Crunchtime

Das 2:2 in Han­no­ver ist ein Spie­gel­bild der bis­he­ri­gen VfB-Sai­son: Nicht über­zeu­gend. Was bedeu­tet das für Tim Wal­ter?

Viel wur­de gere­det vor die­sem letz­ten Spiel im Jahr 2019. Vom Trai­ner über die Spie­ler — “…ande­re Stür­mer hät­ten die­se Tore gemacht” und “Ich lie­be mei­ne Mann­schaft” — von Fans über den Trai­ner — bei Bedarf ein­fach mal Face­book oder Twit­ter auf­ma­chen — und von Fans mit der Mann­schaft — Inhalt unbe­kannt. Gebracht hat es am Ende…nun, nicht nichts, aber defi­ni­tiv zu wenig. Denn das, was die Her­ren im Brust­ring in Han­no­ver vor dem Sei­ten­wech­sel boten, war im Ange­sicht der Vor­ge­schich­te die­ses Spiels erbärm­lich.

Unerklärlich

Nicht nur, dass man eine, Über­ra­schung, aggres­siv auf­tre­ten­de Heim­mann­schaft zum Tore schie­ßen ein­lud und fol­ge­rich­tig mal wie­der ein leicht zu ver­hin­dern­des Tor kas­sier­te. Nein, man mach­te auch kaum Anstal­ten, die­ses Feh­ler unge­sche­hen zu machen. Statt­des­sen trieb man das Sicher­heits­pass­spiel so sehr auf die Spit­ze, dass selbst ich nach dem fünf­ten hilf­lo­sen Rück­pass auf Bred­low in Fol­ge Ver­ständ­nis für Pfif­fe gehabt hät­te, wäre dies ein Heim­spiel gewe­sen. Ich habe kei­ne Lust mehr, mir Erklä­run­gen dafür anzu­hö­ren, dass die Mann­schaft des VfB ohne Kon­zen­tra­ti­on und Sie­ges­wil­len in ein Spiel geht und die, die Kapi­tän (schwe­rer Platz) und Trai­ner (gehemmt durch Trai­ner­dis­kus­si­on) anbie­ten, sind ein Witz. Mag sein, dass Wal­ter und sei­ne Füh­rungs­spie­ler, bezie­hungs­wei­se sei­ne Mann­schaft ihre unter der Woche ent­stan­de­nen Dif­fe­ren­zen aus­ge­räumt haben. Das macht die Leis­tung der ers­ten Hälf­te nur noch erschre­cken­der. Denn dann war sich die Mann­schaft offen­sicht­lich nicht der Bri­sanz bewusst. Oder, was ich für wahr­schein­li­cher hal­te: Es war ihr egal.

Dass es am Ende nicht 0:1, son­dern 2:2 stand, ist eben­so sinn­bild­lich für die Hin­run­de. Denn direkt mit Wie­der­an­pfiff ließ die Mann­schaft kurz auf­fla­ckern, was sie eigent­lich konn­te und als Silas Waman­gi­tu­ka den Innen­pfos­ten mit­nahm, um den Brust­ring in Füh­rung zu brin­gen, dach­te ich kurz, die Mann­schaft hät­te sich und ihrem Trai­ner wirk­lich mal zur Abwechs­lung den Arsch geret­tet.

Aber ach, wie soll­te ich mich irren.

Erneut zu wenig

Denn die Pha­se zwi­schen der 46. und 62. Minu­te war wie die Heim­sie­ge gegen Dres­den, Karls­ru­he und Nürn­berg: Nett anzu­schau­en, aber am Ende wert­los, weil man sich den Hin­tern nicht ret­tet, son­dern mit ihm vor­an­ge­gan­ge­ne Erfol­ge wie­der ein­reißt. Ein Schuss von Prib ins Tor­war­teck und mal wie­der meh­re­re leicht­fer­tig ver­ge­be­ne Chan­cen — Asca­ci­bar hät­te auf Gon­za­lez able­gen müs­sen, Waman­gi­tu­ka hat­te genug Zeit, um den Ball nicht vol­ley neh­men zu müs­sen — waren am Ende die Zuta­ten zum nächs­ten ent­täu­schen­den Punkt­ver­lust. Erneut sah man von den Füh­rungs­spie­lern auf dem Platz viel zu wenig oder im Fal­le des fast-400­ma­li­gen Bun­des­li­ga-Spie­lers Gon­za­lo Cas­tro zu viel Unge­nü­gen­des.

