Lösung dringend gesucht

Wie­der steht der VfB nach einem Spiel, das er nicht ver­lie­ren darf, ohne Punk­te da. Und weiß nicht, wie er die sich stän­dig wie­der­ho­len­den Feh­ler ver­hin­dern kann.

Denn es scheint, als stün­de vor jedem Spiel ein Los­topf in der VfB-Kabi­ne, aus der die Mann­schaft zwei bis drei Dumm­hei­ten zieht, die ihr in der anschlie­ßen­den Par­tie unter­lau­fen. Und das schon seit über einem Jahr. Auf dem einen Zet­tel steht “frü­hes Gegen­tor”, auf dem ande­ren “Tor­wart­feh­ler”, wie­der auf einem ande­ren “Gegen­tor direkt nach eige­nem Tor”. Letz­te Woche in Frank­furt gab es das Son­der­los “unnö­ti­ge Frei­stö­ße kurz vorm Straf­raum”. In Wolfs­burg grif­fen die Brust­ring­trä­ger mal ganz tief in die Los­trom­mel und brach­ten sich durch drei Gegen­to­re erneut um den Erfolg, wie sie unnö­ti­ger, unbe­greif­li­cher und, par­don, düm­mer nicht sein könn­ten. Erst über­sa­hen sie ihren ehe­ma­li­gen Team­kol­le­gen Omar Mar­moush, der von der Sei­ten­li­ni­en­be­spre­chung mit Trai­ner Kovac direkt auf der Außen­bahn durch­star­te­te und sich mit sei­nem Mann­schafts­kol­le­gen unge­stört durch die teil­nahms­lo­se VfB-Abwer dop­pel­pas­sen konn­te. Dann ent­schloss sich Flo­ri­an Mül­ler kurz­schluss­ar­tig, dass er einen flat­tern­den Weit­schuss am Bes­ten mit zwei klei­nen Kugeln, gemein­hin als Fäus­te bekannt, abweh­ren soll­te und das drit­te Wolfs­bur­ger Tor, was natür­lich in der Nach­spiel­zeit fiel, spot­tet jeder Beschrei­bung. Wie­der kam, wie in Bre­men in einer harm­lo­sen Situa­ti­on ein lan­ger Ball in die Stutt­gar­ter Hälf­te gese­gelt. Mavro­pa­nos ließ Mar­moush auf die Außen­bahn zie­hen und bil­de­te statt­des­sen mit Hiro­ko Ito, Debü­tant Dan-Axel Zag­adou, Wal­de­mar Anton, Ata­kan Kara­zor und Li Egloff einen Kreis um Wolfs­burgs Mat­ti­as Svan­berg, der die­sen aber nicht dar­an hin­der­te, den Ball auf den völ­lig allein­ge­las­se­nen Mar­moush zu spie­len und des­sen Flan­ke ohne Gegen­wehr auf den im Fünf-Meter-Raum völ­lig frei­ste­hen­den Yan­nick Ger­hardt zu ver­län­gern. Oder als Gesamt­kunst­werk:

Nun sind das natür­lich Ein­zel­ein­drü­cke von den drei Gegen­to­ren. Nicht unter den Tisch fal­len soll, dass der VfB die ers­te Druck­pha­se der in der bis­he­ri­gen Sai­son deso­la­ten Wolfs­bur­ger über­stand und erst Hiro­ki Ito bei der ver­un­glück­ten Flan­ke von Aha­ma­da Hand­lungs­schnel­lig­keit bewies und Ser­hou Gui­ras­sy mit sei­nem zwei­ten Tref­fer im vier­ten Ein­satz erfreu­li­che Kalt­schnäu­zig­keit bewies. Dass Pas­cal Sten­zel, wenn man ihm den Platz lässt, weil ganz Wolfs­burg noch nie was von Ecken in den Rück­raum gehört hat, ein fei­nes Füß­chen und ein gute Auge hat. Und dass dem VfB auch der Lucky Punch hät­te gelin­gen kön­nen, wenn die Tor­lat­te so hoch hin­ge wie jene, die der VfB aktu­ell über­win­den muss um einen Sieg zu lan­den. Oder wenn wir end­lich mal Kon­ter aus­spie­len könn­ten. Am Ende ist es alles egal und wir sind vor dem Heim­spiel gegen den Tabel­len­füh­rer mit fünf Punk­ten sieg­lo­ser Dritt­letz­ter.

