Von (fast) allem zu wenig

Beim 0:0 gegen Düs­sel­dorf wirkt der VfB zwar wie­der muti­ger, zeigt aber hin­ten wie vor­ne Schwä­chen. Für drei Punk­te reicht das ein­fach nicht.

Lang­sam nervt es rich­tig. Das fünf­te Sai­son­spiel, zum vier­ten Mal schafft es der VfB über 90 Minu­ten nicht, das Tor zu tref­fen. Noch viel schlim­mer: Am Ende müs­sen wir uns bei einem nach dem mäßi­gen Frei­burg-Spiel wie­der glän­zend auf­ge­leg­ten Ron-Robert Zie­l­er bedan­ken, dass die Par­tie gegen Düs­sel­dorf am Frei­tag­abend nicht die drit­te Nie­der­la­ge im vier­ten Sai­son­spiel war. Vier bis sechs Punk­te waren aus den Spie­len gegen Frei­burg und Düs­sel­dorf erwar­tet wor­den, am Ende sind es zwei und der VfB hat es nur den Bay­ern zu ver­dan­ken, dass er nicht als Tabel­len­letz­ter in die eng­li­sche Woche geht.

Was fehlt uns zum Tor­er­folg, was zum ers­ten Drei­er in die­ser Spiel­zeit? Nach der ers­ten Halb­zeit war ich mir eigent­lich sicher:

Zu wenige Chancen, zu wenig Präzision

Nach dem Spiel muss ich kon­sta­tie­ren: Es fehlt irgend­wie an allem. Oder, anders gesagt: Was der VfB auch gegen Düs­sel­dorf zeig­te ist von fast allem zu wenig. Ein­zig die Anzahl der Para­den von Zie­l­er war genau rich­tig. Aber sonst? Natür­lich ist nach die­sem Spiel jeder Ver­ant­wort­li­che und Spie­ler schnell dabei, fest­zu­stel­len, dass es an Ein­satz und Wil­len, end­lich drei Punk­te zu holen, nicht gefehlt habe. Immer­hin. Aber das bedeu­tet im End­ef­fekt auch nur: Sie waren stehts bemüht. Soll hei­ßen, sie haben es ver­sucht, sich dabei aber nicht son­der­lich geschickt ange­stellt. Um das Bemü­hen bild­lich dar­zu­stel­len:

Dass sind die Tor­schüs­se, die Whoscored.com gezählt und ver­or­tet hat. Zehn mal schoss der VfB ins­ge­samt Rich­tung Tor, ein ein­zi­ger Schuss ging aufs Tor (zu den acht abge­bil­de­ten Schüs­sen kom­men zwei geblock­te hin­zu). Was also ist das Pro­blem? Kam der VfB nicht in den Straf­raum? Eigent­lich schon. Under­stat berech­net für den VfB einen expec­ted Goal-Wert von 1,39, ein Tor wäre also in Anbe­tracht der Chan­cen­qua­li­tät locker drin gewe­sen. Am meis­ten schla­gen dabei natür­lich die Fehl­ver­su­che von Gon­za­lez und Gomez zu Buche, denen es nicht gelang, den Ball im geg­ne­ri­schen Straf­raum unter Kon­trol­le zu brin­gen. Das Pro­blem ist aber: Außer die­sen Groß­chan­cen brach­te der Rest der VfB-Offen­siv nur wenig zustan­de, sieht man mal von Chris­ti­an Gent­ner gro­tesk ver­zo­ge­nem Schuss aus zen­tra­ler Posi­ti­on ab. 

