Neuer Besen, alte Muster

Die drei Punk­te gegen Mön­chen­glad­bach stel­len sich am Ende des Spiel­tags als über­le­bens­wich­tig her­aus. Vor allem des­halb, weil der VfB eine sol­che Leis­tung in den letz­ten Wochen ver­mis­sen ließ.

Als VfB-Fan hat man es ja eh schon, wie wir alle wis­sen, nicht leicht. Und dann gewinnt man nur eine Woche nach der tota­len Selbst­auf­ga­be in Augs­burg plötz­lich mit 1:0 gegen Mön­chen­glad­bach und zumin­dest der direk­te Abstieg scheint für den Moment etwas unwahr­schein­li­cher. Was soll man damit anfan­gen?

Dankbarer Gegner

Den 1:0‑Heimsieg gegen die Borus­sia in Rela­ti­on zu set­zen, fällt in der Tat nicht gera­de leicht. Denn einer­seits steht Mön­chen­glad­bach ja nicht umsonst auf Platz 5 der Tabel­le und der VfB elf Posi­tio­nen dahin­ter. Ein Heim­sieg einer bis­her defen­siv wie offen­siv deso­lat auf­tre­ten­den Brust­ring­trup­pe ist selbst dann nicht wahr­schein­lich, wenn man Glad­bachs jüngs­te Form­kri­se in Betracht zieht. Denn schon in den letz­ten Auf­ein­an­der­tref­fen wur­de deut­lich, dass die Mann­schaft Ein­zel­spie­ler hat, die in der Lage sind, ein sol­ches Spiel auch dann zu ent­schei­den, wenn die Mann­schafts­leis­tung dafür nicht aus­reicht. Ander­seits spielt eben­die­se Mann­schaft auch eine ziem­lich mit­tel­mä­ßi­ge Rück­run­de und hat nur zwei der letz­ten zehn Spie­le gewon­nen. Vor dem Total­aus­fall des VfB in der letz­ten Woche war das Spiel am Sams­tag auch eine jener Par­tien, in denen ich mir noch Punk­te aus­ge­rech­net hat­te. So rich­tig konn­te ich es mir in der ver­gan­ge­nen Woche aller­dings nicht vor­stel­len. Zu erbärm­lich, in jeder Hin­sicht, war der Auf­tritt in Augs­burg.

Aber war­um lief es dies­mal anders als sie­ben, 14, 21 Tage zuvor? Sicher­lich auch, weil Nico Wil­lig unab­hän­gig von den tak­ti­schen Ände­run­gen, auf die ich gleich noch zu spre­chen kom­me, die Mann­schaft wahr­schein­lich mit einer ähn­li­chen Inten­si­tät ange­packt hat, wie er sie beim Jubeln zeig­te.

Mal wieder einen über die Klinge springen lassen

Wil­lig mach­te bereits auf der Pres­se­kon­fe­renz am Mitt­woch einen sehr auf­ge­räum­ten und kla­ren Ein­druck und wird den Ver­sa­gern der Vor­wo­che mit Sicher­heit die rich­ti­gen Wor­te mit­ge­ge­ben haben — und wahr­schein­lich auch wär­me­re als ich und ande­re Fans. Am Ende sind auch voll­jäh­ri­ge und erwach­se­ne Fuß­ball­pro­fis manch­mal doch nur klei­ne Kin­der. Oder sie ver­hal­ten sich zumin­dest so. Denn die ande­re Sei­te der Medail­le ist natür­lich, dass Wil­lig erst durch die erbärm­li­che Leis­tung in Augs­burg ins Amt kam und die Mann­schaft bereits zum zwei­ten Mal in die­ser Rück­run­de nach einem Per­so­nal­wech­sel ein ande­res Gesicht zeig­te. Man kann das als übli­chen Lauf der Din­ge im Pro­fi­fuß­ball abtun — mich nervt es trotz­dem.

Mag sein, dass Mar­kus Wein­zierl ein Trai­ner ohne ein Kon­zept für die Tor­flau­te im Abstiegs­kampf und ohne Plan B für den Fall, dass sei­ne Mann­schaft in Rück­stand gerät, war. Auch die Auf­stel­lung gegen Augs­burg war pures Hara­ki­ri. Nichts­des­to­trotz war es das lach­haf­te Abwehr­ver­hal­ten der Spie­ler, wel­ches den VfB in den ver­gan­ge­nen Wochen in die Bre­douil­le brach­te. Es war die Ideen­lo­sig­keit im Angriffs­spiel, mit der es jene Spie­ler, die es in Wein­zier­ls star­re Start­auf­stel­lung geschafft hat­ten, ihrem Trai­ner dank­ten. Natür­lich war Augs­burg ein kras­ser Aus­rei­ßer nach unten — aber das Spiel war eben auch der End­punkt einer Pha­se, in der sich die Mann­schaft von ihrem Trai­ner ent­fernt hat­te und ihn am Ende, ob bewusst oder unter­be­wusst, über die Klin­ge sprin­gen ließ. Und uns, im über­tra­ge­nen Sin­ne gleich mit. Des­we­gen habe ich für jeden Ver­ständ­nis, der sich nicht unein­ge­schränkt über den Sieg am 31. Spiel­tag freu­en kann.