Denn selbst zwei Tore rei­chen gegen einen direk­ten Kon­kur­ren­ten nicht mal für einen Punkt der­zeit. Wie die ins­ge­samt fünf Tref­fer in den letz­ten drei Spie­len gera­de mal einen Punkt her­vor­brach­ten. Weil, um zum klei­ne­ren Pro­blem zu kom­men, dem VfB vor­ne rela­tiv wenig ein­fällt. Schon wie­der. Weil nur jeder drit­te Schuss des VfB über­haupt aufs Tor kommt und nicht dar­an vor­bei­fliegt. Weil im Spiel in Wolfs­burg Ito und Sten­zel die Spie­ler waren, die am meis­ten an Schüs­sen und Toren betei­ligt waren. Viel­leicht auch, weil mit Füh­rich, Silas und Gui­ras­sy nur drei pri­mär offen­siv ori­en­tier­te Spie­ler — na gut, rech­nen wir noch einen hal­ben Aha­ma­da dazu — viel­leicht ein biss­chen wenig sind gegen einen solch ange­schla­ge­nen Geg­ner. Selbst wenn die bei­den Außen­ver­tei­di­ger ihre Sache offen­sicht­lich gut mach­ten: Gefahr ent­stand poten­zi­ell nur durch Dia­go­nal­bäl­le von Hiro­ki Ito, die aber meist in Räu­men lan­de­ten, die schon voll besetzt waren, wäh­rend nur kras­se Fehl­päs­se der Wolfs­bur­ger für Gefahr durch die Mit­te sorg­ten.

Stagnation

Aber es reicht nicht, sich nur auf die­ses Spiel zu kon­zen­trie­ren. Der VfB hat ein grund­le­gen­des Pro­blem und ich habe aktu­ell kei­nen wirk­li­chen Lösungs­an­satz. Gut, wenn ich den hät­te, wür­de ich mich von Sven Mislin­tat fürst­lich dafür ent­loh­nen las­sen, aber man macht sich ja als Laie trotz­dem so sei­ne Gedan­ken. Dass die Mann­schaft, sicher­lich auch noch mit einem Nico Gon­za­lez, einem zuletzt erstark­ten Gon­za­lo Cas­tro und einem Gre­gor Kobel vor zwei Jah­ren stark per­form­te, viel­leicht sogar etwas über dem eigent­li­chen Leis­tungs­li­mit, soll­te mitt­ler­wei­le Kon­sens sein. Dass die Mann­schaft in der letz­ten Sai­son ohne die Viel­zahl an Ver­let­zun­gen, die zer­rupf­te Vor­be­rei­tung und den offen­sicht­lich fal­schen Fokus auf Ent­wick­lung statt Ergeb­nis­se nicht auf einen Kopf­ball in der 92. Minu­te des letz­ten Sai­son­spiels ange­wie­sen gewe­sen wäre, um den Klas­sen­er­halt sicher­zu­stel­len, wur­de lan­ge ange­nom­men. Jetzt aber ist die Reha­welt so gut wie leer­ge­fegt, nie­mand “muss­te” zu Olym­pia, und für die Abgän­ge hat­te man ent­we­der schon lan­ge Ersatz auf­ge­baut (Aha­ma­da) oder fand ihn letzt­end­lich ziem­lich schnell (Kalajd­zic). Es war alles ange­rich­tet, um etwas weni­ger, mit Ver­laub, beschis­sen in die Sai­son zu star­ten, als wir das jetzt getan haben. Mal zum Ver­gleich: Dass wir noch nie die ers­ten acht Sai­son­spie­le ohne Sieg blie­ben, ist ja hin­läng­lich bekannt. Aber fünf oder weni­ger Punk­te zu die­sem Zeit­punkt gab es neben der Sai­son 2010/2011 nur in den Abstiegs­jah­ren.

