Rund um das Spiel gegen Dortmund

Schließt der VfB zu den Europapokalplätzen auf oder revanchiert sich der BVB für die Klatsche im Hinspiel? Vor dem Heimspiel gegen Dortmund haben wir uns mit Borussia-Fan Caroline (@keyflake) von schwatzgelb.de unterhalten.

Rund um den Brustring: Hallo Caroline und vielen Dank, dass Du Dir Zeit für unsere Fragen nimmst. Erzähl doch bitte erstmal: Wie bist Du BVB-Fan geworden?

Caroline: Vielen Dank für eure Anfrage! Bei mir war es wie bei so vielen: Ich wurde da so reingeboren. Ich kann mich nicht an ein bestimmtes Ereignis erinnern, das mich dahingehend geprägt hat. Seit meinen frühesten Kindheitserinnerungen in den 90ern war ich durch meinen Vater BVB-Fan – mit einem gefälschten Trikot aus dem Spanien-Urlaub meines Onkels als größtes Heiligtum.

Nach den Punktverlusten gegen Köln und Frankfurt steht die Borussia aktuell nur auf Platz 5 und droht, den Einzug in die Champions League zu verpassen. Wie konnte es dazu kommen und glaubst Du noch an einen Platz in den Top 4?

Im Prinzip ist das eine Entwicklung, die schon lange in Dortmund Einzug erhalten hat. Man hat mal mit vergleichsweise wenigen Mitteln eine Meistermannschaft geformt. Durch den zunehmenden Erfolg sowie die finanziellen Möglichkeiten hat man dann in teure Einzelspieler investiert, die aber als Kollektiv nicht zu funktionieren scheinen bzw. teilweise auch gar nicht zur Spielphilosophie des Trainers (Favre) passten. Das Spiel gegen Frankfurt war nun der Genickbruch – ich halte die Top 4 nicht mehr für möglich, denn Frankfurt und Wolfsburg punkten souverän weiter, während sich der BVB selbst im Weg steht und im Zweifel über seine eigene Arroganz stolpert.

Die Frage stellt man sich ja in und über Dortmund seit Jahren: Was fehlt dem BVB, um den Bayern wieder gefährlich werden zu können?

Mit den Bayern brauchen wir uns aktuell tatsächlich gar nicht zu beschäftigen, so weit wie wir von der Spitze entfernt sind. Natürlich hat der Rekordmeister ein ganz anderes Standing und wesentlich bessere (finanzielle) Möglichkeiten – speziell auch auf dem Transfermarkt. Zum BVB wechseln junge Talente, um den Sprung an die europäische Spitze zu schaffen. Der FC Bayern IST die europäische Spitze. Während der BVB seine Mannschaft immer wieder neu aufbauen muss, weil Schlüsselspieler den Verein verlassen, kann sich der FC Bayern sicher sein, seine Spieler zu halten – mit Geld, Titeln und Prestige.

Nach unserem überraschenden 5:1-Auswärtsieg im Hinspiel wurde Lucien Favre von Edin Terzic abgelöst. Im Nachhinein die richtige Entscheidung? Und wie bewertest Du die Verpflichtung von Marco Rose?

Nach einer krachenden Heimniederlage gegen einen Aufsteiger (bei allem Respekt für die gute Arbeit in Stuttgart) kannst du nicht einfach weitermachen wie bisher. Allerdings sollte mittlerweile auch jedem klar sein, dass sich die Probleme bei Borussia Dortmund nicht mit einem Trainerwechsel lösen lassen. Man sieht ja auch unter Terzic wie die Mannschaft als Favorit in Spiele geht und als Verlierer vom Platz schleicht. Auch mit Rose wird sich diese Problematik, dass die Mannschaft ihr zweifellos vorhandenes Können nicht als Kollektiv auf den Platz bekommt, nicht einfach in Luft auflösen. Das ist eine Mammutaufgabe, und ich denke, wenn man wirklich eine langfristige Veränderung beim BVB sehen will, muss man höher ansetzen: Watzke und Zorc haben viel für den Verein geleistet, aber sie drohen auch gleichzeitig, ihr Werk mit dem Hintern wieder einzureißen, weil sie aus alten Denkmustern nicht ausbrechen können und so wenig Platz für Innovation und neue Impulse bleibt.

