Rund um das Spiel gegen Dortmund

Rund um das Spiel gegen Dortmund

Es gibt für den Trainer eines Tabellenletzten, in diesem Fall des VfB, einfachere Aufgaben zum Einstand als ein Spiel gegen den Tabellenführer. Vor dem Spiel gegen Dortmund haben wir uns darüber mit BVB-Fan Daniel (@Wuestenfalke_92) unterhalten.

Rund um den Brustring: Hallo Daniel und vielen Dank, dass Du Dir Zeit für unsere Fragen nimmst. Zunächst zu Dir: Wie bist Du Borussia-Fan geworden?

Daniel: Ich habe irgendwann mit 8 Jahren angefangen mich für Fußball zu interessieren. Ich komme eigentlich aus einem kleinen Bergdorf in Österreich und das hat eigentlich ja mal so gar nix mit dem BVB zu tun. Bei uns zu Hause war’s auch nicht so, dass ich von Elternseite irgendwie ein Fantum mitbekommen habe. Das einzige war die Abneigung gegen die Bayern, sowohl von meinem Vater, als auch meinem Opa mütterlicherseits. Das war also zum Glück schon mal raus. Das erste Fußballspiel, dass ich dann im TV gesehen habe war 2001 Wolfsburg gegen Dortmund und das endete in einem 1:1. Ich weiß nicht wieso aber ich habe in diesem Spiel zu Dortmund gehalten und das hat sich seitdem so durchgezogen und zur „echten Liebe“ für den Verein weiterentwickelt. Ich bin also da mehr oder weniger reingerutscht. Und bei uns, da sind dann 80-90% der Fußballer Bayern-Fans. Da durfte ich dann immer ordentlich was ertragen, wenn ich irgendwo im Trikot unterwegs war. Aber ich bin der Borussia seitdem treu geblieben. Und bei solchen Spielen, wie gegen Malaga oder jetzt erst gegen Augsburg denke ich oft an dieses erste Spiel und was mir für geile Momente – auch abseits der Spiele – ich nicht erlebt hätte, wenn ich vielleicht Wolfsburg sympathischer gefunden oder stattdessen den HSV gegen Hansa Rostock gesehen hätte.

In den letzten drei Spielzeiten ist Dortmund Jahr um Jahr jeweils um einen Tabellenplatz abgesunken, vom Vizemeister 2016 zum Tabellenvierten 2018. In der Sommerpause habt Ihr den Kader dann ordentlich aufgerüstet. War das eine Reaktion auf diese Entwicklung?

Definitiv! Die zweite Saison unter Thomas Tuchel verlief ja schon weniger gut als man sich erhofft hat. Da kam allerdings auch viel zusammen. Die sportlichen Abgänge, interne Querelen und dann noch der Bombenanschlag. Letze Saison dann der tolle Saisonstart, aber auch da waren schon Probleme erkennbar und das Gefüge instabil. Dazu dieses Theater um Dembélé und Aubameyang, einige Spieler hatten daraufhin offensichtlich Mentalitätsprobleme, andere Spieler wie beispielsweise Bartra litten noch unter den Folgen des Anschlags. Die Gesamtsituation war einfach sehr komplex. Im Großen und Ganzen muss man ergänzend auch sagen, dass der Kader zu Teilen nicht zum Fußball von Peter Bosz gepasst hat. Dann der Einbruch und der Trainerwechsel sowie der uninspirierte Fußball unter Peter Stöger mit dem man sich gerade so noch in die Champions League retten konnte. Ich denke die Verantwortlichen haben sich da schon hingesetzt und analysiert, wo die Probleme lagen und letztendlich die richtigen Schlüsse daraus gezogen. Personell hat sich ja einiges getan. Neues Personal wie Kehl und Favre sowie Sammer als externer Berater. Dazu ein paar neue Spieler, wobei der Fokus bei den Transfers schon stark darauf lag, neben sportlicher Qualität eine neue Mentalität auf und außerhalb des Platzes zu schaffen.

Schauen wir uns kurz die Transfers an: Wie bewertest Du die Neuzugänge nach knapp zwei Monaten Bundesliga?

