Bankrott

Mit 0:3 geht der VfB Stutt­gart im so wich­ti­gen Aus­wärts­spiel bei For­tu­na Düs­sel­dorf unter und zeigt, dass er in jeg­li­cher Hin­sicht hand­lungs­un­fä­hig ist.

Wann wuss­ten wir vor drei Jah­ren, dass der Abstieg so gut wie besie­gelt ist? Nach der desas­trö­sen Mon­tag­abend-Klat­sche in Bre­men? Als Mar­tin Har­nik das 2:2 in Darm­stadt damit zu ver­tei­di­gen ver­such­te, dass man ja den Vor­sprung auf einen direk­ten Kon­kur­ren­ten gehal­ten habe? Oder war es schon der 27. Febru­ar, als man zu Hau­se gegen den Tabel­len­letz­ten und spä­te­ren Mit­ab­stei­ger Han­no­ver 96 1:2 ver­lor und begann, die zehn Punk­te Vor­sprung auf einen direk­ten Abstiegs­platz inner­halb von 11 Spie­len zu ver­ge­ben? Wie auch immer: Wenn sich die Ver­eins­his­to­ri­ker der­einst fra­gen, was 2019 den Aus­schlag gege­ben hat, dann wer­den sie auch auf den 10. Febru­ar bli­cken müs­sen, genau­er gesagt auf die 34. Minu­te des Aus­wärts­spiels der Brust­ring­trä­ger bei For­tu­na Düs­sel­dorf, als der mit welt­meis­ter­li­chen Wei­hun­gen gekrön­te Außen­ver­tei­di­ger Ben­ja­min Pavard schlicht­weg kei­ne Lust hat­te, sei­nen Gegen­spie­ler Dodi Luke­bak­io am Flan­ken zu hin­dern. Natür­lich ist Pavard, der offen­sicht­lich schon sehn­süch­tig die A8 gen Osten run­ter blickt, nicht der Allein­ver­ant­wort­li­che für die sport­li­che und men­ta­le Bank­rott­erklä­rung, die der VfB am Sonn­tag­abend in Düs­sel­dorf abgab. Aber sein Ver­hal­ten steht bei­spiel­haft und sym­pto­ma­tisch für den gan­zen Ver­ein.

Auf der Pirsch gescheitert

Viel Ballbesitz, wenig Nutzen. Der VfB spielt wie ein Hund, der seinem eigenen Schwanz nachjagt. Grafik: © ballstatistik.de
Viel Ball­be­sitz, wenig Nut­zen. Der VfB spielt wie ein Hund, der sei­nem eige­nen Schwanz nach­jagt. Gra­fik: © ballstatistik.de

Denn der VfB hat sich selbst in eine Lage manö­vriert, aus der er schein­bar nicht mehr her­aus­kommt. Das trifft vor allem und zuvor­derst auf die Mann­schaft zu. Nach der Klat­sche in Mün­chen hat­te Chris­ti­an Gent­ner noch betont, die Par­tien gegen die mehr oder min­der direk­ten Kon­kur­ren­ten Frei­burg und Düs­sel­dorf sei­en noch kei­ne End­spie­le, nur “enorm wich­tig”. Genau­so final­un­taug­lich trat der VfB in Düs­sel­dorf auch auf. War das 2:2 in der Vor­wo­che leis­tungs­ge­recht gewe­sen, weil der VfB eben kei­nen Deut bes­ser war als die Frei­bur­ger, so ent­sprach auch das 0:3 ziem­lich genau den Ver­hält­nis­sen auf dem Platz. Auf der einen Sei­te: For­tu­na Düs­sel­dorf, die sich immer näher an das Tor von Ron-Robert Zie­l­er her­an­pirsch­ten und irgend­wann die VfB-Defen­si­ve so aus­ge­guckt hat­ten, dass die drei Tore nur eine logi­sche Fol­ge waren. Auf der ande­ren Sei­te ein VfB, der bei der Pirsch nicht ein­mal über die Mit­tel­li­nie hin­aus­kam, bevor die Tor­chan­ce bereits die Flucht ergriff. Und der sich, um im sprach­li­chen Bild zu blei­ben, defen­siv auf den Rücken leg­te, um sich von der For­tu­na aus­wei­den zu las­sen. Egal ob beim 1:0, als die Haus­her­ren den Ball nach einem Fehl­pass von Zuber gemäch­lich durch die Rei­hen lau­fen lie­ßen, bevor Pavard halb­her­zig so tat, als wol­le er die Flan­ke ver­hin­dern und vier VfB-Spie­ler nicht in der Lage waren, Ken­an Kara­man am Kopf­ball zu hin­dern oder beim 2:0, als Jean Zim­mer unbe­hel­ligt durch das defen­si­ve Mit­tel­feld des VfB tra­ben durf­te und sich Chris­ti­an Gent­ner und Sant­ia­go Ascací­bar von einem, bei allem Respekt, 36jährigen ver­na­schen lie­ßen, der in die­ser Sai­son erst zehn Spie­le absol­viert hat.

