Absurd

Absurd

Der VfB setzt dem Wahnsinn endgültig die Krone auf, gewinnt in München mit 4:1 (!) und springt am letzten Spieltag noch auf Platz 7.

Sie können es selber kaum fassen. Bild: © VfB-Bilder.de
Sie können es selber kaum fassen. Bild: © VfB-Bilder.de

Ich war ja schon letzte Woche sprachlos. Jetzt fällt mir nur noch ein Wort ein, Ihr findet es in der Überschrift: Absurd. Es ist völlig, korrigiere, komplett absurd, dass der VfB nach München fährt, dort den alten und neuen deutschen Meister, der den Titel in dieser Spielzeit erneut mit einem aberwitzig großen Vorsprung eingefahren hat, mit 4 zu 1 Toren schlägt und am Ende dieser verrückten Rückrunde doch noch auf Platz 7 springt. Nicht nur, dass der VfB schon seit einer halben Ewigkeit nicht mehr in München gewonnen hat: Am letzten Spieltag, wenn es im eigenen Stadion die Meisterschale gibt, haben die Bayern gefühlt noch nie verloren. Und erst recht haben sie sich gefühlt niemals vier Gegentore dabei einschenken lassen. Abgesehen davon, dass sie ja am kommenden Wochenende noch ein vergleichsweise wichtiges Pflichtspiel haben. Also kommt mir bitte nicht mit der Vermutung, die Bayern hätten abgeschenkt.

Natürlich waren sie nicht auf der Höhe, das war sogar mir klar, der nur die zweite Halbzeit in der Konferenz verfolgte und bei jedem „Tor in München“ in ungläubiges Lachen ausbrach, sobald jubelnde VfB-Spieler eingeblendet wurden. Normalerweise läuft das ja so, dass die Bayern diesen Lapsus, der zum 0:1 führte, mit dem Ausgleich korrigieren und danach den Turbo aufdrehen. Aber was ist im Mai 2018 beim VfB schon normal? Sicherlich nicht, dass Anastasios Donis zweimal auf die gleiche Art und Weise die komplette Bayern-Abwehr überspielt und daraus zwei Tore resultieren. Sicherlich nicht, dass Chadrac Akolo freistehend am Fünfmeterraum einen Aufsetzer ins Tor köpfen kann. Und schon gar nicht diese Statistik:

Stürmerspiel

Es sieht so unwirklich einfach aus. Bild: © VfB-Bilder.de
Es sieht so unwirklich einfach aus. Bild: © VfB-Bilder.de

Das ist doch wirklich, ihr ahnt es, absurd. 20 Prozent Ballbesitz! Wie kann man denn mit 20 Prozent Ballbesitz Bayern München so abwatschen? Dass die Mannschaft vorne aktuell nicht nur ein Mentalitäts- sondern auch ein Effektivitätsmonster ist, wissen wir ja bereits seit den letzten beiden Spielen. Aber das nimmt langsam wahnwitzige Züge an. Ich mein, klar: Die Bayern haben immer mal überraschend Spiele verloren, auch mal hoch wie damals gegen Wolfsburg oder fünf Jahre zuvor gegen Bremen, nicht ganz so hoch. Aber in den letzten sechs Jahren haben sie eine solche Dominanz aufgebaut, dass selbst nach den überraschenden Siegen des VfB gegen Leverkusen und Hoffenheim ein dreifacher Punktgewinn unrealistisch erschien.

Besonders schön an diesem Sieg, neben der Höhe und dem Gegner (Nochmal: 4:1 in München!) ist, dass alle drei Stürmer trafen. Besonders freut es mich für Anastasios Donis und Chadrac Akolo, die eine schwere Rückrunde unter Korkut hatten. Für Akolo dürfte der Treffer nach dem verschossenen Elfmeter im Hinspiel nochmal eine besondere Genugtuung bedeutet haben. Jemand sagte mir am Samstag, dass das Spiel mit Mario Gomez vorne drin vielleicht nicht so verlaufen wäre. Wer weiß. Aber ganz unrealistisch ist es nicht, dass Donis als schneller Konterstürmer unter diesen Umständen wirklich praktischer war als der frischgebackene Vater (Glückwünsche nochmal an dieser Stelle!). Sei es drum.

