Alles andere als selbstverständlich

Der VfB ist wieder zurück in der Bundesliga – dank einem starken Schlusssprint und ganz besonders dank einem zittrigen HSV, der trotz vieler Chancen aus Stuttgart den Sack zum Aufstieg noch weniger zumachen konnte als andersherum.

In der Fanszene herrscht vor allem Erleichterung ob der Rückkehr in Liga eins. Euphorie? Bis auf die Schlusspfiffe nach den Spielen gegen Sandhausen und Nürnberg Fehlanzeige. Der häufigste Satz der letzten Woche war stattdessen „warum nicht gleich so?“. Nun, das hat Fabian Klos im 11Freunde-Interview gesagt: Die Spieler sind es nicht gewohnt, in einer derart körperlich harten zweiten Liga zu spielen, wo es viel mehr auf Kampf und viel weniger auf Kombinationen ankommt. Wenn kein frühes Tor fällt und der VfB seine Klasse ausspielen konnte, musste es über die Einstellung, den Willen gehen – und der fehlte zwar nicht, war aber stets schwächer ausgeprägt als beim Gegner. Es macht ja auch Sinn, dass man gegen den großen Klub am meisten motiviert ist; das ist nächste Saison beim VfB gegen Bayern genauso. Es geht aber darum, wie man mit der Favoritenrolle umgeht.

Die jungen Spieler auf dem Rasen müssen sich fast nichts vorwerfen lassen. Ihre Aufgabe ist es keinesfalls, die Mannschaft mitzunehmen, zu motivieren oder gar aufzurütteln, wenn es nicht läuft. Ihre Aufgabe ist es, in einem funktionierenden Mannschaftsgebilde positive Akzente zu setzen und mit Spielfreude das ganze aufzumischen. Die erfahrenen Spieler müssen seriöser auftreten, dürfen sich weniger Fehler erlauben und müssen vor allem das moralische und seelische Rückgrat der Mannschaft bilden.

Bei einem Spieler habe ich das diese Saison ganz besonders gesehen – und bei einem anderen ganz und gar vermisst.

Sei wie Mario

Wer wie Holger Badstuber seine Wut über die Derby-Niederlage am Trainer auslässt, der hat erstens nichts anderes als die Bank verdient und zweitens ist das derart schwach, dass er auch in der Mannschaft nichts mehr verloren hat. Ja, er hat konstant gespielt und er hat auch meist nicht gewackelt, außer er wurde mal wieder von seinem Gegenspieler überlaufen, aber er hat auch nicht wirklich positive Akzente gesetzt.

Wer hingegen wie Mario Gomez sich voll und ganz in den Dienst der Mannschaft stellt, wer vorangeht und zeigt, dass es auch von erfahrenen Veteranen wie ihm Opfer zu bringen gilt, wer sich bedingungslos hinter (je)den Trainer stellt, der hat meine volle Hochachtung verdient. Von ihm kam kein Wort der Kritik; von ihm kam nur kindliche Freude, als er von der Auswechselbank weg den Aufstieg bejubeln konnte. Auch wenn er im Saisonfinale nicht mehr wirklich gespielt hat, so ist er doch nah an der Mannschaft gewesen, wurde von Matarazzo immer gelobt.

Durchhalteparolen helfen keinem

Als Trainer, kann ich mir vorstellen, ist die Situation keine einfache. Wenn der erfahrene Teil der Mannschaft nicht voll und ganz mitzieht, wie sollen die jungen Spieler dann davon die richtige Einstellung lernen? Wenn der Trainer seine ganze Kraft in der Halbzeitpause an die Motivation der Spieler verschwenden muss, was ich mir sehr gut vorstellen kann, wie bleibt dann noch viel Zeit für Inhalte?

Die älteren Spieler müssen vorangehen und deutlich benennen, wenn etwas falsch läuft. Durchhalteparolen wie auch diese Saison wieder oft gehört, helfen keinem. Das „schwierige Umfeld“, von Mislintat jetzt wieder angesprochen, ist ein hausgemachtes Problem. Und eigentlich sollte das der Chef des ganzen Zirkus, Thomas Hitzlsperger, doch am besten kennen. Schließlich ist er durch seine klaren Worte erst in die Position mit derart überwältigender Zustimmung gelangt. Den Finger in die Wunde legen tut weh – zeigt dem Umfeld aber, dass die Probleme immerhin erkannt wurden. Lavieren hilft da nicht. Und das ist Aufgabe des älteren Teils der Mannschaft, die hier keinen vor den Bus werfen sollen (Grüße an „ich-mach-immer-alles-richtig-und-alle-anderen-alles-falsch-Holger“), aber zumindest mal die Probleme ansprechen müssen. Nach innen tun sie das ja wohl hoffentlich, nach außen müssen sie das – sicher in anderer Form als intern – aber auch ansprechen.