Die Mann­schaft scheint nicht fähig oder wil­lens zu sein, in einem sol­chen Spiel ihr poten­zi­ell vor­han­de­nes Leis­tungs­ver­mö­gen abzu­ru­fen. Ist es die Psy­che, die den Spie­lern die Bei­ne schwer macht? Abge­se­hen davon, dass Chris­ti­an Gent­ner nach den Erfah­run­gen seit sei­ner Rück­kehr zum VfB eigent­lich Ner­ven aus Stahl haben müss­te mitt­ler­wei­le, bin ich nicht mehr bereit, das als Aus­re­de durch­ge­hen zu las­sen. Sie hat­ten im Som­mer alle Vor­aus­set­zun­gen, um aus die­ser Spiel­zeit etwas ande­res zu machen als die schlech­tes­te der Ver­eins­ge­schich­te. Sie hat­ten mit der not­wen­di­gen Ent­las­sung von Tay­fun Korkut im Okto­ber die Mög­lich­keit zu einem fri­schen Start. Sie hat­ten in der Win­ter­pau­se etwas, wenn auch nicht über­mä­ßig viel Zeit, den Akku wie­der auf­zu­la­den und den Kopf frei zu bekom­men. Irgend­wann ist es dann auch mal gut mit den Aus­re­den und Ali­bis, als die übri­gens auch die “Diet­rich raus”-Rufe nicht tau­gen. Die kamen näm­lich in Düs­sel­dorf erst ab der 80. Minu­te, als man schon hoff­nungs­los mit 0:2 zurück­lag. Viel mehr begrün­de­te sich die­ser Auf­fahr­un­fall von einem Spiel in einer Mischung aus feh­len­der Men­ta­li­tät, gedank­li­cher Träg­heit und man­geln­der Qua­li­tät. Was sich exem­pla­risch an Ste­ven Zuber fest­ma­chen lässt, denn seit des­sen Ver­pflich­tung hat sich auf dem lin­ken Flü­gel ein mehr oder min­der gro­ßes schwar­zes Loch auf­ge­tan, wel­ches dort­hin gespiel­te Bäl­le ein­fach ver­schlingt in der Hälf­te des VfB wie­der aus­spuckt.

