Einerseits, andererseits

Dass diese Saison ein Knochenjob wird, war bereits im Sommer klar, mit dem wachsenden Lazarett gilt das im Besonderen für die Hinrunde. Dennoch: Das 1:4 in Augsburg ist so frustrierend wie verwirrend. Wie soll man dieses Spiel einordnen?

Es stand bereits 1:4, als Dazn-Kommentator Uli Hebel anmerkte, man sei hier noch nicht im Bereich des 0:6 von vor zwei Jahren. Einerseits stimmt das, andererseits war das die hohe Niederlage bei Markus Weinzierls derzeitiger Mannschaft für viele VfB-Fans ein ziemlicher Schock. Weil man sich sicher war, dass die Mannschaft nach dem passablen 1:1 gegen Union und dem ärgerlichen Aus im Pokal eine Reaktion zeigen und endlich wieder drei wichtige Punkte im Abstiegskampf holen würde. Gegen einen Gegner, der erst einen Sieg und fünf Tore auf dem Konto hatte, mit einem Trainer, der vor zwei Jahren nach eben jenem 0:6 beim VfB gefeuert wurde. Und weil eine 1:4-Niederlage auch in dieser Saison keinesfalls völlig außergewöhnlich wäre, man sie jedoch nicht beim direkten Konkurrenten erwartet hätte. Dennoch: Das 1:4 ist nicht das 0:6. Die Gesamtsituation des VfB ist eine völlig andere. Eigentlich. Was es wiederum so schwer macht, sich einen Reim auf dieses Ergebnis zu machen.

Pech oder fehlende Einstellung?

Denn einerseits ist das Verletzungspech, was uns in dieser Saison verfolgt, schon ziemlich grotesk – ein Satz, der normalerweise nach einer Spielzeit fällt, an deren Ende ein Abstieg steht, just saying. Bereits im vierten Pflichtspiel hintereinander fiel Stammtorwart Florian Müller aus, der zwar für meinen Geschmack zu viel wegfaustet, am Ende dann aber doch stabiler ist als Fabi Bredlow es in diesem Spiel war. Vor Anpfiff musste Pellegrino Matarazzo Konstantinos Mavropanos ersetzen, nach 40 Minuten Marc Oliver Kempf. Für ihn kam Clinton Mola rein, der seit seiner Verpflichtung im Januar 2020 gerade Mal drei Spiele über 90 Minuten bestritten hat, das letzte im Juni. Davor spielte Wataru Endo sein gefühlt 100. Pflichtspiel in diesem Kalenderjahr neben einem Orel Mangala, der gerade wieder reinkommt. Eine Absicherung hinter den beiden, die in den letzten Spielen gut funktioniert hatte, gab es nicht: Ata Karazor hatte sich gegen Union in Windeseile selbst aus dem Team befördert. Und vorne: Da spielten mangels Alternativen Mateo Klimowicz und Hamadi Al Ghaddioui. Dem einen stand bei seiner Auswechslung gegen Köln die ganze Verunsicherung ins Gesicht geschrieben, der andere hat zwar stets ein Lächeln auf den Lippen, ist aber eben nur Stürmer Nummer vier und kann weder Silas, noch Kalajdzic, noch Marmoush und wahrscheinlich auch nicht Sankoh ersetzen, die in diesem Spiel alle nicht zur Verfügung standen.

Andererseits monierte Daniel Didavi nach dem Spiel die Einstellung seiner Mannschaftskollegen. Und selbst wenn das nur ein Manöver war, um sich nicht dem Vorwurf des Schönredens des in der Tat kastrophalen Auftretens auszusetzen: Schon gegen Köln merkte man in der Schlussphase des Spiels, dass dieser VfB sich anders als die Wochen zuvor nicht mehr aufbäumen würde. Auch in Augsburg merkte man der Mannschaft irgendwann an, dass sie den Abpfiff genauso herbeisehnte, wie die mitgereisten Fans. Hat die Mannschaft also, entgegen der Eindrücke der letzten Wochen, den Abstiegskampf doch nicht angenommen? Unterschätzte sie den bisher recht erfolglosen Gegner, der, wenn man ehrlich ist, auch kein überragendes Spiel ablieferte, was gegen den VfB an diesem Tag aber trotzdem reichte? Oder geht diese Mannschaft, wie teilweise in der Rückrunde der letzten Saison, emotional auf dem Zahnfleisch und hatte an diesem Sonntag und am Schluss gegen Köln einfach nicht mehr die emotionale Frische, um immer wieder aufzustehen?

