“Der eine sitzt im Süden, der andere im Westen”

…na, wer erinnert sich noch an das Zitat? Heute vor fünf Jahren stimmten 84,2 Prozent der anwesenden VfB-Mitglieder für eine Ausgliederung des Profifußballs aus dem Gesamtverein. Zeit für eine Bilanz – und einen Realitätscheck für Ex-Präsidenten.

Ich will hier gar nicht groß auf die bis ins letzte Jahr bestehenden Manipulationsvorwürfe bei der außerordentlichen Mitgliederversammlung am 1. Juni 2017 eingehen. Selbst wenn es hier zu Unregelmäßigkeiten gekommen ist, hätte wahrscheinlich immer noch die erforderliche Mehrheit der Anwesenden, beglückt von Gratistrikots, berauscht von einer Aufstiegsfeier und überzeugt von einem Sportdirektor und einem Trainer, die sieben Monate später schon wieder Geschichte waren, trotzdem für die Ausgliederung gestimmt. Es soll hier auch gar nicht darum gehen, jede einzelne Ungeheuerlichkeit von Wolfgang Dietrich nochmal aufzulisten.

Schaumschläger im Luftschloss

Aber das Interview mit ihm, welches am 12. Juli 2017 in der SportBild erschien, steht in gewisser Weise exemplarisch für die Diskrepanz zwischen Wunschdenken und Realität beim ehemaligen Präsidenten. Dass an jenem 12. Juli der VfB ein Testspiel bei Dynamo Dresden bestritt und der kürzlich verpflichtete Ron-Robert Zieler dabei nicht gut aussah, könnte man im Rückblick als prophetisch bezeichnen, es ist aber natürlich nichts anderes als purer Zufall. In dem Interview, veröffentlicht etwa eineinhalb Monate nach dem Aufstieg gegen Würzburg und der kurz darauf erfolgten Ausgliederung und weniger als einen Monat bevor Dietrich Jan Schindelmeiser entließ und wenig später durch Michael Reschke ersetzte, wurde Dietrich gefragt, wo er den VfB in fünf Jahren sehe, wenn “das komplette Potenzial” ausgeschöpft würde. Seine Antwort:

„Mein Traum ist, dass wir uns dann im oberen Drittel der Tabelle etabliert haben und bestenfalls nur zwei Vereine größer sind als wir. Der eine sitzt im Süden, der andere im Westen. Dass das ein sehr weiter Weg ist, ist mir klar. Aber es gibt Beispiele, wie schnell das bei den entsprechenden Strukturen gehen kann. Schauen Sie sich Dortmund 2008 an.“

Nummer Drei in Deutschland bis 2022. Kleiner ging es scheinbar nicht. Natürlich war sein Traum, der VfB würde fünf Jahre nach der Ausgliederung dank der vom Daimler “eingeworbenen” sogenannten Anschubfinanzierung im oberen Tabellendrittel der Bundesliga etabliert sein und nur noch zwei Vereine vor sich haben, schon damals nur Schaumschlägerei. Aber mit der Entscheidung in der angeblich jahrelang den Verein lähmenden Ausgliederungsdiskussion wurde ja noch viel mehr verbunden als Dietrichs Luftschlösser, mit denen er sich endlich auf Augenhöhe mit seinen Münchner Freunden wähnte. Es sollte alles besser werden. Fünf Jahre später sind wir ein bisschen schlauer.

Ohne Ausgliederung noch schlimmer?

Aber bleiben wir zunächst mal bei der sportlichen Bilanz, die nicht unerheblich auch mit den durch die Ausgliederung ermöglichten finanziellen Mitteln zu tun hat. Schon die unsägliche schlittenhardtsche Kampagne baute ja auf dem Versprechen auf, dass nur ein Ja zur Ausgliederung Erfolg verheißen würde, Dietrich warnte Im April 2017 in einem Interview gar vor den Folgen eines negativen Votums: “Würden die Mitglieder des Fußball-Zweitligisten am 1. Juni dagegen stimmen, ‘müssen wir uns künftig vielleicht doch eher als Ausbildungsverein aufstellen, der Jahr für Jahr versucht, sich über Wasser zu halten’“.