Tief im Matsch

Das Pro­blem, das auch die Hand­lungs­un­fä­hig­keit des VfB ein­schränkt: Was willst Du auf dem Platz ändern? Wen willst Du aus­tau­schen? Natür­lich kann man Pavard auf die Bank set­zen oder wie­der in die Mit­te schie­ben. Dann hast Du als Alter­na­ti­ve einen ver­let­zungs­an­fäl­li­gen und offen­siv wir­kungs­lo­sen Andre­as Beck oder einen Pablo Maf­feo, der zum einen offen­sicht­lich nicht alle Tas­sen im Schrank hat und zum ande­ren nach der teil­wei­se berech­tig­ten ver­ba­len Exe­ku­ti­on auch nur bedingt moti­vier­ter sein dürf­te als Pavard. Bei­spiel defen­si­ves Mit­tel­feld: Eigent­lich müss­test Du Sant­ia­go Ascací­bar eine Pau­se gön­nen und die mensch­li­che Ball­brems­ma­schi­ne Chris­ti­an Gent­ner  eben­falls da raus­neh­men. Aber wer soll es sonst machen? Ein Gon­za­lo Cas­tro, der sei­ner Form hin­ter­her läuft und ein Den­nis Aogo, des­sen spie­le­ri­scher Hori­zont bei Fünf-Meter-Sicher­heits­päs­sen am Mit­tel­kreis endet? Die VfB-Kar­re hat sich so fest im Matsch fest­ge­fah­ren, dass Du sie eigent­lich kom­plett aus­ein­an­der neh­men und neu zusam­men­set­zen müss­test. Aber Du kriegst das Ding der­zeit weder aus der Pfüt­ze raus, noch hast Du die nöti­gen Ersatz­tei­le. In den kom­men­den Spie­len gegen Leip­zig und in Bre­men wer­den es wie­der die glei­chen Spie­ler mit den glei­chen Pro­ble­men sein, die für die glei­chen schlech­ten Ergeb­nis­se sor­gen wer­den. Kei­ner zeigt momen­tan auf­stei­gen­des Poten­zi­al und irgend­ei­ner pennt hin­ten immer, im Zwei­fels­fall gleich meh­re­re.

Und das genau ist auch das Pro­blem, dass der VfB nicht nur auf dem Rasen, son­dern auch an der Sei­ten­li­nie hat:

Ich war mir eigent­lich ges­tern Abend ziem­lich sicher, dass es das für Mar­kus Wein­zierl war. Zu nie­der­schmet­ternd die Bilanz, zu nicht-exis­tent die spie­le­ri­sche Ent­wick­lung sowie die Aus­sicht auf Lösungs­an­sät­ze. Am Mon­tag­vor­mit­tag drang dann von der Mer­ce­des­stra­ße so lang­sam durch, dass Wein­zierl auf jeden Fall noch gegen Leip­zig auf der Bank sit­zen wür­de. Und man muss sich nach dem ers­ten Trai­ner­wech­sel im Okto­ber auch fra­gen: Wel­che Wir­kung hat ein Trai­ner­wech­sel auf die­se Mann­schaft? Schein­bar kei­nen, weder kurz, noch lang­fris­tig. Wenn eine Mann­schaft nicht in der Lage ist, sich in so einem Spiel wie dem in Düs­sel­dorf zusam­men zu rei­ßen und den Abstiegs­kampf anzu­neh­men, wel­che Impul­se willst Du denn da noch von außen set­zen? Gut, man könn­te Nico Wil­lig und sei­ne gesam­te A‑Jugend in den Pro­fi­ka­der beför­dern und die ers­te Mann­schaft in die Regio­nal­li­ga run­ter­schi­cken, um dort den Klas­sen­er­halt zu ret­ten. Aber sonst? Wie eben beschrie­ben hast Du ja schon per­so­nell kei­ne Mög­lich­kei­ten, den Her­ren Feu­er unterm Arsch zu machen. Natür­lich bleibt einem im Hin­ter­kopf immer, wie Jür­gen Kram­ny 2016 nicht in der Lage war, der Mann­schaft die Bequem­lich­keit aus­zu­trei­ben. Aber hät­te Huub Ste­vens damals ein 2:6 in Bre­men zu ver­hin­dern gewusst? Ich wage es zu bezwei­feln. Auf der ande­ren Sei­te will sich natür­lich kei­ner beim VfB vor­wer­fen las­sen, nicht alles ver­sucht zu haben. Ich gehe also davon aus, dass ich spä­tes­tens am kom­men­den Sonn­tag mal wie­der einen Trai­ner­wech­sel ver­schla­fen wer­de, so wie ich das bei Korkut und Wolf auch getan habe. Und dann?

