschung in die Länderspielpause, weil einfach mehr Seelenfrieden drin gewesen wäre. Frieden für den Teil der Seele, der noch nicht glauben kann, dass die Abwärtsspirale der letzten Jahre dieses Jahr wirklich endet. Danke auch an den Urheber dieser Formulierung für diesen tief in mein VfB-Herz eingebrannten Skeptizismus!

Titelbild: © Matthias Hangst/Getty Images

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