(Fast komplett) Versagt!

Der VfB holt mit viel Glück in Mün­chen einen unver­dien­ten Punkt und zeigt die nächs­te unter­ir­di­sche Leis­tung. Geht das jetzt schon wie­der los?

Als VfB-Fan hat man ja in den letz­ten Jah­ren schon die ver­schie­dens­ten Spiel­ar­ten des Fuß­balls gese­hen, der einem die Haa­re zu Ber­ge ste­hen, die Zehen­nä­gel auf­rol­len, die Fin­ger­nä­gel abknab­bern und die Wän­de hoch­lau­fen lässt. Da gab es die Zei­ten, in denen sich der VfB die Gegen­to­re regel­mä­ßig durch Slap­stick-Aktio­nen sel­ber rein­leg­te. Da gab es die Zei­ten, in denen der VfB ein­fach vor­ne gar nichts traf, weil kei­nem etwas ein­fiel außer hohen Flan­ken aus dem Halb­feld auf den Tor­wart. Und da gab es die Zei­ten, in denen der VfB ein­fach auf­hör­te zu gewin­nen. Das kann man sich unge­fähr so vor­stel­len:

https://www.youtube.com/watch?v=f6VdXZFAXUs

Charlie Chaplin beim VfB

Das mitt­le­re Spiel der eng­li­schen Woche bot ein Revi­val all die­ser Vari­an­ten des gepfleg­ten Gur­ken­fuß­balls. Beim 1:0 der Gast­ge­ber hat­te der Münch­ner Spie­ler den Ball eigent­lich schon ver­stol­pert, aber Mar­cin Kamin­ski ent­schied sich dafür, den Ball erst­mal aus siche­rem Abstand zu beob­ach­ten um zu schau­en, was die lus­ti­ge Kugel wohl als nächs­tes anstel­len wür­de. So wur­de aus einer Nicht-Chan­ce ein Pass ins knap­pe Abseits und das Tor für die Löwen. Kann unter nor­ma­len Umstän­den schon mal pas­sie­ren, auch wenn es das nicht soll­te. Wenn man aber bereits Dres­den, Fürth und Bochum bereits teil­nahms­los beim Tore schie­ßen zuge­schaut hat, ist ein sol­ches Abwehr­ver­hal­ten unver­zeih­lich.

Blei­ben wir kurz beim 1:0 und der Lern­re­sis­tenz. Ich weh­re mich ja für gewöhn­lich dage­gen, den Trai­ner für die man­geln­de Kon­zen­tra­ti­on und Ein­stel­lung der VfB-Mann­schaft ver­ant­wort­lich zu machen. Aber nach­dem der Innen­ver­tei­di­gung schon in den letz­ten Spie­len in ent­schei­den­den Situa­tio­nen der Zugriff auf die Stür­mer fehl­te, ist es schon fast fahr­läs­sig, immer wie­der mit Kamin­ski und Baum­gartl innen auf­zu­lau­fen. Ja, Pavard mag viel­leicht als Rechts­ver­tei­di­ger stär­ker sein als Klein und Zim­mer. Aber er ist auf jeden Fall in der Innen­ver­tei­di­ger stär­ker als Kamin­ski. Hier muss sich Wolf etwas Neu­es ein­fal­len las­sen, sonst ist der Auf­stieg schon vor dem 1. Mai ver­spielt.

Unkreativ, harmlos, führungslos

Nächs­te Bau­stel­le: Das Mit­tel­feld. Der Mann­schafts­teil aus dem her­aus eigent­lich die Stür­mer gefüt­tert wer­den soll­ten, wenn schon die Abwehr nicht sat­tel­fest ist und nichts zum Spiel­auf­bau bei­tra­gen kann. Not­falls schie­ßen wir halt fast ein Tor mehr, sie­he Dres­den. Aber wie will man über­haupt ein Tor schie­ßen, wenn sich in der Mann­schaft kaum jemand bewegt, um den Ball zu bekom­men? Wenn man sich den Ball nur ein­falls­los hin und her schiebt um dann das Spiel über Mitch Lan­ge­rak auf­bau­en zu wol­len? Wenn von der Mit­tel­li­nie Rück­päs­se in den Lauf des Gegen­spie­lers gestüm­pert wer­den? Wenn man einen Zwei­kampf nach dem ande­ren ver­liert? Und wenn einem nach vor­ne nicht mehr ein­fällt, als die bereits beschrie­be­nen Flan­ken und harm­lo­se Tor­schüs­se aus der zwei­ten Rei­he?