Der VfB hat unter anderem auch ein Führungsspieler-Problem. © Getty/Bongarts
Der VfB hat unter ande­rem auch ein Füh­rungs­spie­ler-Pro­blem. © Getty/Bongarts

Auch der zurück gekehr­te Marc-Oli­ver Kempf tut sich kei­nen Gefal­len damit, die Leis­tung in die­sem und den ver­gan­ge­ne Aus­wärts­spie­len schön­zu­re­den und jenen, die den Auf­stieg in Gefahr sehen, die Ahnung vom Fuß­ball abzu­spre­chen. Ja, Bie­le­feld hat ver­lo­ren und der HSV das vier­te Spiel in Fol­ge nicht gewon­nen. Das, lie­ber Herr Kempf, ist aber auch der Grund, war­um “noch alles mach­bar” ist. Nicht, weil wir “tol­len Fuß­ball” spie­len.

Jetzt haben wir also noch 16 Spie­le, um den unbe­dingt nöti­gen Wie­der­auf­stieg zu schaf­fen. Dass uns, was Kempf ver­schweigt, Hei­den­heim mit einem und Aue mit zwei Punk­ten auf die Pel­le gerückt sind, hilft dabei nicht unbe­dingt. Jetzt hat in der Win­ter­pau­se jede Mann­schaft dort oben die Zeit, neu zu jus­tie­ren und per­so­nell nach­zu­le­gen. Den finan­zi­el­len Vor­teil hat dabei mit Sicher­heit der VfB. Nur: Für wel­chen Trai­ner holt man die Spie­ler? Am Sonn­tag­abend war noch kein Rauch an der Mer­ce­des­stra­ße, oder wo auch immer Mislin­tat, Hitzl­sper­ger und Wal­ter ihre “knall­har­te Ana­ly­se” durch­füh­ren, auf­ge­stie­gen.

Fehler, immer wieder

Ich kann mir nicht vor­stel­len, dass Tim Wal­ter im neu­en Jahr noch VfB-Trai­ner ist. Zu laut rumort es in Stutt­gart, im Ver­ein und drum­her­um. Ich mache da nie­man­dem einen Vor­wurf: Natür­lich ist die Tabel­le noch völ­lig offen. Aber eine Kopie die­ser Hin­run­de kön­nen wir uns in der Rück­se­rie nicht leis­ten. Und ich sehe bei der Mann­schaft aktu­ell kei­ne Ansät­ze, die mich posi­tiv stim­men, dass es anders kommt. Ob das ein ande­rer Trai­ner ändern kann? Weiß ich nicht. Ich habe auch kei­ne Lust mehr, dar­auf zu hof­fen, dass der nächs­te Trai­ner end­lich der Rich­ti­ge ist oder zumin­dest der, der die­sen Ver­ein mal eine kom­plet­te Sai­son lang per­so­nell über­lebt. Ich rech­ne ab jetzt nur noch mit Sechs-Monats-Trai­nern.

Wie geht es für ihn weiter? © Getty/Bongarts
Wie geht es für ihn wei­ter? © Getty/Bongarts

Ob eine Ent­las­sung Wal­ters jetzt gerecht­fer­tigt, nach­voll­zie­bar, drin­gend not­wen­dig und erfolgs­ver­spre­chend ist oder nicht: Sie ist auch ein Zei­chen dafür, dass man Feh­ler gemacht hat. Ähn­li­che Feh­ler wie die, mit denen sich der VfB zwei­mal schnur­stracks in Liga Zwei gestüm­pert hat. Und selbst wenn man mit Wal­ter wei­ter­macht: Allein die Tat­sa­che, dass er zur Win­ter­pau­se auf der Kip­pe stand, ist erschre­ckend. Denn die­ser Ver­ein, den man nicht Klep­per­les­ver­ein nen­nen darf, schafft es schein­bar nicht, die rich­ti­gen Ent­schei­dun­gen zu tref­fen und das in einer Regel­mä­ßig­keit und Vehe­menz, die mich lang­sam dar­an zwei­feln lässt, dass wir in abseh­ba­rer Zeit mal wie­der eine ruhi­ge, unauf­ge­reg­te Sai­son im Nie­mands­land der Bun­des­li­ga erle­ben wer­den. Dar­auf war­te ich seit Jah­ren.

Soll­te Tim Wal­ter vor Weih­nach­ten noch ent­las­sen wer­den, wer­den wir uns sicher­lich hier und viel­leicht auch im Pod­cast noch­mal mel­den. Falls nicht, an die­ser Stel­le schon ein­mal schö­ne Fei­er­ta­ge!

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