Ein Alleinstellungsmerkmal

Dass das Spiel gegen Mön­chen­glad­bach anders lief als die Begeg­nun­gen in den letz­ten Wochen hat­te natür­lich auch ein wenig mit Wil­ligs Umstel­lun­gen zu tun. Was in der ver­ein­fach­ten Dar­stel­lung, die der VfB in den sozia­len Netz­wer­ken teil­te, wie eine Sech­ser­ket­te aus­sah, ent­pupp­te sich auf dem Spiel­feld als Vie­rer­ket­te mit drei defen­si­ven Mit­tel­feld­spie­lern davor. Dabei misch­te Wil­lig die unter Wein­zierl wie in Stein gemei­ßel­ten Posi­tio­nen ordent­lich durch: Sosa durf­te auf links für den zuletzt unter­ir­di­schen Insua ran, Pavard muss­te auf die unge­lieb­te Rechts­ver­tei­di­ger­po­si­ti­on rüber. Andre­as Beck fand sich eine Rei­he vor­ne neben Cas­tro und Aogo wie­der und mach­te, wie sei­ne Neben­leu­te, sei­ne Sache ziem­lich gut. Was dazu führ­te, dass der VfB in der Lage war, hin­ten rela­tiv viel weg­zu­ver­tei­di­gen — mit pro­mi­nen­ten Aus­nah­men. Vor­ne agier­ten weder Ess­wein noch der ver­letz­te Zuber, son­dern Dani­el Dida­vi hin­ter Nico­las Gon­zá­lez und Ana­sta­si­os Donis. Was auf­fiel: Der VfB kam viel häu­fi­ger und gefühlt auch gefähr­li­cher über den Flü­gel als in den letz­ten Spie­len, wenn auch mit den Ein­schrän­kun­gen, die die bei­den Spie­ler in vor­ders­ter Rei­he eben mit sich brin­gen: Gon­zá­lez fehlt wei­ter­hin die Ball­si­cher­heit, Donis hat zwar die Ball­si­cher­heit, aber steht nicht immer dort, wo man ihn braucht — mit pro­mi­nen­ten Aus­nah­men.

Schlüsselszene nach der Schlüsselszene: Donis in der Kurve und die Kurve ist wieder da.
Schlüs­sel­sze­ne nach der Schlüs­sel­sze­ne: Donis in der Kur­ve und die Kur­ve ist wie­der da.

Ich habe es mit die­ser For­mu­lie­rung schon ange­deu­tet. Für mich gab es zwei Schlüs­sel­sze­nen in die­sem Spiel: Die ers­te war die Para­de von Ron-Robert Zie­l­er gegen einen ohne Über­sicht auf ihn zulau­fen­den Alas­sa­ne Plea nach fünf Minu­ten. Wäre der VfB hier in Rück­stand gera­ten, hät­te wahr­schein­lich nicht ein­mal Nico Wil­ligs Emo­tio­na­li­tät die Mann­schaft aus ihrer Plan­lo­sig­keit rei­ßen kön­nen. Statt­des­sen stand es zur Halb­zeit zur Ver­wun­de­rung aller noch 0:0 und in der zwei­ten Halb­zeit hat­te Ana­sta­si­os Donis gleich zwei Mal die Chan­ce zur Füh­rung. Das Allein­stel­lungs­merk­mal die­ses Spiels: Er nutz­te eine von bei­den Chan­cen, so dass das Ver­pas­sen der ers­ten Mög­lich­keit ohne Fol­gen blieb. Bei­de Schlüs­sel­sze­nen mögen pures Glück oder der schlech­ten Form der Gäs­te geschul­det gewe­sen sein, aber sie mach­ten den Unter­schied zu den letz­ten Spie­len. Weil der VfB sich am Ende kei­nen Feh­ler mehr erlaub­te und den Vor­sprung über die Zeit brach­te.