Fehlgriffe

Der Grund, war­um Mar­kus Wein­zierl in die­ser Woche noch das Trai­ning lei­tet, ist natür­lich abseits jeg­li­cher Küchen­tisch­psy­cho­lo­gie ein ganz ande­rer und liegt ein bis zwei Eta­gen höher:

Man muss mitt­ler­wei­le davon aus­ge­hen, dass eine Ent­las­sung von Wein­zierl einen Domi­no­ef­fekt in Gang set­zen wür­de. Denn wenn eine Mann­schaft nach 21 Spiel­ta­gen nicht nur die wenigs­ten Sie­ge, Tore und Punk­te, son­dern auch die meis­ten Nie­der­la­gen und Gegen­to­re und die mit Abstand schlech­tes­te Tor­dif­fe­renz ihrer gesam­ten Bun­des­li­ga­ge­schich­te hat, dann wird so lang­sam deut­lich, dass Micha­el Resch­ke sich nicht nur gele­gent­lich im Ton, son­dern auch zu häu­fig bei Trai­ner­ent­schei­dun­gen und der Mann­schafts­zu­sam­men­stel­lung ver­greift. Gera­de den letz­ten Punkt habe ich ja lang vehe­ment bestrit­ten. Ich war mir so sicher, dass die Mischung aus alten und jun­gen Spie­lern auf den ein­zel­nen Posi­tio­nen passt und eine frucht­ba­re Kon­kur­renz­si­tua­ti­on im gan­zen Kader erzeugt. Statt­des­sen haben wir jetzt alte Spie­ler mit Mentalitäts‑, Form- und Gesund­heits­pro­ble­men und jun­ge Spie­ler, die sehen­den Auges über­for­dert und ver­brannt wer­den. Aber weil aus der im Tweet zitier­ten Ket­te von Domi­no­stei­nen der letz­te Stein aus Sicht des­je­ni­gen, der die Ent­schei­dun­gen beim VfB trifft, nicht fal­len darf, ver­harrt der gan­ze Ver­ein wie das Kanin­chen vor der Schlan­ge. Die ist in dem Fall eine Dose und wird sehr wahr­schein­lich am Sams­tag zuschnap­pen — Aus­gang offen. An jeg­li­chen Gedan­ken­spie­len und Spe­ku­la­tio­nen möch­te ich mich an die­ser Stel­le gar nicht betei­li­gen, denn was nach Sams­tag pas­siert, hängt auch davon ab, wie vie­le Domi­no­stei­ne am Ende wirk­lich fal­len.

Um die ein­gangs gestell­te Fra­ge für mich zu beant­wor­ten: Nach dem 2:6 in Bre­men war für mich vor drei Jah­ren klar, dass die Sai­son gelau­fen war, auch wenn der Klas­sen­er­halt rech­ne­risch noch mög­lich gewe­sen wäre. “Ich kann nicht mehr”, schrieb ich damals und es war Aus­druck einer inne­ren Kapi­tu­la­ti­on vor dem Unver­meid­li­chen. Jetzt haben wir erst Mit­te Febru­ar und nicht Anfang Mai und natür­lich ist der VfB jetzt noch weni­ger abge­stie­gen als Anfang Mai 2016. Aber nach einem mick­ri­gen Punkt aus den letz­ten bei­den Spie­len und ange­sichts der nächs­ten Auf­ga­ben bin ich schon wie­der an einem Punkt ange­langt, an dem mich ein erneu­ter Abstieg eigent­lich kaum noch über­ra­schen kann. Sicher­lich, die Teil­neh­mer des #ElKa­cki­co ste­hen in der Tabel­le noch schlech­ter da als wir. Aber glaubt irgend­je­mand ernst­haft, dass der VfB nicht auch noch das Kunst­stück fer­tig krie­gen wür­de, die über lan­ge Zeit schlech­tes­te Sai­son der Ver­eins­ge­schich­te noch mit einer eher sel­te­nen Nie­der­la­gen eines Erst­li­gis­ten in der Rele­ga­ti­on zu krö­nen?

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