Meine Nerven

Erneut dreht der VfB einen Rück­stand in einen 3:2‑Sieg. Lan­ge Zeit anstren­gend, am Ende wahn­sin­nig emo­tio­nal — aber hof­fent­lich in der Rei­hen­fol­ge nicht die Regel.

Ins­ge­samt zehn Schüs­se gaben die Mann­schaft von Borus­sia Mön­chen­glad­bach, Uni­on Ber­lin und jüngst dem FC Augs­burg in den ver­gan­ge­nen drei Spie­len auf das Tor des VfB ab. Und wenn ich “auf das Tor” schrei­be, mei­ne ich weder Schüs­se die vor­bei gehen, noch sol­che die geblockt wer­den. Son­dern sol­che die aufs Tor kom­men. Fünf die­ser Schüs­se waren drin und das beschreibt schon ganz gut die emo­tio­na­le Ach­ter­bahn­fahrt, auf der man sich als VfB-Fan der­zeit befin­det. Auch gegen Augs­burg, zum ers­ten Mal wie­der in einem rap­pel­vol­len Neckar­sta­di­on, mach­te sich der VfB das Leben zuerst unnö­tig schwer, um am Ende so dra­ma­tisch wie mög­lich zu tri­um­phie­ren.

Aber der Rei­he nach. Eigent­lich gin­gen die Brust­ring­trä­ger das Spiel genau­so an, wie ich es mir erhofft hat­te, nach zwei Minu­ten war bereits der ers­te Angriff gefah­ren. Lei­der kon­ter­ka­rier­te das Abwehr­ver­hal­ten die durch­aus enga­gier­ten, wenn auch nicht immer ziel­ge­rich­te­ten Offen­siv­be­mü­hun­gen — dazu spä­ter mehr — ziem­lich schnell. War es gegen Glad­bach die indi­vi­du­el­le Klas­se des Geg­ners und gegen Uni­on das Rou­lette, dass sich Hand­spiel­re­gel nennt, so ent­schloss sich der VfB, gegen Augs­burg noch­mal ein Best of der däm­li­chen Gegen­to­re zu prä­sen­tie­ren: Erst der frü­he Gegen­tref­fer als die Augs­bur­ger in ihrer gefühlt ers­ten und ein­zi­gen Ball­be­sitz­pha­se am Straf­raum schnel­ler reagier­ten als die gesam­te VfB-Abwehr und dann das Gegen­tor im direk­ten Gegen­zug zum eige­nen Tor, bei dem sich wegen man­gel­haf­ter Raum­auf­tei­lung irgend­wann mal irgend­wer aus der Ket­te lösen muss und damit dem Geg­ner die not­wen­di­ge Lücke auf­macht.

Hinten schläfrig, vorne zu verspielt

Was bei den bei­den Gegen­to­ren beson­ders ärgert: Zwei Mal hat­te Abwehr­staub­sauger Ata Kara­zor die Situa­ti­on eigent­lich schon irgend­wie berei­nigt, ver­lor aber den Ball direkt im Anschluss an den gewon­nen Zwei­kampf, weil die Augs­bur­ger direkt nach­setz­ten — und weil Kara­zors Mann­schafts­kol­le­gen zwar inter­es­siert die Zwei­kampf­küns­te des viel­leicht zukünf­ti­gen tür­ki­schen Natio­nal­spie­lers bewun­der­ten, sich aber nicht dazu bemü­ßigt fühl­ten, ein­zu­grei­fen. Es gibt offen­sicht­lich kein Pro­blem im Mann­schafts­ge­fü­ge, das sieht man an den Jubel­bil­dern, aber ein biss­chen mehr Wach­heit täte dem VfB in die­sen Situa­tio­nen gut. Denn die sind unterm Strich durch­aus zu ver­tei­di­gen. Und dann sieht eine Mann­schaft wie Augs­burg rela­tiv schnell alt aus.

Bei der man sich auch Fra­gen muss­te, was eigent­lich das Kon­zept von Trai­ner Mar­kus Wein­zierl nach eige­ner Füh­rung ist. Denn der VfB hat­te bereits in der ers­ten Halb­zeit eine sol­che Viel­zahl von Chan­cen, dass der Aus­gleich von Wal­de­mar Anton mehr als ver­dient war. Es war auch nicht mal so, dass die Gäs­te, anders als Uni­on letz­te Woche, beson­ders bis­sig zu Wer­ke gin­gen. Der VfB stell­te sich nur ein­fach offen­siv lan­ge Zeit nicht beson­ders geschickt an. Erneut hat­te Mat­a­raz­zo Manga­la auf der Bank gelas­sen — wahr­schein­lich auch, um ihn spä­ter als Sta­bi­li­sa­tor brin­gen zu kön­nen — und erneut zeig­ten Mar­moush, Füh­rich, Tomás und Kalajd­zic, was sie am Ball konn­ten. Es war halt nur immer ein Dribb­ling am Straf­raum zu viel, ein paar Meter Schnitt­stel­len­pass zu viel. Was dem VfB schon die Gan­ze Zeit abgeht, ist Grad­li­nig­keit und Kom­pro­miss­lo­sig­keit vorm Tor.