Spiel gegen zwölf oder die Härten des Abstiegskampfs?

Oder lag es vielleicht gar nicht an uns? Klar, das Foul an Hamadi Al Ghaddioui nach wenigen Minuten war eindeutig. Warum Patrick Ittrich es anders bewertete, bleibt mir weiterhin ein Rätsel, vor allem wie er in Realgeschwindigkeit bewerten will, dass ein Tritt gegen das Standbein (!) nicht ursächlich für einen Sturz ist. Aber gut, Fehlentscheidungen von Schiedsrichtern gehören nun mal zum Fußball dazu, but wait! Don’t despair! VAR is here to save the day. Oder auch nicht. Denn der muss jedes Mal mal die Hürde “Eingriffsschwelle” nehmen, die er diesmal scheinbar riss. Wir müssen also weiterhin mit Fehlentscheidungen leben, solange der Schiedsrichter auf dem Feld diese nur entschieden genug vertritt. Denn dann darf der Keller in Köln ihn scheinbar nicht einmal drauf hinweisen, dass er sich die Szene nochmal anschauen sollte. Meinetwegen. Auch Schiedsrichter machen Fehler, entweder wegen falscher Wahrnehmung oder weil sie schlecht sind. Aber dann erspart uns bitte grundsätzlich die minutenlangen Reviews während des Spiels oder das Jubeln mit angezogener Handbremse, weil der Schnürsenkel von Mario Gomez im Abseits stand oder er vor fünf Minuten jemand an den Haaren gezogen hat. Und ja, Daniel Caligiuri insbesondere und die Augsburger Spielweise im Alllgemeinen nervte hart in diesem Spiel.

Andererseits ging der VfB nach dem gestohlenen Elfmeter trotzdem in Führung und hatte eigentlich genau das gemacht, was ich mir erhofft hatte: Den Augsburgern früh deutlich gemacht, dass die drei Punkte diesmal ins württembergische Schwaben wandern. Es war also nicht so, als hätte das VAR-Roulette unserem Spiel den Zahn gezogen. Und auch sonst hatte ich besonders in der ersten Halbzeit das Gefühl, dass Ittrich gerade im Mittelfeld viele Zweikämpfe eher für uns als für die Augsburger pfiff, ohne dass jeder Pfiff unbedingt notwendig gewesen wäre. Abgesehen davon, dass das Lamentieren über den Schiedsrichter bei uns in letzter Zeit schon streichsche oder tuchelsche (je nach Gusto) Züge annimmt. Unterm Strich lag es weder am Schiedsrichter noch an nervigen Augsburgern, dass der VfB das Spiel so deutlich verlor. So ist eben Abstiegskampf. Der Tabelle und dem Spielplan ist es völlig egal, wie viele Verletzte Du hast oder ob der Gegner unangenehm ist.

Falsches Konzept oder Geduldsspiel?

Hat sich der VfB also verzockt? Hätte man die 4,5 Millionen für Wahid Faghir nicht lieber in einen weiteren Offensivspieler investieren sollen, von dem man weiß, dass er sofort hilft? Und das Gehalt von Hamadi Al Ghaddioui zusätzlich einsparen sollen? Was ist eigentlich mit Alou Kuol, der in 14 Regionalliga-Spielen schon sieben Mal getroffen hat und dadurch mit Sicherheit mehr Selbstbewusstsein hat als der stets zweifelnde Klimowicz und besser im Rhythmus ist als der gerade seine Einsatzzeiten steigernde Faghir? Ist der zweite Anzug gar für den Abstiegskampf der Bundesliga zu klein, weil der Kader zwar breit ist, auf den hinteren Plätzen mit Spielern wie Beyaz, Nartey und Ahamada nur Potenzial, aber im hier und jetzt keine Verlässlichkeit bietet? Ist es mit diesen Spielern fast unvermeidlich, dass man sich zwei Captain-Obvious-Gegentore von Anthony Modeste einfängt und gegen Augsburg, die in den neun bisherigen Spielen nur einmal mehr trafen als an diesem Sonntag, drei Buden nach Standards kassiert, und eine, weil man sich selbst bei einem 1:3 kurz vor Schluss noch auskontern lässt?

