Ein Schritt vor, zwei zurück

Der VfB tritt nach dem 0:1 in Osnabrück im Aufstiegskampf auf der Stelle. Warum stellt sich bei der Mannschaft kein Lerneffekt ein?

Nach gespielten zwei Minuten und 46 Sekunden passt Holger Badstuber den Pass unter Bedrängnis zu seinem Torhüter Gregor Kobel, der versucht, das Spiel mit einem langen Ball an die Mittellinie aufzubauen. Das geht gehörig schief, der Ball landet beim Gegner und Orel Mangala kann ihn nur mit einem Foul zurückerobern. Als der Osnabrücker Verteidiger den folgenden Freistoß-Rückpass aufnimmt  und sich anschickt, den Ball auf den rechten Flügel zu spielen, befinden sich zwischen Torhüter Kobel und dem Ball alle zehn Feldspieler des VfB. Dafür, dass der Ball dann nach einer unbedrängten Flanke aus dem Halbfeld und einer ungehinderten Kopfballvorlage den Weg vom Fuß von VfL-Stürmer Marcos Alvarez über das Knie von Marc Oliver Kempf den Weg ins Tor fand, gibt es eigentlich nur eine schlüssige Begründung:

Ein Knie, ein Tor, drei Punkte

Anstatt wie in den letzten beiden Spielen wach und aktiv ins Spiel zu gehen und daraus auch gleich in Form eines frühen Führungstreffers Kapital zu schlagen, ließ die VfB-Mannschaft dieses aus einer Standardsituation entstandene Tor (!) einfach geschehen. Gegen einen Gegner, der zuvor das letzte mal am 1. September ein Spiel gewonnen hatte und wahrscheinlich selber überrascht war, dass er bei seinem nun wirklich nicht besonders kreativen Angriff auf buchstäblich überhaupt keine Gegenwehr des großen Aufstiegsfavoriten traf. Aber wie kann es sein, dass eine Mannschaft, die vor zwei Wochen noch den Konkurrenten aus Hamburg über 120 Minuten gut in Schach hielt (im Pokal!) beim Angriff einer Mannschaft, die über 90 Minuten nur diesen einen Schuss aufs Tor zustande bringt, wie eine Schildkröte auf dem Rücken liegt?

Hätte man nicht aus dem 3:1-Heimsieg gegen Dresden seine Schlüsse ziehen können, als das Selbstvertrauen, dass sich der VfB in der ersten Halbzeit durch zwei Tore und zwei Abseitstore aufgebaut hatte, durch einen Elfmeter direkt nach Wiederanpfiff zerbröckelte und den ebenjenen Heimsieg bedrohlich ins Wanken brachte? Wenn ich weiß, dass ich auswärts in einem engen Stadion bei einem gegen den Abstieg kämpfenden Aufsteiger ohne Erfolgserlebnis in den letzten Wochen auf gar keinen Fall in Rückstand geraten darf, weil ich Probleme mit Gegentoren habe und erst recht mit Rückständen, wieso bin ich dann nicht von Beginn an hellwach und versuche, wie in den letzten Spielen, ein frühes Erfolgserlebnis herbei zu führen, um Sicherheit in mein Spiel zu bekommen?

Wie ein weißes Blatt Papier

Wieso müssen nach zwei erfolgreichen Spielen im 4-3-3 mit weniger aggressiv aufrückenden Innenverteidigern gefühlt alle Abläufe wieder neu erlernt werden? Glaubt diese Mannschaft wirklich, nachdem sie schon gegen den anderen Aufsteiger aus Wiesbaden und gegen Kiel damit auf die Schnauze flog, dass ihre individuelle Qualität reicht, um am Ende bei einer Mannschaft wie Osnabrück zu gewinnen? Warum fange ich dann wieder an, im Aufbauspiel schlampige Pässe zu spielen und als Konsequenz den Ball sinnlos nach vorne zu dreschen. Warum prügel ich den Ball alibi-mäßig aus 20 Metern 15 Meter übers Tor, obwohl ich die Anspielstationen habe? Gefühlt hat die Mannschaft aus den letzten beiden Spielen nichts mitgenommen, keine Lehren gezogen, sondern ging als weißes Blatt Papier in diese Partie.