Wer die wenigen Chancen nicht nutzt, muss sich mehr einfallen lassen. Bild: © VfB-Bilder.de
Wer die weni­gen Chan­cen nicht nutzt, muss sich mehr ein­fal­len las­sen. Bild: © VfB-Bilder.de

Denn wie­der ein­mal ver­such­ten die Brust­ring­trä­ger, sich durch die Düs­sel­dor­fer Abwehr durch­zu­kom­bi­nie­ren, was wie­der ein­mal nur leid­lich gelang. Erfolg­rei­cher waren hin­ge­gen die paar hohen Bäl­le in den Straf­raum, die aber nun mal nicht ver­wan­delt wur­den. Nach einer Idee, wie man das Spiel für sich ent­schei­det, sah das lei­der den­noch nicht aus. Viel zu häu­fig wur­de der Ball noch­mal zum Mit­spie­ler quer­ge­legt, für ihn lie­gen gelas­sen oder zurück gespielt. Nur sel­ten schaff­te es die Mann­schaft, sich über die Flü­gel durch­zu­set­zen und wenn, folg­te ein über­has­te­ter Abschluss wie die ver­un­glück­te Flan­ke von Insua kurz vor Schluss, oder ein Fehl­pass. Ein­falls­reich­tum, Pass­si­cher­heit, Ziel­stre­big­keit — es fehl­te wie gesagt in allen Dis­zi­pli­nen. Das sieht dann am Ende bei Whoscored.com so aus:

Dabei waren die Vorraus­set­zun­gen eigent­lich gege­ben. Tay­fun Korkut reagier­te auf die tor- und erfolg­lo­sen ers­ten 44 Minu­ten gegen Frei­burg, indem er Cas­tro wie­der auf der Sechs auf­stell­te und Chadrac Ako­lo auf dem Flü­gel. Aber auch der ver­hed­der­te sich ein ums ande­re Mal in der Düs­sel­dor­fer Abwehr. Vor allem das Zusam­men­spiel mit den Außen­ver­tei­di­gern funk­tio­nier­te erneut über­haupt nicht, was bei Andre­as Beck sys­tem- und bei Emi­lia­no Insua leis­tungs­be­dingt war. 

An der Größe lag es nicht

Schaut man sich nun auf der obi­gen Gra­fik die Tor­schüs­se von For­tu­na Düs­sel­dorf (in blau) an, wird einem bewusst, dass ein mög­li­cher Heim­sieg durch eine bes­se­re Chan­cen­ver­wer­tung ein äußerst glück­li­cher gewe­sen wäre. Sie­ben der 19 Schüs­se der For­tu­na gin­gen aufs Tor, mehr­mals war es nur den star­ken Refle­xen von Zie­l­er zu ver­dan­ken, dass die Gäs­te eben­so tor­los blie­ben. Beson­ders erschre­ckend war das Abwehr­ver­hal­ten der Brust­ring­trä­ger bei Ecken. Nach fast jeder Stan­dars­si­tua­ti­on (insa­ges­amt neun Ecken) kamen die Düs­sel­dor­fer im VfB-Straf­raum an den Ball. Tay­fun Korkut erklärt das in der Stutt­gar­ter Zei­tung so:

„Wir haben so schon nicht die gro­ßen Kopf­bal­lun­ge­heu­er auf dem Platz. Bei den Ein­wechs­lun­gen von Erik Thom­my, Ana­sta­si­os Donis und Ber­kay Özcan habe ich nicht auf Grö­ße geach­tet – die­ses Risi­ko bin ich ein­ge­gan­gen.“

Zieler in Aktion - zum Glück für den VfB. Bild: © VfB-Bilder.de
Zie­l­er in Akti­on — zum Glück für den VfB. Bild: © VfB-Bilder.de

Nun ja, von den drei aus­ge­wech­sel­ten Spie­lern ist ledig­lich Chris­ti­an Gent­ner grö­ßer als 180 Zen­ti­me­ter, Donis und Özcan haben gegen­über Ako­lo und Cas­tro hin­ge­gen sogar einen Grü­ßen­vor­teil. Und beim Stand von 0:0 gegen Düs­sel­dorf die groß­ge­wach­se­nen Hol­ger Bad­s­tu­ber und Den­nis Aogo ein­zu­wech­seln, wäre auch nicht beson­ders sinn­voll gewe­sen. Also, es lag nicht an der Grö­ße, son­dern an etwas ande­rem. Der Kon­zen­tra­ti­on, der Zuord­nung, ich weiß es nicht. Was ich weiß: Wenn wir uns vor­ne schon schwer tun, soll­ten wir wenigs­tens hin­ten sicher ste­hen. Das ist zwar auch nicht son­der­lich inno­va­tiv, aber dann könn­te man sich zumin­dest teil­wei­se auf das Erfolgs­re­zept der Rück­run­de zurück zie­hen.

