Satt und bequem

Ein­mal mehr stellt der VfB nach einer Füh­rung in Frei­burg den Spiel­be­trieb ein und bekommt spät, aber ver­dient die Quit­tung gegen den Euro­pa-League-Mit­be­wer­ber. Sich mit knap­pen Füh­run­gen zufrie­den zu geben, scheint der Mann­schaft mitt­ler­wei­le in Fleisch und Blut über­ge­gan­gen zu sein.

Erin­nert Ihr Euch noch, wann ihr bei unse­rer Mann­schaft im Brust­ring das letz­te Mal das Gefühl hat­tet, sie sei sich der Bri­sanz ihrer Situa­ti­on nicht nur bewusst, son­dern auch gewillt, ihr Schick­sal in die eige­ne Hand zu neh­men? Rich­tig, es war nach der kreuz­dum­men spä­ten Heim­nie­der­la­ge gegen Hei­den­heim, durch die nicht nur der Rück­stand auf Platz 6 auf fast unein­hol­ba­re sie­ben Punk­te anwuchs, son­dern auch ein erfolg­rei­ches Pokal­fi­na­le gegen den Dritt­li­gis­ten aus Bie­le­feld in Gefahr zu raten droh­te. Es folg­ten ein dre­cki­ger Sieg auf St. Pau­li, ein Schüt­zen­fest gegen Augs­burg und ein erkämpf­tes 3:2 in Leip­zig, bevor sich die Mann­schaft im Pokal­fi­na­le über wei­te Stre­cken effek­tiv und kalt­schnäu­zig zeig­te. Nach­dem man mona­te­lang Punkt um Punkt leicht­fer­tig ver­spielt hat­te, ging der Arsch so hart auf Grund­eis, dass man sich end­lich der eige­nen Stär­ken und Qua­li­tä­ten besann.

Umso erschre­cken­der, was Kapi­tän Ata­kan Kara­zor nach dem 1:3 in Frei­burg zu Pro­to­koll gab — einem Spiel, das fast genau­so lief wie das letz­te Spiel im Breis­gau: “Es ist, als hät­ten wir nichts aus der Ver­gan­gen­heit gelernt. Als ob wir nicht die­se Erfah­run­gen gemacht haben, auch wenn wir eine jun­ge Trup­pe sind.“ Schon vor ziem­lich genau einem Jahr, zum Auf­takt der vor­he­ri­gen Sai­son, ließ man sich vom fei­nen Füß­chen Erme­din Demi­ro­vics blen­den und gab nach einer frü­hen Füh­rung das Spiel aus der Hand. Wäh­rend die Gast­ge­ber damals aber — nach einer die­ser omi­nö­sen Trink­pau­sen Mit­te August — rela­tiv schnell zurück kam, dau­er­te es dies­mal bis zur 81. Minu­te, bis die Brust­ring­trä­ger aus ihren Tag­träu­men geris­sen wur­den. Träu­me, in denen es in der Bun­des­li­ga aus­reicht, den Ball ein biss­chen hin- und her zu schie­ben und sich auf einer knap­pen Füh­rung aus­zu­ru­hen. Das klappt ja nicht mal gegen einen bei­na­he abge­stie­ge­nen Zweit­li­gis­ten, wie man in der ers­ten Pokal­run­de sehen konn­te. 

Genügsam die Bälle rausköpfen

Ich hat­te eigent­lich gehofft, dass man die Zei­ten der Genüg­sam­keit — ihr wisst schon, Mainz aus­wärts und so — hin­ter sich gelas­sen hat. Und dann lese ich Zita­te von Kara­zor und Demi­ro­vic, die stolz dar­auf sind, dass man “bis zur 81. Minu­te sehr gut ver­tei­digt, alle Stan­dards vom Tor weg­ge­hal­ten und alle Kopf­ball­du­el­le gewon­nen” habe (Kara­zor) und “Bis in die Schluss­pha­se haben wir sehr gut ver­tei­digt und ich hat­te nicht das Gefühl, dass wir das Spiel noch her­ge­ben.” (Demi­ro­vic). Pas­send dazu erklärt Sebas­ti­an Hoe­neß die Ein­wechs­lung von Ramon Hen­driks für den wie immer star­ken Maxi Mit­tel­städt damit, dass er noch einen kopf­ball­star­ken Spie­ler auf dem Feld haben woll­te. Wofür? Um hin­ten die Bäl­le raus­zu­köp­fen? Die­ser Fokus auf die Defen­si­ve und das Hal­ten des Ergeb­nis­ses ist genau das, was uns in der Rück­run­de regel­mä­ßig Punk­te gekos­tet hat.