Abdou Diallo gefällt mir bislang recht gut. Mit Akanji, der ja auch erst im Winter kam, ist das eine schnelle und spielstarke junge Innenverteidigung, die Lust auf die kommenden Jahre macht. Achraf Hakimi ist ein dringend benötigter Ersatz für Piszczek auf hohem Niveau. Lukasz merkt man das Alter hie und da mittlerweile doch ein wenig an und auch wenn Achraf noch sehr jung ist, ist er eine deutliche Verbesserung gegenüber Toljan. Marius Wolf ist für 5 Mio eine gute Ergänzung, hat bis zu seiner Verletzung auch viele Spiele von Anfang an gemacht. Laufwerte und Einsatz stimmen, technisch fällt er gegen die anderen Flügelspieler jedoch etwas ab. Thomas Delaney ist auch eine sinnvolle Ergänzung. Auch wenn er nicht so stark im Aufbauspiel wie die anderen 6er/8er ist.  Axel Witsel ist ein enorm wichtiger Anker im Spielaufbau. Wie schnell er zudem direkt die Führung im Mittelfeld übernommen hat, imponiert mir. 

Und zu Paco Alcacer muss ich glaub ich eigentlich nichts sagen. Das war genau der Typ der uns vorne drin gefehlt hat und Paco passt perfekt ins System. Dass er diese absurde Quote nicht halten kann ist klar, aber ich bin sehr gespannt wie es da die nächsten Wochen weitergeht, wenn er öfter in der Startelf steht und wie er sich dann ins Spiel einfügt.

Startet nach VfB-Leihe beim BVB durch: Jacob Bruun Larsen. Foto © Agencia Brasilia unter CC-BY-2.0
Startet nach VfB-Leihe beim BVB durch: Jacob Bruun Larsen. Foto © Agencia Brasilia unter CC-BY-2.0
Auch wieder im BVB-Trikot aber selten im Einsatz: Dzenis Burnic. Foto: © VfB-exklusiv
Auch wieder im BVB-Trikot aber selten im Einsatz: Dzenis Burnic. Foto: © VfB-exklusiv

VfB-Fans interessieren natürlich besonders zwei Namen, die jetzt wieder auf dem schwarzgelben Trikot stehen: Dzenis Burnic und Jacob Bruun Larsen, die wir beide letztes Jahr ausgeliehen hatten. Bruun Larsen hat ja beim 7:0 gegen Nürnberg sein erstes Bundesliga-Tor geschossen, von Burnic hört man nicht so viel. Wie machen sich die beiden?

Bruun Larsen hat eine unglaubliche Entwicklung. Hätte er sich nicht kurz vor Saisonbeginn nochmal verletzt, wäre er wohl beim Pokalspiel in Fürth und in der Bundesliga zunächst gesetzt gewesen. Favre hält offenbar sehr viel von ihm und dieses Vertrauen tut ihm gut. Das hätte von uns nach dieser – naja fast schon verlorenen – Saison in Stuttgart niemand in diesem Maße erwartet. Bei Burnic sieht das ganze etwas anders aus. Er trainiert zwar bei den Profis aber auf seiner eigentlichen Position im zentralen Mittelfeld ist die Konkurrenz ziemlich stark. In der Vorbereitung spielte dort Sahin, dann kam Witsel, Weigl wurde wieder fit. Jetzt nach dem Systemwechsel von 4-3-3 auf 4-2-3-1 sind da ja auch noch Delaney und Dahoud, die auf der Doppelsechs spielen. Er wurde in den Testspielen dann häufiger als Linksverteidiger aufgestellt. Das ist aber dann doch nicht seine Idealposition und auch nicht was er möchte. Er spielt im Moment bei der zweiten Mannschaft und ich glaube nicht, dass er sich mit dieser enormen Konkurrenz so bald bei uns durchsetzt.

Nach sieben Spieltagen steht Ihr ungeschlagen an der Tabellenspitze und habt bereits 23 Tore erzielt, 15 alleine in den letzten drei Spielen. Ist die Offensive das Prunkstück der diesjährigen BVB-Mannschaft und hat Dich dieser Saisonstart überrascht?

Das mag absurd klingen, aber als Prunkstück würde ich sie bislang nur bedingt bezeichnen. Es gibt doch in den bisherigen Spielen gerade in der ersten Halbzeit immer Phasen, in denen wir sehr geduldig aufbauen und kaum zu Abschlüssen kommen oder diese dann nicht verwerten. Da ist definitiv noch deutlich mehr drin! Aber natürlich haben wir eine enorme Qualität in der Offensive. Spieler wie Reus, Sancho, Paco und Co. da vorne drin zu haben ist schon ziemlich geil.
Der gute Saisonstart hat mich nicht überrascht. Hatten wir ja letzte Saison auch. Die Art und Weise, wie der zustande gekommen ist, jedoch schon. Wir haben oft in der zweiten Hälfte noch mal so richtig aufgedreht und auch nach Rückständen noch gewonnen. In der letzten Saison hätten wir solche Spiele wie gegen Augsburg definitiv verloren. Das spricht für den Einfluss, den die Trainer und die neuen Spieler auf das gesamte Team haben. Alle sind wieder richtig geil darauf zu gewinnen und strahlen diese Gier aus. Niemand gibt während des Spiels auf.