Und auch hier muss sich Han­nes Wolf Kri­tik gefal­len las­sen. Er scheint, wie auch sei­ne Vor­gän­ger auf der Bank, nicht von Alex Maxim über­zeugt zu sein. Aber ihn nicht mal nach Mün­chen mit­neh­men? Er mag defen­si­ve Schwä­chen haben und auch nicht gera­de ein Men­ta­li­täts­mons­ter sein. Aber er hat immer­hin die gewis­se Krea­ti­vi­tät, die dem VfB heu­te fehl­te. Denn Asa­no ging auf der rech­ten Sei­te total unter und Anto Grgic sah man eigent­lich nur, wenn er einen Frei­stoß oder eine Ecke ver­sem­mel­te. Und auch von Chris­ti­an Gent­ner kam offen­siv, wie häu­fig, wenn es nicht läuft, kein Impuls. Und irgend­wie ist es auch schon ein deut­li­ches Zei­chen, wenn Wolf sei­nen Kapi­tän erneut bei einem Rück­stand aus­wech­seln muss. Lei­der hat er sich selbst zumin­dest der theo­re­ti­schen Mög­lich­keit beraubt, eine spie­le­ri­sche Ver­stär­kung ein­zu­wech­seln.

Blauäugig

Und auch vor­ne klapp­te gar nichts. Das lag vor allem dar­an, dass Simon Terod­de, dem man regel­mä­ßig, was das Enga­ge­ment angeht, den gerings­ten Vor­wurf machen kann, von der mas­si­ven Abwehr der Sech­zi­ger völ­lig abge­mel­det wur­de. Dani­el Gin­c­zek wur­de erneut spät ein­ge­wech­selt, war aber offen­siv ohne Fut­ter und ohne Platz auch harm­los. Damit ist der VfB im fünf­ten Spiel in Fol­ge ohne Sieg. Dass es nicht die zwei­te Nie­der­la­ge im drit­ten Spiel ist, lag vor allem dar­an, dass es auf die­sem Niveau eben auch immer ein wenig Sati­re gibt. In der Nach­spiel­zeit schoss ein Münch­ner Ver­tei­di­ger aus­ge­rech­net Mar­cin Kamin­ski an und der VfB kam mit zwei blau­en Augen davon.

Eigent­lich sogar noch mit zwei blau­en (wie pas­send) Hüh­ner­au­gen. Denn weil Braun­schweig in Fürth und Uni­on gegen Aue ähn­lich unfä­hig agier­ten, ist der VfB immer noch Tabel­len­zwei­ter mit nur einem Punkt Rück­stand auf Han­no­ver. Und das ist genau das Gefähr­li­che. Wie in der letz­ten Sai­son gibt es wie­der genü­gend Anknüp­fungs­punk­te, um sich die­se unter­ir­di­sche Leis­tung schön­zu­re­den: Der Tabel­len­platz, die Tat­sa­che, dass das 1:0 knapp abseits war, der erneu­te Aus­gleich in der Nach­spiel­zeit. Und so spricht man auch beim VfB danach von einem ver­dien­ten Punkt.

Mit Arroganz und Alibi

Womit war der Punkt denn ver­dient? Mit ein­falls­lo­sem Hin- und Her­ge­schie­be? Mit Unkon­zen­triert­hei­ten und Ball­ver­lus­ten? Weil das 1:0 genau­so glück­lich zustan­de kam wie das 1:1? Da setzt wie­der der alte Reflex aus der ver­gan­ge­nen Sai­son ein: Die Mann­schaft kriegt ein Ali­bi. Dabei ver­gisst man völ­lig, dass die Münch­ner über­haupt nicht in die Lage kom­men, einen Pass ins knap­pe Abseits zu schla­gen, wenn beim VfB mal jemand die Geis­tes­ge­gen­wart und den Mut besitzt, den Ball ein­fach gepflegt raus­zu­klop­pen.