Unaufhaltsame VfB-Freakshow

Ohne Worte. Bild: © VfB-Bilder.de
Ohne Worte. Bild: © VfB-Bilder.de

Ist Tayfun Korkut jetzt der Trainergott, auf den wir seit Jahren gewartet haben? Auf jeden Fall verdient seine Arbeit Respekt und ich entschuldige mich für das ihm zu Beginn seiner Amtszeit entgegen gebrachte Misstrauen, auch wenn ich es für den damaligen Zeitpunkt weiterhin für völlig berechtigt halte. Woran soll man sich als Beobachter sonst orientieren, wenn nicht an der bisherigen Bilanz? Und der Weg zu dem Punkt, an dem ich den handelnden Personen beim VfB blind vertraue, ist verständlicherweise noch ziemlich lang. Die Umstellung auf Doppelspitze, mit Gentner auf der Außenbahn hat offensiv definitiv für eine Belebung gesorgt, ohne dabei die Defensive zu vernachlässigen. Aber man muss auch so realistisch sein, dass diese neun Punkte aus den letzten drei Spielen das extreme Ende eines unglaublichen Laufs war, in den sich die Mannschaft in der Rückrunde langsam hineingesteigert hat. Ohne Wasser in den Wein kippen zu wollen: Diese Serie an außergewöhnlichen Spielen war zu diesem Zeitpunkt in dieser Ausnahmesituation so möglich. Wir waren nicht besser als der Tabellenerste, -dritte und fünfte. Wir waren nur unaufhaltsam.

Und so muss einem die Eintracht aus Frankfurt fast leid tun. Natürlich, am Ende sind sie selber für ihre Ergebnisse verantwortlich, aber mit einer solchen Freakshow des VfB kann niemand rechnen, nicht einmal der größte Optimist. Mir ist es ehrlich gesagt wurscht, ob die Eintracht jetzt den Pokal holt und damit statt uns in die UEFA-Cup-Qualifikation einzieht. Schon alleine dieser unglaubliche Auswärtssieg war es mir wert. Auf der anderen Seite kann ich mir nicht vorstellen, dass die Bayern sich noch einmal so abschießen lassen. Und dann müssten wir uns tatsächlich mit etwas beschäftigen, das wir die ganze Saison eigentlich ganz gut verdrängt haben: Europa.

Zukunftsmusik

Ja sicher, nur die zweite Qualifikationsrunde gegen Vereine aus Ländern weiter unten in der Fünf-Jahres-Wertung. Aber trotzdem: Stuttgart international….! Den Rest könnt Ihr Euch denken. Wie schon bei Twitter ganz richtig angemerkt wurde, sind diese Spiele Mitte Juli natürlich nicht das direkte Ticket in die zweite Liga. Wenn der Kader rechtzeitig steht und nicht durch post-WM-Transfers noch auseinander gerissen wird, kann man auch eine Dreifachbelastung in der nächsten Saison bewältigen. Aber es muss halt jedem bewusst sein, welche Herausforderung das darstellt. Selbst wenn der VfB kein normaler Aufsteiger war: Das zweite Jahr ist und bleibt das schwerste.

Aber das ist Zukunftsmusik. Jetzt genießen wir erstmal die Woche bis zum Pokalfinale, ergötzen uns an Platz 7 und endlosen Wiederholungen des Spiels und harren der Dinge, die da kommen.

Danke an den VfB, danke an die Mannschaft, Tayfun Korkut und ja, auch Michael Reschke für diesen geilen Fußball-Mai. Selbst wenn es nur ein Zwischenhoch sein sollte: Ich war lange nicht mehr so glücklich und entspannt, was meinen VfB angeht!

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