Rund um das Spiel gegen Wolfsburg

Revanchiert sich der VfB in der englischen Woche für die unglückliche Niederlage in Wolfsburg in der Hinrunde? Vor der Partie sprachen wir wieder einmal mit Leonhard Hartmann (@leonardmann04) von den Wolfsburger Nachrichten. 

Rund um den Brustring: Hallo Leonard und vielen Dank, dass Du Dir wieder Zeit für unsere Fragen nimmst. Vor dem 30. Spieltag steht der VfL Wolfsburg auf Platz 3 und hat fünf Punkte Vorsprung auf Platz 5. Am Saisonende könnte die erste Champions-League-Teilnahme seit 2015 stehen. Was hat die Wolfsburger Mannschaft dieses Jahr, was sie in den vergangenen sechs Jahren nicht hatte?

Leonard: Die Wolfsburger Mannschaft hat Zeit. Das ist der entscheidende Unterschied zum ersten Jahr unter Oliver Glasner. Da waren die Wolfsburger dank der erfolgreichen Saison unter Bruno Labbadia zwar bis ins Achtelfinale der Europa League gekommen, allerdings ging die fußballerische Veränderung nach dem Trainerwechsel überhaupt nicht voran. Defensiv war’s in Ordnung, nach vorne aber oft ein Graus. Dennoch reichte es für Rang 7, der den beschwerlichen Umweg über die Qualifikation für die Europa League mit sich brachte. Darin scheiterte der VfL kläglichst an AEK Athen. Was sich heute aber als Wohltat herausgestellt hat. Denn fortan hatte Glasners erstmals Zeit, seine Mannschaft zu entwickeln und den fußballerischen Kulturwandel voranzutreiben. Das Team nahm den Prozess an. Anfang dieses Jahres waren die Wolfsburger wochenlang unschlagbar, defensiv kaum zu knacken und vorne höchst effizient. Entwicklungszeit ist der Hauptgrund für Rang 3. Ob der Trainer dann die Ernte in der Champions League einfährt, bezweifle ich arg. Er kokettiert mit einem Abschied. Das schlechte Verhältnis zu Jörg Schmadtke ist ein Grund, die fehlende Nähe zur Familie, die noch in Österreich lebt, ein anderer, und der mögliche Lockruf aus seiner Heimat der nächste. Ich bin mir relativ sicher: Wenn ein Stuhl in Salzburg frei wird, zieht es Glasner zu RB.

Zuletzt setzte es zwei Niederlagen gegen München und Frankfurt, im Saisonendspurt spielt Wolfsburg noch gegen Dortmund und Leipzig. Siehst Du den Platz unter den ersten Vier noch in Gefahr?

Nein. Man muss sehen, wie und gegen wen der VfL verloren hat. Nämlich jeweils mit nur einem Tor Unterschied gegen da noch brutal effiziente Frankfurter und gegen den Rekordmeister. Ich denke nicht, dass die Wolfsburger die Königsklassen-Flatter bekommen. Dazu wirken sie zu stabil und in sich ruhend.

Oliver Glasner ist jetzt seit zwei Jahren Trainer beim VfL, nachdem er 2019 auch kurz beim VfB im Gespräch war. Wie bewertest Du seine Arbeit nach dieser Zeit?

Er hat sich in jedem Fall als wandlungsfähig erwiesen. Oliver Glasner war mit der klaren RB-Idee vom hohen Pressing und schnellen Umschalten bei wenig Ballbesitz nach Wolfsburg gekommen. Diese Kultur konnte er aber nicht schnell implantieren (aus Zeitgründen) und passte sich entsprechend seiner Mannschaft an. Im Dialog übrigens. Die Spieler wollten beispielsweise nicht mehr so gerne mit einer Dreierkette auflaufen, also drehte man gemeinsam an dieser Schraube. Oliver Glasners Spielidee ist nach nun zwei Jahren gut angepasst. Der VfL spielt einen Mix aus RB-Idee mit hohem Pressing und solidem Positionsspiel bei hervorragender defensiver Organisation – bis auf in den jüngsten beiden Spielen. Aber Glasner ist nicht der einzige Garant für den Erfolg des Teams. Jörg Schmadtke und Marcel Schäfer als Kader-Zusammensteller gebührt ähnlich viel Lob dafür. Die Wolfsburger sind ein extrem homogener Haufen mit vielen guten Charakteren.