Die Bundesliga lechzt ja geradezu nach einer Mannschaft, die die Dominanz des FC Bayern unterbrechen, vielleicht sogar beenden kann. Siehst Du Deine Borussia in der Lage dazu, in diesem Jahr Meister zu werden?

Wenn die Bayern so weitermachen wie bisher: definitiv. Wir müssen aber auch sehen, wie es bei uns weitergeht. Bleibt die Mentalität so wie bisher, wenn wir doch mal ein Spiel verlieren? Oder gibt es dann einen Einbruch? Vielleicht passen sich die Gegner irgendwann noch besser an uns an. Es ist enorm wichtig, dass wir uns ständig weiterentwickeln. Aber wenn wir das schaffen sehe ich keinen Grund warum wir nicht Meister werden können. Denn um ehrlich zu sein, wenn es in den letzten sechs, sieben Jahren eine Saison gibt, in der man die Bayern hinter sich lassen kann, dann ist es diese.

Letzte Saison feierte der VfB beim 2:1 gegen Dortmund seinen 500. Bundesliga-Heimsieg. Mehr Videos von VfB-Spielen findet Ihr in unserem Videoarchiv und auf unserem YouTube-Kanal.

Welchen Anteil hat Lucien Favre am Höhenflug des BVB. Ist er das Puzzleteil, das in den letzten Jahren zum absoluten Erfolg gefehlt hat?

Er hat definitiv einen hohen Anteil. Er hat eine klare Idee und einen erkennbaren Spielstil entwickelt. Der passt zu den meisten Spielern und er passt sich bisher auch recht gut an die Gegner an. Die Spieler fühlen sich im System scheinbar ja wohl und ziehen mit. Das war ja vor allem unter Bosz irgendwann nicht mehr so. Dennoch haben eben auch die Transfers einen wichtigen Anteil daran. Mit demselben Kader wäre wohl auch Bosz‘ Spielidee besser aufgegangen. Zudem ist Favres Coaching im Spiel enorm wichtig. Wir kommen mit der ursprünglichen Ausrichtung nicht durch? Kein Problem, er passt richtig an! Die Wechsel stimmen und damit werden die Spiele gedreht.
Aber ja, Favre ist im Moment das, was die Mannschaft benötigt. Er kann die Jungs entwickeln. Aber – und das betont er ja auch selbst immer wieder – es gibt noch viel zu verbessern. Ich denke er ist auch nicht damit zufrieden, wie oft man noch in Rückstand gerät und wird weiterhin auch an den defensiven aber auch an den offensiven Abläufen feilen um diese zu verbessern.

Mit dem VfB habt ihr am achten Spieltag die scheinbar leichteste Aufgabe, mit der Einschränkung, dass es das erste Spiel unserer Mannschaft unter dem neuen Trainer Markus Weinzierl ist. Hat die Borussia trotz des Tabellenstandes Schwächen, die der VfB am Samstag für einen Punktgewinn nutzen könnte?

Als leicht würde ich das nicht bezeichnen. Euer Trainerwechsel kommt für uns zum denkbar schlechtesten Zeitpunkt. Da kannst du einen Großteil des Gegnerscoutings in die Tonne kloppen. Unser Trainerteam kann nur mutmaßen, wie ihr spielen werdet. Wie stellt Weinzierl die Mannschaft ein? Welche Spieler stellt er auf? Da müssen sie die einzelnen Aspekte deutlich isolierter betrachten. Man kann das Spielermaterial anschauen und vielleicht die Vorgehensweise seiner Mannschaften bei den vorherigen Stationen. Der Rest ist raten. Das ist ganz schön schwierig für die Spielvorbereitung. Des Weiteren ist euer Kader auch nicht gerade schlecht. Individuell ist das Spielermaterial definitiv deutlich besser als beispielsweise die Aufsteiger.
Für einen Punktgewinn solltet ihr euch was von Augsburg abschauen. Wir hatten doch phasenweise ordentliche Probleme mit deren Spielweise. Sie haben uns über weite Strecken aggressiv angelaufen, hoch gepresst, Körperbetont gespielt und dabei sehr mannorientiert verteidigt. Ein Ballgewinn in den hohen Zonen und schon konnten die Augsburger mit schnellen Kontern Nadelstiche setzen. Ich persönlich glaube allerdings nicht, dass Weinzierl in seinem ersten Spiel ganz so mutig spielen lassen wird.

