Rund um das Spiel in Mönchengladbach

Am vor­letz­ten Spiel­tag trifft der VfB zu drit­ten Mal in die­ser Sai­son auf Borus­sia Mön­chen­glad­bach. Vor dem Spiel am Nie­der­rhein haben wir uns mit VfL-Fan Chris­toph vom Blog Mit­Ge­dacht. unter­hal­ten.

Rund um den Brust­ring: Hal­lo Chris­toph und vie­len Dank, dass Du Dir Zeit für unse­re Fra­gen nimmst.. 

Chris­toph: Sehr ger­ne. Tach an alle Lese­rin­nen und Leser!

Zunächst zu Dir: Wie bist Du Borus­sia-Fan gewor­den?

Da wur­de mir ehr­lich gesagt kei­ne ande­re Wahl gelas­sen. Seit jeher fah­ren fast alle fuß­ball­in­ter­es­sier­ten Mit­glie­der mei­ner Fami­lie zur Borus­sia. Mein Vater erzähl­te frü­her immer wie­der von den glor­rei­chen 70ern und vom legen­dä­ren 12:0 gegen Borus­sia Dort­mund. Das hat natür­lich eine extre­me Fas­zi­na­ti­on und Neu­gier geschürt. Mit die­ser gol­de­nen Ver­gan­gen­heit hat­ten mei­ne ers­ten Sta­di­on-Zei­ten Mitte/Ende der 90er dann aller­dings herz­lich wenig zu tun. Und doch habe ich die­se ers­ten Sta­di­on­er­leb­nis­se am Bökel­berg mit mei­nem Vater, mei­nem Bru­der und unse­rem bes­ten Jugend­freund total genos­sen: Der Weg zum Sta­di­on, das ers­te Erbli­cken der Flut­licht­mas­ten, die stei­len Rän­ge, der Rasen weit unten, der Brat­wurst­ge­ruch (Bier war damals im U10-Alter ja noch kein The­ma), das Vor­spiel der Jugend­mann­schaf­ten, die kul­ti­gen Wer­be­sprü­che, die für mich als Kind bra­chi­al lau­te Nord­kur­ve. Das war schon alles super auf­re­gend. Für mich gab es wegen sol­cher Erleb­nis­se nur Borus­sia als Ver­ein!

Wie ist denn dann spä­ter Euer Blog “Mit­Ge­dacht.” ent­stan­den?

Über die Jah­re sind wir mit einem engen Freun­des­kreis immer inten­si­ver zu Borus­sia gefah­ren. Egal ob Heim- oder Aus­wärts­spiel – wir waren eigent­lich immer dabei und haben auch in der akti­ven Fan­sze­ne unse­ren Platz neben Ultras und Kut­ten gefun­den – sagen wir mal als „Nor­ma­los“. Mein Bru­der, zwei wei­te­re sehr gute Freun­de und ich hat­ten dann das Bedürf­nis, uns noch ein biss­chen inten­si­ver mit Borus­sia und den Gescheh­nis­sen in der Fan­sze­ne aus­ein­an­der­zu­set­zen. So ent­stand 2013 unser Blog Mit­Ge­dacht. Seit 8 Jah­ren berich­ten wir mitt­ler­wei­le fan­jour­na­lis­tisch mit­ten aus der Fan­sze­ne her­aus über unse­ren Ver­ein und haben uns glau­be ich ein ganz gutes Stan­ding erar­bei­tet. Alle wich­ti­gen Play­er der Fan­sze­ne spre­chen mit uns, auch der Ver­ein ermög­licht uns Inter­views mit Spie­lern, Ver­ant­wort­li­chen oder Mit­ar­bei­tern. Seit eini­gen Wochen sind wir dar­über hin­aus auch mit unse­rem eige­nen Pod­cast „Mit­Ge­re­det.“ am Start.

Kom­men wir zum sport­li­chen Teil: Zwei Spiel­ta­ge vor Sai­son­ende liegt der VfL auf Platz 7 und könn­te damit immer­hin noch über die neu geschaf­fe­ne Con­fe­rence League im drit­ten Jahr in Fol­ge inter­na­tio­nal spie­len. Nur ein Trost­pflas­ter nach einer Sai­son in der Cham­pi­ons League?

