Es brennt

…aber leider nicht auf dem Platz. Der VfB macht nach dem Leipzig-Spiel wieder einen Schritt zurück und verliert verdient in Freiburg.

0,05. Auf diesen Wert taxierte die Bundesliga-Statistik zur Halbzeit die Wahrscheinlichkeit, dass der VfB mit seinem einzigen Torschuss, einem Kopfball von Sasa Kalajdzic, das Tor getroffen hätte. Am Ende stand der Wert bei 0,22 und das war auch nur die Summe von halbherzigen und überhasteten Distanzschüssen. Konnte man sich gegen Leipzig noch auf Pech im Abschluss berufen, fiel diese Erklärung dieses Mal aus, denn der VfB kam überhaupt nicht gefährlich vors Tor.

Und das hatte leider nur bedingt mit einer der besten Abwehrreihen der Liga zu tun, sondern vielmehr mit einer Behäbigkeit und Unkonzentriertheit im Offensivspiel, die an das unsägliche Spiel in Fürth erinnerte. Das bisschen Gefahr ging nur von der linken Seite aus, wo die Freiburger Borna Sosa aber gut in Schach hielten. Auf rechts musste erneut Chris Führich positionsfremd Silas ersetzen, während in der Mitte mit Tibidi und Coulibaly zwei Spieler agierten, die zwar engagiert waren, aber aus unterschiedlichen Gründen keine Impulse setzen konnten: Der eine mangels Erfahrung, der andere mangels Entwicklung. Klar spielte Freiburg ein aggressives Pressing, aber zu viele Ballverluste und Fehlpässe entstanden eben nicht unter Druck. Hinzu kam eine erschreckende Zweikampfbilanz am gegnerischen Strafraum. Es war klar, dass der VfB für einen Überraschungssieg über sich hinaus hätte gehen müssen. Stattdessen machte die Mannschaft einen Rückschritt, was die Haltung zum Spiel angeht.

Grassierende Unsicherheit

Natürlich ist da noch die Sache mit dem Elfmeter. Auch wenn er meiner Meinung nach schmeichelhaft gewesen wäre, hätte er der Mannschaft nach vier torlosen Spielen mit Sicherheit mehr Selbstvertrauen in die eigene Stärke gegeben. Stattdessen wurde der VAR mal wieder völlig willkürlich angewandt und der VfB kassierte quasi im Gegenzug das 0:1 durch einen abgefälschten Distanzschuss. Nach dem Spiel gab Florian Müller zu Protokoll, man habe sich durch den nicht gegebenen Elfmeter zu sehr beeinflussen lassen. Genau diese Unsicherheit stand der Mannschaft aber von der ersten Minute an ins Gesicht geschrieben. Was sich zum Beispiel darin ausdrückte, dass gewonnene Bälle am eigenen Strafraum statt flach und kontrolliert meist direkt hoch rausgeschlagen wurden – und beim Gegner landeten. Der offensiv orientierte, zielstrebige Ballbesitzfußball der Vorsaison funktioniert halt nicht, wenn Du dauernd Leichtsinnspässe spielst und aus Panik Deine Stärken vernachlässigst.

Die Chance auf das langersehnte Tor oder gar Punkte wurde also minütlich kleiner und dann entschied der VfB das sowieso schon entschiedene Spiel auch noch selber. Wie den Leipzigern in der Vorwoche reichte den Freiburgern ein schneller Pass aus dem Mittelfeld in die Spitze und die unkoordinierte Restverteidigung des VfB tat ihr übriges. Es wäre zu einfach, das Ganze auf den glücklichen Hiroki Ito zu schieben, dem auch noch der Führungstreffer als Eigentor zugeschrieben wurde. Dem VfB gelang es im defensiven Mittelfeld nicht, die Freiburger Angriffe effektiv zu unterbinden, weil auch Orel Mangala derzeit nicht in Topform ist. Unterm Strich eine mehr als verdiente Niederlage und trotz der kollektiven Qualität des Gegners zu wenig, um einfach darüber hinweg zu gehen.