Andererseits: Was ist die Alternative, wenn Dir unerwartet sogar die im Sturm verpflichtete Soforthilfe wegbricht? Der Weg, den Hitzlsperger, Mislintat und Matarazzo gehen, ist spätestens seit Anfang letzter Saison klar: Vertrauen ins eigene Scouting, Vertrauen ins Potenzial der gescouteten Spieler, Vertrauen in die Mannschaft, dass sie Probleme gemeinsam löst und daran wächst, anstatt wie ihre Vorgänger in ihre Einzelteile zu zerfallen. Ein Weg, der dazu geführt hat, dass es grundsätzlich wieder Spaß macht, VfB-Spiele zu schauen und zwar nicht nur, wenn Silas und Sasa eine Bude nach der anderen schießen. Ein Weg, der nach einem Konzept aussieht: Unbekannte, talentierte Spieler für verhältnismäßig kleines Geld verpflichten, sie groß rausbringen, und entweder sportlich von ihnen profitieren oder sie verkaufen, um die Mannschaft in Zukunft mit Spielern aus einem anderen Preisregal zu verstärken. Und das Ganze in einem System, das auf offensiven, attraktiven Fußball setzt, statt auf Mauern und Abwarten. Ist der der Weg zuende, nur weil wir von Augsburg auf die Fresse bekommen haben?

Hoffnung oder Panik?

Natürlich nicht. Aber man schwankt als VfB-Fan eben zwischen einerseits der Panik, dass alles wieder so grandios den Bach runtergeht wie 2016 und 2019 und der damit verbundenen Skepsis, ob man das sportliche Konzept nicht vielleicht zu positiv sieht – schließlich schielte man 2016 im Februar schon wieder auf Europa und war sich im Sommer 2018 genauso sicher wie Michael Reschke, dass man mit dem Kader nicht absteigen würde – und andererseits der Hoffnung, dass sie in Bad Cannstatt endlich die richtige Personalkonstellation gefunden haben, um den sportlichen Verfall der 2010er Jahre endgültig hinter sich zu lassen. Einerseits hat es uns in der Vergangenheit häufig bitterlich geschadet, auf Aktionismus statt auf Geduld zu setzen. Anderseits ist ein dritter Abstieg in dann sechs Jahren keine Option.

Und wir sind am zehnten Spieltag von solchen Szenarien natürlich noch weit entfernt. Die Woche wird zeigen, wie lange Kempf und Mavropanos wirklich ausfallen und ob Marmoush wieder fit wird. Gegen Bielefeld hat die Mannschaft die Chance, erneut eine Reaktion zu zeigen, erst recht, wenn die eben genannten wieder auf dem Platz stehen. Tabellarisch darfst Du eigentlich weder gegen Augsburg, die jetzt nur noch einen Punkt hinter dem VfB stehen, noch gegen Bielefeld verlieren, denn im restlichen Verlauf der Hinrunde triffst Du dann noch auf die aktuellen Tabellenplätze 1, 2, 5, 7, 11 und 12 – und die elftplatzierten Kölner haben unter der Woche bewiesen, was den Unterschied zwischen ihnen und dem VfB ausmacht.

Also: Einerseits sind wir immer noch Tabellendreizehnter und haben spätestens zur Rückrunde eine zumindest auf dem Papier schlagkräftige und erstligataugliche Mannschaft auf dem Platz. Andererseits wären die drei Punkte in Augsburg verdammt wichtig gewesen.

Titelbild: © Sebastian Widmann/Getty Images

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