Neue Kräfte freisetzen

Dafür kann die Mann­schaft, wenn es dar­auf ankommt, wie­der auf sich ver­trau­en. Omar Mar­moush luchs­te Chris Füh­rich den Ball ab und ver­senk­te ihn humor­los im Tor­eck. Das Selbst­be­wusst­sein, dem etat­mä­ßi­gen Frei­stoß­schüt­zen sein Spiel­zeug weg­zu­neh­men, muss man erst­mal haben, vor allem wenn man wie Mar­moush bis dahin eine recht glück­lo­se Par­tie führ­te. Aber wenn der VfB jetzt in der Bun­des­li­ga schon Frei­stö­ße direkt ver­wan­delt — zum ers­ten Mal wohl seit Dida­vis wert­lo­sem Tref­fer in Wolfs­burg 2016 — dann muss schon sehr viel rich­tig lau­fen. Genau­so beim erlö­sen­den, die vol­le Cannstat­ter Kur­ve zum Explo­die­ren brin­gen­den 3:2. Der VfB mach­te auch in der zwei­ten Halb­zeit Druck, der Distanz­schuss von Mar­moush ging aber — mal wie­der völ­lig in die Bin­sen. Nur dass Alexis Tibi­di die Geis­tes­ge­gen­wart besaß, dem Ball aus­zu­wei­chen und dass Tia­go Tomás wie schon bei sei­nen letz­ten Tref­fern genau da lau­er­te, wo ein Stür­mer zu lau­ern hat und den Ball mit sei­ner über­ra­gen­den Tech­nik im Tor ver­senk­te.

Wie schon der Sieg gegen Glad­bach kann auch die­ses Tor, die­ses kol­lek­ti­ve Erfolgs­er­leb­nis neue Kräf­te frei­set­zen — nicht nur beim nicht mehr ganz so jun­gen Trai­ner, der die hal­be Sei­ten­li­nie ent­lang sprin­te­te, um vor der über­glück­li­chen Kur­ve in der Jubel­trau­be sei­ner Mann­schaft zu ver­sin­ken. Der Glau­be an die eige­ne Stär­ke, das eige­ne Durch­hal­te­ver­mö­gen, die eige­ne Wider­stands­fä­hig­keit scheint beim VfB zurück zu sein. Mal ganz abge­se­hen vom emo­tio­na­len Momen­tum. Wie­der hat­te ich eine Kar­te für das Spiel, wie­der war ich ver­hin­dert, aber ich erin­ne­re mich noch gut an den Ur-Tor­schrei beim Sieg gegen den HSV im Abstiegs­kampf 2015 oder die beben­den Tri­bü­nen des Nürn­ber­ger Fran­ken­sta­di­ons nach Flo Kleins Sieg­tref­fer in der zwei­ten Liga. Es sind die­se Momen­te, die dein Fan­le­ben prä­gen und nicht die hun­der­te Fehl­schüs­se zu Beginn des Jah­res. Der VfB hat mit den letz­ten drei Spie­len sei­ne eige­ne klei­ne Eupho­rie­wel­le los­ge­tre­ten und täte gut dar­an, die­se zu rei­ten, bis sie am 34. Spiel­tag am ret­ten­den Ufer aus­läuft.

Weniger Rückstand bitte!

Ande­rer­seits muss die Mann­schaft abge­zock­ter wer­den — und das nicht nur um mei­ner Ner­ven wil­len. Dass die Mann­schaft Spie­le dre­hen kann, heißt ja nicht, dass sie es jedes Wochen­en­de tun muss — und auch nicht, dass es immer klappt, auch wenn der Sieg des VfB am Ende irgend­wie die logi­sche Kon­se­quenz des betrie­be­nen Auf­wands, der spie­le­ri­schen Qua­li­tät und der Augs­bur­ger Pas­si­vi­tät war. Aber der Auf­wand, jedes Mal Rück­stän­de aus­zu­glei­chen und zu dre­hen, ist eben auch sehr groß und der Ertrag sind momen­tan wich­ti­ge, aber am Ende doch klei­ne Schrit­te im Abstiegs­kampf. Ich lie­be es, dass wir wie­der die Come­back­er vom Neckar, wie der Ver­ti­kal­pass sie nennt, aus der letz­ten Sai­son sehen. Aber viel­leicht kön­nen wir in den nächs­ten Spie­len doch ein biss­chen sel­te­ner in Rück­stand gera­ten? Bit­te?

Titel­bild: © Mat­thi­as Hangst/Getty Images

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