Natürlich kann man die finanziellen Auswirkungen der Pandemie nicht völlig außer Acht lassen, dennoch muss man konstatieren: Der VfB ist aktuell genau jener Ausbildungsverein, der ums Überleben in der Bundesliga kämpft und wäre es durch die Folgen des zweiten Abstiegs 2019 wohl so oder so gewesen. Andererseits muss man im Nachhinein festhalten, dass man aktuell ohne die Ausgliederung wahrscheinlich noch viel schlechter dastünde. Denn zum einen wäre man 2019 wohl komplett auf die Pavard-Ablöse angewiesen gewesen, um die Verluste durch den Abstieg aufzufangen und hätte wohl kaum kolportierte acht Millionen Euro für einen bislang unbekannten Außenstürmer des Paris FC übrig gehabt. Zum anderen konnte mit Nico Gonzalez ein im Sommer 2018 für viel Geld verpflichteter Spieler mittlerweile für noch mehr Geld verkauft werden, mit Borna Sosa wird ihm bald ein weiterer folgen. Auch die Jugendarbeit, in die 2017 vor allem infrastrukturell  investiert wurde, trägt nach dürren Jahren endlich wieder Blüten und vielleicht bald auch Früchte.

Andererseits wurde einem als VfB-Fan erst vor Kurzem wieder schmerzhaft verdeutlicht, wie Dietrich mit seiner Personalpolitik die überraschend gute Ausgangslage 2018 wieder verspielte. Denn von den einst 10 Millionen Euro, die der VfB an Manchester City für Pablo Maffeo überwies, blieben im Sommer 2022 nur maximal drei Millionen übrig, eher weniger. Dass der VfB für Maffeo das bekomme, was er bezahlt habe, wie Dietrich einst tönte, nachdem er den Spieler zuvor öffentlich diskreditiert hatte: wieder so ein Luftschloss ohne Realitätssinn. Von Platz 3 in der Tabelle oder gar dem oberen Tabellendrittel ist der VfB aktuell weit entfernt, was eben auch daran lag, dass die Vereinsführung das Ausgliederungsgeld durch fragwürdige Transfers und vor allem eine noch fragwürdigere Personalpolitik in der Trainerfrage mit beiden Händen zum Fenster rauswarf. Der Abstieg 2019 war auch die Folge der Installation Michael Reschkes als Sportvorstand und dessen Entscheidungen auf sportlicher Ebene. Auch wenn das obere Tabellendrittel angesichts der Konkurrenz, die jedes Jahr Mittel in Höhe der Daimler-Millionen geschenkt kriegt oder ein vielfaches davon auf dem Konto hat, schon immer ein unrealistischen Ziel war: Der VfB hätte sportlich mehr aus der Ausgliederung machen können.

Mag noch wer?

Und auch finanziell. Was auch daran liegt, dass in den vergangenen fünf Jahren nur ein weiterer Investor bereit war, Geld in die VfB AG zu investieren, namentlich der aktuelle Ausrüster, der mit dem für seine Verhältnisse wahrscheinlich großen, im Vergleich zum Ankerinvestor aber überschaubaren Investment von etwa 4 Millionen Euro Anteile erwarb. Nun kenne ich die Verhandlungen nicht, was ich aber kenne ist die Vorgabe, dass der Investor dem VfB einen strategischen Mehrwert bieten müsse. Immerhin schon mal ein Fortschritt zu Dietrich, der Anteile wohl einfach an den Meistbietenden verkauft hätte – selbstredend nachdem er vor der Ausgliederung etwas anderes erzählt hatte. Das gelang ihm aber genausowenig wie Stefan Heim und Jochen Röttgermann oder später Thomas Hitzlsperger und Claus Vogt. Dabei hatte man sich das vor fünf Jahren so schön ausgemalt: “Der Vereinswert beträgt damit laut Dietrich 353 Millionen Euro. Mindestens weitere 60 Millionen Euro sollen durch weitere Verkäufe von Anteilen in den kommenden Jahren in die Kasse kommen. Maximal fünf Partner sollen es am Ende sein. ‘Die Arbeit geht jetzt erst richtig los, sagte Dietrich, aber wir sind uns unserer Verantwortung bewusst.’“ Da muss schon die Frage erlaubt sei, ob es überhaupt seriöse Investoren gibt, die Interesse an einem Investment in den VfB haben oder ob die Ausgliederung vor allem dem Daimler als Vehikel diente und die Attraktivität des VfB für andere Firmen eher überschaubar ist.

