Quasi aufgestiegen

Der VfB ver­liert das Spit­zen­spiel gegen Han­no­ver und ist trotz­dem so gut wie auf­ge­stie­gen. Ein Rück­blick mit gemisch­ten Gefüh­len.

Aus­wärts im Duell mit dem direk­ten Kon­kur­ren­ten den Auf­stieg unter Dach und Fach brin­gen, so hat­ten sich das die meis­ten der etwa 10.000 VfB-Fans in der nie­der­säch­si­schen Lan­des­haupt­stadt gedacht. Schließ­lich hat­te man schon in den ver­gan­ge­nen fünf Spie­len gezeigt, dass man qua­si aus jedem Spiel­ver­lauf her­aus am Ende drei Punk­te hat­te mit­neh­men kön­nen. Und wenn man sich nicht für die­ses Spiel moti­vie­ren konn­te, für wel­ches dann? Es war also alles ange­rich­tet für eine wei­te­re Terod­de-Gin­c­zek-Maxim-Last-Minu­te-Par­ty.

Aber irgend­wie spiel­te das Spiel kei­ner so rich­tig mit. Nicht Han­no­ver, die den VfB schon früh unter Druck setz­ten, so dass die Brust­ring­trä­ger dar­auf ange­wie­sen waren, den Ball hoch nach vor­ne zu spie­len. Ohne jedoch danach die dar­aus resul­tie­ren­den Zwei­kämp­fe zu gewin­nen. Die 96er hin­ge­gen hat­ten mehr­mals die Mög­lich­keit, die VfB-Defen­si­ve mit einer Serie von Flach- und Quer­päs­sen aus­zu­he­beln und nut­zen die­se auch. Zu allem Über­fluss ver­wer­te­ten die Gast­ge­ber dann auch noch eine Flip­per­vor­la­ge zum 1:0, bei dem man kei­nem so wirk­lich einen Vor­wurf machen kann, bei dem aber auch kei­ner so wirk­lich gut aus­sah.

Bielefeld gibt alles, Stuttgart nicht

Irgendwie standen immer zu viele 96er im Weg. Bild © VfB-Bilder.de
Irgend­wie stan­den immer zu vie­le 96er im Weg. Bild © VfB-Bilder.de

Also spiel­te auch die VfB-Mann­schaft der Par­ty­pla­nung nicht so wirk­lich in die Kar­ten. Es ist immer gefähr­lich, wenn der VfB sich zu vie­le Ball­ver­lus­te leis­tet und im Vor­wärts­gang nicht in die Puschen kommt. Dann kommt es näm­lich zu die­ser explo­si­ven Mischung aus defen­si­ver Sorg­lo­sig­keit und offen­si­ver Ein­falls­lo­sig­keit, die meis­ten dar­in endet, dass der VfB das Spiel ohne eige­nes Tor ver­liert. So auch dies­mal. Die gefähr­lichs­ten Tor­chan­cen ent­stan­den aus gewon­ne­nen Zwei­kämp­fen seit­lich des Tores. Eine Chan­ce ende­te dar­in, dass Gin­c­zek den Tor­wart anschoss, anstatt quer zu legen, die ande­re in einem abge­fan­ge­nen Quer­pass. Ach ja, und dann waren da noch die bei­den harm­lo­sen direk­ten Frei­stö­ße von Alex Maxim, von denen er zumin­dest einen mal hät­te indi­rekt rein brin­gen kön­nen.

Zwei wei­te­re Akteu­re mach­ten der Aus­wärts­sau­se in weiß-rot einen Strich durch die Rech­nung: Die Armi­nia aus Bie­le­feld und die Ein­tracht aus Braun­schweig. Die eine kämpft am unte­ren Ende der Tabel­le ums Über­le­ben, die ande­re woll­te aus dem direk­ten Duell der bei­den Kon­kur­ren­ten um den direk­ten Auf­stieg Pro­fit schla­gen. Man hat ja an den letz­ten bei­den Spiel­ta­gen, wenn vie­le Mann­schaf­ten all in gehen, schon eini­ge Freak-Ergeb­nis­se gese­hen. Aber die Leis­tung der Bie­le­fel­der war schon etwas beson­de­res. Schließ­lich war Braun­schweig in den ver­gan­ge­nen Wochen ja nicht gera­de als Fall­obst auf Platz 2 gekom­men. Es zeigt mal wie­der, in was für einen Rausch sich eine Mann­schaft spie­len kann, wenn sie den Geg­ner auf dem fal­schen Fuß erwischt. Was aber hat­te das mit dem VfB zu tun?

Das “Gute-Pferd-Syndrom”

Durch den Spiel­stand haben wir das ganz gro­ße Risi­ko ver­mie­den. Das hat sich im Spiel lei­der so erge­ben.

Zitat Chris­ti­an Gent­ner. Denn die Spiel­stän­de aus Bie­le­feld, bezie­hungs­wei­se des Erz­ri­va­len wur­den in Han­no­ver auf der Anzei­ge­ta­fel ein­ge­blen­det und von den Heim­fans fre­ne­tisch gefei­ert. Das blieb selbst­ver­ständ­lich auch den VfB-Akteu­ren nicht ver­bor­gen. Und was macht man beim VfB, wenn man zwar mit einem Tor das ganz gro­ße Ziel errei­chen könn­te, aber es ohne auch irgend­wie geht?

