Echte Typen?

Jaja, die Jugend von heu­te. Kei­ne Typen mehr im Fuß­ball, alles weich­ge­spült. Aber von was für Typen reden wir eigent­lich?

Frü­her! Ja, da war alles bes­ser. Da hat­test Du noch Spie­ler­ty­pen im deut­schen Fuß­ball! Effen­berg! Bas­ler! Kahn! Mat­thä­us! Ich könn­te die Lis­te der Spie­ler, denen in der Retro­spek­ti­ve die ulti­ma­ti­ve fuß­bal­le­ri­sche Männ­lich­keit attes­tiert wird, noch ewig wei­ter­füh­ren. Aber wir müs­sen gar nicht so weit zurück gehen: ”

Er habe dar­aus gelernt, dass man „auf die Fres­se“ bekom­me, „wenn du nicht das sagst, was die Leu­te hören wol­len“. Es hei­ße immer, „man wol­le Typen, die ihre Mei­nung sagen – aber das geht heu­te nicht mehr. Wenn du kei­ne Pro­ble­me haben willst, dann hältst du bes­ser den Mund“.

Die Zita­te stam­men vom der­zei­ti­gen VfB-Spie­ler Dani­el Dida­vi und sind in den Stutt­gar­ter Nach­rich­ten nach­zu­le­sen. Dida, Jahr­gang 1990, sieht sich schein­bar in der Tra­di­ti­on der gro­ßen Ver­tei­di­ger der Mei­nungs­frei­heit. Tho­mas Bert­hold stand in Dida­vis Geburts­jahr schon auf dem Platz, spä­ter unter ande­rem auch mit dem Brust­ring auf dem Tri­kot und wird seit Kar­rie­ren­de (und viel­leicht auch schon davor) dafür gefei­ert, dass er kein Blatt vor den Mund nimmt. Was manch­mal viel­leicht bes­ser wäre:

Jetzt möch­te ich natür­lich Dida­vis eso­te­risch-leicht­gläu­bi­ge Rela­ti­vie­run­gen auf Instra­gram nicht gleich­set­zen mit dem ver­schwur­bel­ten Blöd­sinn, den Bert­hold von sich gibt, der mitt­ler­wei­le kom­plett in der Reichs­bür­ger- und Ver­schwö­rer­sze­ne ver­sun­ken zu sein scheint. Und schon gar nicht möch­te ich Hol­ger Bad­s­tu­ber oder Zdrav­ko Kuz­ma­no­vic in die­ser Ecke ver­or­ten, sie kom­men hier aber trotz­dem zur Spra­che. Im Pod­cannstatt bei MeinVfB frag­te  Kuz­ma­no­vic, wer denn der Drecks­kerl beim VfB sei, der mal sei­ne Mei­nung sage, wor­auf­hin die Ver­mu­tung geäu­ßert wur­de, der spie­le jetzt in der zwei­ten Mann­schaft. Gemeint war natür­lich Bad­s­tu­ber, der unlängst in die Regio­nal­li­ga ver­setzt wur­de, wie Sven Mis­li­nat betont “ein­zig und allein” aus sport­li­chen Grün­den. Das mag durch­aus der Fall sein, den­noch titel­te Patrick May­er in den Ippen-Medi­en (hier in der Münch­ner tz):

Weil er unbe­quem und kri­tisch ist: Ex-Bay­ern-Star steht bei Bun­des­li­ga-Kon­kur­rent vor dem Aus

Und auch auf Twit­ter war häu­fig zu lesen: Der VfB schiebt sei­nen ein­zi­gen “ech­ten Typen”, der mal so rich­tig unbe­quem ist, in die zwei­te Mann­schaft ab und hat jetzt nur noch eine Mann­schaft aus weich­ge­spül­ten Jugend­li­chen — und Dani­el Dida­vi, der aber auch am bösen Inter­net­pran­ger steht. Eine Dis­kus­si­on, die natür­lich gut in den Zeit­geist passt und die sich auch unter unse­rem Face­book-Post zu Bert­holds geis­ti­gem Dünn­pfif ent­sponn:

 

Der Tenor lau­tet: Man darf ja nichts mehr sagen und wenn man es doch tut, dann wird man zen­siert und kriegt “auf die Fres­se” (Zitat Dida­vi), weil kei­ne “Typen, die ihre Mei­nung sagen” (erneut Zitat Dida) mehr gewünscht sei­en und von daher sei es mit der Mei­nungs­frei­heit nicht weit her. War­um das Quatsch ist, hat auf Sami­ra El Ouas­sil auf Über­me­di­en per­fekt erklärt:

Mei­nungs­frei­heit ist nicht Wider­spruchs­frei­heit. Sie dür­fen alles sagen, nur müs­sen Sie auch damit rech­nen, dass ande­re eben­falls Gebrauch von ihrem Recht auf Mei­nungs­frei­heit machen und Ihnen wider­spre­chen. Das ist beson­ders der Fall, wenn sie öffent­lich auf­tre­ten oder sich im öffent­li­chen Raum, online und off­line, arti­ku­lie­ren. Mei­nungs­frei­heit befreit Sie nicht davon, Ver­ant­wor­tung für das zu über­neh­men, was Sie gesagt oder geschrie­ben haben.