Aber die Mann­schaft macht aus den ver­gleichs­wei­se kom­for­ta­blen Rah­men­be­din­gun­gen: nichts. Viel­mehr noch, sie sta­gniert. Alle Feh­ler, die in Wolfs­burg zu Gegen­to­ren führ­ten, von der Unacht­sam­keit nach eige­ner Füh­rung, über Flo­ri­an Mül­lers Ent­schei­dungs­fin­dung bis hin zum ver­früh­ten Abpfiff in den Köp­fen zie­hen sich durch die­se und die kom­plet­te letz­te Sai­son. Wir schaf­fen es seit über 20 Spie­len nicht, zu Hau­se zu Null zu spie­len. Die Aus­ge­wo­gen­heit der ers­ten Sai­son nach dem Wie­der­auf­stieg, in der man zwar auch zu vie­le Gegen­to­re kas­sier­te, aber auch mal enge Spie­le über die Zeit brach­te, ist kom­plett weg. Ent­we­der wir ver­dad­deln den Ball im Spiel­auf­bau und sind mit dem Kopf schon im geg­ne­ri­schen Straf­raum, oder wir ste­hen hin­ten so sta­bil, dass uns als ein­zi­ges Mit­tel lan­ge Bäl­le blei­ben. Drei­er­ket­te, Vie­rer­ket­te, Dop­pel­sechs, Trich­ter, ein Stür­mer, zwei Stür­mer: Nichts behebt die Pro­ble­me des VfB nach­hal­tig, weil ent­we­der einer oder das Kol­lek­tiv in zu vie­len ent­schei­den­den Momen­ten patzt. Und weil die Mann­schaft nicht mehr in der Lage ist, die Schwä­chen des Geg­ners eis­kalt aus­zu­nut­zen. Immer­hin hat sich spie­le­risch etwas ver­bes­sert im Ver­gleich zur letz­ten Sai­son, ich weiß aller­dings nicht, wie lan­ge das noch anhält, wenn die Tabel­len­si­tua­ti­on wie in der letz­ten Sai­son zuneh­mend auf die Psy­che durch­schlägt. Und es ist auch wert­los, wenn wir defen­siv nicht in der Lage sind, über 90 Minu­ten auf Bun­des­li­ga-Niveau zu ver­tei­di­gen.

Warum müssen wir überhaupt aufstehen?

Aber war­um? Es war nach dem Spiel viel davon die Rede, dass es in der DNA des VfB ange­legt sei, nach Nie­der­la­gen wie­der auf­zu­ste­hen (Mat­a­raz­zo) und dass sol­che Pha­sen ange­sichts der zweit­jüngs­ten Mann­schaft Euro­pas zu erwar­ten sei­en (Mislin­tat). Mir ist aber unbe­greif­lich, wie sich die Mann­schaft über­haupt erneut wie­der in die Lage manö­vrie­ren konn­te, einen sol­chen Kraft­akt wie 2020 und im Mai die­ses Jah­res hin­le­gen zu müs­sen. Mal ganz abge­se­hen davon, dass die Start­elf der Wolfs­bur­ger im Schnitt 0,4 Jah­re jün­ger war als die des VfB und die meis­ten Stamm­spie­ler 24 Jah­re alt oder älter sind: Was muss pas­sie­ren, dass wir nicht wei­ter so durch den Tabel­len­kel­ler rau­schen wie bis­her? Und ich rede nicht davon, dass der VfB im Abstiegs­kampf nichts zu suchen hat. Son­dern davon, dass der VfB, um zur Sai­son­halb­zeit die Hälf­te der 33 Punk­te zu holen, mit denen man letz­tes Jahr gera­de so Platz 15 erober­te, ab jetzt pro Spiel 1,2 Punk­te holen müss­te. Und es ist ja nicht gesagt, dass das für irgend­was rei­chen wür­de. Letz­te Sai­son wur­den immer wie­der Zeit­mar­ker gesetzt, die den Aus­gang für die Trend­wen­de bil­den soll­ten: Die Rück­run­de, das Kurz­trai­nings­la­ger im Febru­ar, das Her­tha-Spiel. Schließ­lich gelang die Wen­de am vor­letz­ten Spiel­tag. Aber wor­auf sol­len wir jetzt war­ten? Dass Tho­mas Letsch in zwei Wochen beim VfL Bochum noch nicht die rich­ti­gen Hebel gefun­den hat? Und selbst wenn: Wel­chen posi­ti­ven Effekt hat­ten die Erfolgs­er­leb­nis­se gegen Leip­zig und in Mün­chen? Die Lage ist bereits jetzt hoch­ge­fähr­lich, weil die Mann­schaft kei­nen Anlass dazu gibt, auf Bes­se­rung zu hof­fen, egal wie gut die Trai­nings­leis­tun­gen waren.