Das ist natürlich, und damit kommen wir zur großen Diskussion dieser Tage, auch Aufgabe des Cheftrainers: Die Mannschaft auf den Gegner und das Spiel vorzubereiten, sie zu motivieren und sie richtig einzustellen. Ich bin bei Mannschaftssitzungen nicht dabei und weiß daher nicht, was dort besprochen wird. Von dem, was man bisher von Tim Walter hörte – “Verlieren muss weh tun” – kann ich mir eigentlich nicht vorstellen, dass er Gegner auf die leichte Schulter nimmt, auch wenn er davon überzeugt zu sein scheint, mit seiner Mannschaft, seinem Spielsystem und seiner Aufstellung jede Mannschaft in dieser Liga schlagen zu können. Mir kommt bei der Diskussion aber ehrlich gesagt die Eigenverantwortung der Spieler etwas zu kurz. Wer nach den letzten Spielen mit solcher Überheblichkeit in diese Partie geht, muss sich auch an die eigene Nase fassen und kann nicht das vom Trainer verordnete Spielsystem dafür verantwortlich machen – was natürlich auch niemand tut.

Großchancen trotz Faulheit

Der frühe Gegentreffer und die fehlende Intensität, die ihn ermöglichte ist aber nur das eine Problem. Das andere ist eine Offensive, die zwar erneut vier absolute Großchancen hat, aber gleichzeitig auch große Probleme, ein schnelles, konzentriertes Passspiel aufzuziehen, mit dem sie auch tiefstehende Abwehrreihen überwindet und sich in noch mehr gute Schusspositionen bringt. Vor allem Orel Mangala und Pascal Stenzel blieben auf der rechten Spielfeldhälfte weit unter ihren Möglichkeiten, was den Spielaufbau angeht, aber auch bei ihren Mannschaftskollegen kam es immer wieder zu Fehlpässen, sinnlosen langen Bällen in die Spitze oder ebenso sinnfreien Sicherheitspässen. Entweder weil die Passoption durch mangelnde Bewegung der Mitspieler nicht gegeben war oder weil sie nicht gesehen wurde.

Und ja, natürlich kann oder vielmehr muss man seine Chance auch nutzen. Zur Wahrheit über fehlende Intensität und – nennen wir es mal – Faulheit gehört auch, dass der VfB häufiger aufs Tor schießt als alle anderen Mannschaften in der Liga und dass er nicht nur viele, sondern auch gute Chancen hat.

Dabei mache ich Nicolas Gonzalez bei seinen Chancen, beide aus relativ spitzem Winkel, noch die geringsten Vorwürfe, auch wenn das in Stuttgart seit letzter Saison ja zum Volkssport geworden ist. Dieses Jahr hat er vier Tore erzielt, genauso viele wie Hamadi Al Ghaddioui, aber weil er halt in Berlin im Abseits stand, ist er bei jeder sich bietenden Gelegenheit der Trottel vom Dienst. Die Mannschaft kommt also durchaus in gute Schusspositionen. Aber scheinbar immer noch zu selten, als dass dabei in einem solch engen Spiel mehr als oder überhaupt ein Tor dabei herausspringt. Hier sind wir, wie beim Thema Intensität, wieder beim Thema Kopf angelangt: Wenn Du weißt, dass Du elf Torschüsse brauchst, um ein Tor zu erzielen, wird das Ganze auch irgendwann zur self-fulfilling prophecy, genauso wie wenn Du nach jedem Gegentor den Kopf verlierst. Hier sind Mannschaft und Spieler, vor allem erfahrene Spieler, gleichermaßen gefordert: Kühlen Kopf und Konzentration bewahren, Erfolgserlebnisse schaffen.

Im Derby nicht wieder über die eigenen Beine stolpern

Das Problem: Uns fehlt die Zeit. In zwei Wochen steht das Derby an. Sollte das schief gehen, wird man Walter vermutlich noch vorwerfen, nicht nur arrogant und ideenlos, sondern auch ein badisch-trojanisches Pferd zu sein. Der Druck, wenigstens gegen den dritten Drittliga-Aufsteiger zu gewinnen, zumal noch vor eigenem Publikum, ist groß. Die Lernkurve, die aktuell in Wellenlinien verläuft, muss endlich nach oben zeigen. Meinetwegen dauert es eine Hinrunde, bis das Spielsystem vollständig bei allen Spielern angekommen ist. Aber wir dürfen uns nicht schon wieder selber ein Bein stellen, wie wir das in den vergangenen Spielen getan haben.

 

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