Torschussbezogener Support

Eindeutige Botschaft - auch für das nächste Spiel. Bild: © VfB-Bilder.de
Ein­deu­ti­ge Bot­schaft — auch für das nächs­te Spiel. Bild: © VfB-Bilder.de

An die­sem Punkt ist es viel­leicht ange­mes­sen, über die Cannstat­ter Kur­ve zu reden. Die Ultra­grup­pen hat­ten das Spiel unter das Mot­to “Ver­dient Euch die­se Kur­ve” gestellt und in der Fol­ge konn­te man im Neckar­sta­di­on das beob­ach­ten, was heut­zu­ta­ge im Pro­fi­fuß­ball als spiel­be­zo­ge­ner Sup­port durch­geht: Kei­ne dau­er­haf­te Sound­ku­lis­se, statt­des­sen wur­de nach etwa 20 Minu­ten, als näm­lich klar war, dass die Mann­schaft nicht dar­auf aus war, das nächs­te Spiel auch noch abzu­schen­ken, jeder Tor­schuss mit ein paar Minu­ten Gesang belohnt. Das hat­te durch­aus sei­nen Reiz, denn durch das selbst­auf­er­leg­te Schwei­gen zwi­schen den Tor­schüs­sen ent­wi­ckel­ten die­se Gesän­ge eine ganz ande­re Bra­chia­li­tät als man es gewohnt ist. Nach dem 1:0 war es dann vor­bei mit Schwei­gen, bis zum erlö­sen­den Schluss­pfiff lief wie­der das übli­che Pro­gramm.

Das ist kei­nes­falls abwer­tend gemeint, auch wenn auf­fäl­lig war, wie inten­siv Fan­ge­sän­ge sein kön­nen, wenn sie nur alle fünf Minu­ten und nicht dau­er­haft kom­men. Prin­zi­pi­ell fin­de ich die­se Her­an­ge­hens­wei­se der gro­ßen Grup­pen gut. Fan­sein ist kei­ne Ein­bahn­stra­ße, zumin­dest nicht, was das Ver­hält­nis zur Mann­schaft angeht. Dass man den Ver­ein unter­stützt, steht nicht in Fra­ge. Aber die Bezie­hung zwi­schen Spie­lern und Fans ist wie die zwi­schen allen ande­ren Men­schen auch: Man lässt sich nicht jede Ent­täu­schung gefal­len, son­dern muss dem Gegen­über auch Gren­zen auf­zei­gen. So wie die Mann­schaft in der letz­ten Sai­son nach der Nie­der­la­ge in Mainz eine gan­ze Wei­le der Kur­ve sehr distan­ziert gegen­über trat, weil sie ihrer Mei­nung nach zu hart kri­ti­siert wur­de, war die Kur­ve in die­ser Situa­ti­on, nach dem schlech­tes­ten VfB-Spiel seit lan­ger, lan­ger Zeit in der schlech­tes­ten Sai­son der Ver­eins­ge­schich­te, eher reser­viert, was Lie­bes­be­kun­dun­gen in Rich­tung der Brust­ring­trä­ger anging. Ein­mal mehr hat das “schwie­ri­ge Umfeld” in Stutt­gart mei­ner Mei­nung nach die rich­ti­ge Reak­ti­on gezeigt.

Mehr Wiedergutmachung!

Dass der Sup­port nach der Füh­rung auf­ge­nom­men und der Mann­schaft nach Abpfiff applau­diert wur­de, kann ich auch nach­voll­zie­hen. Es ist eine emo­tio­na­le Situa­ti­on und es war ein emo­tio­na­les Spiel. Wenn Du schon so über­ra­schend in Füh­rung gehst, willst Du auch in der Kur­ve, dass die drei Punk­te in Stutt­gart blei­ben. Natür­lich kann man es als inkon­se­quent bezeich­nen, die Spie­ler in der einen Woche zu beschimp­fen und ihnen vor Abpfiff den Rücken zu keh­ren und sie in der nächs­ten Woche zu beklat­schen. Aber Fuß­ball ist nun mal nicht immer ratio­nal und das Ver­hal­ten in die­sem Fall ein­fach der Situa­ti­on kurz nach Abpfiff geschul­det. Was ich weni­ger ver­ste­hen kann: War­um man bei solch einer knap­pen Füh­rung Block-Pogo anstimmt, als wür­de man schon 3:0 füh­ren.

Wie bewer­ten wir also die­ses Spiel? Zum einen lief es so, wie es häu­fig nach einem Trai­ner­wech­sel läuft, zum ande­ren lief es eben nicht so, wie wir es erwar­tet hat­ten. Ange­sichts des Punkts der Nürn­ber­ger gegen Mün­chen und des Siegs von Han­no­ver gegen Mainz — den Der­by­sieg der Schal­ker kön­nen wir den­ke ich mitt­ler­wei­le aus­klam­mern — war der Erfolg gegen Glad­bach Gold wert. Ich bin aber weit davon ent­fernt zu glau­ben, dass die Mann­schaft jetzt plötz­lich in Tritt gekom­men ist und ein Aus­wärts­sieg in Ber­lin schon fest gebucht ist. Uns könn­te zugu­te kom­men, dass die Her­tha die Sai­son schein­bar austru­deln lässt und in ähn­lich schlech­ter Ver­fas­sung ist wie die Borus­sia. Die Mann­schaft täte aber gut dar­an, sich das Gefühl der Demü­ti­gung von Augs­burg noch eine Woche zu erhal­ten um auch beim nächs­ten Spiel noch die Not­wen­dig­keit zur Wie­der­gut­ma­chung zu ver­spü­ren.

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