Der (nicht mehr ganz so) neue Pragmatismus

Der VfB gewinnt ein zähes Spiel gegen Bremen durch ein Eigentor. Viel dreckiger geht es eigentlich nicht und das ist auch einer Entwicklung geschuldet.

Zur Not halt mit dem Knie: Klar kann man sich über Rumpelstilzchen Kohfeldt und seine Meckertruppe echauffieren, aber hättet Ihr auf Anhieb gewusst, dass ein Rückpass auf den eigenen Torhüter mit dem Knie erlaubt ist? Ich nicht, Konstantinos Mavropanos und Gregor Kobel scheinbar schon. Oder sie hatten Glück. Auf jeden Fall lösten sie die nicht ganz ungefährliche Situation so. Wahrscheinlich wäre auch die Flanke von Borna Sosa in der 81. Minute so ergebnislos durch den Bremer Strafraum gesegelt wie ihre Vorgängerinnen, wenn Ludwig Augustinsson sie nicht zum Siegeigentor an den Kopf bekommen hätte. Am Ende gewinnt der VfB das Spiel trotzdem, weil er die geschenkte Führung über die Zeit bringt und sich auf keine Experimente mehr einlässt.

Nun könnte man einwenden – und viele haben das bereits getan – das gerade jetzt die Zeit für Experimente ist: Der Klassenerhalt ist quasi erreicht, mit Mangala, Gonzalez und Wamangituka fallen wichtige Stammkräfte aus, warum nicht mal die zweite oder gar dritte Reihe reinwerfen? Wir wollen doch eh nicht nach Europa oder in die Nähe dieser Plätze. Und zu verlieren haben wir eh nichts. Die Tabelle spricht eine andere Sprache. Sieben Spiele vor Saisonende befindet sich der VfB in einem Dreikampf um den möglicherweise den Einzug in die Conference League ermöglichenden 7. Platz, nur vier Punkte hinter dem Duo auf den Plätzen 5 und 6. Einen Einzug in den Europapokal werde man “mit Inbrunst annehmen” sagte Sven Mislintat und diese Haltung spiegelt sich auch auf und neben dem Platz wieder.

Einfach mal den Ball raushauen

Wo der VfB in der Hinrunde auch bei einer knappen Führung das gegnerische Tor mit drei Leuten anlief, beschränkt sich die Mannschaft jetzt auf das Verteidigen des Vorsprungs. Da wird auch mal ein Ball in bester Eishockey-Manier lang und hoch rausgeschlagen, um sich vor der nächsten Powerplay-Welle des Gegners neu zu sortieren, anstatt sich hinten rauszukombinieren. Da wechselt Pellegrino Matarazzo Pascal Stenzel für Tanguy Coulibaly ein, weil er defensiv stärker ist als der mit Rashica oft überforderte Offensivspieler. Und da lässt er Naouirou Ahamada nach seinem 45-minütigen Startelf-Debüt vor zwei Wochen lieber auf der Bank und setzt auf Gonzalo Castro, dem die Sechser-Position eigentlich nicht optimal liegt. Der aber eben in der bereits erwähnten 81. Minute durchs Mittelfeld fräst, und so Borna Sosa zum ersten Mal in diesem Spiel in eine gute Position zum Flanken bringt. Zack, drei Punkte im Sack und 39 auf dem Konto.

Mal ganz abgesehen davon, dass uns unser Restprogramm mit Dortmund, Wolfsburg und Leipzig wahrscheinlich einen Strich durch jegliche internationalen Ambitionen machen wird – wenngleich Union einen ähnlichen Spielplan hat – finde ich diese Herangehensweise nicht verkehrt. Natürlich muss sich die Mannschaft auch entwickeln, vor allem auf den hinteren Kaderplätzen. Aber das funktioniert ja auch nicht, wenn man den Rest der Runde zum Testspielbetrieb deklariert. Also: Wenn mehr drin ist als der Klassenerhalt: Warum nicht? Die aktuelle Spielweise wäre dann nur die Fortsetzung des 90-minütigen Anlaufens der Hinrunde mit anderen Mitteln.

Auf dem mentalen Zahnfleisch

Gleichzeitig hat der Pragmatismus aber meiner Meinung nach auch einen anderen Grund: Die Mannschaft geht mittlerweile immer häufiger, was die mentale Frische angeht, auf dem Zahnfleisch. Und zwar nicht erst seit diesem Wochenende, weshalb der Pragmatismus schon in den letzten Wochen zu beobachten war und nicht mehr ganz neu ist. Das offenbart sich in Phasen wie der Anfangsviertelstunde, als die Brustringträger überhaupt nicht in die Zweikämpfe kamen oder in einfachen Ballverlusten und haarsträubende Fehlpässen wie bei dem missglückten Abstoß direkt nach dem Führungstreffer. Und ist auch völlig nachvollziehbar, schließlich spielt die Mannschaft eine intensive Saison, in der es bisher nie mehr als zwei Wochen Pause gab. Damit will ich nicht sagen, dass es der Mannschaft an Mentalität mangelt, das Problem ist meiner Meinung nach eher ein erschöpfter Kopf. 

Ich bin gespannt, was diese Gemengelage für das Spiel gegen Dortmund bedeutet. Einerseits haben die anders als im Hinspiel ihren gefährlichsten Stürmer wieder und werden sich nicht noch einmal so düpieren lassen wie im Hinspiel. Andererseits hat sich der VfB mit seinem Pragmatismus bis auf vier Punkte an den BVB herangeschoben. Also: Warum nicht?

Titelbild: © imago/nordphoto GmbH/Bratic

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