Neu im Brustring: Clinton Mola

Am Deadline Day hat der VfB dann doch noch zugeschlagen und Clinton Mola aus dem Nachwuchs des Chelsea FC verpflichtet. Wir haben uns in London über ihn informiert.

Wieder einmal las ich am vergangenen Freitag eine Transfermeldung des VfB und fragte mich: Wer ist das? Die Rede ist von Clinton Mola, gebürtig aus London und in seinen knapp 19 Lebensjahren, Geburtstag hat er am 15. März, nur für den Chelsea FC am Ball gewesen – bis zum Pokalspiel in Leverkusen, als er eingewechselt wurde. Einen ersten Eindruck im Brustring konnten wir von ihm also schon gewinnen, um noch mehr über Mola herauszufinden, habe ich mich ein wenig umgehört. Zum Glück haben die Blues nicht nur eine der besten Nachwuchsabteilungen der Insel, sondern auch Fans, die sich intensiv mit dieser beschäftigen: Zum einen die Person hinter dem Twitter-Account @chelseayouth, zum Anderen Chelsea-Fan Joe Tweedie (@joeTweedie) vom Podcast Chessy Hour.

VfB statt Chelsea Loan Army

Mola in der Premier League 2 gegen Tottenham. Bild: Getty
Mola in der Premier League 2 gegen Tottenham. Bild: Getty

Um den Spagat zwischen dem großen Reservoir an talentierten Nachwuchsspielern und dem sportlichen Erfolgsdruck in der Premier League zu bewältigen, geht Chelsea ungewöhnliche Wege, die auch als Chelsea Loan Army bekannt sind. Ein Blick auf die Webseite des Vereins zeigt, dass derzeit 28 Spieler auf Leihbasis bei anderen Vereinen spielen. Zum Vergleich: Der VfB hat derzeit sechs Spieler verliehen, davon mit Eric Hottmann, Nikolas Nartey und David Kopacz nur drei, denen man den Status als Talent zugestehen kann. Die Vorteile des Systems – und auch die möglichen Nachteile für die Spieler – sind in diesem Artikel auf Sport1 sehr gut beschrieben. Die hohe Qualität des Nachwuchsbereiches kommt unseren Experten zufolge daher, dass Chelsea zum einen viel Geld in seine academy investiert, gleichzeitig aber Spieler auch sehr jung rekrutiert und diese im Laufe der Zeit auf verschiedenen Positionen einsetzt. Warum also wechselt Clinton Mola nicht auf Leihbasis, sondern fix zum VfB und unterschreibt einen Vertrag bis Mitte 2024?

Mit einem in diesem Sommer auslaufenden Vertrag hatte er zwei Möglichkeiten, erklärt @chelseayouth: Einen neuen unterschreiben und sich nfür die nächsten zwei bis drei Jahre der Loan Army anschließen, oder woanders sein Glück darin versuchen, regelmäßige Einsätze auf einem hohen Level zu bekommen. Das Angebot vom VfB sei für ihn wohl sehr verlockend gewesen, schließlich könne er hier in einem großen Stadion und potenziell in der kommenden Saison in der Bundesliga spielen. Die Geschichte des Dortmunder Spielers Jadon Sancho sei für viele junge englische Spieler reizvoll. Er sei sich zudem sicher, dass Sancho und Mola den gleichen Berater hätten, was auch eine Rolle gespielt haben mag – in der Tat werden beide von der Elite Project Group Ldt. vertreten, aber das hier nur am Rande.  Joe sieht das ähnlich, daran änder auch nichts, dass mit Frank Lampard ein Trainer das Ruder übernommen habe, der mehr auf Jugendspieler achte.

Spielerischer Zerstörer

In der laufenden Saison kam Mola in der Premier League 2, in der nur U23-Mannschaften spielen, 14 Mal zum Einsatz, zudem bestritt er fünf Spiele in der UEFA Youth League, der Champions League der Nachwuchsmannschaften. Chelseas U23 ist in der Liga immer noch ungeschlagener Tabellenführer, obwohl sie mit 19,2 Jahren eine der jüngen Mannschaften der Liga stellen. Mola, der dort in der Innenverteidigung, aber auch im zentralen defensiven Mittelfeld eingesetzt wurde, sei einer der Schlüsselspieler der Mannschaft gewesen, erklärt @chelseayouth. Joe sieht ihn vor allem als sogenannten “holding midfielder”, also einen eher defensiven Mittelfeldspieler, der die eigene Abwehr unterstützt, in dem er gegnerische Angriffe früh stört und den Gegenangriff mit kurzen Pässen einleitet.