Genau. Man springt, wie ein gutes Pferd es eben tut, nur so hoch wie unbe­dingt nötig.

Man muss jetzt hier natür­lich auf­pas­sen, dass man nicht zu sehr ins Brud­deln gerät. Nach dem ers­ten Ärger schau­te ich mir am Sonn­tag­abend die Tabel­le noch­mal an und bemerk­te etwas ver­wun­dert, dass die Han­no­ve­ra­ner, die den eige­nen Sieg und die Klat­sche der Braun­schwei­ger so fre­ne­tisch fei­er­ten, tabel­la­risch immer noch schlech­ter daste­hen als der VfB und zudem auf drei gesperr­te Spie­ler ver­zich­ten müs­sen. Es müss­te schon viel zusam­men kom­men, damit wir in die­ser Sai­son noch­mal gen Nor­den rei­sen müs­sen.

Eine Frage der Wahrscheinlichkeit

Trotz­dem fin­de ich so eine Aus­sa­ge fatal. Denn sie sug­ge­riert mal wie­der, dass man sich auch mit dem Zweit­bes­ten zufrie­den gibt oder zumin­dest mit einer zunächst nega­ti­ven Situa­ti­on, die sich noch irgend­wie ins Posi­ti­ve dre­hen lässt. Mit einem wei­te­ren Tor wäre man wie erwähnt durch gewe­sen. Ein wei­te­res Gegen­tor hät­te die Wahr­schein­lich­keit des direk­ten Auf­stiegs ange­sichts des Ergeb­nis­ses in Bie­le­feld nur unwe­sent­lich geschmä­lert. Mal ganz abge­se­hen davon: Soll­te man Platz 1 oder 2 trotz drei Punk­ten und dann neun Toren Vor­sprung dann doch ver­gei­gen, hät­te man es auch ver­dient, in die Rele­ga­ti­on zu müs­sen.

War­um nicht noch mal alles raus­hau­en und die Fans, die sich bereits in aller Frü­he auf­ge­macht hat­ten, beloh­nen? Jetzt kann man Chris­ti­an Gent­ner sicher­lich nicht die allei­ni­ge Schuld zuschie­ben. Auch Trai­ner Han­nes Wolf und Dani­el Gin­c­zek haben wohl etwas ähn­li­ches geäu­ßert. Aber was ist denn das für eine Ein­stel­lung? Wir könn­ten es sel­ber klar machen, aber wenn Bie­le­feld das schon fast für uns erle­digt, dann ist auch gut? Fei­ern wir halt eine Woche spä­ter? Ver­ste­hen wir uns nicht falsch: Han­no­ver war einer der stärks­ten Geg­ner in die­ser Sai­son und hät­te das Spiel viel­leicht sowie­so gewon­nen. Aber wie­so macht man es ihnen so ver­hält­nis­mä­ßig leicht?

Durch die Hintertür

Feierstimmung trotz Niederlage...irgendwie. Bild: © VfB-Bilder.de
Fei­er­stim­mung trotz Niederlage…irgendwie. Bild: © VfB-Bilder.de

Am Ende wird der VfB wohl hof­fent­lich auch ver­dient auf­stei­gen  — wie schon letz­ten Woche geschrie­ben, kann ich mich von dem Gedan­ken an kot­zen­de Pfer­de nach den letz­ten Jah­ren nicht so wirk­lich befrei­en —  aber irgend­wie bleibt nach die­sem Spiel ein gewis­ser Bei­geschmack. Was soll­ten die Fans mit die­ser Situa­ti­on anfan­gen? Es war sogar schon ein etwas holp­ri­ges Auf­stiegs­lied zur Melo­die von Joe Das­sins “Champs-Ely­sées” gedich­tet wor­den, wel­ches etwa zehn Minu­ten nach Abpfiff dann noch pflicht­schul­dig abge­sun­gen wur­de. Selbst wenn man auf das bil­li­ge Schrott-Mer­chan­di­se steht, mit dem flie­gen­de Händ­ler ver­su­chen, Fans das Geld aus der Tasche zu zie­hen: Kauft man sich nach so einer bestä­tig­ten 90-Pro­zent-Leis­tung ein T‑Shirt mit dem däm­li­chen Spruch “Bun­des­li­ga wir kom­men”? Und muss man die Mann­schaft für die beschrie­be­ne Leis­tung noch in der Kur­ve abfei­ern?

Der VfB kam an die­sem Sonn­tag ein wenig durch die Hin­ter­tür zurück in die Bun­des­li­ga. Natür­lich wird es am kom­men­den Wochen­en­de immer noch ein rau­schen­des Fest geben, denn Par­ty muss ja sein und ein wenig hat sich das die Mann­schaft nach der größ­ten­teils sehr guten Rück­run­de ja auch ver­dient. Aber Jungs, hört bit­te auf mit sol­chen halb­ga­ren Auf­trit­ten in Schlüs­sel­spie­len. Denn nächs­te Sai­son wird’s nicht ein­fa­cher.

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Rund um den Brustring
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