Und über­haupt: Wird man in Fuß­ball­krei­sen nur dadurch zum “ech­ten Typen”, dass man unre­flek­tier­ten Bull­shit von sich gibt, oder “übers Ziel hin­aus­schießt” (Zitat Bad­s­tu­ber, ohne bei­des gleich­zu­set­zen)? Dass die Spra­che im Fuß­ball und über Fuß­ball eher archa­isch ver­an­lagt ist, weiß jeder, der sich auch nur ansatz­wei­se damit beschäf­tigt. Die Schwä­che, die das Busi­ness und auch vie­le Fans jedoch für Dampf­plau­de­rer wie Bas­ler, Effen­berg oder eben Bert­hold haben, ist bemer­kens­wert. Da wer­den dann Aus­sa­gen mit viel Mei­nung und wenig Ahnung “mutig” genannt oder vor­zugs­wei­se von Sport­jour­na­lis­ten aller Güte­klas­se in Über­schrif­ten als “Klar­text ange­prie­sen”. Und damit sug­ge­riert, die Per­so­nen zeig­ten Zivil­cou­ra­ge, indem sie ent­ge­gen öffent­li­chen Drucks und unter angeb­li­cher Andro­hung von Zen­sur unbe­que­me Sachen aus­sprä­chen. Was dar­an mutig sein soll sich sonn­tags mor­gens ins Fern­se­hen zu set­zen und dum­mes Zeug zu quas­seln, erschließt sich mir nicht. Außer natür­lich, dass sich die Bericht­erstat­tung über sol­che Aus­sa­gen bes­ser klickt als “Bas­ler zeich­net im Fern­se­hen dif­fe­ren­zier­tes Bild der Lage der Natio­nal­mann­schaft”.

Dabei gäbe es so vie­le Gegen­bei­spie­le:

Viel­leicht wäre es an der Zeit, dass der Fuß­ball sein selt­sa­mes Kon­zept der “ech­ten Typen” über­denkt und den­je­ni­gen zuhört, die wirk­lich was zu sagen haben.

4 Gedanken zu „Echte Typen?“

  1. Hal­lo Lenn­art,

    dan­ke für Dei­nen Bei­trag. Ich hal­te ihn für von vorn bis hin­ten zustim­mungs­fä­hig. Wich­tig auch Dein Hin­weis auf das Ver­hal­ten und den Inhalt “klas­si­scher Medi­en” wie StN/StZ und Münch­ner tz: Die tre­ten lei­der zu häu­fig den übli­chen Stamm­tisch-Quark breit. Lenn­art, bit­te nicht als Belei­di­gung betrach­ten wenn ich behaup­te: Das, was Du hier schreibst, hat für mich jour­na­lis­ti­sches For­mat und edi­to­ri­sche Qua­li­tät. Ich schrei­be das aus­drück­lich so, weil ich mir vor­stel­len kann, das man als Autor ungern mit Leu­ten, die ein­sei­tig-pau­scha­li­sie­ren­des Click­bait-Geschwätz ver­brei­ten — wie Patrick May­er oder eini­ge (nicht alle!) Leu­te aus dem Pres­se­haus Stutt­gart — in einem Atem­zug genannt wer­den möch­te.

    Defi­ni­ti­on “Ech­ter Typ, der”:

    Im Bereich Fuß­ball ein ehe­mals ver­dien­ter oder sogar über­durch­schnitt­lich ver­an­lag­ter Spie­ler (scheint ein eher typi­sches “Män­ner­ding” zu sein), der ob des Ein­tre­tens eige­ner abneh­men­der Leistungsfähigkeit/Bereitschaft und des damit kor­re­spon­die­rend auf­tre­ten­den kogni­tiv-dis­so­nant moti­vier­ten Wirk­lich­keits­ver­lus­tes schwe­re, nicht aus­halt­ba­re Tur­bu­len­zen beim Abgleich von Eigen- und Fremd­wahr­neh­mung erlei­det. Meist äußert sich die­se Per­sö­nich­keits­ver­än­de­rung durch ver­ba­le Gonor­rhoe, erhöh­te Belei­digt­heits­be­reit­schaft, sach­ar­gu­ment­freie Mei­nungs­an­ma­ßung und Zir­kel­schluss­ar­gu­men­ta­ti­on. Nicht sel­ten tritt eine kumu­la­ti­ve Häu­fung der Sym­pto­ma­tik auf. Eine epi­de­mi­sche Ver­brei­tung scheint social-media-bedingt mög­lich. Die “ech­ter Typ”-Markierung wird als “last-Hero”-Erscheinung fehl­in­ter­pre­tiert und mons­tranz­ar­tig zur Selbst­e­ti­ket­tie­rung in der eige­nen Gesin­nungs-Kohor­te ver­wen­det.

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