Mola (vorne) für die englische U19 im Spiel gegen Deutschland. Bild: Getty/Bongarts
Mola (vorne) für die englische U19 im Spiel gegen Deutschland. Bild: Getty/Bongarts

Mit seiner Physis, seiner Zweikampfstärke und seiner taktischen Übersicht sei er dafür nicht nur wie geschaffen, sondern auch einer der Anführer in der Mannschaft gewesen, erläutert @chelseayouth. Am Besten sei er aber als box-to-box-Spieler, der auch in die gegnerische Hälfte vordringe und durchaus den ein oder anderen gefährlichen Distanzschuss unterbringe, so der Nachwuchsexperte. Joe nennt ihn einen “athletischen, spielerischen Zerstörer”, also eine Art Hybridfußballer.  Er unterstreicht außerdem Molas Vorliebe für schnelles Spiel. Ballbesitz liege ihm auf jeden Fall. Außerdem sei er in der Lage, unter Druck die richtigen Entscheidungen zu treffen.

Als Schwäche bezeichnen beide Experten noch Molas Erfahrung, was bei einem jungen Spieler natürlich keine Überraschung. Er sei erst mit 14 in Chelseas Nachwuchssystem gekommen, erklärt @chelseayouth, und habe vorher Amateurfußball und kurz in Southampon gespielt. Außerdem müsse er sein Stellungsspiel auf dem Feld noch verbessern, um mehr Passoptionen zu haben nd zu bieten. Joe merkt an, dass er, wie oben beschrieben, in seiner Karriere schon viele Positionen bekleidet habe und deswegen auf keiner besonders viel Erfahrung habe. Neben der Youth League hat Mola auch in den Nachwuchsmannschaften des englischen Verbands schon internationale Erfahrung sammeln können, wo er @chelseayouth zufolge häufig als Linksverteidiger auflaufe, aus Mangel an Alternativen. Auf dieser Position spielte er ja auch am Mittwoch im Pokal. Seine Flexibilität mache ihn für die Jugendnationalmannschaft wertvoll. Joe sieht ihn in der nächsten Saison bereit von der U19 in die U21 aufsteigen. Apropos aufsteigen: Die Premier League trauen ihm beide durch – eben auf den bekannten Umwegen zu. Wie sieht es aber in Deutschland aus?

Einer für 2020/21?

@chelseayouth ist der Meinung, dass der Sprung zu einem Aufstiegskandidaten in der zweiten Liga für ihn ziemlich groß sei, zumal er ein neues Land kennenlernen und sich auf und neben dem Platz akklimatisieren müsse. Mit ein paar Einsätzen in der Rückrunde – wie sie ja auch von Pellegrino Matarazzo angedacht sind – und einer guten Vorbereitung könne er aber in der kommenden Saison sowohl in der ersten als auch in der zweiten Liga eine gute Figur machen. Auch Joe traut ihm das zu und kann sich Mola als Teil einer Doppelsechs, aber auch als alleinige Sechs vorstellen.

Wie ist dieser Last-Minute-Transfer also einzuordnen? Sicherlich nicht als Soforthilfe, um die Probleme in der Abwehr zu beheben, auch wenn es am Mittwoch unter anderem deshalb zu Molas Debüt kam. Ich denke, Mislintat hat die Chance gesehen, dieses Talent zum jetzigen Zeitpunkt zu verpflichten und sie ergriffen. Wie bei vielen anderen Mislintat-Transfers können wir auch diesen nicht kurzfristig, sondern wahrscheinlich erst in der kommenden oder der übernächsten Saison richtig bewerten. Er scheint ins Schema des ballbesitzstarken, aber auch offensiv orientieren Spielers zu passen, wie wir sie schon zu Saisonbeginn verpflichtet haben. Auch mit Pellegrino Matarazzos eher vertikalem Spiel scheint das durchaus zu passen, bis Mola sein Potenzial aber voll ausspielen kann, wird sicher noch einige Zeit vergehen – wer weiß, wer dann auf der Trainerbank sitzt. Sollte er in der Rückrunde schon das eine oder andere gute Spiel machen, ist das schön. Ich erwarte aber nicht, dass er im engen Aufstiegsrennen den Unterschied machen wird. Ein vor allem aufgrund seiner Vielseitigkeit und seiner physischen Präsenz interessanter Spieler ist Clinton Mola allemal. Ich bin gespannt, ob er und der VfB der Loan Army mit diesem Transfer ein Schnippchen geschlagen haben.

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