Kollektive Überforderung

Die Reaktionen auf das Spiel waren erwartbar: Die Spieler sind wahlweise zu jung oder haben ein Mentalitätsproblem, der Trainer hat entweder die Mannschaft verloren oder lässt ohne Konzept spielen und überhaupt sollten wir das Geld fürs Trainingslager in Marbella doch bitte lieber in einen Offensivspieler stecken, der uns die Rückrunde und die Saison rettet. Wie so häufig in Krisenzeiten haben die einfachen Antworten Konjunktur. Um mal den offensichtlichsten Stuss zu ignorieren, hier die Startelf: Müller (24 Jahre, 89 Bundesliga-Spiele), Ito (22, 16), Anton (25, 117), Mavropanos (24, 38), Sosa (24, 54), Endo (28, 53), Mangala (23, 60), Führich (24, 13), Tibidi (18, 7), Coulibaly (20, 45), Kalajdzic (24, 37). Und diese Mannschaft, in der die Meisten im besten Fußballeralter sind, wie man so sagt, ließ sich beim 2:0 vom 20jährigen Schade und dem 23jährigen Demirovic überlisten. Am Alter liegt es meiner Meinung nach nicht, vielmehr an einer Form kollektiver Überforderung, in der es sich der eine oder andere, der es besser wissen müsste, vielleicht etwas zu bequem macht.

Daraus aber ein Mentalitätsproblem oder eines zwischen Trainer und Mannschaft abzuleiten, ist völlig hanebüchen. Schließlich hat die Mannschaft schon in der letzten Saison bewiesen, dass sie mit Rückschlägen umgehen kann. Trotzdem: Der Mannschaft fehlt das Feuer, das Matarazzo und Mislintat in Marbella unbedingt wieder entfachen müssen. Denn auch wenn tabellarisch nach 20 Spielen natürlich noch nichts abgebrannt ist, kann sich die aktuelle Negativserie zu einem mentalen Flächenbrand ausweiten. Die Länderspielpause für ein Trainingslager im Warmen zu nutzen, um die ausgefallene Winterpause nachzuholen und die von Olympia und Verletzungen beeinträchtigt Sommervorbereitung zu korrigieren, halte ich es deshalb für durchaus sinnvoll. Denn so blutleer und harmlos wie in Freiburg darf es Anfang Februar gegen Frankfurt nicht weitergehen, sonst brennt wirklich der Baum. Auch wenn es wie schon häufiger erwähnt bis zum Schluss spannend sein wird: Die Mannschaft muss jetzt den Grundstein für die Wende legen und kann sich solch einen Rückschritt nicht mehr erlauben.

Und jetzt?

Und wie gehen wir damit um, die wir nicht schon wieder in dem Fahrstuhl steigen wollen und doch nur Mitfahrer der Akteure im Verein sind? Der Vertikalpass fragt, was denn aktuell Hoffnung macht. Stuttgart.International sieht wie ich “multiple Überforderung”.

Es fällt aktuell schwer, weiter positiv zu bleiben und der langfristigen Perspektive über die kurzfristigen Probleme hinaus zu vertrauen. Wären wir im geschlossenen US-amerikanischen Ligensystem, dann wäre das halt ein Rebuild, von dem man langfristig profitiert. Und gerade anlässlich dieses Spiels wurde mal wieder hervorgehoben, dass Freiburg mit seiner krisenfesten personellen Kontinuität ein Vorbild für den VfB sein sollte. Das Problem ist, dass ein Abstieg nicht nur möglich, sondern für den Verein finanziell und moralisch eine Katastrophe wäre. Deswegen muss man nicht in blinden Aktionismus verfallen. Aber so kann es nicht weitergehen.

Titelbild: © Christian Kaspar-Bartke/Getty Images

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