Mit der Leis­tung vom Mitt­woch­abend greift die Mann­schaft die Vor­la­ge ihres Prä­si­den­ten gekonnt auf, der am Mon­tag noch getönt hat­te, wem der VfB wich­tig genug sei, der neh­me sich eben auch mal den hal­ben oder gar den gan­zen Don­ners­tag für eine außer­or­dent­li­che Mit­glie­der­ver­samm­lung frei. Als ob der VfB-Anhang nicht schon die gan­ze Sai­son aus den durch den Abstieg der Mann­schaft ver­schul­de­ten fan­feind­li­chen Anstoß­zei­ten das Bes­te machen wür­de und zahl­lo­se Urlaubs­ta­ge und Über­stun­den opfert, um dem VfB zu jeder Unzeit aus­wärts wie zu Hau­se die Türe ein­zu­ren­nen. Der Auf­tritt im Frött­ma­nin­ger Brach­land war nichts ande­res als ein Affront gegen­über etwa 10.000 Stutt­gar­tern, die das auch an die­sem Mitt­woch getan hat­ten, um ihren VfB zu einer Uhr­zeit zu unter­stüt­zen, zu der es selbst Heim­fans nicht ins Sta­di­on schaf­fen, ohne das Büro frü­her zu ver­las­sen. Die­se Arro­ganz gegen­über den Men­schen auf den Rän­gen ist man von DFL und Sky bereits gewöhnt. Dass sie einem mit sol­chen Aus­sa­gen und Leis­tun­gen auch aus dem eige­nen Ver­ein ent­ge­gen schlägt, ist bit­ter.

Wann lernen sie es?

Und so kann man den Auf­tritt in Mün­chen trotz des Punk­tes eigent­lich nicht anders als ein Ver­sa­gen wer­ten. Und zwar nicht wegen des End­ergeb­nis­ses oder der Tabel­len­kon­stel­la­ti­on. Die erlau­ben, für sich betrach­tet, immer noch eini­gen Opti­mis­mus. Nein, es ist das Ver­sa­gen, aus den eige­nen Feh­lern oder aus der Geschich­te zu ler­nen. Das gilt für die Mann­schaft wie für den Trai­ner. Auch wenn die Haupt­schuld für den tabel­la­ri­schen wie spie­le­ri­schen Absturz die Mann­schaft trägt: Alex­an­dru Maxim nach dem Sai­son­aus von Car­los Mané nicht ein­mal mit nach Mün­chen zu neh­men, zeugt von einer unge­sun­den Stur­heit. Wel­chen Scha­den hät­te es ange­rich­tet, Maxim auf die Bank zu setz­ten und dafür jeman­den wie Mat­thi­as Zim­mer­mann auf zu Hau­se zu las­sen?

Aber auch die Mann­schaft kann oder will es nicht ler­nen. Sie lernt nichts aus den letz­ten Spie­len, in denen sie durch die glei­chen Unzu­läng­lich­kei­ten ins Hin­ter­tref­fen geriet und sie lernt nichts aus Ver­gan­gen­heit, als die glei­che Unkon­zen­triert­heit, lasche Ein­stel­lung und man­geln­de Lauf­be­reit­schaft zum ver­dien­ten Abstieg führ­ten. Und, so leid es mir tut, nach­dem dem drit­ten oder vier­ten deja vu muss man auch in die­sem Jahr ein­mal die Men­ta­li­täts­fra­ge stel­len. Natür­lich steht eine Mann­schaft, die noch um den Klas­sen­er­halt kämpft, nach der eige­nen Füh­rung nur noch hin­ten drin. Aber es muss der Anspruch die­ser teil­wei­se hoch talen­tier­ten VfB-Mann­schaft sein, einer dich­ten Abwehr mit Lauf­be­reit­schaft und spie­le­ri­scher Krea­ti­vi­tät bei­zu­kom­men.

Wir sind der VfB, lasst uns hier raus!