Wenn äuße­re Ein­flüs­se weg­fal­len und Abschlusspech irgend­wann über­hand nimmt, lässt das nur zwei Schlüs­se zu: Ent­we­der es fehlt der Mann­schaft schlicht­weg an der Qua­li­tät, um in der Bun­des­li­ga ein Spiel zu gewin­nen (oder mehr als drei im bis­he­ri­gen Kalen­der­jahr) oder es fehlt ihr an der Ein­stel­lung und Moti­va­ti­on, die­se abzu­ru­fen. Poten­zi­al­spie­ler hin oder her. Ein Wata­ru Endo, der nur eine Pass­quo­te von 44 Pro­zent gegen Wolfs­burg auf­weist, ein Wal­de­mar Anton, der erneut einen selbst­ver­schul­de­ten Kon­ter nur mit einem gelb­wür­di­gen Foul unter­bin­den kann, ein Dinos Mavro­pa­nos, der zwar die bes­te Zwei­kampf- und Pass­quo­te auf­weist, im ent­schei­de­nen Moment aber einen Spie­ler zie­hen lässt, der aus­ge­rech­net dann wie­der einen Rück­fall erlei­det, wenn sei­ne Vor­der­leu­te eh schon indis­po­niert sind, sind alle über den Sta­tus eines Poten­zi­al­spie­lers hin­aus. Also: Ent­we­der sie kön­nen es nicht bes­ser, oder sie sind auf dem Platz men­tal nicht in der Lage es zu kön­nen. Die eine Ant­wort wirft — und die­se Dis­kus­si­on ist natür­lich nicht neu, das ist mir bewusst — ein schlech­tes Licht auf die Kader­pla­nung, die ande­re auf den Trai­ner. Ist, exem­pla­risch gespro­chen, ein Wal­de­mar Anton viel­leicht doch in der Liga bes­ser auf­ge­ho­ben, für die wir ihn zuerst ver­pflich­tet haben? Oder, um den ande­ren Aspekt auf­zu­grei­fen: Wie lan­ge dau­ert es, bis die Mann­schaft auf den ange­kün­dig­ten ver­schärf­ten Ton des Trai­ners reagiert?

Liegt es am Lehrer oder an den Schülern?

Vor vier Jah­ren waren Anfang Okto­ber fünf Punk­te aus sie­ben Spie­len, die Tay­fun Korkut den Job kos­te­ten und für mich war der Trai­ner­wech­sel damals über­fäl­lig. Natür­lich sind die Rah­men­be­din­gun­gen jetzt ande­re und ich hal­te mehr von unse­rer jet­zi­gen Mann­schaft als von der dama­li­gen Trüm­mer­trup­pe und mehr von Mat­a­raz­zo als von Korkut. Aber nach­dem der VfB ein­fach die letz­te Sai­son wei­ter­spielt, nur eben ohne Ver­letz­te und das Auf­ste­hen vor allem dar­in bestand, dass wir wie schon beim Auf­stieg in zwei Spie­len über uns hin­aus­wuch­sen, muss auch der Trai­ner und vor allem des­sen Anspra­che an die Mann­schaft Teil der Ana­ly­se sein, auch wenn Sven Mislin­tat das anders sieht. Ich bin, wie ihr die letz­ten Jah­re mit­le­sen konn­tet, nor­ma­ler­wei­se der Letz­te, der den Kopf des Trai­ners for­dert. Aber wenn die zweit­jüngs­te Mann­schaft Euro­pas über Mona­te in ent­schei­den­den Momen­ten nichts aus ihren Feh­lern lernt, dann ist sie viel­leicht ent­we­der zu jung für die Bun­des­li­ga — wobei ja immer betont wur­de, das Alter sei zweit­ran­gig — oder es hapert am (Fußball-)Lehrer.

Wie auch immer die Lösung aus­sieht, ob wir durch eine erneut Umstel­lung auf dem Platz oder auf der Bank wie­der in die Spur kom­men: Es muss etwas pas­sie­ren. Gedul­dig dar­auf zu war­ten, dass es irgend­wann, war­um auch immer, bes­ser wird, hat uns schon letz­te Sai­son um Endos Haa­res­brei­te den Klas­sen­er­halt gekos­tet. Was auch immer der Grund für die nicht aus­rei­chen­den Leis­tun­gen der Mann­schaft sein mag: So geht es nicht wei­ter. Ich gehe wei­ter davon aus, dass die aktu­ell han­deln­den und spie­len­den Per­so­nen kom­pe­ten­ter und viel­ver­sprech­n­der sind als ihre Vor­gän­ger. Also fin­det bit­te eine Lösung.

Zum Wei­ter­le­sen: Den Ver­ti­kal­pass treibt der VfB aktu­ell in den Wahn­sinn und die Schla­ger­höl­le, ‑höl­le, ‑höl­le. Stuttgart.international stellt fest, dass Sie­ger immer recht haben.

Titel­bild: © Stuart Franklin/Getty Images

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