Ausnahmezustand

Was kann man in einen Fußballblog schreiben, wenn es keinen Fußball gibt?

Eigentlich hätte der VfB heute beim SV Wehen Wiesbaden gespielt und mit ein wenig Auswärtsglück gewonnen und damit einen weiteren Schritt in Richtung Aufstieg getan. Aber “eigentlich” ist derzeit, wie so vieles anderes, ausverkauft. Wie allumfassend der Virus, den ich der Einfachheit halber Corona nenne, auf unser Leben einwirkt, wird mir immer wieder bewusst. Und natürlich: Es gibt in diesen Zeiten viel wichtigere Themen als Fußball.

Rolle rückwärts

Denn letztlich ist der Fußball, auch wenn wir ihn manchmal romantisch etwas verklären, ein Teil der Unterhaltungsindustrie und dass gerade die Führungskräfte der Bundesliga, denen vor nicht einmal zwei Wochen ein Spielabbruch nicht schnell genug kommen konnte, sich bis zuletzt dagegen sträubten, auch hierzulande den Spielbetrieb einzustellen, zeigt, wie abgehoben von der Realität er ist. Ja, ich weiß, dass es Karl-Heinz Rummenigge auch um die Finanzen der kleineren Vereine geht. Dass aber das Abflachen der mittlerweile vielzitierten Kurve aktuell das größere Problem ist, scheint ihm nicht klar zu sein – Ausnahme natürlich: Wenn ein Spieler infiziert sei. Hat Hans-Joachim Watzke recht, wenn er sagt, der Fußball stecke in seiner größten Krise oder überhöht er den Fußball damit, denn die Krise des Fußballs mag groß sein, in Zeiten in denen Landesgrenzen geschlossen werden, gibt es aber größere.

Atemberaubend ist auch die Geschwindigkeit des Nachrichtenzyklus. Das letzte Mal, dass ich so von sich wortwörtlich überschlagenden Nachrichten erschlagen war, war am 11. September 2001. Ich hab mich ja selber vor nicht mal einer Woche noch darüber echauffiert, dass Menschen die Stadt Stuttgart und den VfB für die Austragung des Spiels gegen Bielefeld mit Zuschauern anfeinden und dafür auf Twitter so viel Zuspruch bekommen, dass es mir im Nachhinein peinlich ist.

Denn schon am vergangenen Montag wäre es sinnvoll gewesen, das Spiel abzusagen, wie der gesamte letzte Spieltag hätte abgesagt werden müssen. Aber wie gesagt, Fußball ist nicht wichtig.

Die unfassbare Krise

Wichtig ist jetzt, dass wir angemessen auf diese Krise reagieren. Dass wir uns so verhalten, dass sich der Virus nicht weiter ausbreitet. Physische Kontakte runterfahren und die sozialen Kontakte auf andere Weise hochfahren. Anrufen, WhatsApp schreiben, was auch immer. Wichtig ist jetzt, solidarisch miteinander zu sein und keine drei Zentner Mehl zu horten. Wichtig sind Aktion wie die Unterstützung älterer Menschen und anderer gefährdeter Menschen vom Schwabensturm, auf die ich stellvertretend aufmerksam machen möchte, auf Twitter läuft das Ganze unter dem Hashtag Nachbarschaftschallenge. Die politischen und wirtschaftlichen Folgen, vor allem auf globalem Niveau, sind momentan nicht absehbar, zumindest für mich nicht. Ich fürchte mich davor, dass das passiert, was in Krisen immer passiert: Es werden Sündenböcke gesucht, jemand wird dafür verantwortlich gemacht, dass Virus “eingeschleppt” zu haben in ein ansonsten gesundes Gebiet. Die jetzt vollzogenen Grenzschließungen mögen sinnvoll sein, um Infektionen einzudämmen – keine Ahnung, ich bin kein Virologe – gleichzeitig folgen sie dem Narrativ, dass man nur die Mauern zwischen den Menschen hochziehen muss, um das Unbekannte, das Fremde auszuschließen. Dabei ist dem Virus völlig egal, wer sich mit ihm infiziert.