Außerdem müssen wir auf Akanji verzichten. Der war bisher unser bester Innenverteidiger. Toprak war in den letzten Wochen zeitweise nicht fit und es ist fraglich ob er dann direkt reinkommt. Wahrscheinlicher ist eher, dass Diallo von der Linksverteidiger Position in die Mitte wechselt. Zagadou und Diallo haben in der Saisonvorbereitung schon öfter zusammengespielt. Ich finde das aber nicht ganz optimal. Beide sind Linksfüßer und man hat in den Testspielen manchmal gesehen, dass man Diallo ganz gut pressen kann, wenn man ihn so anläuft, dass er sich den Ball auf den rechten Fuß legen muss. Zudem ist Reus heute erst wieder ins Training eingestiegen. Mal schauen ob euch Trainerwechsel und Länderspiele nicht sogar in die Karten spielen.

Paco Alcácer, die Leihgabe vom FC Barcelona hat bereits sechs Bundesliga-Tore erzielt – in nur drei Spielen. Vor wem müssen wir uns noch in Acht nehmen?

Jadon Sancho. Er ist schnell, trickreich und hat schon ein Tor sowie sechs Vorlagen auf dem Konto. Sofern er fit ist aber natürlich auch Marco Reus und natürlich Jacob Bruun Larsen. Vielleicht ist die Offensive ja doch das Prunkstück 😉.

Hat Dich die Entlassung von Tayfun Korkut nach dem letzten Spieltag überrascht? Wie ist Deine Sicht auf den zweiten Trainerwechsel des VfB innerhalb eines Kalenderjahres von außen?

Wirklich überrascht hat es mich nicht. Da war einfach keine Entwicklung da. Mich hat eher die Vertragsverlängerung im Sommer verwundert. Wenn man das bei weiterer positiver Entwicklung in dieser Winterpause gemacht hätte, hätte das meiner Meinung nach völlig ausgereicht.
Von außen bekommt man das Gefühl, dass der VfB keine richtige Vorstellung davon hat wofür sie stehen wollen. Nach dem Absetzen von Schindelmeiser ist man von der Philosophie junge Spieler zu holen und zu entwickeln abgewichen. Jetzt ist Reschke fachlich sicherlich gut, aber ich kann nicht erkennen für welche Art von Fußball er den Kader zusammenstellt. Aogo, Beck, Badstuber, Castro, Didavi, Kempf, Maffeo, Nicólas González – da ist von allem ein bisschen was dabei. So ähnlich ist es mit den Trainern. Bei Wolf, den ich sehr schätze, hatte man schon den Eindruck, dass es mit manchen erfahreneren Spielern nach dem Aufstieg nicht gepasst hatte. Mit Korkut hat man einen Trainer geholt, der für mich nie wirklich eine besondere Philosophie oder Strategie verkörperte. Dann diese bescheuerte Aussage von Reschke am Tag der Entlassung. Und jetzt eben Weinzierl der wieder ganz anders spielen lässt als Korkut oder Wolf. Dieser Philosophieverlust zieht sich also durch alle Ebenen. Ich habe so das Gefühl, dass ihr vielleicht auch einen kleinen Umbruch vertragen könntet. Die vermeintlichen Führungsspieler bei euch tauchen gefühlt immer dann unter oder stänkern rum, wenn es nicht läuft. Also eigentlich genau dann, wenn man sie am meisten bräuchte. Die Gesamtentwicklung finde ich schade, weil ich die Mannschaft mit Schindelmeiser und Wolf sehr sympathisch und ihren Weg als spannend empfand.

Last but not least: Dein Tipp fürs Spiel?

2:1 für uns. Vielleicht beginnt ihr mutig und geht in Führung aber wir drehen dann das Spiel einfach mal wieder 😉.

Lang ist es her: Am 32. Spieltag der Saison 1985/86 schlug der VfB den BVB 4:0. Mehr Videos von VfB-Spielen findet Ihr in unserem Videoarchiv und auf unserem YouTube-Kanal.

 

 

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