“Erfahrungen zu sammeln ist das Wichtigste für einen jungen Spieler”

Die aktuelle Saison hat der VfB überstanden, ohne jemals richtig in Abstiegsgefahr zu geraten. Aber wie sieht das in der kommenden Saison aus? Einer, der sich damit auskennt, ist Timo Baumgartl., denn seit seinem Bundesliga-Debüt 2014 stand er konstant mit dem VfB im Abstiegskampf. Wir haben mit ihm darüber gesprochen, vor welchen Herausforderungen die junge Mannschaft mit dem Brustring steht und wie es für ihn bei der PSV Eindhoven läuft, der er sich nach dem Abstieg des VfB vor zwei Jahren angeschlossen hat.

Rund um den Brustring: Timo, Du bist nach dem Abstieg 2019 zur PSV nach Eindhoven gegangen. Warum ausgerechnet dorthin und wie waren die vergangenen knapp zwei Jahre für Dich?

Ich hatte gute Gespräche mit dem damaligen Trainer Mark van Bommel und dem Sportdirektor und hab das Vertrauen gespürt, dass ich in Eindhoven meinen nächsten Schritt machen kann. Mir war wichtig, mal aus meiner Komfortzone, aus Stuttgart rauszukommen, wo ich ja mein Leben lang gespielt habe. Auch um als Persönlichkeit zu reifen. Der Beginn hier war super, das erste halbe, dreiviertel Jahr haben wir auch gute Spiele gehabt und dann kam natürlich Corona und der Liga-Abbruch hier in den Niederlanden. Da haben wir sechs Monate lang nicht gespielt, was nicht einfach war. Diese Saison ist es ein bisschen schwerer für mich: Wir haben einen neuen Trainer, der ein bisschen eine andere Philosophie hat als ich, da sind wir ein bisschen auseinander. Dennoch nehme ich auch aus dieser Spielzeit viele Sachen  mit. Ich bin in der Europa League aufgelaufen, habe schon mehr als zehn internationale Spiele gemacht. Darüber freue ich mich. Auch wenn ich dieses Jahr insgesamt nicht so viel gespielt habe, ist es kein verlorenes Jahr, weil ich trotzdem viele Erfahrungen gemacht habe.

Timo Baumgartl spielt seit 2019 für die PSV. © Bild: ANP/Maurice van Steen
Timo Baumgartl spielt seit 2019 für die PSV. © Bild: ANP/Maurice van Steen

Welchen Einfluss hat es, dass mit Roger Schmidt ein Deutscher Trainer ist und mit Adrian Fein, Mario Götze, Philipp Max und Lars Unnerstall mehrere ehemalige Bundesliga-Kollegen bei der PSV spielen?

Es ist natürlich immer schön, wenn man Mitspieler hat, die die gleiche Sprache sprechen. Gegen Mario und Philipp hab ich in der Bundesliga viel gespielt. Adrian und Lars sind gutere Freunde geworden, mit denen ich, soweit möglich, auch abseits vom Training etwas zusammen mache. Es kursiert natürlich schon der Spruch, dass die PSV ein sehr deutscher Verein geworden ist dadurch.

Du bist mit 15 aus Reutlingen zum VfB gewechselt und hast mit 18 2014 dein Bundesliga-Debüt gegeben. Im Grunde steckte der VfB ja seit dieser Zeit konstant im Abstiegskampf, Du hast in dieser Zeit 86 Bundesliga-Spiele absolviert. Wie schwer wog die Gesamtsituation auf dich als jungen Spieler?