Ziel 40 Punkte

Lügen haben kurze Beine, das hat schon ein geschasster Sportdirektor gemerkt. Der aktuelle sollte nicht den Fehler machen, genau diese woanders zu suchen als sie sind. Die Fans sind in Stuttgart nie ein Problem, wenn man sie ordentlich anspricht. Der Umgang mit Thomas Hitzlsperger trotz Abstieg zeigt das ja wohl am besten. Sie sind jetzt, wo sie eigentlich gar keine Rolle spielen (die Begrüßung der Cannstatter Kurve wäre vor dem Sandhausen-Spiel sicher nicht sehr freundlich ausgefallen), aber noch weniger als Sündenbock darzustellen. Die ach-so-hohen Erwartungen hat Mislintat selbst geschürt; sich danach darüber auszuweinen, ist nicht besonders guter Stil.

Der Aufstieg war, um auf den Titel des Artikels zurückzukommen, alles andere als selbstverständlich. Das haben die Fans schon lange gemerkt; die Saison wurde jetzt mit Hängen und Würgen zu einem guten Ende gebracht. Das sollten einige Verantwortliche und erfahrene Spieler auch besser mal verstehen, bevor nächste Saison der Abstiegskampf (sic!) bevorsteht. Denn um nichts anderes als den Klassenerhalt geht es für einen Zweitliga-Aufsteiger geht es in der kommenden Saison. Das Ziel?

40 Punkte. So schnell wie möglich. Denn auch der Klassenverbleib ist alles andere als selbstverständlich.

Titelfoto:  © Christian Kaspar-Bartke/Getty Images

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4 Gedanken zu „Alles andere als selbstverständlich“

  1. Ihr schreibt einem wie immer aus der Seele. Zum einen was das Thema Badstuber betrifft, zum anderen auch was die Kommunikation mit den Fans betrifft. Niemand Der Fans erwartet von den Verantwortlichen irgendwelche Interna zu erfahren. Eine transparente und offene Kommunikation sowie das eingestehen von eventuellen Fehlern würde jedoch das Vertrauensverhältnis nachhaltig stärken und außerdem noch zeigen, dass Hitzelsberger und Co auch nur Menschen sind.

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    • Hallo Benedikt,

      Vielen Dank für deinen Kommentar!
      Es würde mich auch einfach freuen, wenn offen Fehler eingestanden werden. Es ist überhaupt nichts dabei zu sagen, “ok, das war falsch, wir versuchen es jetzt anders.” Ein Positivbeispiel: Thomas Hitzlsperger, der schon im Winter gesagt hat, wir hätten uns nicht so sehr auf die Kontinuität fokussieren sollen, denn es muss allen klar sein, dass der Aufstieg immer wichtiger sein wird als die Kontinuität… (sinngemäß wiedergegeben).

      Viele Grüße,
      Max

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  2. Hallo Max,

    größtenteils alles zustimmungsfähig meinerseits. Besonders die Aussagen zu Badstubers Attitüde. Bei ihm klafften Meinungsäußerungen zur Leistung der Kollegen und und eigene Performance zu weit auseinander. Entweder er lässt in Zukunft die Steine liegen oder er verlässt das Glashaus. Ich plädiere – angesichts der Gegner in der kommenden Saison – vage für letzteres.

    Ich möchte aber auch Widerspruch äußern. Dein Satz “Die Fans sind in Stuttgart nie ein Problem, wenn man sie ordentlich anspricht” ist erstens ein Gemeinplatz, weil genau diesen Mechanismus wohl jeder Verein, jeder Arbeitgeber, jede Organisation für sich in Anspruch nehmen würde. Das ist nichts VfB-typisches.