Aber das nur am Rande, denn ich brauche auch keine weiteren Investoren, die wie anderswo oder auch wie im Falle eines ehemaligen Aufsichtsratsmitglieds ins operative Geschäft eingreifen. Ich wollte vor allem darauf hinweisen, dass man die eigenen, sowieso schon unrealistischen Ankündigungen durch eigene Inkompetenz zusätzlich torpediert hat. Wodurch der VfB wieder ziemlich genau an dem Punkt steht, an dem er bereits vor dem 1. Juni 2017 stand.

Kein gutes Beispiel

Ein wesentlich nachhaltigeres und problematischeres Erbe der Ausgliederung waren jedoch die durch sie geschaffenen Strukturen des Gesamtkonstrukts VfB, die primär auf eine Personallage zugeschnitten waren. Nämlich der eines Präsidenten des e.V. und operativ agierenden Aufsichtsratsvorsitzenden der AG in Personalunion, im e.V. abgesichert durch Zirkelbezüge, also sich gegenseitig zur Wahl vorschlagende Gremien und einen Vereinsbeirat, der bis 2019 seiner Kontrollaufgabe nur unzureichend nachkam. Strukturen, die gut für Dietrich und seine Hintermänner waren, aber schlecht für den VfB. Die Satzung wird gerade repariert, irreparabel scheint aber der Schaden zu sein, der durch die Einführung des Amt des Vorstandsvorsitzenden entstand. Sobald die entscheidenden Personen in AG und e.V. nicht mehr die gleichen sind, entsteht Konfliktpotenzial, unabhängig davon, wer diese Personen sind. Das ist einerseits gut, denn demokratisch gewählte Vertreter*innen des Vereins sollten immer die Aufsicht über Angestellte der AG haben, weswegen Hitzlspergers Präsidentschaftskandidatur auch keine gute Idee war. Gleichzeitig zieht aber genau das eine Spaltung nach sich, wie wir sie aktuell immer wieder erleben. Strukturell hat sich der VfB mit der Ausgliederung also keinen Gefallen getan, zumindest solange nicht Zuständigkeiten klar abgesteckt sind.

Was also bleibt, fünf Jahre nach der Ausgliederung? Sportlichen und finanziellen Erfolg hat sie noch nicht gezeitigt, sie war auch kein Türöffner für weitere Investitionen. Strukturell war sie unausgegoren und brachte auch personell einige unangenehme Begleiterscheinungen mit. Gleichzeitig könnte sie sich für die Zukunft als nützlich erweisen. Ich halte immer noch nichts davon, dass der VfB zum Teil Unternehmen gehört, die ich als Fan kritisch sehe und ich bleibe auch dabei, dass gute Arbeit in den letzten fünf Jahren eine Ausgliederung überflüssig gemacht hätten. Aber die Möglichkeit, darüber in Zukunft finanziell brenzlige und angesichts der wirtschaftlich angespannten Lage überlebenswichtige finanzielle Mittel zu beschaffen, sollte man nicht außer Acht lassen. Eine Ausgliederung kann eine Chance sein, die auch Traditionalisten unter gewissen Umständen zähneknirschend akzeptieren können sollten. Ein Beispiel am VfB sollte man sich dabei allerdings nicht nehmen.

Titelbild: © Tom Dulat/Getty Images

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