Was vor einer Woche noch, zumindest in Deutschland, lediglich ein Thema war, ist jetzt keine Krise. Das gesellschaftliche Leben kommt nach und nach zum Erliegen und man muss nur in andere Länder schauen, um vorauszuahnen, was uns noch bevorstehen könnte. Ich möchte damit keineswegs Panik verbreiten, aber Ausgangssperren wie in Spanien scheinen, schaut man sich den bisherigen Verlauf der Maßnahmen an, nur eine Frage der Zeit zu sein. Ich habe zum Glück nie einen Krieg miterlebt, stelle mir das Leben aber so ähnlich vor – nur eben ohne offensichtliche Zerstörung. Aber das Krasse ist, auch wenn es mich persönlich noch nicht betrifft: Es sterben Leute daran, ständig werden die Zahlen nach oben korrigiert. Die Krise hat jetzt schon im Kleinen bei Veranstaltern und Künstlern, aber auch im Mittleren und Großen auf all jene wirtschaftlichen Einfluss, die für ihr Geschäft auf Menschenmassen angewiesen sind. Mal ganz abgesehen von den fehlenden Betreuungsmöglichkeiten wegen geschlossener Kitas und Schulen. Egal wem man auf der Straße zuhört oder zu welcher Uhrzeit man Twitter aufmacht: Es gibt nur noch ein Thema. Kurz: Diese Krise hat Auswirkung auf alle Lebensbereiche.

Nirgendwo statt immer irgendwo

Und damit kommen wir doch wieder zum Fußball. Denn bis vor kurzem galt: Irgendwo wird immer Fußball gespielt, gerade im März, wenn die meisten Ligen auf die Zielgerade einbiegen. Jetzt wird nirgendwo mehr Fußball gespielt, nimmt man mal Russland, die Türkei, Indien und Mexiko aus – zumindest dem Kicker-Liveticker zufolge. Wenn es noch eines Zeichens bedurfte, dass trotz schönen Frühlingswetters und obwohl man im eigenen Umfeld nur wenig von der Krise sieht, irgendwas nicht stimmt, dann sind es die fehlenden Ergebnisse von Fußballspielen – und natürlich anderen Sportarten. 

Und Fußball ist immer noch unwichtig, aber an der Bezeichnung von schönsten Nebensache der Welt ist schon was dran, denn Fußball könnte jetzt Ablenkung verschaffen, in Zeiten, von denen wir nicht wissen, was sie noch bringen.  Am Montag tagt die DFL, am Dienstag die internationalen Fußballverbände, dass sie etwas anderes beschließen als “Schauen wir mal, wie es weitergeht”, ist unrealistisch. Wie die laufende Saison gewertet oder ob sie noch zu einem Ende gebracht wird, kann niemand sagen. Wir werden uns also auf eine längere Zeit einstellen müssen, in denen Sportwettkämpfe und -Ergebnisse uns keine Ablenkung verschaffen können.

Ein wenig Ablenkung

Aus diesem Grund werden wir hier auch nicht den Betrieb einstellen, auch wenn es keine VfB-Spiele gibt, die wir mit Gegnerinterviews ankündigen und mit Spielberichten beschreiben können. Wir werden versuchen, Euch mit anderen VfB- und fußballbezogenen Themen abzulenken, vielleicht zu unterhalten, vielleicht ein Stück Normalität herstellen in Zeiten, in denen nichts mehr normal ist.

Ein paar Sachen haben wir uns schon überlegt, vor allem für den Podcast, aber wenn Ihr Vorschläge habt, worüber wir hier schreiben sollen oder was wir in Podcast-Folgen besprechen sollen: Schreibt es in die Kommentare. Wir hoffen, dass Ihr uns weiterhin lest und hört und dass das, was hier machen, Euch irgendwie, wenn auch nur ein kleines bißchen hilft.

Übrigens: auch die Kollegen von VfB STR werden weiter Podcast-Folgen aufnehmen:

Was aktuell konkret zu tun ist, um eine Verbreitung des Virus zu verlangsamen, könnt Ihr an genügend anderen Stellen nachlesen, deswegen belasse ich es an dieser Stelle bei einem Appell:

Bleibt solidarisch, bleibt menschlich und bleibt gesund!

Titelbild: © Eibner-Pressefoto/Sascha Walther

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