Immer wieder auswärts

Auch aus Darmstadt kehrt der VfB nicht mit einem Sieg heim und lässt seine Fans nach der Hinrunde etwas ratlos zurück.

Die Ausnahme: Sosa trifft zum 1:1-Endstand. © Getty/Bongarts
Die Ausnahme: Sosa trifft zum 1:1-Endstand. © Getty/Bongarts

Eigentlich könnte ich mir die Arbeit, einen Rückblick zum Spiel in Darmstadt zu schreiben, sparen und einfach Versatzstücke der Berichte zu den letzten Auswärtsspielen nehmen: Spielerisch limitierter, aber engagierter Gegner, einfallslos-pomadiges Offensivspiel, Gegentor durch individuelle Fehler, erbärmliche Ecken, ergebnisloses Anrennen mit grotesk vergebenen Chancen, das wegen Haarspitzen-Abseits annullierte Tor von Mario Gomez mal ausgenommen. Der einzige Unterschied und der Grund, warum sich tabellarisch nichts geändert hat, war der wuchtige Schuss von Borna Sosa nach dem Kopfball von Gonzalo Castro, mit dem er kurz vor der Pause das Spiel ausglich und gleichzeitig den Endstand herstellte. Und weil ich zum ersten Mal seit der Relegation in Berlin wieder im Stadion war und die Darmstädter Anzeigetafel auch nach dem Pausenpfiff noch ein 1:0 anzeigte, schwante mir schon wieder VAR-Unheil, diesmal zum Glück unbegründet.

Fast alles wie immer also. Nur, dass ich eben im Stadion war und mich die uninspirierten Angriffsversuche des VfB noch fuchsiger machten als vor dem Fernseher, was man heute Abend im Podcast auch an meiner Stimme hören wird. Aber warum mindestens jede zweite Woche das Lamento wiederholen, zumal ich ja schon nach dem Nürnberg-Spiel die Rückmeldung erhielt, meine Meinung zum Heimsieg gegen harmlose Nürnberger sei zu negativ? Ich bin es auch langsam leid, mir immer wieder die gleiche Fragen zu stellen, warum die Mannschaft aus einem erfolgreichen Spiel nicht die richtigen Schlüsse zieht und in der nächsten Partie gegen einen ähnlich agierenden Gegner wieder das gleiche Verhalten an den Tag legt.

Ist die Diskussion notwendig?

Weniger Lamentieren, mehr Verteidigen! © Getty/Bongarts
Weniger Lamentieren, mehr Verteidigen! © Getty/Bongarts

Genauso wie ich die Trainerdiskussion leid bin. Einerseits passt Walter seine Aufstellung mal wieder an das erfolgreiche letzte Spiel an, indem er Sosa diesmal im Mittelfeld starten lässt und Wamangituka von Beginn an bringt. Gleichzeitig gelingt Sosa aber auch nur eine gute Flanke und Wamangituka bringt zwar Belebung ins Offensivspiel, aber auch den Ball nicht in den Strafraum. Kann der Trainer was dafür, wenn Holger Badstuber sich nach seinem Fehlpass an Gonzalo Castro erstmal ein Sabbatical auf dem Spielfeld nimmt und Darmstadt nach einem Einwurf (!) mit zwei Ballberührungen (!) einen alleine völlig überforderte Phillips überspielt und in Führung geht? Aber warum muss Gonzalo Castro jede Ecke treten und warum versanden die kurzen Ecken auf dem Flügel und die langen am kurzen Pfosten? Und warum verzichtet Walter auf einen dritten Wechsel und eine mögliche Hereinnahme von Didavi?

Aber warum diskutieren wir überhaupt über den Trainer? Ist die Halbzeitbilanz von 30 Punkten aus 17 Spielen, nur zwei weniger als im Dezember 2016, jetzt schlecht oder gut? Schließlich stolpert ja Hamburg auch von einem Punktverlust in den nächsten und am Samstag ist immerhin noch Platz 2 drin. Auf der anderen Seite hast Du halt diese miese Auswärtsbilanz von nur zwei Siegen in acht Spielen und diese zweiwöchentlichen spielerischen und moralischen Enttäuschungen. Müssen wir jeden Gegner herspielen? Nein. Aber es wäre schon ganz nett, wenn wir zur Abwechslung mal in der ersten Halbzeit und beim Stand von 0:0 alles versuchen würden, um das Spiel zu gewinnen. Alles in allem eine wenig zufriedenstellende Gemengelage, die wahrscheinlich bis Weihnachten auch nicht befriedigender wird.

Taktisch unklug

Denn nachdem sich Mannschaft und Gästeblock, wie es schien, nach dem Spiel sehr konstruktiv aussprachen und die Mannschaft mit Anfeuerungsrufen in die Kabine verabschiedet wurde – was für mich wieder das besondere Feingefühl unserer Fanszene offensichtlich macht – hielt es Tim Walter am Dienstag offenbar für eine gute Idee Gomez, Förster und Ascacíbar im Gespräch mit den Medien beim Thema schlechte Chancenverwertung hervorzuheben.

Konstruktive Diskussion am Zaun.
Konstruktive Diskussion am Zaun.

Und nein, die Bild hat sich das nicht ausgedacht, George Moissidis vom kicker bestätigte mir auf Twitter, dass die Worte so gefallen seien. Inhaltlich hat Walter natürlich recht, vor allem der Schuss von Förster nach Standfußball-Pass von Sosa war ein Witz und unterstreicht, was Walter am Montagabend nach dem Spiel gesagt hatte: “Es hat der absolute Wille gefehlt, ein Tor unbedingt machen zu wollen.“ Nur ist es halt mehr als unklug, in einer Situation, in der Dein Vorstandsvorsitzender schon beim großen Interview im Möhringer Pressehaus beiläufig erwähnt hat, dass auch in Stuttgart die Gesetze der Branche gelten, in der ein Holger Badstuber im Anschluss an den Mannschaftskreis nach Abpfiff in die Kabine stürmt, statt mit vor den Block zu gehen, in der die Fans seit Wochen über das Für und Wider einer erneuten Trainerentlassung zu diskutieren, einzelne Spieler herauszugreifen und zu kritisieren. Das muss nicht, aber kann eben dazu führen, dass wie schon in der Vergangenheit die atmosphärischen Störungen so groß werden, dass sie das Fass zum Überlaufen bringen, vor allem wenn man den Gerüchten Glauben schenkt, dass Sven Mislintat und Tim Walter auch nicht unbedingt ein Herz und eine Seele sind.

Und dann flattert Dir so ein Tweet von Holger Badstuber in die Timeline…

… und Du fragst Dich, ob die ganze Aufregung umsonst war. Ich würde die Frage gerne mit Ja beantworten, aber ich kenne meinen Verein. Ich bin gespannt, wie Thomas Hitzlsperger und Sven Mislintat mit dieser Situation umgehen und ob ich am Sonntag wieder das böse K-Wort in den Mund nehmen muss oder nicht. Das hängt mit Sicherheit auch davon ab, ob Badstubers Appell Früchte trägt.

Titelbild: © Getty/Bongarts

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