    Zum anderern (wenn ich ihn jetzt mal als VfB-typisch zwangskategorisiere) ist er schlichtweg falsch. Das belegen schon die beleidigenden, völlig argumentfeien Facebook-Kommentare über die Person Sven Mislintat zum gestrigen Blogbeitrag Deines Vertikalpass-Kollegen (https://vertikalpass.de/der-vfb-stuttgart-fest-im-griff-des-schwierigen-umfelds/):

    “Steffen Raichle: “Was für ein Suppenkasper”

    “Thomas Scherz: “Der Mann mit dem grauen Star…..gerade noch so die Kurve bekommen und nun ne große Klappe haben…”

    Toni Valisena: “Finde der Typ passt nicht zum VfB der sollte weg so ein Dummschwätzer echt”

    Andi Von Hauser: “Soll sich verpissen Bauer”

    Pat Sin: “Mislintat große Schnauze, nichts dahinter”

    Alexander Mueller: “Der soll aufhören zu heulen.”

    Jürgen Vetter: “Hat der Mann kein Hirn? So ein Schwachsinn”

    Hat Sven Mislintat die VfB-Fans beleidigt? Wenn nicht, ist Deine Apodiktik “Die Fans sind in Stuttgart nie ein Problem, wenn man sie ordentlich anspricht” doch nicht so gerechtfertigt wie sie gern sein möchte.

    Ich lese da jedenfalls kein einziges Argument. Sondern nur ekelhaftes, ätzend-beleidigendes Gegeifer auf allerunterstem Niveau. Gespeist aus einer völlig geschichtsvergessenen Anmaßung. Diese “Post”-Absonderer haben offenbar völlig vergessen, was für Jahre der VfB hinter sich hat. Und wer für diese Zeit die Verantwortung trägt (tragen sollte; “haftbar” kann man die Personen Dietrich, Mäuser, Wahler ja leider nicht machen. Noch so eine Phrase: “Verantwortung”). Kein “schwieriges Umfeld” also?

    Und wenn man zwar argumentativ im Dunkeln tappt, sich aber wenigstens stilistisch vom üblichen Facebook-Pöbel absetzen möchte, verbalisiert man dann distinguiert den branchenüblichen Beißreflex:

    Ulrich Christian Mettler: “Sofort entlassen. Wer dem Druck nicht gewachsen ist, möge in der Kreisliga arbeiten.”

    Oder Eckard Kern: “…all diejenigen, die in Stuttgart zu großen Druck verspüren (Herr Mislintat eingeschlossen) dürfen gerne woanders arbeiten. Noch haben wir in Deutschland freie Arbeitsplatzwahl…”

    Oder Georg Meiners: “Das liest sich wie Aufforderung zur fristlosen Kündigung mit Abfindung wegen vereinsschädigendem Verhalten.”

    Herrje, man möchte im Boden versinken…Herrlich aber zu erkennen: VfB-“Fans” belegen mit ihrem Gegröle ja genau das, was Sven Mislintat in seiner “Kritik der Kritik” gemeint haben könnte. Dialektik für Fortgeschrittene?

    Loben hingegen muss man Facebooker wie Andi Von Hauser: “Solange der beim VfB ist werde ich das Stadion nicht mehr betreten”. Es besteht also durchaus Anlass zur Hoffnung was die Entwicklung des Bruddlertums betrifft.

    —————————————-

    Zu: “Die ach-so-hohen Erwartungen hat Mislintat selbst geschürt; sich danach darüber auszuweinen, ist nicht besonders guter Stil.”

    Hat er das? Hat er sich wirklich über seine von ihm selbst geschürten “ach-so-hohen Erwartungen” ausgeweint? Bist Du Dir da auch ganz sicher? Oder zitierst Du ihn an dieser Stelle einfach falsch?

    Ich glaube das ein Blog wie Eurer hier es nicht nötig hat, diesbezüglich der Stuttgarter Tagespresse oder kickernden “Fachmagazinen” beispringen zu müssen. Ich zumindest lese Blogs genau deswegen, weil sie “anders” sein können/dürfen (sogar müssen?) als die “normale” Presse. Bei denen muss einen das nicht wundern, argumentarmer Klamauk verkauft sich nun mal – gerade online – leider häufig besser als sachlich fundierte Berichterstattung. Womit sich der Kreis schließt: Aus eigener Berufserfahrung weiß ich, dass man bei den Tageszeitungen gern anders schreiben würde, im Zweifel aber lieber den Rochus der Lauten und Geifernden bedient, weil diese den Diskurs in Social-Media beherrschen.