Ich glau­be, man muss das aus zwei Per­spek­ti­ven betrach­ten. Auf der einen Sei­te steht da sicher eine nicht zu ver­heh­len­de sport­li­che Unat­trak­ti­vi­tät der Con­fe­rence League gegen­über der Königs­klas­se des Fuß­balls. Natür­lich hat die­ser Wett­be­werb bei wei­tem nicht die Strahl­kraft, wes­halb vie­le Fans nicht genau wis­sen, ob sie die Con­fe­rence League gut fin­den sol­len oder nicht. Ich habe da aber eine rela­tiv kla­re Mei­nung zu…

Und zwar?

Natür­lich ist der Wett­be­werb eine wei­te­re Geld­druck­ma­schi­ne im moder­nen Fuß­ball-Kon­strukt der UEFA. Aus der Fan-Per­spek­ti­ve fin­de ich ihn aber eigent­lich ganz geil. Wir haben vor eini­gen Wochen in unse­rem Pod­cast noch ein­mal Erin­ne­run­gen an die bes­ten Aus­wärts­tou­ren auf­le­ben las­sen. Dabei waren vie­le Trips in eher unschein­ba­re­re Städ­te: Sara­je­vo, Kiew, Flo­renz, Niko­sia, Sevil­la. Da waren schon eini­ge legen­dä­re Trips dabei. Vor­aus­ge­setzt wir dür­fen pan­de­mie­be­dingt wie­der mit­rei­sen, ver­spre­che ich mir von der Con­fe­rence League mehr sol­cher Erleb­nis­se. Und natür­lich kann der Ver­ein auch hier eini­ge Mil­lio­nen ver­die­nen, die es ohne inter­na­tio­na­len Wett­be­werb nicht geben wür­de. Ich schreie also nicht „Hur­ra“, fin­de die Con­fe­rence League aber auch nicht so unnö­tig wie eini­ge ande­re Fans. Das passt schon!

Mit dem ange­kün­dig­ten Wech­sel Eures Trai­ners Mar­co Rose zu Borus­sia Dort­mund nahm das Wech­sel­ka­rus­sel so rich­tig Fahrt auf. In Frank­furt wie­der­um läuft es, seit der Wech­sel von Adi Hüt­ter nach Mön­chen­glad­bach fest­steht, sport­lich gar nicht mehr. Hast Du bei der Borus­sia einen ähn­li­chen Effekt bemerkt oder hat­te die def­ti­ge 0:6‑Niederlage in Mün­chen ver­gan­ge­nes Wochen­en­de ande­re Grün­de?

Mar­co Rose hat ja schon Mit­te Febru­ar sei­nen Abschied aus Glad­bach ange­kün­digt. Danach lief es bei uns lan­ge nicht mehr so rosig (Wort­spiel olé) wie zuvor. Daher gab es auch bei uns einen ähn­li­chen Effekt wie aktu­ell ver­mut­lich bei Frank­furt und Adi Hüt­ter. Aller­dings dach­ten wir Glad­ba­cher vor unse­rer 0:6‑Blamage jetzt in Mün­chen, die­se Pha­se sei über­wun­den. Team, Trai­ner­stab und Manage­ment hat­ten öffent­lich noch ein­mal das kla­re Ziel Euro­pa aus­ge­ge­ben und schie­nen wie­der in die Spur zurück­zu­keh­ren (mit vier zwar glanz­lo­sen, aber effek­ti­ven Sie­gen aus 6 Spie­len). Gera­de vor die­sem Hin­ter­grund fin­de ich es abso­lut unver­ständ­lich wie man so lust‑, plan- und hilf­los bei den Bay­ern antre­ten kann. Ein ech­tes Trau­er­spiel!

Blei­ben wir kurz beim Trai­ner: Wel­ches Fazit ziehst Du kurz vor dem Ende von Roses zwei­jäh­ri­ger Amts­zeit?