Die Trainerposition wird neu besetzt, wo muss Dortmund in der Sommerpause Deiner Meinung nach noch zulegen?

Im Prinzip muss der gesamte Kader auf den Prüfstand gestellt werden. Angefangen bei der Torwartposition: Marwin Hitz hat verlängert, wird aber wohl eher in die Ersatzrolle zurückrücken, während die Startelf eine neue Nummer 1 sucht, die wohl nicht Roman Bürki sein wird. Die Außenverteidiger auf beiden Seiten sind seit Jahren eine Großbaustelle – das Vertrauen in Nationalspieler wie Meunier und Schulz konnten beide bislang nicht zurückzahlen. Auch die Erwartungen an Brandt waren groß, auch ich habe mich sehr über den Transfer gefreut – die Diskrepanz zwischen dem, was er in der Theorie leisten kann, und dem, was er tatsächlich Woche für Woche zeigt, ist dann allerdings doch teilweise erschreckend. Darüber hinaus muss man schon sehr naiv sein, um bei einer verpassten Champions League auf einen Verbleib von Sancho und Haaland zu hoffen. Diese beiden herausragenden Offensivtalente mit ihren Scorerwerten zu ersetzen, wird wohl die größte Aufgabe im Transfersommer. Das Gute ist, dass mit Marco Rose der Trainer frühzeitig feststeht, und man so die Möglichkeit hat, den Kader in enger Abstimmung nach seiner Spielidee zu formen.

Schon vor dem Hinspiel stach ein Spieler in der BVB-Mannschaft heraus: Erling Haaland. Im Hinspiel fiel er verletzt aus, am Samstag ist er dabei, dafür fehlt wahrscheinlich Jadon Sancho. Der ist mit sechs Treffern zweitbester Torschütze hinter eben Haaland mit seinen 21 Toren. Ist diese Diskrepanz auch ein Problem für die Borussia?

Das fehlende Kollektiv ist das Problem. Eine funktionierende Mannschaft kann einzelne Ausfälle kompensieren – auch die von absoluten Leistungsträgern. Dem BVB fehlt genau das: ein homogenes Mannschaftsgefüge, in dem jeder für jeden rennt. Zudem mangelt es der Borussia an echten Führungsspielern, die auch in schwierigen Partien vorangehen und durch Kampfgeist überzeugen.

Auch ohne Sancho ist der BVB natürlich trotzdem immer ein gefährlicher Gegner. Wo siehst Du Stärken und Schwächen der Mannschaft?

Ein schnelles Umschaltspiel liegt der Mannschaft, doch in der Bundesliga ist beim BVB in der Regel Ballbesitzfußball gefragt und hier mangelt es oft an Lösungswegen, um das stabile Bollwerk der Gegnerdefensive zu durchbrechen. Wenn der Gegner dann noch aggressiv presst und den BVB mit schnellem Konterfußball überrumpelt, gerät die schwarzgelbe Defensive schnell ins Schwimmen. Der BVB hat individuell herausragende Spieler in seinen Reihen, die an guten Tagen jeden Gegner besiegen können, nur bekommen sie es viel zu selten auf den Rasen. Die Quittung sieht man dann in der Tabelle.

Zum Abschluss: Dein Tipp fürs Spiel?

Ich hoffe, auf einen knappen Sieg (1:2), befürchte aber bei der Trantütigkeit meiner eigenen Mannschaft eher ein Unentschieden (2:2).

Titelbild: © imago/Kicker/Liedel 

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