In der Regel freut man sich ja erstmal als junger Spieler, überhaupt Bundesliga zu spielen, unabhängig von der Tabellensituation. Da geht erst mal ein Kindheitstraum in Erfüllung. Natürlich habe ich das auch als junger Spieler mitbekommen, dass da viel Druck ist. Dass da ein Traditionsverein mit einer unglaublichen Fanbase im Abstiegskampf steckt, der da eigentlich nicht hingehört. Einerseits war ich stolz, in der Bundesliga zu spielen und freute mich auf jedes Spiel, andererseits wusste ich auch, dass es um viel geht und dass da auch Existenzen dran hängen, vor allem hinter der Mannschaft. Ich kenne ja die Angestellten beim VfB schon länger, weil ich schon in der Jugend zum VfB gekommen bin. Das sind alles bekannte Gesichter für mich. Das ist für einen jungen Spieler nicht ganz einfach. Auch weil viele Mitspieler in einer solchen Phase vor allem mit sich selber beschäftigt sind. Man braucht da als junger Spieler auch viel Unterstützung. Die habe ich auch von vielen Spielern bekommen, vor allem Christian Gentner hat viel auf mich aufgepasst. 

Mein Eindruck war, dass Dir damals für Dein Alter sehr viel, vielleicht zugemutet wurde, weil Du nach Deinem Debüt quasi Stammspieler warst und nicht langsam an die Mannschaft herangeführt würdest und Dich nicht in Ruhe entwickeln konntest. Was sicher auch an der Personalsituation in der Abwehr lag. Überforderung für einen jungen Spieler oder notwendige Reifeprüfung, wie siehst du es?

Ich selber habe das Ganze nie als Reifeprüfung oder Überforderung gesehen. Ich habe mich einfach gefreut Spiele zu machen und Erfahrungen zu sammeln. Das ist das Wichtigste für einen jungen Spieler.

Timo wird nach dem 2:3 gegen Dortmund von Fans getröstet. © imago
Timo wird nach dem 2:3 gegen Dortmund von Fans getröstet. © imago

Erinnerst Du dich noch an das Dortmund-Spiel mit dem Pass, den Marco Reus abfing? Wie war das für dich, hat dich die Reaktion der Fans berührt?

Für mich war das ein unglaubliches Gefühl. Du spielst deine ersten Spiele und machst das richtig gut, aber zwangsläufig passieren einem als Verteidiger auch Fehler, die zu Toren führen. Das war so einer, wo man sagt: “Ja, das war mein Tor.” Als junger Spieler damit umzugehen, war schwer. Und dann kam die Reaktion von Fans, das half ungemein. Ich hatte dann ein besseres Gefühl für die Situation, mir wurde da viel Mut zugesprochen. Wenn ich mir die Bilder aus der Kurve anschaue, kriege ich heute noch Gänsehaut. Das hat mich geprägt und mir weitergeholfen. Als junger Spieler ist es schön, wenn man so eine Unterstützung von den Fans bekommt.

Der VfB hat aktuell auch eine junge Mannschaft, die auch in der kommenden Saison im Abstiegskampf stecken wird. Worauf kommt es in einer solchen Situation als junger Spieler an?

Ich glaube, die Jungs wissen selber ganz gut, was sie machen müssen. Es ist wichtig, bei sich zu bleiben und auch wenn es mal nicht läuft und man nicht zum Einsatz kommt, weiter hart an sich zu arbeiten. Die Zeit im Profifußball ist kurz, man sollte einfach jeden Tag nutzen, auch wenn es mal nicht so läuft und man mit der Mannschaft Misserfolge hat. Da sollte man trotzdem mit einem Lächeln zum Training fahren, weil die Karriere einfach so schnell vorbei geht. Es hört sich an wie eine Floskel, aber mir haben schon viele ältere Spieler gesagt, dass ich die Zeit als Profi, trotz des ganzen Drucks, einfach genießen soll. Wenn die jungen Spieler, wenn die junge Mannschaft, so, wie sie jetzt zusammengestellt ist, Spaß hat, dann können sie Fußball spielen und zwar richtig guten und ich glaube, das ist das Wichigste. Da sollte man sich auch einfach nicht von irgendwelchen Erwartungshaltungen von außen beeinflussen lassen. Wenn sie das hinkriegen, auch mit den erfahrenen Spielern, die das Schiff lenken, dann werden sie auch ein erfolgreiches zweites Jahr spielen.

Timo, vielen Dank für das Gespräch!

Titelbild: imago

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