Sagen wir es mal so: Mar­co Rose hat sich in Mön­chen­glad­bach sicher kei­ne Freun­de gemacht! Von mir aus kann er sei­ne Aus­stiegs­klau­sel zie­hen – die ist ihm ja auch ver­trag­lich zuge­si­chert wor­den von Max Eberl. Die Art und Wei­se war aber letzt­lich alles ande­re als har­mo­nie­för­dernd. Noch Anfang 2020 hat Rose bei­spiels­wei­se im Inter­view mit unse­rem Blog erklärt, welch gro­ße Zukunft er bei der Borus­sia sehe und was er mit dem Ver­ein auf­bau­en wol­le. Kein Jahr spä­ter ent­schei­det er sich dann für den Wech­sel zu Borus­sia Dort­mund. Wie sagt Ihr so schön da unten im Schwa­ben­land: Das hat schon ein „Geschmäck­le“ und riecht eher nach schnel­ler Kar­rie­re als ehr­li­cher und authen­ti­scher Iden­ti­fi­ka­ti­on. Ich fürch­te aller­dings, dass das lei­der das zukünf­ti­ge Pro­fi-Geschäft ist, mit dem wir Fans uns arran­gie­ren müs­sen.

Ähn­li­che Vor­wür­fe machen aktu­ell die Frank­fur­ter Fans Adi Hüt­ter. Wie siehst Du die Situa­ti­on Eures neu­en Trai­ners und erwar­test Du von ihm bei Borus­sia Mön­chen­glad­bach?

Also erst ein­mal fin­de ich, dass die Situa­tio­nen von Mar­co Rose und Adi Hüt­ter nur bedingt mit­ein­an­der zu ver­glei­chen sind.

War­um das?

Natür­lich hat Adi Hüt­ter damals die­sen omi­nö­sen „Ich bleibe“-Satz bei Sky gesagt – aller­dings im Unwis­sen der per­so­nel­len zukünf­ti­gen Situa­ti­on bei Ein­tracht Frank­furt. Dar­über hin­aus hat er sich aber nach drei über­aus erfolg­rei­chen Jah­ren bei einem Ver­ein ent­schie­den, ein neu­es Kapi­tel auf­zu­schla­gen. Er hat die SGE in die­sen Jah­ren auf ein neu­es Niveau gehievt, sie zwei­mal ins inter­na­tio­na­le Geschäft geführt und für unver­gess­li­che Fuß­ball­aben­de gesorgt – etwa mit die­ser legen­dä­ren Euro­pa-League-Sai­son damals. Das alles sehe ich bei Mar­co Rose nicht. Er hat nach ein­ein­halb Jah­ren ent­schie­den wei­ter­zu­zie­hen, weil er ein ande­res Pro­jekt span­nen­der fin­det. Letzt­lich wird er Borus­sia ein­mal in die Cham­pi­ons League geführt haben. Das ist gut! In die­ser Sai­son wer­den wir aber schlech­ter abschnei­den als unter Die­ter Hecking vor zwei Jah­ren. Des­halb erwar­te ich mir von Adi Hüt­ter das, was Mar­co Rose letzt­lich nicht hin­be­kom­men hat: ein kon­stant höhe­res Niveau über mehr als eine Sai­son. Ich bin zuver­sicht­lich, dass Hüt­ter das schaf­fen kann!

An wel­chen Stell­schrau­ben, abge­se­hen vom Trai­ner, muss denn Max Eberl Dei­ner Mei­nung nach im Som­mer dre­hen, um in der kom­men­den Sai­son wie­der unter die Top 6 zu kom­men?

Im ver­gan­ge­nen Som­mer konn­te Eberl ja ent­ge­gen den Geset­zen des Mark­tes alle Leis­tungs­trä­ger hal­ten. Das ist für einen Ver­ein wie Borus­sia Mön­chen­glad­bach alles ande­re als selbst­ver­ständ­lich und wird in die­sem Som­mer mit ziem­li­cher Sicher­heit nicht mehr der Fall sein. Es geht also dar­um eine neue schlag­fer­ti­ge Trup­pe auf die Bei­ne zu stel­len, die dann hof­fent­lich genau das von Dir ange­spro­che­ne Ziel errei­chen kann: Einen Platz unter den ers­te 6. Dabei wün­sche ich mit ganz per­sön­lich, dass wir wie­der ein paar Typen in die Mann­schaft bekom­men. Irgend­wie fehlt mir bei Borus­sia aktu­ell ein biss­chen das Salz in der Sup­pe. Es wäre cool und iden­ti­fi­ka­ti­ons­stif­tend, wenn Eberl da noch­mal ein paar coo­le Typen drauf­packt – auch wenn ich mir bewusst bin, dass das eben nicht mehr so wie frü­her mög­lich ist.