Dabei kann man Hen­driks bei den Gegen­to­ren, die samt und son­ders über sei­ne lin­ke Abwehr­sei­te fie­len, noch nicht ein­mal einen gro­ßen Vor­wurf machen. Der Aus­gleich durch Mat­a­novic war einer die­ser Sonn­tags­schüs­se, wie wir sie der­zeit regel­mä­ßig kas­sie­ren. Unent­schuld­bar ist aber die kom­plet­te Kopf­lo­sig­keit, die es Der­ry Scher­hant nur kurz dar­auf erlaub­te, völ­lig frei­ste­hend aus fünf Metern zwei Mal in Fol­ge aufs Tor zu schie­ßen. Der aus mei­ner Sicht etwas zwei­fel­haf­te Elf­me­ter zum 3:1 war da schon fast egal, denn die Brust­ring­trä­ger waren so kurz nach dem nach­mit­täg­li­chen Nickern noch viel zu ver­schla­fen, um wenigs­tens einen Punkt zu ret­ten. Wie eine Kat­ze, die sich den Bauch voll­ge­schla­gen hat und mit hal­ben Elan nach der Flie­ge patscht, die sich ihr auf die Nase gesetzt hat.

Warnschüsse gab es genug

Erschre­ckend ist dabei vor allem die Dis­kre­panz zwi­schen Selbst­wahr­neh­mung und Rea­li­tät. Nennt mich alt­mo­disch, aber frü­her muss­te man sich als Spie­ler die Rücken­num­mer 10 ver­die­nen. Spie­lern wie El Bil­al und Jeong wur­de sie ver­mut­lich zuge­wie­sen, bei Chris Füh­rich hin­ge­gen mach­te man von Sei­ten des Ver­eins in der Som­mer­pau­se eine rie­sen Num­mer aus der Num­mer, nur damit sich unser Zeh­ner bin­nen drei Wochen vom Start­elf- zum Minu­ten-Kan­di­da­ten ent­wi­ckelt hat. Tor­wart Alex Nübel, in der Län­der­spiel­pau­se immer­hin noch bei der Natio­nal­mann­schaft, hat­te sei­nen Straf­raum nur sel­ten unter Kon­trol­le und Erme­din Demi­ro­vic wur­de nach 75 Minu­ten für den defen­si­ven Che­ma ein­ge­wech­selt weil…ja war­um eigent­lich? Um ihn für die Trai­nings­wo­che zu scho­nen? Oder eben weil man dach­te, man wer­de das Spiel gegen den letzt­jäh­ri­gen Tabel­len­fünf­ten genau­so über die Zeit schau­keln wie über die harm­lo­sen Glad­ba­cher?

Warn­schüs­se gab es eigent­lich genug — allein in die­ser Sai­son. Gegen die Bay­ern ging man mit Titel­am­bi­tio­nen in den Super­cup, hung­ri­ger auf den Kir­mes­cup war aber der Rekord­meis­ter. Uni­on war hung­rig auf den ers­ten Sieg im ers­ten Heim­spiel, beim VfB ging man davon aus, dass die eige­ne Qua­li­tät schon aus­rei­chen wür­de. Braun­schweig war so hung­rig, dass sie uns fast auf­ge­fres­sen hät­ten, in weiß und rot war man sich aber mehr­fach zu bequem, um das Spiel zu zu machen. Und auch gegen die Borus­sia war die Leis­tung nur des­halb aus­rei­chend für drei Punk­te, weil man mit dem VfL den rich­ti­gen Geg­ner zur rich­ti­gen Zeit erwisch­te. Was beim VfB abseits von einer Alter­na­ti­ve im Sturm fehlt: Die Gier, der Hun­ger, die Moti­va­ti­on, das Spiel ohne Zwei­fel auf die eige­ne zu zie­hen.

Wo ist der Mut?