    Aber Ihr hier in Eurem Blog, Ihr seid auf diesen Traffic ja wirtschaftlich nicht angewiesen. Warum also freiwillig auf den Zug der anderen aufspringen? Macht EUER Ding, Ihr seid nicht diesen Vermarktungszwängen ausgesetzt (Ihr macht es ja häufig auch sehr gut, das gebe ich auch gern zu).

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    • Hallo Hans!

      Als erstes vielen, vielen Dank für deinen ausführlichen Kommentar! Ich werde am besten mal Stück für Stück drauf antworten.

      Zu Teil 1: Freut mich, dass wir bei Badstuber einer Meinung sind!

      Zu Teil 2: Ich stimme dir zu, dass der Satz ein Allgemeinplatz ist und nicht nur in Stuttgart gilt – dass er für alle Vereine gilt, würde ich aber nicht sagen. Beleidigende Kommentare auf einer Facebook-Seite dann als “Fans” anzusehen, ist aber nicht weniger verallgemeinernd. Denn es sind nicht, wie du sagst “die” VfB Fans ein Problem, sondern, wie überall in der Gesellschaft, einige Idioten, die den öffentlichen Diskurs bestimmen wollen. Da ich selbst nicht auf Facebook aktiv bin, habe ich von den Kommentaren bis jetzt nichts mitbekommen. Auf Twitter finden solche Beleidigungen nicht (bzw. in sehr viel kleinerem Umfang) statt. Diese Perspektive hatte ich also bisher noch nicht so wirklich – danke also, dass du dir die Mühe gemacht hast und die vielen Kommentare herausgeschrieben hast.

      Diese “Fans” würde ich tatsächlich als Problem sehen, da gebe ich dir Recht und wenn Mislintat genau die gemeint hat, hat er auch er mit seiner Kritik an den Fans Recht. Ich hatte aber eher das Gefühl, dass Mislintat die allgemeine Erwartungshaltung aller Fans, nicht nur von ein paar Idioten auf Facebook, angesprochen hat.

      Zum Schluss: Ich hoffe sehr, dass diese Leute eine sehr kleine Minderheit der VfB-Fans darstellen. Insgesamt muss ich mein Urteil, dass die VfB-Fans kein Problem sind, mindestens mal um das Wort “meistens” ergänzen und hoffe, dass das der Wahrheit entspricht.

      Zu Teil 3: Ich zitiere Mislintat (Interview mit der SportBild, Zitat der DPA-Meldung entnommen): “Der Druck für die Mannschaft war von Beginn an immens. Bei der Bewertung unserer Leistungen werden mittlerweile zu oft Grenzen überschritten, die in ihrer Form nicht mehr tolerabel sind.” und weiter: “Wenn man in der zweiten Liga beim VfB arbeitet, und für den HSV gilt dies genau so, kann man nichts gewinnen, nur verlieren. Es ist gefühlt die Fortsetzung des Abstiegskampfes.”

      Meine angesprochenen “ach-so-hohen Erwartungen” waren vielleicht etwas spitz formuliert, aber falsch zitieren würde ich das nicht nennen. Ich weiß, dass ich hier niemand Rechenschaft schuldig bin, mit dem was ich schreibe, und dass hier kein Geld verdient werden muss. Ich springe auch auf keinen Zug auf, sondern schreibe das, was ich meiner Meinung nach sehe. Und das ist ein Sven Mislintat, der sich diesen Job hier ausgesucht hat, dann klar das Ziel Aufstieg formuliert und am Ende (wenn es geschafft ist, wohlgemerkt!) sich durchaus beschwert über den hohen Druck. Wie andere das schreiben, ist mir dabei ziemlich egal aber das ist für mich nicht von der Hand zu weisen. Außerdem ist das, was andere Medien wie Kicker oder die Tageszeitungen der Region, nicht unbedingt falsch, nur weil es von ihnen kommt. Es wird auch in Zukunft viele Themen geben, wo ich eine andere Meinung habe als die Fachpresse, aber in diesem Fall eben nicht; ich mache mir selbst deswegen aber keine Vorwürfe 😉

      Ich hoffe, du liest auch weiterhin die Beiträge hier und ich würde mich auch in Zukunft über Kommentare freuen – auch und vor allem, wenn sie nicht einer Meinung mit der meinen sind!

      Viele Grüße und ein schönes Wochenende,
      Max

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