Kom­men wir zu einem spe­zi­el­len Typen: Der Ver­trag von Ibrahi­ma Tra­o­ré läuft im Som­mer aus, sie­ben Jah­re nach­dem er aus Stutt­gart an den Nie­der­rhein wech­sel­te. Wie blickst Du auf sei­ne Zeit im Borus­sia-Tri­kot zurück?

Noch ist ja nicht gänz­lich ent­schie­den, ob er geht oder doch noch ein Jahr blei­ben darf. Ich glau­be aber „Licht und Schat­ten“ trifft es ganz gut. Ein illus­trer Aus­wärts­fah­rer­kreis hat vor eini­gen Jah­ren in Turin (wohl­mög­lich ziem­lich alko­hol­ge­schwän­gert) einen eige­nen Song für Tra­o­ré getex­tet. Der Text ging los mit „Er ist schnel­ler als Usain Bolt, hat Mes­si über­holt. Geht er rechts vor­bei, zieht nach innen rein, macht das Ding hin­ein!“ Da steckt ne Men­ge Wahr­heit drin: Tra­o­ré hat immer ein unfass­ba­res Tem­po ins Spiel gebracht und bei uns sogar gegen Mes­si und Bar­ce­lo­na gespielt. Wenn er woll­te (und konn­te), hat er eini­ge sehens­wer­te Tore geschos­sen. Irgend­wie stan­den ihm aber immer vie­le Ver­let­zun­gen, eine Pri­se zu viel Eigen­sinn und letzt­lich wohl auch das Alter im Weg. Den­noch ein lus­ti­ger Typ, der nach allem was man hört auch eine Men­ge für die Inte­gra­ti­on der vie­len fran­zö­sisch­spra­chi­gen Spie­ler bei Borus­sia getan hat. Sein wohl größ­tes Ver­mächt­nis ist aber die „IT16“-Loge im Borus­sia-Park. Ich bin gespannt, ob sie nach dem Som­mer bestehen bleibt, soll­te er den Ver­ein ver­las­sen.

Es ist nach dem Hin­spiel und der Begeg­nung im Pokal das drit­te Auf­ein­an­der­tref­fen zwi­schen VfL und VfB in die­ser Sai­son. Glaubst Du, die Mann­schaft wird am Sams­tag anders auf­tre­ten als in die­sen bei­den Par­tien? Wo siehst Du aktu­ell Stär­ken und Schwä­chen?

Unse­re aktu­el­le Schwä­che ist der Trend. So eine Sechs-Tore-Klat­sche musst Du erst ein­mal aus den Bei­nen schüt­teln. Dazu haben wir glau­be ich seit drei Bun­des­li­ga-Aus­wärts­spie­len (den Pokal mal aus­ge­nom­men) bei Euch nicht mehr gewin­nen kön­nen. Auch das macht wenig Mut. Eine Stär­ke unse­rer Mann­schaft ist aber sicher die indi­vi­du­el­le Klas­se. Wenn die Jungs Bock haben, sind sie zu Vie­lem in der Lage. Aus mei­ner Sicht muss die Mann­schaft in Stutt­gart noch ein­mal alles rein­wer­fen, wenn sie die Sai­son doch noch halb­wegs erträg­lich auf Platz 7 been­den wol­len. Des­halb habe ich zumin­dest die lei­se Hoff­nung, dass es ein erfolg­rei­ches Wochen­en­de wird. Aller­dings bin ich da häu­fig eher als Berufs­op­ti­mist unter­wegs…

Zum Abschluss: Dein Tipp fürs Spiel?

Blei­ben wir opti­mis­tisch: 2:1‑Heimsieg. Alles ande­re wäre zu depri­mie­rend nach der ver­gan­ge­nen Woche…

Titel­bild: © imago/Ferdi Har­tung

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