Sieht man ein­mal von den jeweils zwei­ten 45 Minu­ten gegen Bochum und Dres­den ab, bewirbt sich der VfB gera­de sehr aktiv dar­um, auch in der Sai­son 2017/2018 der 2. Bun­des­li­ga anzu­ge­hö­ren. Und nein, das ist weder Brud­de­lei noch Schwarz­ma­le­rei, das ist Lang­zeit­ge­dächt­nis eines Fans der mit die­sem Ver­ein seit mitt­ler­wei­le vier Jah­ren durch ein nerv­li­ches und emo­tio­na­les Stahl­bad geht. Aus die­ser Woche hät­te der VfB eigent­lich min­des­tens sie­ben Punk­te mit­neh­men müs­sen. Jetzt kön­nen es höchs­tens noch fünf wer­den und auch die sind nicht unbe­dingt sicher, wenn man am Sonn­tag auf einen K** trifft, der mit einem Bein in der drit­ten Liga und dem drit­ten Trai­ner in die­ser Sai­son nichts mehr zu ver­lie­ren hat.

Um es noch­mal ganz deut­lich zu machen: Ein vier­ter oder gar ein fünf­ter Platz wäre ein genau­so desas­trö­ses Ver­sa­gen wie die bis­he­ri­ge Punk­te­aus­beu­te die­ser eng­li­schen Woche. Wir haben es schon im Pod­cast ange­spro­chen: Ein zwei­tes Jahr in die­ser Liga wird nicht ein­fa­cher als das Ers­te. Uns fehlt ne Men­ge Geld, uns feh­len die Spie­ler die der Liga spie­le­risch über­le­gen sind. Und es wer­den auch kei­ne 10.000 Fans mehr an einem Mitt­woch um 17.30 Uhr in Mün­chen sein.

Ein Appell!

Ich kann nicht glau­ben, dass ich das kaum ein Jahr spä­ter schon wie­der schrei­be:

Lie­be VfB-Mann­schaft, wer­det Euch bit­te Eurer Ver­ant­wor­tung für die­sen Ver­ein und für die­se Fans wie­der bewusst. Zer­reißt Euch, auch wenn es anstren­gend ist, wie­der dafür, dass man als VfB-Fan end­lich wie­der mal was zu fei­ern hat. Wir haben seit dem Pokal­fi­na­le 2013 wirk­lich mehr als genug gelit­ten. Kei­ner von uns hat es ver­dient, dass Ihr das, was Ihr Anfang des Jah­res auf­ge­baut habt, wie­der ein­reißt und uns ein zwei­tes Jahr in die­ser Hor­ror­li­ga vol­ler klei­ner Gäs­te­blö­cke, beschis­se­ner Anstoß­zei­ten und über­for­der­ter Schieds­rich­ter beschert. Dan­ke.

Bild: “Char­lie Chap­lin” von Flickr / Insom­nia Cured Here unter CC BY-SA 2.0

1 Gedanke zu „(Fast komplett) Versagt!“

  1. Vor ein paar Spie­len haben alle noch gesagt: “Naja es sind ja noch 12 Spiele”…dann hiess es “Naja es sind ja noch 10 Spiele”…Jetzt sind es ja immer noch 7 Spiele.…aber irgend­wann wird abge­rech­net und man kann nicht bis zum Schluß war­ten. Die Mann­schaft muss jetzt den A**** hoch­krie­gen und kämp­fen. In der Liga muss man um den Auf­stieg genau wie gegen den Abstieg kämp­fen. Das haben sie letz­tes Jahr nicht gemacht (Zita­te: “DEN DRUCK HABEN DIE ANDEREN” — “Mit der Qua­li­tät kann man nicht abstei­gen”), des­we­gen sind sie jetzt da, wo sie sind. Einer aus der Mann­schaft muss jetzt end­lich mal die ande­ren auf­rüt­teln und denen die Levi­ten lesen. Man kann sich rich­tig vor­stel­len, wie in der Pau­se alle in die Kabi­ne gehen und dort mit hän­gen­den Kopf­en sit­zen und sich sel­ber bejam­mern, dass alles Mist ist. Es fehlt jemand, der den Kampf­geist wie­der rein­bringt. Ich sehe den Kapi­tän da als ers­tes in der Pflicht, aber die Rol­le des Ein­peit­schers führt er auch nur aus, wenns bei ihm gut läuft. Wenn er mal einen schlech­ten Tag hat, dann zieht er die ande­ren mit run­ter.

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