Man muss dabei natür­lich die Ach­se an Füh­rungs­spie­lern — Nübel, Cha­b­ot, Kara­zor, Mit­tel­städt, Demi­ro­vic in die Pflicht auf­neh­men, aber genau­so Trai­ner Sebas­tien Hoe­neß und die sport­li­che Füh­rung. Badre­di­ne Bouana­ni hat­te ja immer­hin zwei Wochen mit der Mann­schaft trai­niert, aber Bil­al El Khan­nouss nach zwei Trai­nings­ta­gen mit der Mann­schaft direkt in die Start­elf zu stel­len, war in Bezug auf das eige­ne Offen­siv­spiel schon sehr opti­mis­tisch. Genau­so wie die Idee, sich auf  dem Trans­fer­markt auf einen Spie­ler zu kon­zen­trie­ren, des­sen Ver­let­zungs­his­to­rie man nutzt, um die erwart­bar hohe Ablö­se­for­de­rung zu drü­cken. Der Neu­zu­gang aus Lei­ces­ter zeig­te zwar gute Ansät­ze, konn­te die Mann­schaft in ihrem Offen­siv­vor­trag trotz­dem nicht aus ihrer Lethar­gie befrei­en. Bezeich­nen­der­wei­se gelan­gen die bei­den ein­zi­gen Schüs­se aufs Tor bei der Füh­rung und kurz danach, als der VfB den Ball schnell lau­fen ließ. Wie schon bei der Ecke, die zu Che­mas Tor gegen Glad­bach führ­te , war Risi­ko Trumpf.

Zumin­dest ein kal­ku­lier­tes Risi­ko. Denn die Mann­schaft hat so viel Angst vor Kon­ter­to­ren, dass sie sich gegen­sei­tig nicht nur den Ball, son­dern auch die Ver­ant­wor­tung hin- und her­schiebt. Sebas­ti­an Hoe­neß kri­ti­sier­te im Anschluss den feh­len­den Mut — die Fra­ge muss erlaubt sein, was in der Halb­zeit­pau­se The­ma sei­ner Anspra­che an die Mann­schaft war. Die sei­nes Kol­le­gen Juli­an Schus­ter war auf jeden Fall um eini­ges effek­ti­ver, denn wäh­rend man beim VfB raten muss­te, was der Plan für die zwei­ten 45 Minu­ten war, ver­folg­ten die Frei­bur­ger das kla­re Ziel, den Sai­son­auf­takt mit zwei Nie­der­la­gen und einem knap­pen Wei­ter­kom­men im Pokal ver­ges­sen zu machen. Der VfB hin­ge­gen stand beim Aus­gleich iro­ni­scher­wei­se — mal wie­der — zu hoch. Der Druck auf die Breis­gau­er war groß — und sie hiel­ten ihm stand.

Wo ist der Hunger?

Beim VfB hin­ge­gen ist man trotz der erschre­cken­den Rück­run­de und Ana­ly­se der ver­gan­ge­nen Sai­son satt und bequem gewor­den. Alles ande­re als die rich­ti­ge Hal­tung, um am Frei­tag­abend gegen ein ekli­ges St. Pau­li anzu­tre­ten. Denn wenn der Sai­son­start eines gezeigt, hat, dann das: Gro­ßes Talent, teu­re Ablö­se­sum­men und dicke Gehäl­ter machen kei­nen Unter­schied in sol­chen Spie­len. Es ist der Hun­ger.

Man mag die Schär­fe der hier geäu­ßer­ten Kri­tik für über­trie­ben hal­ten, aber nur mal zur Erin­ne­rung: Wir haben in den letz­ten zwei Jah­ren so viel Geld für neue Spie­ler aus­ge­ge­ben wie noch nie in der Geschich­te des Ver­eins. Wir haben eine absurd hohe Ablö­se­sum­me für einen Spie­ler ein­ge­stri­chen. Wir waren Vize­meis­ter und sind Pokal­sie­ger und stel­len meh­re­re deut­sche Natio­nal­spie­ler. Und wenn wir so wei­ter­spie­len, wie seit Sai­son­be­ginn, dann schmei­ßen wir das alles zum Fens­ter raus, weil wir mei­nen, die­se Erfol­ge allein wür­den rei­chen, um sich in der Bun­des­li­ga vom Mit­tel­feld abzu­he­ben.

Zum Wei­ter­le­sen: Auch der Ver­ti­kal­pass ist sich sicher: Frei­burg woll­te es mehr.

Titel­bild: © Hel­ge Prang/Getty Images

3 Gedanken zu „Satt und bequem“

  1. Sehr guter Bei­trag. Alles auf den Punkt gebracht.

    Die RR letz­te Sai­son war schon alar­mie­rend genug. Ein­zig auf­grund des Pokal­sieg ist das nicht eska­liert.
    Ich kann das Gere­de „ wo wir her­kom­men „ nicht mehr hören. Was ist Den­ners für ein Selbst­ver­ständ­nis?
    Auch die Aus­sa­gen vom „Pro­zess“ sind aus­ge­lutscht. Immer wenn’s schlecht läuft wer­den die­se bei­den Punk­te ange­führt.

    Fünf Pflicht­spie­le, und keins davon war wirk­lich gut. Plus RR haben wir ein ech­tes The­ma.

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