Für die kommende Saison steht bisher nur die Verpflichtung von Aster Vranckx aus Mechelen fest. Auf welchen Positionen muss man im Sommer Deiner Meinung nach nachlegen, auch im Hinblick auf die so gut wie feststehende Europapokalteilnahme?

Definitiv auf den offensiven Flügeln. Ridle Baku war ein fantastischer Griff, den holten die Wolfsburger für rund zehn Millionen Euro aus Mainz. Aber er ist der einzige aus der offensiven Dreierreihe im 4-2-3-1, der regelmäßig für Tore oder Assists sorgt. Admir Mehmedi, Maximilian Philipp, Josip Brekalo, Joao Victor, Renato Steffen – alles in Ordnung, aber qualitativ nicht ausreichend für die Champions League. Da muss etwas geschehen. Auch in der Innenverteidigung kann noch etwas passieren. Ansonsten sehe ich keine großen Problemfelder.

Im aktuellen Kader stehen mit Josip Brekalo und Daniel Ginczek weiterhin zwei Ex-VfB-Spieler. Während Brekalo 25 Spiele absolviert hat, kommt Ginczek nur auf neun Einsätze und kein einziges Tor. Warum läuft es für die beiden so unterschiedlich?

Daniel Ginczek hat zwei Probleme. Das erste ist 1,97 Meter groß, kommt aus den Niederlanden und hat ein zweifelhaftes Verhältnis zur Corona-Pandemie. Und das zweite ist Ginczeks Körper, der ihm immer und immer wieder dann die Zusammenarbeit versagt, wenn es für ihn ernst werden könnte. Wout Weghorst ist im Gegensatz dazu nie verletzt – und er trifft fast immer. Brekalo hat zwar 25 Spiele gemacht, dennoch ist weder er noch der Klub mit seinem Output zufrieden. Das Talent des Kroaten ist unbestritten, aber das einzige, was er konstant liefert, sind inkonstante Leistungen. Daher kann ich mir gut vorstellen, dass er den VfL im Sommer verlässt. Ich glaube nicht, dass er in Wolfsburg noch durchstartet.

Wo siehst Du denn vor dem Duell am Mittwochabend die Stärken und Schwächen der Wolfsburger Mannschaft?

Die große Stärke der Wolfsburger ist ihre Stabilität. Frankfurt war ein wilder Ritt, und gegen München hat Maximilian Arnold gefehlt, der mittlerweile der absolute Chef geworden ist. Er führt, dirigiert, grätscht und donnert unfassbare Standards vor die gegnerischen Tore. Darauf muss der VfB sicherlich achten. Die Achse im Zentrum ist ohnehin die ganz große Stärke des VfL. Casteels, Brooks, Lacroix, Arnold, Schlager, Weghorst – das hat schon Klasse. Über die Außen sind die Wolfsburger allerdings zu knacken. Zumal mit Kevin Mbabu und Paulo Otavio zwei Außenverteidiger gelbgesperrt fehlen. Oliver Glasner hat sich zwar als wandlungsfähig in seiner Philosophie erwiesen. Aber seine Formation stellt er trotzdem nur höchst ungern um. Jetzt ist er dazu gezwungen. Ich bin gespannt, wie er es löst. Meine Idee wäre: Baku ersetzt Mbabu als Rechtsverteidiger, was eine große Qualitätslücke in die Offensive reißt, aber fast alternativlos ist. Und links kommt Jérôme Roussillon für Otavio rein, was schon eine Schwächung ist. Denn Roussillon hat sich vom Senkrechtstarter zum Problemkind entwickelt, was auch mit einem schweren Cororna-Infektionsverlauf zu tun hat. Der Stuttgarter Schlüssel liegt in jedem Fall auf den Außen.

Zum Abschluss: Dein Tipp? 

Obwohl es beim VfL leicht zu rumoren beginnt wegen der zwei Niederlagen und vor allem wegen Oliver Glasners unklarer Zukunft, die er bewusst offenlässt, halte ich das Team für stark genug, um den VfB zu besiegen. Ich tippe auf ein 2:1 für die Gäste.

 Titelbild: © imago

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