Womit wir vor Beginn der eng­li­schen Woche mit den Spie­le in Leip­zig und gegen Bre­men zur zen­tra­len Fra­ge kom­men, die mich die­ses Wochen­en­de umge­trie­ben hat. Wie geht es wei­ter? Gegen Frei­burg pro­fi­tier­te der VfB vom haar­sträu­ben­den Stel­lungs­spiel des Geg­ners und auch gegen Düs­sel­dorf hät­te uns das zu einem glück­li­chen Sieg ver­hel­fen kön­nen. Leip­zig und Bre­men hin­ge­gen sind eine ande­re Num­mer. Wer­den wir bei den Dosen, gera­de nach den Erfah­run­gen der letz­ten bei­den Spie­le, wie­der defen­si­ver auf­tre­ten? Und wie stop­pen wir noch unge­schla­ge­ne Bre­mer, die zwar gegen Nürn­berg einen 2:0‑Vorsprung ver­spiel­ten, am Ende aber den­noch die drei Punk­te mit­nah­men? Das Dilem­ma: Wenn Du gegen Frei­burg und Düs­sel­dorf nicht gewinnst, musst Du das zwangs­läu­fig gegen Leip­zig und/oder Bre­men tun. Aber das habe ich auch schon nach dem Mainz-Spiel gesagt. Und jetzt weiß ich noch weni­ger, wie das funk­tio­nie­ren soll.

Hohe Erwartungen?

Fried­helm Fun­kel reih­te sich in einem Inter­view vor dem Spiel in die Rei­he der­je­ni­gen ein, die dem Stutt­gar­ter Umfeld einen erhöh­ten Schwie­rig­keits­grad beschei­ni­gen:

Was nichts dar­an ändert, dass die Ver­weil­dau­er von Trai­nern immer kür­zer wird.

Das ist eine kata­stro­pha­le Ent­wick­lung. Alles ist viel schnell­le­bi­ger und bou­le­var­desker gewor­den. Du bekommst als Trai­ner gar kei­ne Zeit mehr, etwas auf­zu­bau­en. Du wirst von Außen getrie­ben, irgend­wel­che Ent­schei­dun­gen zu tref­fen. Schau­en Sie doch nur, was bei Ihnen in Stutt­gart gera­de pas­siert: Der VfB war ver­gan­ge­ne Sai­son die zweit­bes­te Rück­run­den­mann­schaft – und jetzt wird Tay­fun Korkut nach zwei Nie­der­la­gen zum Sai­son­auf­takt in Fra­ge gestellt. Das ist absurd.

Ins­ge­heim wird aber vom Ein­zug in den Euro­pa­po­kal geträumt.

Ich weiß, aber das tun zehn, elf ande­re Mann­schaf­ten auch. Es ist in Stutt­gart schon immer so gewe­sen, dass die Ansprü­che oft ein biss­chen zu hoch sind. Dabei soll­te man aber beden­ken: Der VfB ist erst letz­tes Jahr auf­ge­stie­gen.

Die Rea­li­tät ist natür­lich ein biß­chen kom­ple­xer, als Mar­ko Schu­ma­cher und Fun­kel das hier dar­stel­len, was beim einen ärger­li­cher ist als beim ande­ren. Eine ziem­lich gute Ant­wort dar­auf hat der Ver­ti­kal­pass bereits gege­ben. Es ist eben nicht so, dass Korkut jetzt grund­los nach ein paar Spie­len in die Dis­kus­si­on gerät. Jedem, der sich mit dem VfB etwas näher beschäf­tigt, was Fried­helm Fun­kel offen­sicht­lich nicht tut, muss klar sein, dass die letz­te Rück­run­de ein Aus­nah­me­fall war, den man nicht in eine rea­lis­ti­sche Bewer­tung Kor­kuts mit­ein­be­zie­hen kann. Ich mei­ne, wir haben 4:1 in Mün­chen gewon­nen, es muss also irgend­ei­ne Ver­schie­bung der Pla­ne­ten oder etwas ähn­li­ches im Früh­jahr gege­ben haben. 

Unzufriedenheit überall - so reicht es nicht. © VfB-Bilder.de
Unzu­frie­den­heit über­all — so reicht es nicht. © VfB-Bilder.de

Was aber nicht unbe­dingt heißt, dass ich jetzt den nächs­ten Trai­ner­wech­sel befür­wor­te. Für Korkut gilt das glei­che wie für die Mann­schaft: Er ist stehts bemüht. Sei­ne Auf­stel­lun­gen sind nicht grund­falsch, er reagiert auf schlech­te Leis­tun­gen (Bad­s­tu­ber) und gute (Ako­lo) meist rich­tig. Durch die Ver­let­zung von Dani­el Dida­vi der­zeit sei­nes ein­zi­gen Zeh­ners beraubt macht er, was die Spiel­an­la­ge angeht, eigent­lich nicht so viel falsch. Aber es reicht halt nicht. Was Fun­kel und vie­le ande­re falsch ver­ste­hen: Der Unmut der VfB-Fan speist sich nicht aus der Erwar­tung, dass der VfB den Lauf der Rück­run­de ein­fach so fort­setzt. Nein, wir erwar­ten ein­fach nur, dass der VfB, der zwei Tage nach Sai­son­ab­schluss fünf neue Spie­ler ver­pflich­te­te, der nur zwei Natio­nal­spie­ler zur WM abstel­len muss­te, der end­lich mal einen ruhi­ge Som­mer hat­te, sich so gut auf die anste­hen­de Sai­son vor­be­rei­tet, dass man nicht in vier von fünf Spie­len ohne eige­nes Tor bleibt. Kei­ner von uns erwar­tet einen Durch­marsch. Aber ein wenig mehr als drei Tore und zwei Unent­schie­den aus fünf Spie­len darf es schon sein. 

Alles ziemlich unbefriedigend

Was ihr hier seht, hat­ten wir neu­lich schon im Pod­cast ange­spro­chen: Micha­el Kar­bach ist der Fra­ge nach­ge­gan­gen, wie wich­tig ein guter Sai­son­start ist und wie gering der Unter­schied zwi­schen Spiel­tags- und End­plat­zie­rung im Lauf der Sai­son ist. Spä­tes­tens am zehn­ten Spiel­tag steigt die Kur­ve im rech­ten Bild ziem­lich stark an. Von den kom­men­den Geg­nern sieht der­zeit nur Han­no­ver so aus, als könn­te der VfB mit der der­zei­ti­gen Spiel­wei­se und Chan­cen­ver­wer­tung dort etwas holen. Es ist also alles ziem­lich unbe­frie­di­gend und da hilft auch weder der Blick auf die Tabel­le, noch auf die Tat­sa­che, dass der Vize­meis­ter Schal­ke noch erheb­lich schlech­ter in die Sai­son gestar­tet ist. Man den­ke nur an Borus­sia Mön­chen­glad­bach 2015/2016 oder Borus­sia Dort­mund im Jahr zuvor. Bei­des gut besetz­te Teams, die zu Sai­son­be­ginn mit dem VfB im Abstiegs­kampf steck­ten, am Ende aber sou­ve­rän an uns vor­bei­zo­gen. Sie sind die Abwei­chung, die die Gra­fik oben nicht abbil­det und natür­lich kann der VfB das auch sein. 

Nur macht mir aktu­ell weder die ver­gan­ge­ne Rück­run­de, noch die ers­ten Spie­le die­ser Sai­son viel Hoff­nung dar­auf. #Kork­out also, wie es schon auf Twit­ter kur­siert? Ich weiß es nicht, viel­leicht sind wir nach dem nächs­ten Wochen­en­de schlau­er.  Aber es muss jetzt auf jeden Fall viel mehr kom­men. Von Trai­ner und Mann­schaft.

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